Soziale Marktwirtschaft: Menschenbild

An der Auffassung vom Menschen scheiden sich bis heute nicht nur die Geister, sondern auch Wege und Irrwege in der Politik. Das Menschenbild ist der Maßstab für jede weitere Ausdehnung von Humanität auf dem Planeten Erde und für die Bewertung schlimmster Formen der Menschenverachtung, wie sie einige Ideologien über das 20. Jahrhundert gebracht haben. Der Kommunismus unterteilte Menschen und Gesellschaft in Klassen, die wertend abgegrenzt wurden. Diesem Prinzip opferten die Sowjetunion (seit 1917) und ihre Satellitenstaaten (einschließlich der DDR von 1949 bis 1989) Millionen von Menschenleben und Familienschicksale. Der Nationalsozialismus stellte die Rasse über den Menschen und verfolgte mit diesem Wahn ganze Völker, insbesondere das jüdische, bis zur physischen Vernichtung. Die nationalsozialistische Ideologie verachtete auch den Menschen des eigenen Volkes („Du bist nichts, dein Volk ist alles“) mit der Folge der Zerstörung großer Teile der Existenzgrundlagen auch des deutschen Volkes im Zweiten Weltkrieg. Beide Ideologien hatten ihre eigenen Definitionen für „lebensunwertes Leben“ und zogen daraus die „Berechtigung“ zu dessen Vernichtung. Beide verursachten die größten Fluchtbewegungen und Vertreibungsverbrechen der Menschheitsgeschichte, die zugleich die verheerendsten kulturellen Verluste in Europa zur Folge hatten.

Die Völkergemeinschaft hat auf diese epochalen Katastrophen mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) eine Antwort zu geben versucht, und seit es das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag als Antwort auf die Kriegs- und Vertreibungsverbrechen am Balkan gibt, sind Verletzungen der Menschenrechte auch mit weltweiter strafrechtlicher Verfolgung bedroht. Das ist ein bedeutsamer Schritt des Völkerrechts und ein hoffnungsvolles Zeichen für mehr Solidarität zwischen den Völkern zum Schutz der elementaren Menschenrechte, auch in Unrechtsregimen und Diktaturen.

Das deutsche Volk hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg „in Verantwortung vor Gott“ eine neue staatliche, politische und gesellschaftliche Ordnung im Grundgesetz gegeben und in dessen Artikel 1 feierlich erklärt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Aus der ideologischen Selbstüberhebung des Menschen über den Menschen mit allen ihren schrecklichen Folgen während der Nazizeit wurde die Erkenntnis verfassungsmäßig verankert, dass jeder Mensch – unabhängig von Rasse, Religion, Geschlecht und auch der behinderte Mensch – in seiner Würde jeder Verfügungsmacht entzogen ist, weil ein Verstoß gegen diesen Grundsatz in die Inhumanität führen muss. Es gibt aus dieser Perspektive kein lebensunwertes Leben. Der Mensch steht also unter dem Schutz der staatlichen Ordnung. Seine Grundrechte in den Artikeln 1 bis 20 Grundgesetz (GG) sind nach Art. 79 Abs. 3 nicht veränderbar.

Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776 hatte auf der Grundlage des Naturrechts bereits betont, dass Würde und Rechte den Menschen „by their creator“ gegeben sind, also mit der von Gott geschaffenen menschlichen Natur. Diese Auffassung stützt sich auf den Schöpfungsbericht der Bibel in Gen. 1,27. Dort steht: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.“ Ob man nun der biblischen Linie der Gottesebenbildlichkeit des Menschen folgt oder ein humanistisches Menschenbild (Naturrecht) vertritt: Auf jeden Fall heißt Menschenwürde, „daß der Mensch mehr ist, als er von sich weiß.“ (Ernst Benda) . Und daraus folgen Grenzen, die auch nicht dadurch entfallen, dass die Vollkommenheit der Menschenwürde einer Unvollkommenheit des irdischen menschlichen Zustandes entgegensteht. Dieses Spannungsverhältnis ist für den Menschen nicht überwindbar, es muss ausgehalten werden. Das gilt heute insbesondere für die wissenschaftliche Forschung und ihre Anwendung auf den Menschen in der Bio- und Gentechnologie sowie an den existenziellen Grenzen des Menschen am Beginn und Ende seines Lebens.

Es gehört weiter zur Achtung der Menschenwürde, dass der Mensch so akzeptiert wird, wie er ist. Nur auf dieser Grundlage ist er frei und kann auch für sein Handeln zur Verantwortung gezogen werden. Wer den Menschen aus seiner Unvollkommenheit heraus führen und nach außer ihm liegenden Zielen verändern oder gar seinen Lebenssinn bestimmen will, nimmt ihm die natürliche Gabe von Freiheit und Verantwortung, wirft ihn in Abhängigkeit und Unmündigkeit und beraubt ihn seiner tiefsten Lebensmotivationen. Wer hingegen den Menschen so akzeptiert, wie er ist, stellt fest, dass kein Mensch dem anderen gleicht. Ungleichheit ist eine menschliche Konstante. Sie bereichert das menschliche Leben; nur Ideologen stören sich daran. Zwei Beispiele können das belegen:

