© Wei Jian Chan, London (aus der Serie „When the World Stood Still“), Gestaltung: StanHema
de Bernd Löhmann

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Geht es irgendwann vorüber? Nach einem Jahr Pandemie strapaziert diese Frage selbst die Robusten und Geduldigen. Der Lockdown im Frühjahr 2020 war ein schockartiges Ereignis, von dem viele annahmen, es mit Balkonovationen überbrücken zu können. Längst klatscht niemand mehr, eigentlich will keiner mehr von Corona hören oder lesen. Doch die „Naturkatastrophe in Zeitlupe“ (Christian Drosten) hält Deutschland mit auf- und abflauenden Stressmomenten in ihrem Bann.

Den Corona-­Burnout spüren auch jene, die nicht oder kaum von existenziellen Sorgen betroffen sind. Schlägt mit dem zweiten aufreibenden Lockdown die Stimmung um? Dass es in Deutschland, anders als in den USA oder in Großbritannien, keinen gesamtwirtschaftlichen Einbruch mit steil wachsender Arbeitslosigkeit gibt, fällt kaum mehr ins Gewicht. Der Fokus auf niedrige Todesund Infektionszahlen dünkt manchen inzwischen wie „Fürsorgeradikalismus“ (Thea Dorn). Nicht die ambivalente Ausgangslage gerät zum Beurteilungsmaßstab, sondern die Ausstiegsperspektive: das „Licht am Ende des Tunnels“.

Die Gegenwart zu meistern, ist angesichts des national wie international umfassenden Krisengeschehens allein schon eine anspruchsvolle Aufgabe. Dennoch wird von der Politik zu Recht verlangt, ihren Blick auch und gerade jetzt auf die Zukunft zu lenken. Die Frage ist nur, wie offensiv und gleichzeitig seriös sie dabei handeln kann. Viele europäische Länder „öffnen“ derzeit im Bewusstsein der damit einhergehenden Risiken, während ernst zu nehmende Stimmen vor einer durch Virusvarianten getriebenen dritten Welle warnen.

Die Zukunft bleibt ungewiss, besonders unter Pandemiebedingungen. Auch eine noch so verständliche allgemeine Erschöpfung ändert daran nichts. Das politische Ringen um die nächsten vertretbaren Schritte darf uns nicht erspart bleiben. Doch geht es in dieser prekären Phase auch um die Wahrung der Offenheit, die es einer Gesellschaft ermöglicht, solche starken Spannungen weiter auszuhalten.

So betrachtet, erweist sich die Geschäftemacherei von Mandatsträgern als heftiger Rückschlag. Von entscheidender Bedeutung für alle politisch Handelnden in Deutschland ist allerdings die Beschleunigung der Immunisierung. Das Impfversprechen wiegt schwerer als jedes Wahlversprechen. Eine geimpfte Republik öffnet den Möglichkeitssinn, macht sensibel für die Geschädigten sowie für die unendlichen Schadensdimensionen und schafft Sicherheit für einen Aufbruch in vermutlich weiterhin unsichere Zeiten.