Reform des internationalen Währungssystems

I. Neuordnung der internationalen Währungsordnung

Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise von 2007 ff. und deren Auswirkungen – insbesondere auf die nationalen Leistungs- und Zahlungsbilanzen – haben international den Ruf nach einer Neuordnung der Weltwährungsordnung ausgelöst. Obwohl die Ursache der Krise nicht primär in einem Versagen des internationalen Wechselkursregimes zu finden ist, sondern zuvorderst in einem weitgehenden Funktionsversagen der Finanzinstitutionen auf den nationalen und internationalen Geld- und Kapitalmärkten, steht die Reform des internationalen Währungssystems ganz oben auf der internationalen Tagesordnung zum Beispiel der G 20 seit dem Vorsitz von Frankreich (2011/12).

Im besonderen Fokus stehen die Währungs- und Handelsauseinandersetzungen zwischen den USA und China. Der Vorwurf an China lautet, dass es den Yuan künstlich unterbewerte, um daraus Exportvorteile vor allem gegenüber den USA zu gewinnen. China dagegen beklagt die extrem expansive Geldpolitik der US-Zentralbank (Federal Reserve Bank – US-Fed), die den US-Dollar (USD) künstlich abwerte und mithin den Wert der in US-Staatsanleihen angelegten Währungsreserven der chinesischen Zentralbank gefährde. Aber auch anderswo in der Welt gibt es zunehmende Eingriffe in die internationalen Wechselkursrelationen durch Devisenmarktinterventionen, zum Beispiel seitens der Zentralbanken Japans und der Schweiz (temporär auch in Kooperation mit der Europäischen Zentralbank (EZB), der US-Fed und anderer Zentralbanken), die die Aufwertungen ihrer Währungen abzubremsen versuchen. Ähnliches gilt u. a. für die Schwellenländer Brasilien, Südafrika, Türkei und Indonesien. Es wird – in bewusster Analogie zur Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts (1918 - !939) – von „Währungskriegen“ und „Abwertungswettläufen“ gesprochen, ebenso von „Handelskriegen“ in Gestalt zunehmender national-protektionistischer Eingriffe in den internationalen Handel.

Diese Auseinandersetzungen haben ihre Ursache vor allem in den sich unterschiedlich entwickelnden nationalen Außenhandels- und Kapitalverkehrssalden. Dabei wird allgemein von „Ungleichgewichten“ im internationalen Handel und Kapitalverkehr gesprochen. Diese Terminologie ist analytisch unscharf und verführt zu falschen Schlüssen, denn auch ein Nullsaldo einer Leistungsbilanz kann ein außenwirtschaftliches Ungleichgewicht anzeigen, ebenso wie deren Überschuss- oder Defizit-Saldo ein Gleichgewicht sein kann. Entscheidend ist, ob ein Saldo ohne direkte interventionistische Eingriffe zustande kommt, also zum Beispiel ohne Wechselkursmanipulationen der Zentralbanken und/oder staatliche Handels- und Kapitalverkehrsbeschränkungen. Aus theoretischer Sicht stellen deshalb nicht die Salden schlechthin ein Problem dar, sondern allein die Ungleichgewichts-Salden, weil diese durch Vertragsvereinbarungen zwischen Anbietern und Nachfragern auf manipulierten Märkten entstehen. Ein Ungleichgewichts-Saldo kann also durch Protektionsabbau in einen Gleichgewichts-Saldo überführt werden.

