Target 2: Das Zahlungssystem in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion

1 Einleitung

Das Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System (TARGET2) ist das am häufigsten genutzte grenzüberschreitende Zahlungsverkehrssystem in Europa. Die Reichweite von TARGET2 erstreckt sich auf grenzüberschreitenden Zahlungen zwischen den Mitgliedern im Europäischen System der Zentralbanken (ESZB). Immer wenn eine in Euro denominierte, grenzüberschreitende Zahlung im Giralgeldverkehr veranlasst wird, werden TARGET2-Konten angesprochen. Dies gilt in erster Linie für die Verrechnungskonten der Geschäftsbanken bei den jeweiligen nationalen Zentralbanken (NZB), die die an TARGET2 teilnehmenden Geschäftsbanken dort unterhalten müssen. Sobald die Anordnung einer grenzüberschreitenden Zahlung durchgeführt wird (Payment), werden auch die TARGET2-Konten der NZB bei der Europäischen Zentralbank (EZB) berührt. Auf der Ebene der Zentralbanken im ESZB (Europäische Geld- und Währungspolitik - Akteure) werden dann etwaige Salden aus der Vielzahl durchgeführter grenzüberschreitender Zahlungen am Ende eines Handelstages festgestellt (Clearing). Zwischen ESZB-Mitgliedern, die den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt haben, findet jedoch kein Ausgleich (Settlement) negativer TARGET2-Salden statt. Der Anstieg der deutschen TARGET2-Positionen seit etwa Sommer 2007 (s. Abb. 1), der den Beginn der europäischen Zahlungsbilanzkrise markiert, war Auslöser der TARGET2-Debatte (Sinn 2011).

Abb. 1: Nettopositionen aus TARGET2 der Deutschen Bundesbank (Jan. 1999 – Dez. 2013), Mrd. Euro

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Eine allgemeinere, umfassende Diskussion über die grundsätzliche Bedeutung von TARGET2 für einen gemeinschaftlichen Währungsraum ist in der bisherigen Debatte jedoch vergleichsweise wenig geführt worden. In diesem Beitrag werden daher in Abschnitt 2 zuerst einmal die Grundlagen und die Bedeutung von TARGET2 für den Euro als Gemeinschaftswährung erläutert. Die weiteren Ausführungen in Abschnitt 3 gehen auf die Ursachen und die besonderen Herausforderungen der seit Sommer 2007 beobachtbaren außergewöhnlichen Entwicklung der TARGET2-Salden ein. Einen Blick auf die Risiken aufgelaufener Forderungen und Verbindlichkeiten im TARGET2 wirft Abschnitt 4. Ein kurzer Ausblick auf offene Fragen in der TARGET2-Debatte in Abschnitt 5 schließt den Beitrag.

2 Grundlagen von TARGET2

Ein Zahlungsverkehrssystem, bei dem die Anordnungen für grenzüberschreitende Zahlungen ohne Einschränkung durchgeführt werden, ist eine Grundvoraussetzung für die Existenz einer Gemeinschaftswährung. Auf diese Weise ist gewährleistet, dass jeder von einer NZB und/oder den jeweiligen nationalen Geschäftsbanken geschöpfter Euro im Giralgeldverkehr in jedem anderen Mitgliedsland im Euroraum als wertmäßig äquivalentes Zahlungsmittel verwendet werden kann. Würde dies innerhalb des gemeinschaftlichen Währungsraums nicht gelten, dann müssten die Mitgliedsländer (bzw. die jeweiligen Marktteilnehmer) für Zahlungsmittel zur Durchführung grenzüberschreitender Transaktionen auf einem Markt bieten. Dabei würde sich ein Preis für die Euros des einen Mitgliedslandes in Euros des anderen Mitgliedslandes einstellen. Wäre das Austauschverhältnis der Zahlungsmittel für grenzüberschreitende Transaktionen zwischen den Mitgliedsländern im gemeinschaftlichen Währungsraum kein Eins-zu-eins-Verhältnis bzw. kein Parikurs, dann wäre der Euro nicht überall ein Euro und es läge der Fall gewöhnlicher Devisenmärkte mit Wechselkursen vor. Bei den Zahlungen bzw. Buchungen im TARGET2 handelt es sich daher quasi um einen Ersatz des früheren Devisenverkehrs. Der Parikurs im europäischen Zahlungsverkehr kann nur durchgesetzt werden, weil es im Zusammenhang mit TARGET2 keine Einschränkungen bei den Anordnungen und Durchführungen grenzüberschreitender Zahlungen im gemeinschaftlichen Währungsraum gibt.

