Evangelische Sozialethik

Auszug aus: Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland

Hg.: von Winfried Becker, Günter Buchstab u.a. Paderborn 2002

S. 517 f.

1. S. ist ein Begriff des 19. Jh., der sich erstmals im Untertitel des Werkes »Moralstatistik« (1868) des lutherischen Theologen Alexander von Oettingen findet. Das Wort sozial enthält eine Abgrenzung gegen eine rein individualistische und personalistische Auffassung von Ethik, nach der Tugenden und Pflichten allein Aufgabe des einzelnen sind. Das Wort Ethik vollzieht eine Abgrenzung gegen eine deterministische Sicht der Gesellschaft, welche Sozialwissenschaft als »Sozialphysik« (August Comte) verstand. 2. Die Konzeption einer S. ist eine Reaktion auf die Industrialisierung und die —»soziale Frage. Konservative Protestanten wie Johann Hinrich Wichern oder Adolf Stoecker schufen karitative Einrichtungen. Eine wissenschaftlich-kritische Analyse legt erstmals der von Max Weber beeinflußte

Ernst Troeltsch: »Die Soziallehren der christl. Kirchen und Gruppen« (1912) vor. In den 20er Jahren waren Repräsentanten der S. vor allem kirchlich gebundene Theologen wie Friedrich Brunstäd und Reinhold Seeberg. Sie forderten ein verbindliches Modell der Gemeinschaft und erwarteten eine Erneuerung der Sittlichkeit von einer stärkeren Besinnung auf Volk und Volkstum. 3. S. ist Sozialstrukturenethik, die sich mit den Institutionen und der (strukturellen) Ordnung einer Gesellschaft befaßt. In-dividualethik bedenkt hingegen die Subjektivität der Person, Personalethik die zwischenmenschlichen Beziehungen und die mitmenschliche —»Verantwortung. Ein grundsätzliches Thema jeder S. ist daher die Frage der Eigengesetzlichkeit sozialer Abläufe (Sachzwang, Technokratiethese) sowie der Gestaltbarkeit sozialer Prozesse. 4. Zeitgleich mit der ev. S. entstand die —»kath. Soziallehre, welche sich inhaltlich auf das —»Naturrecht stützte und formal von der Autorität des kirchlichen Lehramtes getragen wird. Klassische Themen der S. sind -»Staat, —»Demokratie, —»Menschenrechte, —»Eigentum, —»Arbeit, Beruf, —»Mitbestimmung, Geld und Zins, Umwelt, Technik und Entwicklungshilfe (—»Entwicklungspolitik). 5. Die allgemeine S. differenziert sich demnach in Bereichsethiken (Medizinische Ethik und Bioethik, Wirtschafts-, Wissenschafts-, Technik-, Rechts-, Politik- und Umweltethik) wobei sich Sachkenntnis und ethische Bewertung verbinden. Die Bereichsethiken lassen eine übergreifende S. an Bedeutung verlieren. 6. Der theologische Ansatz ev. S. war nach 1945 in Deutschland umstritten. Lutherische Theologen betonten die Eigenständigkeit der weltlichen Ordnung unter Berufung auf die Unterscheidung von weltlichem und geistlichem Regiment bzw. weltlichem Reich und Reich Gottes (z. B. Walter Künneth, H. —»Thielicke). Karl Barth und seine Anhänger betonten den umfassenden Anspruch Gottes auf die Welt (Königsherrschaft Christi) und beanspruchten ein prophetisches Mandat. Martin Niemöller, G. —»Heinemann, Helmut Gollwitzer u. a. lehnten von dieser Position aus K. —»Adenauers Politik (v. a. die Wiederaufrüstung Deutschlands) ab und vertraten gesellschaftskritische Konzeptionen. Kritik erfuhr die Theologie der Ordnung(en) 1968 von der Theologie der Revolution, einer extremen Richtung der politischen Theologie. 7. Kontrovers wird auch die Frage diskutiert, ob die Kirche Träger einer ev. S. ist und welche konkreten sozialen, wirtschaftlichen, politischen Forderungen dann die Kirche zu vertreten hat. In der Regel wird die Kirche sich auf die Darlegung sozialethischer Grundsätze beschränken. Die Ökumenische Bewegung hat 1948 in Amsterdam das Leitbild einer »Verantwortlichen Gesellschaft« entworfen. In den 80er Jahren wurde im konziliaren Prozeß für »Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung« dieses Leitbild konkretisiert und modifiziert. Ein weiteres Beispiel ökumenischer S. ist das Sozial- und Wirtschaftswort der Kirchen »Für eine Zukunft in Gerechtigkeit und Solidarität« (1997). 8. Es ist Aufgabe der S., auf der Basis genauer Sachkenntnis eine Gesellschaftsanalyse mit ethischer Bewertung und theologischer Weltdeutung zu verbinden. S. eignet sich entsprechend kaum zur Legitimation tagespolitischer Entscheidungen; sie bedenkt vielmehr Grundfragen des sozialen und politischen Lebens, bietet Grundorientierung und will anthropologische und weltanschauliche Voraussetzungen und Implikationen sozialen Handelns sichtbar machen.

Lit.: D. LANGE: Ethik in ev. Perspektive (1992); G. BRAK.ELMANN/T. JÄHNICHEN (Hg.): Die protestantischen Wurzeln der sozialen Marktwirtschaft (1994); M. HONECKER: Grundriß der Sozialethik (1995); T. JÄHN1-C1ILN: Sozialer Protestantismus und moderne Wirtschaftskultur ; U. H. J. KÖRTNER: Ev. Sozialethik (1999); M. HONECKER: Ev. Sozialethik, in: HPM 8 (2001).

Martin Honecker