Neben den Forderungen nach einer Reform des internationalen Währungssystems resultieren hieraus neuerdings weitere – z. B. französische und US-amerikanische – Vorschläge zur administrativen Begrenzung von Außenhandelssalden, etwa auf maximal etwa 4 % des jeweiligen BIP eines Landes. Dieser Vorschlag zielt vor allem auf die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands und Chinas und die ihnen entsprechenden Nettokapitalexporte ab. Hier sei nicht der Ort für eine breitere Kritik an derartigen Vorschlägen, die über folgende Feststellung hinausgeht: Will man „Ungleichgewichte“ in den Leistungsbilanzen beseitigen oder begrenzen, dann gelingt dies nicht durch noch stärkere administrative Eingriffe in den ihnen zugrunde liegenden Außenhandel, die die Ungleichgewichte interventionsbedingt verstärken oder erst entstehen lassen, sondern durch das genaue Gegenteil, nämlich durch Interventions- und Protektionsabbau: Aus administrierten Ungleichgewichten werden dann Gleichgewichtssalden, die die internationalen Wettbewerbsrelationen zwischen den Staaten protektionsfrei besser widerspiegeln und deshalb grundsätzlich keinen Anlass zu Politikinterventionen geben. Inzwischen sind die USA von ihrem Vorschlag im Wesentlichen wieder abgerückt. Die G 20 haben sich im April 2011 darauf verständigt, zunächst sieben für die Weltwirtschaft als systemisch klassifizierte Länder, die mehr als 5 % der Wirtschaftsleistung der gesamten G 20 erbringen, auf „Ungleichgewichte“ hin zu überprüfen. Das Prüfraster bezieht sich im Kern auf Indikatoren öffentliche Schuld und Defizit, private Schuld und Ersparnis sowie Handelsbilanzsaldo. Bisher sind allerdings keine bindenden Empfehlungen oder gar Sanktionsbeschlüsse vorgesehen.

Auf die internationale Währungsordnung bezogen, die hier im Vordergrund steht, heißt dies, dass eine Reform des Wechselkursregimes zum Abbau von „Ungleichgewichten“ in der Weltwirtschaft prinzipiell nicht auf eine stärkere zentrale administrative Manipulation der Wechselkurse hinauslaufen kann. Allerdings ist hier der Anfang 2010 erfolgte Schwenk des Internationalen Währungsfonds (IWF) in seiner Einstellung zu Kapitalverkehrskontrollen beachtlich: In bestimmten Fällen dürfen Staaten vom Prinzip des freien internationalen Kapitalverkehrs abweichen, zum Beispiel dann, wenn Kapitalzuflüsse bzw. -abflüsse zu „unerwünschten“ Auf- bzw. Abwertungen führen. Eine solche – über den Artikel VI des IWF-Statuts hinausgehende – scheinbar einsichtige pragmatische Abkehr vom Prinzip des freien Kapitalverkehrs birgt Gefahren des Missbrauchs: Kapitalverkehrskontrollen werden hoffähig, wenn die Regierung eines Landes einen bestimmten Wechselkurs zum „erwünschten“ Datum erhebt und alle Kapitalbewegungen unterbindet, die dieses Wechselkursniveau „stören“. So ist es ökonomisch begründet, wenn zum Beispiel Währungen von Schwellenländern durch wachstumsgetriebene Kapitalzuflüsse aufwerten. Aufwertungsabwehrende Kapitalverkehrskontrollen transformieren dann die Kapitalverkehrsbilanzen aus Gleichgewichten heraus in Ungleichgewichte, deren Auftreten man ja eigentlich international bekämpfen möchte. Der IWF spricht hier im Übrigen nicht mehr von „Kapitalverkehrskontrollen“, sondern – in positiver Assoziationsabsicht – von „Maßnahmen zur Steuerung der Kapitalströme“.

II. Reformvorschläge

Die in der G 20 laufenden Verhandlungen über eine Reform der internationalen Währungsordnung konzentrieren sich auf eine „bessere Koordinierung“, um „ungeordnete Wechselkursschwankungen“ oder „dauerhafte falsch bewertete Wechselkurse“ zu verhindern, sowie auf die „globale Liquidität“. Das sind alles keine neuen Themenbereiche, vielmehr haben sie von Anfang an seit der Konzipierung des Bretton Woods-Systems (BW) im Jahre 1944 und nach seinem Scheitern im Jahre 1973 vor allem in den Neukonzeptionen des Europäischen Währungssystems (EWS) mit allen Modifikationen eine bedeutsame Rolle gespielt.

Die Quintessenz aus der Währungshistorie lautet: „Politische“ Wechselkurse, also Wechselkurse, die von der Politik als „richtig“ oder „falsch“ bewertet und gegen den Markt entsprechend manipuliert werden, haben keine Aussicht auf längeren Bestand. Sie werden über Kurz oder Lang durch die Markttendenzen korrigiert – zumeist nach Perioden kostenträchtiger staatlicher Abwehrinterventionen.

