Adolf Hitler und der moderne Rechtsextremismus

Der historische Nationalsozialismus ist das nach wie vor zentrale Identitätsthema des harten, neonazistischen Rechtsextremismus. Die Sichtweise auf die zentrale dämonische Figur des Nationalsozialismus, Adolf Hitler, hat sich zumindest dem Anschein nach gewandelt.

In den 1950er und 1960er Jahren bestanden rechtsextremistische Organisationen in Deutschland überwiegend noch aus früheren NSDAP-Mitgliedern, die in besonderem Maße auf die Person des „Führers“ fixiert waren. Es gab verbreitet auch Versuche, die zentrale Figur des Nationalsozialismus von seinen Verbrechen zu trennen („Der Führer hat das nicht gewusst.“). In den 1980er Jahren, als diese Generation zahlenmäßig auch in rechtsextremistischen Organisationen schwächer wurde, war der Hitlerkult das zunehmend skurriler wirkende Markenzeichen der sogenannten „Stiefel-Nazis“, die, wo immer es legal möglich war, sich in Uniformen der NS-Zeit versammelten und als „Scheitel-Träger“ (siehe auch Rechtsextreme Dresscodes) bisweilen auch ihre Haartracht dem Vorbild anpassten.

Seit ungefähr Mitte der 1990er Jahre ist dies nicht mehr im gleichen Ausmaß der Fall. Der reine „Führerkult“ erschien einer nachwachsenden Generation von Neonazis zu steril und altmodisch. Viele von ihnen vor allem in den neuen Bundesländern waren von der offiziellen SED-Doktrin beeinflusst, nach der Hitler eine Art Hampelmann des Großkapitals und mitnichten ein Mann der einfachen Leute gewesen sei (1). Bei der „Modernisierung“ des Rechtsextremismus suchten sie nach sozialrevolutionären Anknüpfungspunkten, die sie überwiegend in Repräsentanten des „linken“ Flügels der Nationalsozialisten um die Brüder Strasser zu erkennen glaubten. Sie stellten dem zufolge andere Funktionäre des Nationalsozialismus als Vorbilder heraus (siehe auch Falsche Vorbilder) und lehnten den „Hitlerismus“ zumindest nach außen ab.

Dennoch blieb Hitler eine emotionale Identifikationsfigur - vermutlich auch wegen des hohen Provokationseffekts, den eine positive Bewertung seiner Person garantiert. Neonazistische Musikangebote wie „DJ Adolf“ mit einschlägigen Covern, aber auch Devotionalien aller Art bezeugen das zumindest für die parteiungebundene Neonazi- und Skinhead-Szene.

Die NPD als wichtigste Partei im Rechtsextremismus stellt Hitler nicht gesondert als Vorbild heraus. Zahllose Anspielungen in ihrer Agitation lassen aber Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieses Verhaltens zu. Die Partei forderte einen Mindestlohn von 8,80 Euro, und das Lösungswort eines NPD-Kreuzworträtsels ergab „Adolf“. Die Erklärung des Parteivorsitzenden, man habe eben die Forderung der Linken zum Mindestlohn seinerzeit nochmals angemessen übertreffen wollen; zudem sei mit dem Kreuzworträtsel-Lösungswort Adolf von Thadden, der zweite Vorsitzende der NPD gemeint gewesen, kann man glauben oder es besser lassen (2). Denn immer wieder „entgleiten“ auch höheren NPD-Funktionären positive Würdigungen des „Führers“. Sie zeichnen sich durchweg dadurch aus, dass sie die verbrecherische Dimension der von ihm zu verantwortenden Politik unerwähnt lassen.

NPD-Funktionäre zu Adolf Hitler:
„Zweifellos handelt es sich bei Hitler um einen großen deutschen Staatsmann. Ich verkenne aber nicht, dass er letztlich die Verantwortung für die Niederlage Deutschlands trägt.“

(der frühere NPD-Vorsitzende Udo Voigt in: „Junge Freiheit“ vom 24.09.2004)

„Er ist ja ein Phänomen gewesen, dieser Mann, militärisch, sozial, politisch.“

(NPD-Funktionär Udo Pastörs in der ARD nach der Landtagswahl September 2006 in Mecklenburg-Vorpommern)

Adolf Hitler beschäftigt den heutigen Rechtsextremismus nach wie vor als eine Art Übervater, zu dem man sich allerdings nicht offen bekennen kann.

Rudolf van Hüllen

(1) Nach kommunistischer Doktrin war der Nationalsozialismus „die offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. Diese Definition von 1933 (!) war völlig unzureichend und übersah vor allem die rassistisch-antisemitische Dimension des Nationalsozialismus.

(2) Radio Berlin-Brandenburg, Sendung vom September 2011, online hier.

„8,80 Euro“ spielt auf die Chiffre „88“ an, die unter Rechtsextremisten für „Heil Hitler“ verwendet wird (siehe auch Rechtsextreme Codes). Dieser Sprachcode ist dermaßen bekannt, dass die Anspielung innerhalb der rechtsextremen Szene von niemandem missverstanden würde.

Lesetipps:

  • Zur Gegenwart der NS-Propaganda unter Rechtsextremisten und insbesondere zu Hitlers Hauptwerk „Mein Kampf“ die Themenausgabe „Hitlers 'Mein Kampf'“, „Aus Politik und Zeitgeschichte“ 43-45/2015, online hier auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung verfügbar.

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