Homeoffice gestern und heute

de Hans Bertram

Soziale Auswirkungen neuer Arbeitszeitmodelle

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Der gelernte Teehändler John Cadbury eröffnete 1824 in der Bull Street in Birmingham ein Geschäft, in dem Tee, Kakao und Schokolade verkauft wurden. Er lebte oberhalb des Geschäfts mit seiner Familie, Verwandten und Angestellten. Mitte des 19. Jahrhunderts siedelte die Familie Cadbury in einen Vorort von Birmingham um, weil sie dort in einem eigenen Haus leben konnte, ohne andere Personen aus dem Verwandten- und Mitarbeiterkreis. Diese Lebensform gewann in jener Zeit ein hohes Maß an Attraktivität, weil man privat und intim ausschließlich mit vertrauten Personen zusammenleben konnte. Privatheit ist eine Grundvoraussetzung von Individualität. Denn nur wer mit sich allein ist, kann verschiedene Dinge ausprobieren, kann sich ungehindert im Spiegel betrachten und sein Erscheinungsbild nach eigener Vorstellung formen.

Die Geschichte des privaten Lebens (Philippe Ariès et al., 1993) beschreibt eindrücklich, wie diese Idee der Privatheit und der damit verbundenen Möglichkeit der Individualisierung auch mit der industriellen Entwicklung verknüpft war: Spiegel wurden erschwinglich, weil industriell hergestellt, Bäder wurden eingerichtet, und viele der heute am Stadtrand liegenden Neubausiedlungen der 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahre waren in vielen Ländern, etwa in Frankreich, Spanien und auch Deutschland, sehr attraktiv, weil man für sich allein mit seiner engsten Familie zusammenleben konnte.

Diese Lebensform setzte die Trennung von Arbeit und Familie voraus. Möglich wurde die Trennung aber erst, als durch die Industrialisierung zunehmend große und kapitalintensive Investitionen zur Güterproduktion notwendig wurden und die Industrialisierung zugleich den Wohnraum schaffte, der diese Privatheit ermöglichte. Die Entwicklung dahin ist keineswegs immer friedlich verlaufen, denn diese Lebensform hat bestimmte Konsequenzen. Der Zeittakt der Industriearbeit richtet sich nach den Produktionsabläufen im Maschinensaal oder im Büro. Der Preis für die Privatheit war die Bereitschaft, sich dem fremdbestimmten Takt von Arbeits- und Fahrtzeit zur Arbeit zu unterwerfen. Denn vorher arbeitete ein großer Teil auch der armen Bevölkerung zu Hause, vor allem in den ländlichen Regionen, produzierte etwa Textil- oder Lederprodukte, für die die Rohmaterialien angeliefert und die fertigen Produkte danach abgeholt wurden. Solche Formen der Arbeit gab es teilweise noch in den 1950er- und 1960er-Jahren.

 

Projektorientierte Arbeitszeitmodelle

 

Die möglichst effiziente Verwendung des eingesetzten Kapitals führte notwendigerweise zu einer Konzentration der Arbeitsplätze mit einer Rhythmisierung des Lebens durch die Stechuhr der Industriegüterproduktion. Der Blick auf die S-Bahn-Pläne von Berlin und die Öffnungszeiten von Geschäften, Büros und Schulen sowie der Drei-Schicht-Betrieb großer Konzerne lässt diesen Rhythmus gut nachvollziehen.

Noch heute sind die Industriearbeiter diesem Rhythmus unterworfen, ebenso wie die meisten Akteure der Pflegeberufe im medizinischen und sozialen Bereich, Sicherheitskräfte, Logistiker, technisches Wartungspersonal und Reinigungskräfte, um nur einige Bereiche zu nennen. Dabei begannen bereits in den 1980er-Jahren die großen Softwarekonzerne, sowohl für ihre Entwickler als auch für ihre Dienstleister andere Arbeitszeitmodelle zu entwickeln, die nicht mehr an feste Arbeitszeiten und auch nicht mehr an die Präsenz am Arbeitsplatz gebunden waren, sondern projektorientiert organisiert wurden. Aus Sicht der Unternehmer war es eine Win-win-Situation, weil sie erhebliche Bürokosten einsparen konnten – man brauchte nicht mehr für jeden Mitarbeiter einen Schreibtisch –, und für die Mitarbeiter war es ebenfalls ein Gewinn, weil sich jetzt die ihnen übertragenen Projekte oder ihre Servicedienstleistungen mit dem eigenen Lebensstil und der eigenen Kreativität verbinden ließen.