Die konkrete Diskussion um die Reform der internationalen Währungsordnung fokussiert sich zunächst auf den USD: Seine ökonomische Bedeutung als weltweit dominierende Transaktions- und Anlagewährung schwindet. So ist zum Beispiel der USD-Anteil an den Währungsreserven der Welt seit 1999 von 71 % auf knapp 62 % gesunken. Zudem gibt es machtpolitisch orientierte Strategien zur Schwächung des USD als bedeutendste Weltwährung, wie sie vor allem von China und anderen asiatischen sowie südamerikanischen Schwellenländern, aber auch von Frankreich betrieben werden. Die wichtigsten Vorschläge zur Reform des internationalen Währungssystems lassen sich wie folgt auflisten:

- zurück zu einem (modifizierten) BW,

- zurück zum Goldstandard,

- Etablierung eines Rohstoffstandards,

- Ausbau der Sonderziehungsrechte (SZR) zur Weltwährungsfazilität,

- Schaffung einer singulären Weltwährung.

Diese Vorschläge sind verbunden mit der Forderung nach einer Reform des IWF vor allem im Hinblick auf eine Neugewichtung der Stimmrechte zugunsten der Schwellen- und Entwicklungsländer, die in Ansätzen schon vollzogen worden ist. Eine eingehende Würdigung aller Vorschläge würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Folgendes lässt sich aber konstatieren:

Das BW-System war eine Währungsordnung stufenflexibler Wechselkurse: Die Mitglieder fixierten ihre Wechselkurse gegenüber der singulären Weltankerwährung USD durch Verpflichtung zu Interventionen innerhalb eines Korridors um die Parität (+ - 1%; ab1971 + - 2,25%) . Der USD wiederum war durch eine irreversibel feste Parität zum Gold definiert mit einer Goldeinlösungsverpflichtung der USA gegenüber anderen Mitgliedszentralbanken. Auf- und Abwertungen der Mitgliedswährungen waren nur unter der Bedingung des Vorliegens eines „fundamentalen Zahlungsbilanzungleichgewichts“ gestattet. Der IWF war gegenüber den BW-Mitgliedern die Überwachungsinstitution zur Einhaltung der IWF-Regeln.

Das BW-System war mithin ein Gold-Devisen-Standard, der die Philosophie absolut fester Austauschrelationen, wie sie im Goldstandard (1860 – 1914) bestanden, mit einer eingeschränkten Flexibilisierung der Wechselkurse verband. Dieses System kollabierte 1973 vor allem aus drei Gründen. Erstens: Die USA als das Weltwährungsankerland konnten ihre eigene Währung unbeschränkt schöpfen, denn überall in der Welt wurde der USD als Zahlungsmittel im Außenhandel und Kapitalverkehr akzeptiert. So vermehrte sich die USD-Weltgeldmenge aufgrund steigender US-Zahlungsbilanzdefizite und amerikanischer Auslandsinvestitionen in stärkerem Ausmaß als der US-Goldbestand stieg, mit der Folge nicht nur einer steigenden Weltinflationsrate, sondern auch eines zunehmenden Vertrauensverlusts in die Fähigkeit des Landes zur Einhaltung der Goldeinlösungsverpflichtung, die dann auch 1971 aufgrund massiver Spekulation gegen den USD suspendiert wurde. Die USA spielten ihre Rolle als Hegemon einer stabilen Weltankerwährung also nur unzureichend.

Der zweite Grund lag in der steigenden quantitativen Bedeutung internationaler autonomer Kapitalbewegungen, die sich von der reinen Finanzierung des internationalen Handels abkoppelten. Länderunterschiedlich dominierten damit die Kapitalverkehrssalden die Handelsbilanzsalden, Kapitalbewegungen und weniger der Güteraußenhandel determinierten die Wechselkurse, was eine Umkehrung der für die BW-Philosophie grundlegenden Wechselkurstheorie bedeutete. Dadurch kam es zu ineffektiven und zum Teil kontraproduktiven Devisenmarktinterventionen.

