Falsche Vorbilder: Der „deutsche Frontsoldat“

Rechtsextremisten neigen zur Verherrlichung des Militarismus - und damit auch zur Idealisierung des „eigenen“ - sprich: deutschen - Militärs. Dabei steht nicht etwa das Gedenken an die Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen, sondern deren Rechtfertigung im Vordergrund rechtsextremistischer Agitation. Dazu wird ein heroisches Bild vom „deutschen Frontsoldaten“, dem sprichwörtlichen einfachen „Landser“ gezeichnet. Wer sich rechtsextreme Homepages anschaut, stellt sofort fest: Es ist nicht etwa der Soldat des Ersten Weltkrieges, sondern stets derjenige des Zweiten Weltkrieges, dem die besondere Zuneigung von Rechtsextremisten gilt.

Das dürfte nicht nur daran liegen, dass es noch eine schwindende Anzahl von Frontsoldaten des Zweiten Weltkriegs gibt, die manchmal als „Zeitzeugen“ zur Verfügung stehen. Es hat auch etwas mit der Idealisierung der Wehrmacht und der Relativierung der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg zu tun (siehe auch Der Zweite Weltkrieg und der Rechtsextremismus).

Die deutsche Wehrmacht war, anders als ihre Vorgänger, das Ergebnis einer gezielten, von den Nationalsozialisten seit 1935 recht offen ins Werk gesetzten Aufrüstung. Nach außen sollte sie angeblich nur die Gleichberechtigung Deutschlands im Konzert der europäischen Mächte nach dem Ersten Weltkrieg wieder herstellen, aber die Nationalsozialisten hatten sie von vornherein als Instrument zur gewaltsamen Verwirklichung ihrer Idee eines Großdeutschen Reiches vorgesehen. Die Wehrmacht führte nach der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges daher keinen legitimen Verteidigungskrieg. Das behaupten übrigens heute nicht einmal Rechtsextremisten. Ihre Sprachregelung lautet vielmehr, der durchschnittliche „deutsche Frontsoldat“ sei subjektiv der Meinung gewesen, „seine Heimat verteidigen zu müssen“, er dürfe daher nicht „verteufelt“ werden (1).

Tatsächlich dienten 18 Millionen Männer in der Wehrmacht. Rund fünf Millionen fielen (2). Als Wehrpflichtarmee war die Wehrmacht nicht „nationalsozialistisch“, denn eingezogen wurde im Verlauf des Krieges, wer für tauglich befunden wurde und nicht als „unabkömmlich“ galt. Einen relativ großen Prozentsatz der „Unabkömmlichen“ stellten übrigens die „Goldfasane“ und kleinen Parteibonzen der NSDAP. Sie erhielten nicht selten die „Drückerposten“ hinter der Front oder in der Heimat und sorgten zudem mit einem Fingerzeig an die Gestapo als Denunzianten dafür, dass politische Gegner an die Ostfront kamen. Deshalb bestand die Wehrmacht keineswegs durchweg aus überzeugten Nationalsozialisten. Jenen Wehrmachtssoldaten, die Gewerkschafter, Christen, Sozialdemokraten waren, kann nicht unterstellt werden, sie hätten die Kriegsziele der Nationalsozialisten verwirklichen wollen. Sie wollten den Krieg in erster Linie überleben - nicht anders als aktive und erklärte Regimegegner, die sich häufig genug in Straf- und „Bewährungsbataillonen“ wiederfanden. Das macht aus der Wehrmacht keine „antifaschistische“ Armee. Aber Millionen Soldaten haben den Dienst in ihr eher erlitten – eine allgemeine Kriegsbegeisterung gab es 1939 im Unterschied zum August 1914 nicht.

