Gestaltung: StanHema
de Kaltërina Latifi

Hat uns Corona den Atem verschlagen?

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Was ist nur mit unserem Atem geschehen? Nicht bloß der altbewährte Handschlag, auch die physiologische Notwendigkeit des Ein- und Ausatmens als Inbegriff des Am-Leben- und Lebendig-Seins steht auf dem Spiel. Plötzlich stellt der Atem des anderen eine akute Gefahr dar. Wir fürchten uns davor, uns wechselseitig zu infizieren. Was tun, wenn bei einer Notsituation eine Mund-zu-Mund-Beatmung gefordert ist? Soll man beatmen, dabei sich und den zu Beatmenden der allgemein drohenden Gefahr einer viralen Übertragung aussetzen? Eine virale Todesdrohung, die von einer simplen Aus- und einer ebensolchen Einatmung ausgeht: Wer hätte sich das erträumen lassen? Gerade jetzt im Winter, da der aus der Wärme des Innern kommende Odem nach außen tritt und – sich mit der kalten Luft vermischend – eine sichtbare Gestalt annimmt, kommt es einem so vor, als würde man von Atemgeistern heimgesucht – hat sich unser Atem zu einem bösen Geist gewandelt? Immerhin kann man mittlerweile ein böswilliges Anhauchen unserer Mitmenschen als einen Anschlag auf das Leben deuten – man weiß ja nie, es könnte, um es mit Hamlet zu sagen, ein „gift’ger Anhauch“ sein. Und obwohl alles bereits 2019 begann, so breitete sich SARS-­CoV-­2 hauptsächlich im Jahre 2020 bedrohlich rasch aus, bis es die gesamte Welt in Atem hielt! Darf man dieses Jahr daher, wenn wir beim dänischen, gleichermaßen von Geistern geplagten Prinzen bleiben wollen, als die „wahre Spükezeit der Nacht [bezeichnen], | Wo Grüfte gähnen, und die Hölle selbst | Pest haucht in diese Welt“?

Wenn es um den Atem geht, so blüht die deutsche Sprache regelrecht auf vor lauter Redewendungen: So manches im Leben, wie gesagt, hält uns immer wieder in Atem; und ergeben sich Dinge nahezu gleichzeitig, so heißt es: Sie seien in einem oder im selben/gleichen Atem geschehen. Daher vergleicht man dieses oder jenes, wenn man sie in einem Atemzug nennt. Nach einer längeren Kraftanstrengung geraten wir außer Atem; wir müssen Atem schöpfen (oder holen). Wobei hervorzuheben gilt: Man schöpft Atem (wie auch Hoffnung und Zuversicht), aber man schnappt nach Luft – und wenn wir Luft schnappen, ergeht es uns wie Hamlet in der finalen Fechtszene: Wir sind „kurz von Athem“. Wer sich bedrängt und eingeengt fühlt, glaubt, nicht mehr frei atmen zu können. Man benötigt eben nicht nur Freiräume, sondern auch ein freies Atmen. Wer beharrlich sein Ziel verfolgt und bis zuletzt Durchstehvermögen zeigt, der hat wiederum einen langen Atem. Ganz anders ergeht es jenen, die mit ihren Kräften am Ende sind; ihnen ist der Atem ausgegangen. Und was uns allen früher oder später bevorsteht, ist der letzte Atemzug.

 

Atmen wie ein „unsichtbares Gedicht!“

 

Sich bloß nicht zu nahekommen, die Eineinhalb-Meter-Abstands- oder Sixfoot-apart-Regelung einhalten, so Pi mal Daumen – es schien phasenweise zu gelingen, wir glaubten uns sicher. Wo die räumlichen Abstände nicht eingehalten werden konnten, musste die Maske her, oder zu gut Deutsch: ein Nasen- und Mundschutz (Ihrer Wahl). Denn unser Atem hält sich nicht an Regelungen, er nimmt sich den Raum, den er benötigt, um sich gänzlich auszubreiten und sich in alle Richtungen zu verstreuen – so wie es ihm eben gefällt. Der Atem kennt keine Grenzen; selbst die Maske kann ihn nur eindämmen. Das Verhältnis von Atem und Raum, das Raumgreifende des Atems und Atmens, hat Rainer Maria Rilke in einem seiner Sonette an Orpheus eindrucksvoll veranschaulicht. Den Atem setzt er mit einem sprachlichen Gebilde gleich – ein Atem und Atmen wie ein „unsichtbares Gedicht!“ Es ließe sich in diesem Fall von einem poetischen Atem sprechen, der sich entgrenzen will, er dient dem Dichter als „Gegengewicht, | indem ich mich rhythmisch ereigne.“