Drittens ist hervorzuheben, dass die Wechselkurse im BW-System in hohem Maße politisiert wurden, so dass Auf- und Abwertungen fast immer zu spät erfolgten, die zudem mehr denn weniger durch risikolose one-way-Spekulation erzwungen wurden. Zu späte Wechselkursänderungen implizieren aufgrund von temporärer Unter- oder Überbewertung stets entsprechende Verzerrungen in den länderspezifischen Produktionsstrukturen, die dann durch jeweils abrupte und große Wechselkursänderungen („Sprungflexibilität“) schockartig korrigiert werden, was hohe Anpassungskosten nach sich zieht.

Seit dem Zusammenbruch des BW-Systems kann man die internationale Währungsszene als ein System mit prinzipiell flexiblen Wechselkursen bezeichnen, d. h. es gibt keine alleinige Weltankerwährung mehr und keine verbindlichen Interventionsverpflichtungen der Zentralbanken auf den Devisenmärkten, die vom IWF überwacht werden. Jedes Land ist prinzipiell frei, sein eigenes Wechselkursregime zu wählen: Fester Wechselkurs gegenüber einzelnen oder mehreren Währungen, flexibler Wechselkurs oder alle modifizierenden institutionellen Varianten. Interventionen finden also zwar statt, aber sie sind eben nicht mehr obligatorisch.

Mit der Kurzanalyse des BW-Systems sind zugleich seine wesentlichen Nachteile aufgezeigt: Der USD ist keine alleinige Hegemonialwährung mehr, aber es gibt auch keine andere Ankerwährung als hegemoniales Substitut. Zudem sind die im BW-System der Stufenflexibilität aufgezeigten Regeln nicht dauerhaft anreizeffizient und führen dementsprechend zu hohen systembedingten Anpassungskosten.

III. Theoretische Alternativen

Für die Evaluation der weiteren aufgezeigten Reformvorschläge bedarf es einiger grundsätzlicher Überlegungen, die sich in drei Optionen in Bezug auf die Konzeption einer Währungsordnung für ein einzelnes Land niederschlagen. Die erste Option besteht in der politischen Wahl zwischen dem Preisniveau und dem Wechselkurs als nominalem Anker. Wenn das Land das Preisniveau wählt, dann ist der Wechselkurs eine resultierende Variable. Eine autonome Geldpolitik ist möglich. Fixiert das Land den nominalen Wechselkurs als Anker, dann ist eine autonome Geldpolitik nicht möglich, und das Preisniveau ist die resultierende Variable. Evident ist, dass man nicht zwei Ankervariable gleichzeitig haben kann.

Die zweite Option besteht in der politischen Wahl zwischen einem nominalen Anker und einer realen Zielvariablen (nominale Variable minus Inflationsrate). Der nominale Anker erfordert, dass reale Preisvariablen internes und externes Gleichgewicht herstellen sollen: reale Wechselkurse, Reallöhne, Realzinsen. Der Ansatz der Fixierung einer realen Zielvariablen bedeutet, dass der nominale Wechselkurs eine instrumentelle Politikvariable ist, um internes makroökonomisches Gleichgewicht herzustellen; der nominale Wechselkurs muss (sollte) nationale Inflationsdifferenzen durch Auf- und Abwertungen wie ein Synchrongetriebe ausgleichen.

Die dritte Option enthält die Wahl zwischen einem unilateralen und multilateralen Wechselkurssystem. Der unilaterale Ansatz wird charakterisiert durch ein Land, das die internationalen institutionellen Umfeldbedingungen als gegeben betrachtet. Dies trifft meist für kleine Länder zu. Der multilaterale Ansatz impliziert, dass Länder einem System von obligatorisch bindenden Regeln beitreten. Beispiele sind das BW-System oder auch die Europäische Währungsunion.