Innerhalb des ESZB nehmen Mitte 2014 23 NZB sowie die EZB am TARGET2 teil, wobei davon nur 18 Mitgliedsländer den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt haben inkl. Lettland). TARGET2-Salden zeigen anstelle der eigentlichen Zentralbankgeldschöpfung die Verbringung der Zahlungsmittel bzw. der Liquidität vornehmlich durch die Geschäftsbanken innerhalb des Euroraums an (vgl. Sievert 2012). Dabei hat das Mitgliedsland, in dem eine grenzüberschreitende Zahlung veranlasst wird, eine TARGET2-Verbindlichkeit; das Mitgliedsland, das eine Zahlung empfängt, weist automatisch eine TARGET2-Forderung auf. Anhand positiver bzw. negativer TARGET2-Salden lassen sich Kern- und Peripherieländer des Euroraums unterscheiden. Zur Gruppe der Kernländer gehören im Herbst 2013 Deutschland, Finnland, Luxemburg und die Niederlande. Ferner können der Gruppe der Kernländer noch die Länder hinzugerechnet werden, deren NZB zwar dem ESZB angehören, aber nicht Teil des Eurosystems sind, da sie nicht den Euro als Währung eingeführt haben. Diese NZB können am TARGET2 teilnehmen unter der Bedingung, dass sie fortlaufend positive TARGET2-Salden aufweisen. Die Länder Bulgarien, Dänemark, Litauen, Polen und Rumänien nehmen dementsprechend auf Guthabenbasis am TARGET2 teil. Ähnliches gilt ebenfalls für weitere Länder (wie z.B. die Schweiz), die nicht dem ESZB angehören, aber dennoch mittels einer sog. Interlink-Vereinbarung am TARGET2 angeschlossen sind.

Die Existenz eines Zahlungsverkehrssystems mit uneingeschränkter Buchung angeordneter grenzüberschreitender Zahlungen ist eine Grundvoraussetzung für einen gemeinschaftlichen Währungsraum mit einem einheitlichen Parikurs. Im Mittelpunkt der TARGET2-Debatte steht insbesondere dieser Aspekt automatischer grenzüberschreitender Zahlungen, welche in den letzten Jahren zu außerordentlichen Salden geführt haben (s. Abb. 1) und für die es z.B. im Unterschied zum US-amerikanischen gemeinschaftlichen Währungsraum keinen Ausgleichsmechanismus gibt (s. Cour-Thimann, 2013, zu den systematischen Unterschieden der Währungsordnung zwischen Euroraum und Dollarraum). Das gemeinschaftliche Zahlungsverkehrssystem – das auf der operativen Ebene von der deutschen, französischen und italienischen NZB betrieben wird – umfasst nur zwei von drei typischen Funktionen eines Zahlungsverkehrssystems, nämlich Durchführung und Verrechnung der Zahlungen ohne abschließenden Ausgleich möglicher Salden (s.o.). Falls ein Mitgliedsland aus TARGET2 ausscheiden sollte, dann kommt es im Rahmen eines außerordentlichen Ausgleichs zu einer Umverteilung des entsprechenden Verrechnungspostens im TARGET2. Die Umverteilung von TARGET2-Salden ausgeschiedener Mitglieder erfolgt gemäß dem Anteil, den die sonstigen NZB am Eigenkapital der EZB haben. Ein weiteres Merkmal der TARGET2-Salden ist zudem, dass diese Verrechnungsposten mit dem Hauptrefinanzierungssatz der EZB verzinst werden. Besondere Herausforderungen im Zusammenhang mit TARGET2 treten allerdings im Zuge einer Zahlungsbilanzkrise auf.