Dass solche Modelle in Zeiten attraktiv sind, in denen aus Sicherheitsgründen die Mobilität und die Kontakte der Menschen reduziert sind und die Arbeit mithilfe des Computers und des Internets an Attraktivität gewinnt, ist nachvollziehbar: Auch lassen sich mit dieser Arbeitsorganisation Mitarbeiter gewinnen, die nicht in der Nähe ihres Arbeitsplatzes wohnen, sondern weiter außerhalb. Der Redakteur einer Zeitung kann seinen Text überall dort verfassen, wo er sich gut konzentrieren kann, und er kann über entsprechende Programme mit seinen Kollegen kommunizieren. Das Gleiche gilt für eine Vielzahl von Berufen, die in unserer Gesellschaft inzwischen erheblich an Bedeutung gewonnen haben. Auch für Familien kann eine solche Entwicklung vorteilhaft sein, weil jetzt Arbeitszeit, Schulzeit, Fahrtzeit zur Arbeit, häusliche Arbeiten und private Kommunikation zumindest teilweise wieder in die Disposition des Einzelnen und der einzelnen Familie gelegt werden. Wer jeden Morgen um 7.00 Uhr in der S-Bahn sitzt, um gegen 8.00 Uhr am Schreibtisch zu sein, freut sich über die gewonnene Stunde.

 

Soziale Diskrepanzen

 

Es sollte aber nicht unterschätzt werden, dass diese neue Form der Arbeitszeit ganz unterschiedliche Auswirkungen für verschiedene soziale Gruppen und Familien haben kann. Es wurden bereits einige Berufsgruppen genannt, die nicht in dieser Arbeitsform arbeiten können, und dahinter liegt ein sozial schwierig zu lösendes Problem. Intellektuelle Berufe und Tätigkeiten, die sich als Projekte gestalten lassen, können in einem solchen Arbeitsprozess verhältnismäßig gut organisiert werden. Aber die Dienstleister, die die Pakete bringen, die im Krankheitsfall zur Verfügung stehen oder die die Sicherheit gewährleisten, um nur einige Beispiele zu nennen, werden in der Regel nicht besonders gut bezahlt und müssen ihren Beruf weiterhin im Takt der organisierten Arbeit ausüben; heute durch die elektronische Kontrolle zudem extrem verfeinert, weil die Vorgesetzten auf diese Weise jede Minute des Mitarbeiters kontrollieren können. Auf dieses Dilemma hat schon Stefanie Coontz am Beispiel der New Yorker Banker im ausgehenden 19. Jahrhundert hingewiesen, die auch meist zu Hause arbeiten konnten und nur ein- oder zweimal in der Woche ins Büro gingen, während ihre Mitarbeiter im Zehn-Stunden-Takt zu arbeiten hatten, An- und Abreise nicht eingerechnet.

John Cadburys Söhne haben dieses Problem anders gelöst. Sie haben um die Fabrik herum eine Gartenstadt gebaut, die noch heute in Birmingham zu besichtigen ist. Dort gilt selbst heute noch ein Großteil der Regeln, die sie damals aufgestellt haben, etwa kein Verkauf und Ausschank von Alkohol.

Der Grundgedanke hinter diesem Konzept ist relativ gut nachzuvollziehen: Die Fabrik mit ihren Produktionsprozessen gibt eine bestimmte Zeitstruktur vor; wenn es jedoch gelingt, allen dort Arbeitenden in der Nähe der Fabrik privaten Wohnraum zu geben, wird der Gegensatz zwischen denjenigen, die sich dem Takt der Fabrikarbeit unterwerfen müssen, und denjenigen, die mehr Projektarbeit oder anderes machen, zwar nicht aufgehoben, aber deutlich verringert. Wer heute über Homeoffice und virtuelle Arbeit nachdenkt, steht vor dem gleichen Problem wie die Cadburys und ihre Zeitgenossen. Neue Produktionsformen und neue Arbeitsmöglichkeiten erfordern eine neue Form von Kommunikation und Interaktion. Wer sich nur darauf konzentriert, dass virtuelle Arbeitsplätze entstehen, ohne die sozialen Konsequenzen zu bedenken, wird genau jene Gegensätze hervorrufen, wie sie am Beispiel der Büroarbeit der New Yorker Bank und ihrer Chefs beschrieben wurden. Hieraus ergeben sich drei große Herausforderungen:

Erstens: In den großen Städten, etwa Berlin oder Hamburg, sind etwa sechzig Prozent der Haushalte Ein-Personen-Haushalte, bei denen sich in der Regel ein Bereich der Wohnung privat gestalten lässt und ein Bereich als Arbeitsplatz; in dieser Struktur lässt sich die Privatheit behalten oder aufgrund der vergrößerten Zeitdisposition sogar ausweiten.

