„Natürliche Ordnung“

Rechtsextremisten verabscheuen Wandel, Modernität und gesellschaftliche Dynamik. Sie setzen dagegen die Vorstellung, dass gesellschaftliche Ordnungen nur dann richtig und funktionsfähig seien, wenn sie auf angeblichen „natürlichen Grundlagen“ aufbauen.

Rechtsextreme und demokratische Auffassungen von politischen und sozialen Ordnungsformen unterscheiden sich grundsätzlich. Für Demokraten sind gesellschaftliche Ordnungen durch Menschen gestaltete und von ihnen zu verantwortende Verhältnisse. Sie lassen sich ändern, sie entwickeln sich und sie bleiben niemals über einen längeren Zeitraum völlig gleich. Rechtsextremisten sehen solchen Wandel, sehen Modernisierung und Dynamik als etwas Verwerfliches. Es störe die einer Nation vorgegebene „natürliche“ Ordnung. Worin das „Natürliche“ an solchen Ordnungen besteht, darüber gehen die Meinungen auch unter Rechtsextremisten auseinander. Rassistisch-völkische Neonazis behaupten, dass eine „richtige“ Ordnung durch biologische Gesetze und genetische Anlagen eines Volkes bestimmt werde. „Gemäßigtere“ Rechtsextremisten glauben, dass sich die einer Nation oder einem Volk zukommende „natürliche“ Ordnung aus ihrer Kultur und Geschichte ergebe.

Beiden Varianten ist gemeinsam, dass es der Bevölkerung nicht gegeben sein soll, sich für eine von ihr bevorzugte Form des Zusammenlebens zu entscheiden, sondern dass sie sich entweder biologisch-genetischen Gesetzen oder kulturell-historischen Traditionen zu fügen hätte. Eine Freiheit zur bewussten Gestaltung von gesellschaftlichen Ordnungen, so eine rechtsextreme Autorin, existiere nicht: „Es geht politisch heute nicht darum, die Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen gegenüber der natürlichen und kulturellen Substanz noch zu erweitern. (...) ‘Freiheit’ heißt nun zunehmend die freiwillige und überzeugte Bejahung gewachsener Kulturen und der Entschluss, sie zu schützen.“ (1)

Gesellschaftliche Ordnungen, die auf einer Weiterentwicklung, auf einer gegenseitigen Beeinflussung und Befruchtung, ja der Vermischung von Kulturen beruhen, sind demnach falsch und zu vermeiden. Es versteht sich von selbst, dass die von Rechtsextremisten behaupteten „natürlichen“ Ordnungen allenfalls ein idealisiertes Märchengebilde darstellen, tatsächlich aber nie existiert haben. Die Idee einer feststehenden deutschen Kultur scheitert schon an den landsmannschaftlichen und regionalen Unterschieden, die gerade ein mitteleuropäisches Zentralland wie Deutschland auszeichnen. Bei der angeblich biologisch und genetisch definierten „natürlichen“ politischen Ordnung stellt sich dann die Frage, ob die germanischen Stammesgesellschaften, die Ständeordnung des Mittelalters oder die absolutistische Monarchie die richtige „natürliche“ Ordnung bilden.

Gesellschaftlichen Wandel zum Stehen zu bringen, ist ein steter Wunsch von Rechtsextremisten. Seine Verwirklichung würde entsetzlich langweilige, provinzielle und isolierte Zustände schaffen.

Übrigens: Wo Rechtsextremisten gerne von „nationaler Revolution“ reden, meinen sie eine Volte rückwärts. Revolution steht bei ihnen für den Wunsch, einen als ideal gedachten und von der Moderne zerstörten archaischen Zustand wiederherzustellen.

Rudolf van Hüllen

(1) Angelika Willig, in: „Deutsche Stimme“ vom 8.1.2008.

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