Subkultureller Rechtsextremismus

Rechtsextremismus vollzieht sich nicht immer in gut organisierten Gruppen. Oft sind es nur oberflächlich anpolitisierte Cliquen, die Teile rechtsextremistischen Gedankenguts wie Gewaltverherrlichung, NS-Nostalgie oder Aggressionen gegen sozial schwache oder ausländische Menschen verinnerlicht haben und ausleben. Aus solchen Cliquen heraus können schwerste Gewalttaten verübt werden, ohne dass die Täter dafür eine ideologische Begründung lieferten. Mindestens örtlich sind solche subkulturellen Cliquen bedrohlicher Bestandteil einer rechten Jugendkultur geworden.

Als die DDR zerfiel, empfanden dies viele damals junge Menschen als Verlust eines geplanten und anscheinend sicheren Lebensweges. Die rasanten Veränderungen der Zeit nach 1990 produzierten auch Verlierer und damit oft hilflosen Protest und die Suche nach Sündenböcken. Die schon zu DDR-Zeiten bestehende rechte Skinhead-Szene bot mit eigenem Kleidungshabitus (Doc-Martens-Stiefel, Bomberjacken und Kurzhaar-Frisur), mit Musikangeboten und Trinkgelagen ein Ventil für Unzufriedenheit.

Skinheads („Hautköpfe“, „Glatzen“) waren ursprünglich eine aus Großbritannien stammende Jugendkultur, die sich an dem Lebensstil der englischen Arbeiter orientierte, aber vielfältige Umbrüche und Abwandlungen erlebte, bis hin zu ihrer teilweisen Vereinnahmung durch organisierte Rechtsextremisten. Männlichkeitsrituale, Gewaltbereitschaft, die Bevorzugung bestimmter Musikstile wie Hardcore und Heavy Metal sind Merkmale der vorwiegend ostdeutschen Skinhead-Szene, die ganz überwiegend rechtsextrem politisiert wurde und für zahllose schwerste Gewalttaten gegen „Feinde“ verantwortlich ist. Solche meist unter Alkoholeinfluss begangenen Gruppentaten werden zwar nicht langfristig geplant, sind aber dennoch nicht zufällig: Skinheads und rechte Jugendcliquen pflegten an bestimmten Treffpunkten wie Tankstellen, Bushaltestellen oder Jugendclubs „abzuhängen“ und bei entsprechender Gelegenheit ihnen missfallende „Andere“ anzugreifen. Zumeist sind solche Aktivitäten begleitet von einer größeren Skala allgemein krimineller Straftaten (Trunkenheitstaten, Körperverletzungsdelikte, Widerstandsdelikte, Diebstahl).

Für subkulturelle Rechtsextremisten ist ihre geringe Neigung zu verbindlicher Organisierung und zur Aneignung politischer Ideologien kennzeichnend. Im Vordergrund steht das Erlebnis in der Clique, sei es eine Musikveranstaltung (siehe auch Rechtsextremismus als „Event“: Rechtsextreme Musik) oder die Teilnahme an einem rechtsextremen Aufmarsch (siehe auch Demonstrationen und Aufmärsche als Mobilisierungsmittel). So bieten sich solche rechtsgerichteten, fremdenfeindlichen und gewaltorientierten Szenen als Rekrutierungsreservoir für Rechtsextremisten an.

Deren Vereinnahmungsstrategie hat offensichtlich Erfolg: Die originäre Skinhead-Kultur verliert seit Jahren an Attraktivität und ist einem weit vielgestaltigeren Angebot rechtsextremer Jugendkultur gewichen. Und während die Zahl der subkulturellen Rechtsextremisten sinkt, ist die der Neonazis gestiegen.

Einstieg in die rechte Clique
„Und dann war da also dieser Junge aus der siebten Klasse, dessen Gefolgschaft von Woche zu Woche wuchs. Einer der Anhänger hatte sich mit einem Edding den Slogan ‘Kraft für Deutschland’ auf seine Jeansjacke geschrieben - es war der Titel eines Liedes der Rechtsrockband Störkraft. Die Jungen mit ihren Glatzen und Bomberjacken wurden auf dem Schulhof ehrfürchtig aus den Augenwinkeln beobachtet. Man machte ihnen Platz, wenn sie in der Gruppe einhermarschiert kamen, und es dauerte nicht lange, bis hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde, dass sie nicht lange fackelten, bevor sie zuschlugen.“

(Manuel Bauer, Unter Staatsfeinden. Mein Leben im braunen Sumpf der Neonaziszene, München 2012, S. 24)

Rudolf van Hüllen

Lesetipps:

  • Christian Menhorn, Skinheads, Portrait einer Subkultur, Baden-Baden 2001.
  • Klaus Farin, Jugendkulturen in Deutschland 1990 - 2005, Bonn 2006.
  • Christiane Tramitz, Unter Glatzen. Meine Begegnungen mit Skinheads, München 2001.
  • Richard Stöss, Rechtsextremismus im vereinten Deutschland, Berlin 2000.

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