3 Ursachen der außergewöhnlichen Entwicklung der TARGET2-Salden

Kurzfristige TARGET2-Salden aus Forderungen und Verbindlichkeiten aus dem europäischen Zahlungsverkehr sind ein charakteristisches Merkmal eines gemeinschaftlichen Währungsraums. In diesem Zusammenhang lassen sich zahlungsbilanzrelevante Basistransaktionen identifizieren, die den Güter- und Dienstleistungshandel (Leistungsbilanz) und den Kapitalverkehr bzw. Portfoliodispositionen (Kapitalbilanz) betreffen.

Im Hinblick auf Basistransaktionen im Leistungsbilanzverkehr nützt ein Blick auf die Saldenmechanik. Unter den gewöhnlichen wirtschaftlichen Bedingungen bis Sommer 2007 sind die damit verbundenen TARGET2-Salden im Grunde genommen immer durch ein gegenläufiges Geschäft im Kapitalverkehr nivelliert worden (s. Abb. 1). Die entsprechende Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits eines Peripherielandes wurde nämlich durch den Finanzsektor ermöglicht, der sich über den (privaten) Interbankenmarkt refinanziert hat. In diesem Zusammenhang hat das Kernland quasi im Gegenzug zum Verkauf eines realen Gutes (Zahlungszufluss im Rahmen des Leistungsbilanzverkehrs) ein Auslandsaktivum im Peripherieland (Zahlungsabfluss im Rahmen des Kapitalverkehrs) erworben. Solange die grenzüberschreitenden Zahlungen einerseits im Leistungsbilanzverkehr und andererseits im Kapitalverkehr gleichsam ‚Zug um Zug‘ erfolgten, konnte es nicht zu einem außergewöhnlichen Anstieg der TARGET2-Salden kommen..

Unter den wirtschaftlichen Bedingungen einer Zahlungsbilanzkrise treten jedoch insbesondere im Kapitalverkehr Basistransaktionen auf, die direkt die Portfoliodisposition der Wirtschaftssubjekte betreffen. Diese erklären insbesondere den Verlauf der TARGET2-Salden seit Sommer 2007. In diesem Zusammenhang lassen sich fünf Fälle unterscheiden. Diese beziehen sich auf die Motivation der Wirtschaftssubjekte, die grenzüberschreitende Zahlungen insbesondere unter den Bedingungen einer Zahlungsbilanzkrise veranlassen.

