Wirtschaftskreislauf, Volkseinkommen, Sozialprodukt, Nationaleinkommen

(1.) Ökonomischer Naturkreislauf oder nur Denkmodell?

Es entspricht alltäglicher Lebenserfahrung, wenn man sagt: Geld geht von Hand zu Hand, Geld läuft um und bildet – vielleicht – einen Kreislauf. Ausgehend von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über den Blut- und den Wasserkreislauf, schlossen Ökonomen erstmals im 18. Jahrhundert auf die Möglichkeit, auch die Wirtschaftswelt in Form eines Kreislaufes abzubilden. Der erste Kreislauftheoretiker war Francois Quesnay (1694–1774), der sich neben seinen Pflichten als Leibarzt der Marquise de Pompadour am Hof Ludwigs des XV. in Versailles philosophischen und ökonomischen Studien widmete. Quesnay versuchte zu zeigen, wie sich die jährlichen Kapitalvorschüsse der Grundeigentümer durch die Landwirtschaft bei Berücksichtigung des Gewerbes wiedergewinnen lassen, so dass sie für das nächste Jahr erneut zur Verfügung stehen. Ein Jahrhundert später beschäftigten sich Karl Marx (1818–1883) und schließlich Eugen von Böhm-Bawerk (1851–1914) mit der Modellierung der Nationalökonomie in Kreislaufform. Lange dachte man fälschlicherweise, analog zu Naturkreisläufen existiere ein ökonomischer Naturkreislauf, den es zu entdecken gelte. Seit Helmut Reichardt (1967) weiß man, dass volkswirtschaftliche Kreislaufmodelle lediglich Modelle sind, d. h. erdachte zweckgerichtete Abbildungen, die erst durch Bewährung „an der Realität“ empirische Gültigkeit erlangen.

(2.) Kreislaufmodelle und ihre Bestandteile

Typisch für diese Darstellungsweisen ist die Knüpfung eines Netzes aus Kreislaufpolen, also aus funktionellen Transaktoren (in der Regel Märkte) und institutionellen Transaktoren (volkswirtschaftliche Sektoren wie Staat, private Haushalte, Unternehmen, gegebenenfalls Ausland). Diese Pole werden durch Kreislaufströme (Transaktionen) verbunden. Bekannt sind dafür vier Darstellungsformen:

  1. Flussdiagramm- oder Graphendarstellung,
  2. Matrix- oder Tabellendarstellung,
  3. Gleichungsdarstellung (Budgetgleichungen der Transaktoren),
  4. Kontendarstellung.
Auf der Grundlage von (3.) werden die makroökonomischen Modelle der Wirtschaftstheorie erstellt; die statistischen Zentralämter der Welt arbeiten hauptsächlich mit (4.). Orientierung bildet dabei ein (in der Theorie mögliches oder in Buchungssystemen definitorisch gesichertes) Kreislaufgleichgewicht: Es herrscht, wenn bei jedem Transaktor (tatsächlich, ex post) die Summe der Zugänge mit der Summe der Abgänge pro Periode übereinstimmt, so dass sich keine positiven oder negativen Geldvermögensänderungen ergeben. Diese Art von Strömesynchronität wird in Systeme volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung definitorisch eingebaut. Normal im praktischen Wirtschaftsleben sind jedoch Kreislauf-Ungleichgewichte und Geldvermögensänderungen. Kreislauf-Ungleichgewichte führen Periode für Periode zu Beständeänderungen (an Forderungen und Verbindlichkeiten).

(3.) Zwei Wurzeln der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung

Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung kann auf zwei Wurzeln zurückgeführt werden: Zum einen auf die Kreislaufanalyse als Kreislaufrechnung, zum anderen auf die rund 100 Jahre älteren Bemühungen, den Begriff des Volkseinkommens zu definieren und statistisch zu schätzen. Anzuführen sind Sir William Petty (1623–1687) in England und Pierre le Pesant Sieur de Boisguillebert (1646–1714) in Frankreich. Skeptisch blieb der in Deutschland damals führende Wirtschaftswissenschafler Adolph Wagner (1835–1917). Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete das SNA (System of National Accounts) der Vereinten Nationen von 1953 die Orientierung für Deutschland und Europa (siehe SNA-Fassung von 1993 und Europäisches System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen – ESVG - 1995). Man erstellt und publiziert (a) eine Entstehungsrechnung, (b) eine Verwendungsrechnung, (c) eine Verteilungsrechnung und (d) eine Aufteilungsrechnung.

In der Entstehungsrechnung gelangt man durch Summierung der Sektorenbeiträge zur Bruttowertschöpfung (Produktionswert minus Vorleistungen). Addiert man Gütersteuern und subtrahiert man Gütersubventionen, so erhält man das für Konjunktur- und Wachstumsanalysen wichtige Bruttoinlandsprodukt (in Deutschland € 2.498,80 Mrd. im Jahr 2010). Addiert man zum Bruttoinlandsprodukt den Faktoreinkommenssaldo (Saldo der Primäreinkommen mit der übrigen Welt), so hat man das Bruttonationaleinkommen vor sich. Zieht man vom Bruttonationaleinkommen die Abschreibungen ab, so erhält man das Nettonationaleinkommen (oder Primäreinkommen) (€ 2.182,12 Mrd. im Jahr 2010).

In der Verwendungsrechnung gelangt man durch Addition dieser Posten zum Bruttoinlandsprodukt: Private Konsumausgaben, Konsumausgaben des Staates, Ausrüstungsinvestitionen, Bauinvestitionen, Sonstige Anlagen, Vorratsveränderungen und Nettozugang an Wertsachen, Exporte minus Importe von Waren und Dienstleistungen.

Die Verteilungsrechnung kann leicht am Nettonationaleinkommen (Primäreinkommen) von Entstehungs- oder Verwendungsrechnung ansetzen. Subtrahiert man die Produktions- und Importabgaben an den Staat und addiert man die Subventionen, so hat man das Volkseinkommen (€ 1.903,53 Mrd. im Jahr 2010) vor sich, das sich in Arbeitnehmerentgelt (€ 1.257,82 Mrd. im Jahr 2010) sowie Unternehmens- und Vermögenseinkommen (€ 645,71 Mrd. im Jahr 2010) zergliedert.

4.) Beispiele aus der Volkseinkommensstatistik

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Anmerkung: Alle Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) beruhen auf Schätzungen und Ausgleichsrechnungen. Ihre Verwendung in der empirischen Wirtschaftsforschung bringen Unwägbarkeiten mit sich.

Literaturhinweise:

  • MANKIW, N. G., TAYLOR, M. P. (2012), Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Stuttgart;
  • REICHARDT, H. (1967), Kreislaufaspekte in der Ökonomik, Tübingen;
  • RICHTER, J. (2002), Kategorien und Grenzen der empirischen Verankerung der Wirtschaftsforschung, Stuttgart;
  • STATISTISCHES BUNDESAMT (Hrsg., 2000), Konjunkturforschung heute – Theorie, Messung, Empirie, Wiesbaden;
  • STÜTZEL, W. (1978), Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Ein Beitrag zur Geldtheorie, 2. Aufl., Tübingen;
  • WAGNER, A. (2009), Makroökonomik. Volkswirtschaftliche Strukturen II, 3. Aufl., Marburg.
Adolf Wagner

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