Allerdings wären die Verbrechen der Nationalsozialisten ohne den Schutz der Wehrmacht nicht möglich gewesen. Darüber hinaus: Wehrmachtseinheiten haben sich aktiv an ihnen beteiligt, an Geiselerschießungen, der Ermordung von Juden, Kommunisten, tatsächlichen und vermeintlichen Partisanen und Widerstandskämpfern. Andererseits gab es einen militärischen Widerstand, der im 20. Juli 1944 seinen Ausdruck fand. Das Bild bleibt damit sehr widersprüchlich: Weder war die Wehrmacht „unschuldig“ an den NS-Verbrechen, noch kann man andererseits den durchschnittlichen Wehrmachtsangehörigen pauschal zum Kriegsverbrecher erklären.

Genau das tat implizit eine Wanderausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-44“, die 1995 bis 1999 in Lauf gesetzt wurde und für starke politische und emotionale Debatten in der Bundesrepublik sorgte (3). Die Absicht ihrer Geldgeber (4) war, die Mitverantwortung der Wehrmacht insgesamt und auch ihrer einzelnen Angehörigen für die NS-Verbrechen zu dokumentieren. Dies war korrekt, denn es stellte die Legende von der im Gegensatz zur verbrecherischen SS angeblich völlig „sauberen“ Wehrmacht in Frage und zur Diskussion. Die Ausstellung enthielt jedoch zahllose Ungenauigkeiten, ja sogar offensichtlich absichtsvolle Fälschungen, die suggestiv sämtliche deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges zu Kriegsverbrechern stempelten (5). Die in weiten Teilen wissenschaftlich unseriöse Ausstellung wurde 1999 aus dem Verkehr gezogen und durch eine überarbeitete und korrigierte Variante ersetzt - bis dahin hatte sie sich aber zu einer „Steilvorlage“ für die Agitation von Rechtsextremisten entwickelt.

Die Frontstellung gegen die Faktenfälschungen in der „Wehrmachtsausstellung“ vermittelte Rechtsextremisten das Gefühl, auf Seiten von Millionen überlebender Wehrmachtsangehöriger zu stehen, die nun keineswegs einem bestimmten politischen Lager zuzurechnen waren. Dem entsprach ihre Kampagne unter der Losung „Opa war in Ordnung“ - die Wehrmacht und ihre Angehörigen sollten pauschal entlastet und damit Fragen nach historischer Verantwortung und Schuld ein für alle Mal unterbunden werden. Regelmäßige, manchmal auch gewaltsam verlaufende, Demonstrationen gegen die Ausstellung bildeten ein einigendes Band der zersplitterten rechtsextremen Szene. Ihre Aufmärsche erreichten Teilnehmerzahlen, mit denen sie bis dahin nicht hatten rechnen können: Am 1. März 1997 demonstrierten in München rund 4.000 Rechtsextremisten gegen die Ausstellung (6) - der zahlenmäßig stärkste Aufmarsch, den sie in der Bundesrepublik je zusammen bekommen hatten.

Rudolf van Hüllen

(1) „Argumente für Kandidaten und Funktionsträger“ der NPD, 2006, S. 33.

(2) Diese offiziellen Zahlen stammen von der Deutschen Dienststelle in Berlin (früher: Wehrmachtsauskunftsstelle), die sich von Amts wegen mit dem Schicksal deutscher Soldaten des 2. Weltkriegs befasst.

(3) Vgl. Bogdan Musiel, in: Deutschland-Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung, online hier verfügbar.

(4) Das „Hamburger Institut für Sozialforschung“ widmet sich, obwohl eine politisch ursprünglich „linke“ Gründung, allgemein der Erforschung von Gewaltregimen. Es hat auch zahllose wichtige Forschungsergebnisse zur SED-Diktatur hervor gebracht.

(5) Der - 1999 gefeuerte - wissenschaftliche Leiter der Ausstellung Hannes Heer hatte in den 1970er Jahren eine illustre Reihe von politisch motivierten Straftaten links begangen.

(6) Verfassungsschutzbericht 1997, S. 71 f.

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