  • Fall 1 – Risikominimierung: Wenn Wirtschaftssubjekte in den Kernländern ihre Auslandsaktiva in der Peripherie liquidieren und repatriieren, dann wird im Peripherieland eine Zahlung veranlasst, so dass es dort zu einer TARGET2-Verbindlichkeit und im Kernland zu einer TARGET2-Forderung kommt. Das Motiv der Wirtschaftssubjekte in den Kernländern ist dabei die Reduzierung ihrer Portfoliorisiken. Ähnliches gilt für ESZB-Mitglieder, wie z.B. das Vereinigte Königreich, die weder den Euro eingeführt haben noch dem TARGET2 an sich angehören. Auch in solchen Fällen können sich TARGET2-Salden verändern, nämlich wenn einzelne, involvierte Geschäftsbanken TARGET2-Konten bei einer NZB im Eurosystem unterhalten.
  • Fall 2 – Kapitalflucht: Ebenfalls kommt es im Kernland zu einer TARGET2-Forderung (und zu negativen TARGET2-Salden im Peripherieland), wenn Wirtschaftssubjekte der Peripherie Vermögenswerte, die sie bisher im Inland gehalten haben, in die Kernländer transferieren. Erklärend hierfür kann die Sorge vor einer öffentlichen Sonderabgabe auf Vermögenswerte oder einem sonstigen Vermögensverlust im Zuge einer Redenominierung nationaler Währungen (Ausscheiden aus dem Euro und Abwertung der nationalen Währung) sein. Es handelt sich insoweit um eine Form von Kapitalflucht aus der Peripherie, deren Bedeutung nach der Ankündigung einer ggf. unbegrenzten Finanzierung in Form von Staatsanleihenkäufen durch den EZB-Präsidenten Mario Draghi im Sommer 2012 augenscheinlich abgenommen hat.
  • Fall 3 – Konsolidierung: Positive TARGET2-Salden im Peripherieland und TARGET2-Verbindlichkeiten eines Kernlandes treten hingegen auf, wenn Wirtschaftssubjekte der Peripherie Auslandspassiva (d.h. inländische Vermögenswerte des Kernlandes, die von ausländischen Wirtschaftssubjekten gehalten werden) liquidieren und repatriieren, wie dies im Falle einer Restrukturierung des Finanzsektors eines Peripherielandes geschehen würde, wenn diese z.B. mit der Schließung von Zweigniederlassungen in Kernländern einhergeht.
  • Fall 4 – Bilanzstrukturmanagement: Des Weiteren kann es auch geschehen, dass Wirtschaftssubjekte insbesondere in den Kernländern sogar weitere Vermögenswerte in der Peripherie erwerben, so dass das Kernland negative TARGET2-Salden verzeichnet. Dieses Motiv kommt dann zum Tragen, wenn private Wirtschaftssubjekte in den Kernländern die Risiken ihrer Portfolios kurzfristig nicht weiter minimieren können, gleichwohl aber der Verbleib einzelner ESZB-Mitglieder im gemeinschaftlichen Währungsraum nicht als hinreichend sicher erachtet wird (s.o.). In so einem Fall kann es eine angemessene Strategie beim Portfoliomanagement sein, Forderungen und Verbindlichkeiten eines bestehenden Portfolios an nationalen Grenzen auszurichten, indem z.B. auch weitere, riskante Vermögenswerte der Peripherie hinzugenommen werden.
  • Fall 5 – Bilanzausweitung: Zudem können auch Entscheidungen ausschließlich innerhalb des öffentlichen Sektors die Entwicklung der TARGET2-Salden beeinflussen. Dies gilt insbesondere für geldpolitische Operationen wie z.B. Kapitalerhöhungen der EZB durch die angeschlossenen NZB oder auch Fremdwährungsgeschäfte der EZB mit den NZB, wie z.B. im Zuge von Euro-Dollar-Tauschgeschäften der EZB mit dem US-amerikanischen Federal Reserve System.
In einer Zahlungsbilanzkrise kommt folglich eine Vielzahl von weiteren Motiven und Entscheidungen zum Tragen, auf die sich grenzüberschreitende Zahlungen und entsprechende Buchungen im TARGET2 zurückführen lassen. Besondere Herausforderungen im Zusammenhang mit TARGET2 treten vor allem im Zuge einer anhaltenden Zahlungsbilanzkrise auf. Denn jenseits der Basistransaktion im Leistungsbilanz- und Kapitalverkehr müssen die Wirtschaftssubjekte grundsätzlich zuerst einmal über hinreichend Liquidität für die Durchführung grenzüberschreitender Zahlungen verfügen. Wenn im Zuge einer vom Peripherieland anzuordnenden Zahlung Verrechnungskonten im TARGET2 angesprochen werden sollen, dann muss letztlich auf zuvor generierte Zahlungsströme bzw. weitere Ressourcen der Liquiditätsbeschaffung (d.h. der Zentralbankgeldschöpfung) zurückgegriffen werden. Dies könnte geschehen, indem

a) erwirtschaftete Erlöse aus dem internationalen Güter- und Dienstleistungshandel des Peripherielandes verwendet werden,

b) bestehende Sichteinlagen beansprucht bzw. die Haushalte im Peripherieland zur Bildung weiterer Depositen animiert werden,

c) neue private und öffentliche Gläubiger z.B. zur Rekapitalisierung des Finanzsektors innerhalb des Peripherielandes angesprochen werden,

d) im Zuge von Migrationsströmen vermehrt Transferzahlungen bzw. vollständige Zahlungen aus im Kernland erzielten Arbeitseinkünften in das Peripherieland getätigt werden,

e) Geschäftsbanken im Peripherieland ihre Niederlassungen in einem Kernland zur Beschaffung von Zentralbankgeld anhalten, welches anschließend zur Hauptniederlassung im Peripherieland transferiert wird, oder indem

f) die EZB und die NZB die Geldbasis im Zuge von Bilanzausweitungen (s.o.) und/oder im Rahmen einer Anpassung bei den Anforderungen für Sicherheiten bei der Zentralbankgeldschöpfung erhöhen.