Eine Familie mit Kindern, etwa in einer Vier-Zimmer-Wohnung, kann das nicht. Denn der Familienrhythmus und die Notwendigkeit zur konzentrierten Arbeit lassen sich viel schwerer miteinander vereinbaren, wenn Arbeit und Familie gleichzeitig an einem Ort stattfinden. Eine Steuerfachgehilfin, die Steuererklärungen prüft, kann ihrem dreijährigen Kind kaum erklären, dass sie die nächsten zwei Stunden für das Kind nicht zu sprechen ist, weil sonst die Fehlerquote zu groß wird. Auch lässt sich in einer solchen Familienwohnung die Privatheit kaum abgrenzen: Will man seinen privaten Lebensort, sei es das Schlafzimmer, die Küche oder das Wohnzimmer, so öffnen, dass alle Kollegen und der Chef genau wissen, wie man wohnt, welche Bilder an der Wand hängen, welche Musik man gern hört und Ähnliches mehr? Dadurch geht ein Stück Privatheit verloren.

Zweitens: Die Arbeit im Büro ist nicht nur sachlich-rational. Die Menschen gehen auch gern zur Arbeit, weil sie die konkrete soziale Kommunikation mit einem Kollegen oder einer Kollegin schätzen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und auf diese Kommunikation angewiesen. Er ist auch darauf angewiesen, unabhängig vom Partner und seinen Kindern mit anderen Menschen personale Beziehungen und Kontakte, wie Freundschaften, aufzubauen. Bei der Konzentration der gesamten Arbeit zu Hause entfällt diese soziale Komponente der Arbeit, denn die virtuelle Kommunikation unterscheidet sich strukturell von der konkreten sozialen Interaktion von zwei Personen.

Drittens: Das zentrale Problem ist die Situation für die Kinder. Sollen Kinder in einer Welt aufwachsen, in der die Eltern ihre Arbeitszeit, die sich strukturell von der Familienzeit unterscheidet, in der häuslichen Interaktion gegen die Kinder durchsetzen? Oder ist der häusliche Kontext nicht genau der Rahmen, in dem solche Verpflichtungen gerade keine Rolle spielen? Darüber hinaus aber sind Kinder und Jugendliche für ihre Entwicklung besonders darauf angewiesen, mit anderen Menschen real zu kommunizieren und zu interagieren, und nicht nur medial. Schon jetzt weist eine Reihe von Untersuchungen auf das Problem hin, dass die Kinder und Jugendlichen, die stark in den sozialen Netzen unterwegs sind, ausgeprägte personale Probleme aufzeigen. Wenn jetzt auch noch die Eltern fast ausschließlich in dieser Form medial agieren, wie wichtig nehmen dann die Kinder auf Dauer das Erlernen konkreter sozialer Beziehungen?

 

Mehr Freiheit, weniger Privatheit

 

So stehen wir heute vor dem gleichen Problem wie die Gesellschaften des frühen 19. Jahrhunderts. Auf der einen Seite zeichnen sich, jetzt noch verstärkt durch die Coronakrise, durch die vermehrte Projektarbeit und die Virtualisierung der Beziehungen neue Arbeitsmöglichkeiten ab. Wenn diese Entwicklung in ihrer Struktur wesentlich dem Effizienzgewinn der Arbeit untergeordnet wird, werden sich ebenso wie in der Industriegesellschaft die sozialen Gegensätze zwischen denjenigen, die so leben können und Arbeit produzieren, und denjenigen, die für diese Gruppe die Dienstleistung erbringen, verstärken.

Den Familien wird ein Stück an Privatheit genommen; für die Alleinlebenden und diejenigen mit entsprechendem Wohnraum wird etwas Privatheit hinzugegeben; doch die soziale Kompetenz von Kindern wird möglicherweise auf Dauer eingeschränkt. Daher sollte diese Entwicklung weder vorbehaltlos begrüßt noch verteufelt werden. Vielmehr muss ebenso wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts darüber diskutiert werden, wie diese Arbeitsorganisation so in das soziale Leben eingebettet werden kann, dass die Vorteile daraus nicht nur für einzelne Gruppen im ökonomischen Bereich erwachsen, sondern dieses Modell für einen Großteil der Gesellschaft attraktiv wird.

 

Hans Bertram, geboren 1946 in Soest, Soziologe, 1981 bis 1984 Lehrstuhl für Soziologie, Universität der Bundeswehr, München, 1984 bis 1993 Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI) e.V., München, emeritierter Professor für Soziologie, Humboldt-Universität zu Berlin.