„Man kann die Schuld immer auf die andere Kultur schieben"

Irati und Matthias am Strand von Sopelana im Basekenland nahe Bilbao, Spanien

Wo ist der Strand von Sopelana?

Irati Elorrieta und Matthias Herrmann sind ein baskisches-deutsches Künstlerpaar - sie Autorin und Filmemacherin, er Musiker -, das in Berlin lebt. Inwieweit die kulturelle Prägung des Einzelnen für ihre Beziehung eine Rolle spielt, erfahren Sie in diesem Interview.

Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Es gibt ein Hausprojekt in der Kastanienallee. Da wohnen etwa 20 Erwachsene und zehn Kinder zusammen in einem großen Haus. Matthias und ich haben beide viele Jahre da gelebt und montags zusammen gekocht. Wir haben uns „auf Deutsch“ kennen gelernt.

Was ist an deinem Partner „typisch“ kulturell?

IRATI: Typisch deutsch: Er muss alles sehr rational begründen. Und seine eher trockene Art und Weise etwas zu loben würde ich jetzt auch als „typisch Deutsch" klassifizieren.
MATTHIAS: Typisch baskisch: Will alles in die Luft jagen, wenn eine Kleinigkeit nicht richtig ist. Es gibt für sie nichts zwischen richtig und nicht richtig.

In welcher Sprache sprecht ihr und warum?

MATTHIAS: Wir sprechen miteinander auf Deutsch, weil wir in Berlin leben. Und weil die Baskin besser Deutsch kann als andersrum.

Welche Sprache spricht ihr mit eurem Kind?

IRATI: Mit unserem Sohn spricht Matthias Deutsch und ich Baskisch, damit das Kind die beide Sprachen der Eltern kennt.

Irati, kannst du uns erklären, warum es für dich wichtig ist zu sagen, „Ich bin Baskisch" und nicht „Spanierin"?

IRATI: Das ist ein komplexes Thema und gleichzeitig sehr simpel. Auf den Papieren bin ich Spanierin, aber auf Grund der Kultur in der ich groß geworden bin - die hauptsächlich von der Sprache bestimmt wird -, bin ich vom Gefühl her Baskisch. Also, für mich ist das Baskenland der Fleck in der Welt aus dem ich komme. Und der wird halt von Spanien regiert.

Gibt es ein bestimmtes Thema, was bei euch besonderes schwierig ist (z. B. Religion, Sprache, Aufenthalt, Diskriminierung, Job)?

MATTHIAS: Jeder von uns ist sprachlich benachteiligt im Land des anderen, was natürlich auch zur Folge hat dass immer einer mehr Schwierigkeiten hat in der Jobsuche.
IRATI: Allerdings ist das Praktische bei Matthias, dass er seine Arbeit immer mitnehmen kann, auch wenn wir mehrere Wochen lang in Spanien sind. Das gibt uns eine gewisse Flexibilität.

Gibt es eine Kultur, die eher ausgelebt wird bei euch zu Hause?

IRATI: Was die Küche angeht, kann man sagen, dass wir „free-style“ kochen. Damit meinen wir, dass keine bestimmte Nationalität die Küche beherrscht. Es wird gekocht mit dem was da ist. Das kann mal einen asiatischen Touch haben oder einen italienischen, spanischen, arabischen... Natürlich kaufen wir gerne bestimmte Produkte ein, wenn wir im Baskenland bzw. in Spanien sind und bringen sie mit nach Berlin: eingelegter Thunfisch, Sardellen, Käse, Chorizo... Und wir genießen auch deutsche Spezialitäten, wie Maultaschen, alle Krautsorten, Spargel... Ich würde nicht sagen, dass eine Kultur mehr ausgelebt wird. Es ist halt Berlin, man lebt in einer urbanen Kultur.

Wie akzeptieren eure Eltern eure Beziehung?

MATTHIAS: Meine Eltern finden Irati mehr als o.k.
IRATI: Mein Vater schätzt Matthias so sehr, dass er mich fragt „Sag mal, ist Matthias nicht zu gut für dich?". Das ist natürlich ein Scherz und der Humor meines Vaters. Na ja, dass ich ihn in Berlin kennengelernt habe und wir hier wohnen, dass ist der einzige „Nachteil" aus Sicht meiner Eltern, weil sie natürlich ihre Tochter lieber geographisch näher hätten.

Was ist für euch das Positive an einer binationalen Beziehung?

Es gibt drei Sachen, die wir gut finden: 1) Die Kinder von binationalen Paaren sind hübscher! 2) Wenn es schwierig wird, kann man immer die Schuld auf die andere Kultur schieben. 3) Eine binationale Beziehung erweitert natürlich den eigenen Horizont.

Was kann die Gesellschaft bezüglich des Themas Integration von binationalen Paaren lernen?

Die Gesellschaft könnte auch ihren Horizont erweitern, mit den „Anderen" klar kommen und sie lieben! Sie könnte weniger ausländerfeindlich sein. Sie könnte einen anderen Umgang mit der Asylpolitik haben. Es wäre auch schön, dass Vermieter/ Arbeitgeber nicht darauf gucken, wo der Bewerber herkommt. Dass man nicht als blöde genommen wird nur weil man einen Akzent hat oder weil man nicht weiß, dass der Fluss Vístula auf Deutsch Weichsel heißt. Dass die Kinder in der Kita nicht blöde Sprüche machen, wenn mein Kind von einer koreanischen Freundin abgeholt wird. Durchmischung - das macht ein binationales Paar aus und eine Gesellschaft ohne Durchmischung wird nie wirklich gesund sein.

Vielen Dank für das Mitmachen!

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