Menschen haben verschiedene Gaben und Fähigkeiten und sie verfügen über diese auch in ungleicher Ausstattung. So kommt es, dass sie bei gleicher oder vergleichbarer Anstrengung zu ungleichen Ergebnissen gelangen. Das gilt für den Bildungs- und Ausbildungsprozess ebenso wie für die Wirtschaft und das Arbeitsleben. Vertreter einer kollektivistischen oder sozialistischen Auffassung vom Menschen sehen in diesem Befund einen ethischen Auftrag, für mehr Gleichheit zu sorgen. Das ist ein legitimes politisches Anliegen, so lange anerkannt wird, dass es keine völlige Gleichheit geben kann und die Grenze gewahrt wird, jenseits der das Bemühen um Gleichheit in Zwang und Verletzung der Menschenwürde umschlägt.

Menschen haben verschiedene Interessen, Vorstellungen und Meinungen. Diese Tatsache hat zur Folge, dass sie unterschiedliche Ziele mit voneinander abweichenden Mitteln anstreben und vor allem auch den Sinn ihres Lebens sehr unterschiedlich interpretieren. Gleiche oder vergleichbare Lebenssituationen werden deswegen oft ungleich, unterschiedliche Situationen hingegen oft gleich beurteilt, nimmt man die subjektive Zufriedenheit, Hoffnung oder Glück zum Maßstab. Vertreter einer individualistischen, utilitaristischen (auf den reinen Nutzen ausgerichteten) oder gar hedonistischen (dem persönlichen Lustgewinn gewidmeten) Auffassung vom Menschen leiten aus dieser Sachlage oft den Anspruch auf das persönliche Lebensglück ab. Das ist legitim, so lange in ausreichendem Maße auch eine Verpflichtung zur sozialen Verantwortung dem Nächsten gegenüber wahrgenommen wird. Sonst kann ungezügelte Freiheit für andere zu Zwang und der Verletzung ihrer Menschenwürde führen. Diese Beispiele zeigen zum einen, dass einseitige Auffassungen vom Menschen Probleme zur Folge haben, wenn nicht sogar in gefährliche Situationen führen können. Deswegen ist ein gleichermaßen personal wie sozial ausgerichtetes Menschenbild, wie es der christlichen und auch der säkularisiert-humanistischen Tradition entspricht, der beste Weg, um verantwortlich Politik zu gestalten und neue Irrwege zu vermeiden.

Zum anderen aber machen diese Beispiele auch die Grenzen jeder Politik eines sozialen Ausgleichs deutlich: Wie soll soziale Gerechtigkeit als gesellschaftspolitisches Ziel unter Wahrung der grundgesetzlich verankerten Menschenwürde einvernehmlich interpretiert werden? Als Königsweg zur Lösung dieser Frage wird oft der „Sachzwang“, also eine Antwort angeboten, die sich aus der Sachlage als sachgerecht ergibt. Man spricht von Mechanismen (Preismechanismus), Automatismen (Arbeitsplatzabbau), Zwangsläufigkeiten (die sich z. B. aus der Globalisierung ergeben) etc., denen man nur zu folgen brauche oder folgen müsse, ohne sich der Notwendigkeit einer ethischen und in ihrer Konsequenz auch politischen Entscheidung zu stellen.

Der angesprochene „Sachzwang“ ist ein Irrweg oder bestenfalls ein Propagandatrick im politischen Tageskampf. Eigengesetzlichkeiten gibt es nur in der Natur: Ihren Gesetzen müssen wir folgen, wenn wir nicht scheitern wollen. Eigengesetzlichkeiten in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wirken niemals nur auf der objektiven Seite als Sachgesetz, „sondern ebenso auf der subjektiven Seite als Leidenschaft und als Willensrichtung“ (Helmut Thielicke). Daraus folgt, dass Gerechtigkeit in einer Gesellschaft als ein der Menschenwürde und dem verfassungsmäßigen Menschenbild entsprechendes Ziel realistisch nur als Ergebnis des komplizierten Zusammenwirkens der Menschen in ständig zu verbessernden Strukturen (Ordnungspolitik) gedacht werden kann. Sie ist nur sehr bedingt, d. h. indirekt als Ergebnis menschlichen Entwurfs gestaltbar. Die den Prozess menschlichen Handelns entscheidend beeinflussenden Faktoren sind die Rechtsordnung, die politische Ordnung und die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung (Soziale Marktwirtschaft), die damit zugleich das Menschenbild gestalten und schützen. Gleichzeitig wird sichtbar, wie wichtig es ist, dass diese Teilordnungen der Gesellschaft einander entsprechen und ergänzen (Interdependenz der Ordnungen).

Literaturhinweise:

  • Thielicke, H. (1976), Mensch sein – Mensch werden, Entwurf einer christlichen Anthropologie, München, Zürich;
  • Greshake, G./ Vossenkuhl, W. (1995), Mensch, in: Staatslexikon, Bd. 3, Sp. 1094-1104, Sonderausgabe der 7., völlig neu bearbeiteten Aufl., Freiburg i. Br. u. a.
Klaus Weigelt

Compartir