IV. Evaluierung der Reformoptionen

Diese grundsätzlichen theoretischen Überlegungen erklären, woran das stufenflexible BW-System letztlich gescheitert ist: an der Inkonsistenz der von den Mitgliedern praktizierten Politik der jeweiligen Wahl zwischen Ankervariablen und resultierenden Variablen. Deshalb ist der Vorschlag eines „Zurück zu BW“ nicht sinnvoll und realistisch. In Bezug auf die anderen oben genannten Reformvorschläge lässt sich Folgendes konstatieren:

Zurück zum Goldstandard? Im System der Goldwährung wird als nomi naler Anker die Goldparität einer nationalen Währung gewählt. Das heißt, dass die nationalen Geldeinheiten in Mengeneinheiten Gold ausgedrückt werden, wodurch zugleich alle Wechselkurse zwischen den Währungen fixiert sind. Damit ist eine autonome nationale Geldpolitik nicht mehr möglich, sie muss sich vielmehr dem Diktat der Zahlungsbilanz des Landes unterwerfen, was einerseits eine stabilitätsorientierte disziplinierte Wirkung auf die heimische Geldpolitik auslöst, die heute andererseits für die meisten insbesondere großen Länder nicht mehr akzeptabel ist. Hinzukommt, dass Gold als internationaler Währungsanker Stabilität nur gewährleisten kann, wenn der Goldpreis stabil ist. Das ist heutzutage in gar keiner Weise der Fall. Schließlich profitieren im Goldwährungssystem vor allem die Goldproduktionsländer, es existieren mithin weltwirtschaftlich naturzufällig verteilte Währungsgewinne (seigniorage), was international wohl keine Akzeptanz finden würde. „Zurück zum Goldstandard“ ist deshalb keine realistische Reformoption.

Die Etablierung eines Rohstoffstandards enthält prinzipiell dieselben Probleme wie beim Goldstandard, nur dass die Rohstoffbasis breiter als die Basis Gold ist. Die Preisschwankungen eines Rohstoffkorbes als Währungsanker mögen – müssen aber nicht – wegen Schwankungskompensationen kleiner ausfallen als die des Goldpreises, aber es bleibt die naturzufällig-asymmetrische internationale Währungsgewinnverteilung. Das ist der Grund, weshalb vor allem einige mit Rohstoffen ausgestattete Schwellenländer – an der Spitze: China – für einen Rohstoffstandard plädieren. Aber in Analogie zur Goldwährung ist auch dieser Reformvorschlag nicht realistisch.

China macht sich, wie die meisten Schwellen- und Entwicklungsländer, zudem stark für einen Ausbau der Sonderziehungsrecht-SZR des IWF zur internationalen Währungsfazilität und einer damit verbundenen Erweiterung des SZR-Währungskorbs um die Währungen großer Schwellenländer, zum Beispiel des Yuan. Bei den 1970 – aufgrund eines angeblich existierenden Mangels an internationaler Liquidität – ins Leben gerufenen SZR handelt es sich um eine der Kontrolle des IWF unterliegende Kreditfazilität, die einen Anspruch gegenüber der Gesamtheit der IWF-Mitglieder auf Überlassung von Währungsbeträgen darstellt. SZR werden vom IWF gratis durch Gutschriften auf einem SZR-Konto zugeteilt, die Mitglieder müssen also keine vorherigen Einzahlungen geleistet haben. Das impliziert, wie die Erfahrung zeigt, die Tendenz zur politisch erzeugten Überdosierung der SZR-Zuteilungen – auf Druck vor allem der Entwicklungs- und Schwellenländer – mit dem Effekt der Erhöhung der Weltinflationsrate. Zudem tragen SZR zur Verstärkung weltwirtschaftlicher Ungleichgewichte bei, weil sie unabhängig von der Zahlungsbilanzsituation eines Landes zugeteilt werden und damit für die Defizitländer der Zwang zur Zahlungsbilanzdisziplin durch die Möglichkeit der SZR-Defizitfinanzierung gemildert wird. Ein Ausbau der SZR zur Weltwährungsfazilität würde für die Weltwirtschaft deshalb inflationär und ungleichgewichtsfördernd wirken, also desaströs sein.