Verstehen wir den Atem also nicht nur als eine Ausdrucksform (unseres Innern), sondern auch als eine konkrete Gestalt im Raum-Zeit-Kontinuum, in der sich unser Eigenes verwirklicht (sieht)? Anders gesagt – das Gedicht bezeugt, was es bedeutet, wenn einem der eigene Atem zur Sprache wird und nach außen tritt: „Erkennst du mich, Luft, du, voll noch einst meiniger Orte?“ Wie aber entfaltet sich Poesie und Poetisches, wenn ein Mundschutz die freie Atmung beeinträchtigt? Hält die Maske womöglich nicht nur die Viren, sondern auch die Inspiration zurück? Hat uns Corona vielleicht, indem es uns den Atem verschlagen hat, auch die Sprache verschlagen? Müssen wir sprachliterarische Spätfolgen befürchten? „Sey du gewiß, wenn Worte Athem sind, | Und Athem Leben ist, hab’ ich kein Leben, | Das auszuathmen was du mir gesagt“ – heißt es in Hamlet.

Was für die Poesie gilt, gilt nicht minder für den Alltag: Seit wir Masken, pardon: Nasen- und Mundschutz, tragen, bleibt die zwischenmenschliche Alltagskommunikation auf der Strecke: Nicht nur auditiv, weil wir manchmal nur schwer hören können, was unser Gegenüber sagt, sondern auch visuell: Lippenlesen ist zu einem Ding der Unmöglichkeit geworden. Und so manches Nuscheln, dem wir jetzt mit einem „Wie bitte?“ entgegnen, konnten wir zu Zeiten vor Corona noch eigen­äugig entziffern, indem wir einfach (das heißt meistens unbewusst) der Mundbewegung folgten, sodass man gelegentlich die paradoxe Erfahrung machen konnte, das Gesagte zu verstehen, noch bevor man es zur Gänze gehört hatte.

 

Anspielung auf die eigene Gegenwart

 

Ist man noch Mensch ohne Atem? Man denke an Edgar Allan Poes frühe Erzählung Loss of Breath (Der verlorene Atem oder auch Der Atemverlust), worin analog zum Motiv des „verlorenen Schattens“ bei Chamisso und E. T. A. Hoffmann eine Erzählfigur sich auf die Suche nach ihrem verlorenen Atem macht. Das Ich, das diesen Verlust erlitten hat, lernt, damit zu leben – atemlos und doch gefasst, eingedenk der ironischen Einsicht, dass es auf diese Weise zumindest keinen Erstickungstod mehr erleiden müsse. Oder etwa bei Shakespeare, der sich bekanntlich 1593 angesichts einer in London wütenden Pestepidemie in Selbstquarantäne begab und während der erzwungenen Pest-Auszeit fleißig schrieb, unter anderem seine berühmten Sonette. Der erzwungene Rückzug hatte seine literarische Produktivität offensichtlich nicht hemmen können. Das im Ausnahmezustand gleichfalls entstandene Langgedicht Venus und Adonis handelt zwar primär von der (unerfüllten) Liebe, die, je heftiger man liebt, umso tragischer enden muss, doch auf einer anderen Ebene thematisiert der Barde dort auch den wechselseitigen pneumatischen Austausch, der gerade in seiner Zeit eben nicht nur für ein organisches Verschmelzen beider Seiten stand, sondern umgekehrt die Todesgefahr mitreflektierte. Was einst Leben bedeutete, war nun des Todes Vorbote: „Er, der unwillig und gezwungen leidet, | Haucht ihr in’s Antlitz, schöpfet keuchend Luft; | Und sie, die sich an seinem Athem weidet, | Nennt ihn der Grazien Hauch, des Himmels Duft.“ Shakespeare thematisiert hier Infektiosität überhaupt, im guten wie im schlechten Sinne, sei es auf der einen Ebene der Liebreiz eines Adonis, der sich in Venus einnistet und sie so virale Höhenflüge erleben lässt, oder sei es auf der anderen Ebene die versteckte Anspielung auf die eigene Gegenwart, in der jede Atemwende, von Mensch zu Mensch, tödlich enden konnte. Als Adonis schwerverletzt auf dem Boden liegt und dabei ist zu entschwinden – er verwandelt sich in eine Blume –, entschwindet sein Atem mit ihm. Venus pflückt die Blume und „wähnt Adonis Athem aufzuküssen“. Wo der Atem aussetzt, hört auch das Leben auf. Gleichermaßen gilt jedoch umgekehrt: Wo Atem ist, besteht Infektions- und das heißt auch Lebensgefahr.