Um über mehr Liquidität verfügen zu können, scheiden für ein Peripherieland in der Zahlungsbilanzkrise die Optionen a) – d) kurzfristig mehr oder weniger aus. Die Option e) steht im Zusammenhang mit der Aktivierung von Auslandspassiva. Diese dürfte bei anhaltenden Zweifeln am Verbleib im gemeinschaftlichen Währungsraum (s.o.) von den Geschäftsbanken in den Peripherieländern kaum in nennenswertem Umfang als Mittel der Liquiditätsbeschaffung erwogen werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass in der Zahlungsbilanzkrise wohl vornehmlich auf die Option f) in Form zusätzlicher Zen tralbankgeldschöpfung für die Durchführung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs zurückgegriffen wird. Der außergewöhnliche Anstieg der TARGET2-Salden seit Sommer 2007 ist vor allem ein Spiegelbild der Aktivitäten eines zentralbankfinanzierten Finanzsektors in den Peripherieländern. TARGET2 stellt dementsprechend einen Ersatz für den weitgehend ausgefallenen Interbankenmarkt innerhalb des Euroraums dar. Die theoretische Obergrenze all dieser Aktivitäten und demensprechender TARGET2-Positionen liegt bei der Summe aller kumulierten Leistungsbilanzdefizite der Peripherieländer und aller sonstigen Vermögenswerte der Peripherieländer.

4 Risiken der außergewöhnlichen TARGET2-Salden

Die skizzierten zahlungsbilanzrelevanten Basistransaktionen und die Wege der Liquiditätsbeschaffung beeinflussen sowohl das Volumen als auch die Risikozusammensetzung der TARGET2-Positionen bzw. der Nettoauslandspositionen der ESZB-Mitglieder. Im Kontext der europäischen Zahlungsbilanzkrise sind die seit Sommer 2007 auflaufenden negativen TARGET2-Positionen ein Merkmal der Peripherieländer, während sich die Kernländer durch die Akkumulation von TARGET2-Forderungen auszeichnen (s. Abb. 1). Aus Sicht der Saldenmechanik sind diese TARGET2-Forderungen spiegelbildlich zu den Leistungsbilanzdefiziten die Peripherieländer und insoweit ein Teil des Nettokapitalexports der Kernländer. Dieser geht in deren Nettoauslandsvermögen ein und markiert einen Anspruch auf einen zukünftigen Ressourcentransfer von den Peripherieländern zu den Kernländern. Eine Bewertung der Risiken außergewöhnlicher TARGET2-Salden hat folglich im Hinblick auf die Möglichkeiten und Grenzen zu erfolgen, derartige Ansprüche in der Zukunft tatsächlich geltend machen zu können.

Offensichtlich erhalten die Peripherieländer durch die Kernländer nicht mehr in nennenswertem Umfang eine private Finanzierung der Nettokapitalimporte bzw. Leistungsbilanzdefizite. Die Konditionen solch einer Finanzierung würden einzig durch den Markt bestimmt werden, wenn die ESZB-Mitglieder noch ihre nationalen Währungen hätten. Diese würden im Falle der Peripherieländer in der aktuellen Situation einer Zahlungsbilanzkrise massiv abwerten. Allerdings ist eine marktkonforme Bewertung der Zahlungsfähigkeit der ESZB-Mitglieder innerhalb des gemeinschaftlichen Währungsraums in Verbindung mit TARGET2 systematisch ausgeschlossen worden, um den Parikurs des Euro überhaupt durchsetzen zu können (s.o.). Unter den Bedingungen von TARGET2 wird daher eine eigentlich zahlungsbilanzmäßig gebotene Anpassung, wie sie im Falle nationaler Währungen automatisch erfolgen würde, mindestens vorübergehend unterbunden. Die Substitution von privaten Nettokapitalexporten durch positive TARGET2-Positionen der NZB der Kernländer stellt insofern eine nicht-marktkonforme Entwicklung und damit eine Allokationsverzerrung innerhalb des Euroraums dar.