Was schließlich die Schaffung einer singulären Weltwährung anbelangt, wie sie vor allem – und ausgerechnet – vom Schöpfer der Theorie des optimalen Währungsraumes Robert Mundell vorgeschlagen wird, so kann man die Kritik kurz halten: Die heterogenen Staaten dieser Welt stellen alles andere als einen optimalen Währungsraum dar (statischer Ansatz) und werden es durch eine einheitliche Währung auch nicht werden (dynamischer Ansatz). Eine einheitliche Weltgeldpolitik durch eine Weltzentralbank ist weder geldpolitisch adäquat noch institutionell wünschenswert, weil jeglicher Währungswettbewerb auf der Welt ausgeschaltet wäre. Der Verweis auf die schweren Fehlentwicklungen innerhalb der Europäischen Währungsunion, deren Heterogenitäten zwischen den Mitgliedern sich im Vergleich zur gesamten Welt ja noch signifikant geringer ausprägen, mag hier genügen. Der Vorschlag gehört deshalb ins Land der nicht wünschenswerten Utopie.

V. Randlösungen

Aus den Erfahrungen mit der Goldwährung, dem BW-System und den nachfolgenden BW-ähnlichen regionalen Währungsregimen zum Beispiel in der EG zwischen Anfang der Siebziger und Ende der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat die Wechselkurstheorie einige grundlegende Schlussfolgerungen gezogen. So zeigt zum Beispiel die währungspolitische Empirie, dass unter bestimmten Bedingungen sogenannte Randlösungen für die Wechselkursgestaltung optimal sind, weil sie erwartungsstabilisierend wirken und damit die destabilisierende Spekulation reduzieren. Zudem werden Randlösungen empfohlen bei Kosten-Nutzen-Analysen für Wechselkursanpassungen. Randlösungen repräsentieren Wechselkursoptionen, die sich auf „reine“ Lösungen beziehen: entweder irreversibel feste oder völlig flexible Wechselkurse. Die Wahl zwischen der einen oder anderen Lösung hängt zumeist primär von der Größe des Landes ab: Cum grano salis kann man sagen, dass große Länder eher flexible und kleine eher feste Wechselkurse präferieren. Dies lässt sich begründen:

- Es sind die realen Wechselkurse, die die Hauptanpassungslast zur Realisierung des internen und externen Gleichgewichts eines Landes tragen,

- für große Länder (relativ kleiner Außenhandelssektor) sind die Anpassungskosten bei Preisänderungen von Export- und Importgütern über eine Änderung des Wechselkurses, also nur eines Preises, geringer als die Änderungen der Preise von Millionen von Export- und Importgütern,

- für kleine Länder ist die Situation umgekehrt: Es ist kostengünstiger, den Wechselkurs zu fixieren und dann eine relativ kleine Anzahl von internen Güterpreisen anzupassen.

Darüber hinaus resultiert die Nachfrage nach Randlösungen aus dem bekannten Vertrauensproblem: Nur glaubhafte Wechselkursfixierungen bzw. –flexibilitäten stabilisieren die Erwartungen von internationalen Kapitaldisponenten und Außenhändlern. Zudem verstärken irreversible Wechselkurspegs, insbesondere Currency Boards, die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik eines Landes durch den mittels der Wechselkursbindung ermöglichten Import der Zentralbankreputation des Ankerwährungslandes. Dies erscheint wichtig, insbesondere für kleinere Länder, zur Bekämpfung hoher Inflationsraten durch eine nicht-graduale Strategie (Schock-Therapie), wie dies einige ehemalige sozialistische Staaten Mittel- und Osteuropas im Transformationsprozess vorführen.

VI. Wettbewerb der Ankerwährungen

Alle aufgezeigten Reformoptionen für das internationale Währungssystem sind mithin aus den in aller Kürze skizzierten unterschiedlichen Gründen nicht realistisch. Aber es gibt einen weiteren entscheidenden Grund für die Realitätsferne, der für alle gemeinsam zutrifft: Sämtlichen Vorschlägen liegt nämlich die traditionelle Vorstellung von der Notwendigkeit und Realisierbarkeit eines (neuen) Weltmonopolwährungsankers zugrunde. Diese Vorstellung entspricht jedoch in keiner Weise der heutigen kompetitiven Welt der Globalisierung. Globalisierung heißt Wettbewerb im Weltmaßstab, sie erzeugt die Anti-Welt zu derjenigen wettbewerbsloser Monopole, auch und besonders der Währungsmonopole. Deshalb ist der Währungswettbewerb im Weltmaßstab schon jetzt und erst recht zukünftig das prägende Muster der Weltwährungsordnung.