 

„Nun muss sich alles, alles wenden“

 

Die Lebensluft, oder das Pneuma, das man auch als anima und spiritus, also als Geist bezeichnet, steht zunächst für ein inneres Lebensprinzip. In diesem Fall ist die infektiöse Übertragung willkommen. Wir können uns glücklich schätzen, einen Funken Pneuma ergattert zu haben und so, wenn auch nur fragmentarisch, an einer übergeordneten Kraft teilzuhaben. Als Europa der Atem auszugehen drohte, dichtete Ludwig Uhland in seinem Gedicht Frühlingsglaube (1812/13) die sprichwörtlich gewordene Zeile – sie war jahreszeitlich ebenso wie politisch gemeint, und zwar als Vorgriff auf die dann einsetzenden sogenannten Befreiungskriege: „Nun muß sich alles, alles wenden.“ Einhundertfünfzig Jahre später befand dies auch Paul Celan und bezog es auf den Atem in seinem nicht minder markanten, einprägsamen Begriff der „Atemwende“. Darin ist vom „Steinatem“ die Rede, von Gesprächen „von Rauchmund zu Rauchmund“, und davon: „[…] zwei | Brandwolken Atem | graben im Buch, | das der Schläfenlärm aufschlug“. Es ist ein Atem, der nicht mehr als selbstverständlich gelten kann. Wenn er sich „wendet“, dann wohin? Gibt es danach einen neuen Aufbruch, wie Uhland das vermutete, ja ersehnte? Und was bedeutet das für unsere Zeit – befinden auch wir uns im Aufbruch? Wird nach Corona alles anders und das heißt auch besser? Was wird geschehen mit unserer Erinnerung, wenn die Impfung uns den Weg in den heute schmerzlich vermissten Alltag ebnet? Werden wir die Besonderheit eines freien Atemzugs noch zu schätzen wissen?

In einer großen vierteiligen Installation (Atemwende: A Breathturn, 2013) hat Edmund de Waal hartweiße Keramiken in unregelmäßiger Abfolge in gleichfalls weißen, schmalfächerigen Hängeregalen aufgestellt, die so Atemgefäße und Atemvorräte symbolisieren. Eine ähnliche Suche, jedoch nach „Atemkristallen“ ging von Celans Gedicht aus. Atemkristalle, die seine Frau Gisèle Celan­Lestrange wiederum in Radierungen verbildlichte. Auch diese Radierungen besagen: Die Atemwege, sie sind unergründlich, und das selbst dann, wenn sie greifbare Formen annehmen. Ebenso unergründlich (wenn auch wissenschaftlich messbar) ist das, was durch die Atemwege nach außen strömt, namentlich Kleinstpartikel, also Aerosole, und Mundfeuchtigkeit in Form von Tröpfchen, wenn wir beispielsweise Vokale und Konsonanten prononciert aussprechen. Sie bleiben dem menschlichen Auge in der Regel unsichtbar; zum Glück, möchte man meinen, sonst sähe man nichts mehr vor lauter ausgeatmeter Lungenstaubwolken, in denen sich womöglich, weil Sprechen ohne Atem nicht denkbar ist, das ein oder andere Wort festgehangen hat. Wie sich solche Aerosol-Wölkchen ausbreiten und dabei einen wundersam visuell-ästhetischen Reiz ausströmen können, haben Choristen des Bayerischen Rundfunks gezeigt, die sich bei einer wissenschaftlichen Untersuchung als Probanden zur Verfügung stellten. Den eingeatmeten Rauch ließen sie „Freude, schöner Götterfunken“ singend wieder entströmen.

 

„Der Atem bespricht die Maske“

 

Was daraus resultierte, waren nicht nur wissenschaftliche Daten zur Etablierung eines sinnvollen Sicherheitsabstandes, sondern vor allem kunstvolle visuell-auditive Bilder unseres Stimmatems; amorphe, diffuse Formen, denen es gelingt, auch bei einer eng ansitzenden Maske jede kleinste Öffnung zu nutzen, um sich dann frei zu bewegen und nach Belieben auszubreiten.

Inzwischen aber blüht die Corona-Literatur. Die einschlägigen Veröffentlichungen jagen einander in atemloser Folge. Überlassen wir der Lyrik das letzte Wort, ihr, die sich seit Friedrich Hölderlins großer Hymne Patmos auf das durch den Atem, das Pneumatische inspirierte und daher zum Gesang fähige Wort versteht wie keine Kunstform sonst: „Der Atem bespricht die Maske | Die Augen lächeln für den Mund“ heißt es in einem Gedicht von Matthias Buth (Die weiße Pest. Gedichte in Zeiten der Corona).

Halten wir denn vorerst weiter den Atem an, damit er unserer Kultur nicht vorzeitig ausgeht.

 

Kaltërina Latifi, geboren 1984 in Pristina (Kosovo), Schweizer Literaturwissenschaftlerin und Essayistin; derzeit Research Fellow an der Queen Mary University of London und Habilitandin an der Georg-August-Universität Göttingen mit einer Arbeit zur Ästhetik des literarischen Fragments.