Darüber hinaus findet im Zuge des Auftretens außergewöhnlicher TARGET2-Salden gleichzeitig eine Änderung der Risikozusammensetzung des Nettoauslandsvermögens statt. Im Allgemeinen wären Auslandsaktiva bzw. Vermögenswerte privater Wirtschaftssubjekte im Sinne von Forderungen an einen zukünftigen Ressourcentransfer der Peripherieländer im Falle nationaler Währungen nicht in dem gleichen Ausmaß entstanden, weil ein Wechselkurs-Preismechanismus dem präventiv entgegengewirkt hätte. Zudem wären sie im Falle einer Zahlungsbilanzkrise abzuschreiben gewesen. Die Existenz von TARGET2 sorgt hingegen dafür, dass solche Risiken statt bei privaten Wirtschaftssubjekten bei den NZB als Teil der Nettoauslandspositionen der NZB der Kernländer anfallen. Problematisch an dieser Veränderung der Risikozusammensetzung solcher Forderungen ist jedoch insbesondere, dass die NZB kein Verfügungsrecht über TARGET2-Forderungen haben, weil diese als Verrechnungsposten behandelt werden. Ein Merkmal solcher Verrechnungsposten ist, dass diesen auf der Gegenseite niemand gegenübersteht, der im schuldrechtlichen Sinne haftbar ist, d.h. demgegenüber eine solche Forderung geltend gemacht werden könnte. Wenn es also im Zeitablauf nicht irgendwann zu einer Nivellierung entsprechender TARGET2-Salden kommt, dann findet im Rahmen von TARGET2 die in der Debatte angemahnte öffentliche, d.h. zentralbankfinanzierte, ‚Kreditersatzpolitik‘ statt. Risiken aus TARGET2-Forderungen ergeben sich aus der anhaltenden, nicht-marktkonformen Finanzierung von Zahlungsbilanzsalden und der entsprechenden Veränderung der Risikozusammensetzung des Nettoauslandsvermögens der Kernländer.

Anstelle einer privaten Forderung in Form eines Auslandsaktivums weisen die NZB mit positiven TARGET2-Positionen eine Forderung gegenüber dem gesamten Eurosystem auf. Der ‚Eigenanteil‘ dieser Art von Versicherungslösung würde sich auf den Anteil der jeweiligen NZB am Eigenkapital der EZB beschränken (s.o.). Diese Art der Umverteilung von Risiken kann als ein wünschenswertes Element eines institutionalisierten Risikoausgleichs innerhalb eines gemeinschaftlichen Währungsraums betrachtet werden (vgl. Dullien und Schieritz 2012). Dies gilt jedoch letztlich nur, wenn ein zukünftiger zahlungsbilanzmäßiger Ausgleich von TARGET2-Positionen als sicher erachtet werden kann, so dass es zu keiner dauerhaften Allokationsverzerrung kommt. Diese Problematik verschärft sich womöglich durch den Übergang der EZB zur ‚unkonventionellen‘ Geldpolitik weiter. Denn im Falle einer zusätzlichen Bereitstellung von Liquidität im europäischen Zahlungsverkehr könnte sich die Nettoauslandsverschuldung der Peripherieländer weiter erhöhen. Folglich nähme die Unsicherheit innerhalb des Finanzsektors hinsichtlich der zukünftigen Zahlungsfähigkeit der Wirtschaftssubjekte sehr wahrscheinlich sogar zu, so dass der Ausfall des Interbankenmarktes und damit die Zahlungsbilanzkrise womöglich perpetuiert werden.

5 Ausblick

Zuletzt ist im Rahmen der TARGET2-Debatte vor allem die Frage eingehender behandelt worden, ob und welche ökonomischen Risiken bzw. Verluste sich insbesondere im Falle eines Auseinanderbrechens des Euroraums manifestieren könnten (z.B. Sinn 2013; Whelan 2012). Nur in Ansätzen ist bisher der Frage nachgegangen worden, ob und auf welche Weise sich die Zentralbankfinanzierung und womöglich dauerhafte TARGET2-Salden zurückführen ließen (z.B. Bindseil und König 2012). Die weitere Diskussion wird sicherlich um einen ordentlichen Ausgleichsmechanismen (Settlement) im gemeinschaftlichen Zahlungsverkehrssystem kreisen. In der Zukunft wird es vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen mit TARGET2 auch darum gehen, das Zahlungsverkehrssystem als Teil der Währungsordnung des Euroraums konzeptionell so weiter zu entwickeln, dass nach Möglichkeit Zahlungsbilanzschwierigkeiten einzelner Mitglieder weder beschleunigt noch womöglich verstetigt werden.

Literaturhinweise:

Christian Fahrholz

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