Das gegenwärtige Weltwährungsszenario ist – grob gesprochen – dreipolar: US-Dollar, Euro und Yen bilden ein enges Welt-Oligopol von Ankerwährungen (mit allerdings ungleichen Gewichten). Ihre Wechselkurse untereinander sind grundsätzlich flexibel. Ganz im Sinne der Theorie der Randlösungen - entweder frei flexible oder strikt fixierte Wechselkurse - bezieht sich die Wechselkursflexibilität also auf große Länder untereinander, die festen Wechselkurse auf kleinere, die sich fest an die großen Ankerwährungen „andocken“ und damit die Souveränität über ihre Geldpolitik – mehr oder weniger – an die großen Länder abgeben, zum Beispiel durch fixierte Kurse, Currency Boards, Wechselkursmechanismen mit (freiwilligen) Interventionsverpflichtungen oder auch durch Beitritte zu Währungsunionen. So wird das Weltwährungssystem charakterisiert durch Wettbewerb zwischen großen Ankerwährungen mit angedockten Währungen kleinerer Länder und Integrationsräume. Indirekt stehen dann auch diese untereinander im Währungswettbewerb.

Aus dem engen Oligopol des dreipolarigen Systems wird sich wohl ein weites multipolares Oligopol-Währungssystem entwickeln, mindestens ein vierpolariges, wenn man vor allem China in Betracht zieht: Der Yuan hat nicht kurzfristig, aber wohl auf längere Sicht das Potenzial zu einer vierten regionalen Ankerwährung, an die sich vor allem die Währungen asiatischer Staaten andocken. China betreibt diesbezüglich bereits eine aktive Politik, indem es in Asien heftig dafür wirbt, den innerasiatischen Handel zunehmend in Yuan zu fakturieren. So haben China, Japan und Südkorea Ende 2011 diesbezüglich eine enge Fakturierungs-Zusammenarbeit beschlossen. Auch in Deutschland gibt es Bestrebungen der im Chinahandel engagierten Industrie zur Außenhandelsfakturierung in Yuan. Ein Erfolg der chinesischen Strategie bedingt allerdings eine ökonomische (und politische) Öffnung Chinas, eine Liberalisierung des Handels und Kapitalverkehrs sowie eine nachhaltige Stabilitätsorientierung seiner Geld- und Wirtschaftspolitik. In der arabischen Welt, in Südamerika und auch in Afrika gibt es im Übrigen ähnliche Bestrebungen zur Bildung regionaler währungspolitischer Cluster.

Eine offene Frage bleibt, ob und wie der Euro sich in diesem Kontext des globalen Ankerwährungswettbewerbs zukünftig behaupten kann. Man wird diesbezüglich skeptisch sein müssen, wenn – zum Beispiel mithilfe des ab 2013 geplanten Europäischen Stabilisierungsmechanismus ESM – die institutionellen Konstruktionselemente der Europäischen Währungsunion (EWU) immer stärker in die anreizineffiziente Richtung einer Transfer- und Haftungsunion ausgebaut werden, die die Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone sowie der EU insgesamt schwächt.

Da die USA keine der Eurozone vergleichbare Transferunion – etwa „zur Rettung des USD“ – etabliert haben, weil die USD-Währungsunion grundsätzlich der Philosophie des no bail out folgt, erscheint es nicht realistisch, dass der Euro trotz seines großen Währungsraumes den USD für absehbare Zeit als dominante Ankerwährung ablösen wird. Vielmehr ist wohl angesagt, dass die Eurozone wegen ihrer zunehmend eingebauten Umverteilungsmechanismen und der damit verbundenen perversen Stabilitätsanreize für Zahler und Empfänger eher erodiert.

Literaturhinweise:

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  • Bordo, M. D., Eichengreen, B. (2008), Bretton Woods and the Great Inflation, NBER Working Paper, Cambridge, Mass;
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  • Zhou Xiaochuan (2009), Reform of the International Monetary System, http://www.pbc.gov.cn/english/detail.asp?col=6500&id=178, 13. August.
Wolf Schäfer

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