Was ist Faschismus?

Der Begriff wird gerne – und oft mit politischer Absicht - synonym für Rechtsextremismus benutzt. Das bedeutet nicht zuletzt eine polemische Verharmlosung des aktuellen Rechtsextremismus.

Das Wort „Faschismus“ ist abgeleitet vom italienischen „fascio“ (Bündel, einem Amtszeichen der Leibwachen im antiken Rom). Die Partei und das Regime Benito Mussolinis übernahmen das Symbol und die Selbstbezeichnung für ihr seit 1922 bestehendes politisches Regime. Damit wurde Italien der früheste Vertreter rechtsextremer Diktaturen, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg in zahlreichen europäischen Ländern aufkamen. Der italienische Faschismus zeichnete sich aus durch ein autoritäres, Demokratie ablehnendes und auf einen Führer („Duce“) zentriertes Regierungssystem, durch eine aggressive und auf Eroberungen zielende Außenpolitik, durch eine Aufwertung der Rolle des Militärs in der Gesellschaft und durch eine „korporatistische“ Ordnung der sozialen Beziehungen. Das bedeutete, dass die gesellschaftlichen Interessengruppen unter Aufsicht des Staates und unter Beschneidung ihrer Selbständigkeit zusammengeschlossen und auf das Wohl des Regimes verpflichtet wurden. Einen wirklichen Pluralismus ließ das Regime nicht zu; unter dem italienischen Faschismus gab es keine Meinungs- und Pressefreiheit; politische Gegner wurden unnachgiebig verfolgt. Eine Reihe anderer Regime waren dem italienischen Faschismus sehr nahe verwandt, wie die spanische Diktatur unter Francesco Franco 1936 bis 1982, das portugiesische Regime unter den Diktatoren Salazar und Caetano (bis 1975) oder auch das Regime Ungarns unter Horthy (bis 1944). Auch manche Militärdiktatur, vor allem in Südamerika, wies Eigenschaften auf, die dem italienischen Faschismus stark ähnelten.

Dennoch gab es gewichtige Unterschiede zu dem äußerlich ähnlich erscheinenden, ein Jahrzehnt später an die Macht gelangten Nationalsozialismus: Dem italienischen Faschismus fehlte der völkische Rassismus und Antisemitismus, der im Nationalsozialismus zur systematischen Ausrottung ganzer Bevölkerungsteile führte. Verwendet man also - wie dies vor allem die Kommunisten taten - den Begriff „Faschismus“ undifferenziert für alle rechtsgerichteten Diktaturen der Zwischenkriegszeit, verharmlost man die besondere rassistische Qualität des Nationalsozialismus.

„Faschismus“ als Gattungsbegriff für alle Formen rechtsextremistischer Bestrebungen zu verwenden, ist aber nicht nur falsch, weil diese Bezeichnung nur einen Teil der rechtsextremen Diktaturen abgedeckt. Die Kommunisten hatten „Faschismus“ auch zu einem Kampfbegriff entwickelt, der sich gleichermaßen gegen die ihnen verhassten Rechtsextremisten und gegen die liberale Demokratie wendete. Dass die meisten rechtsextremen Diktaturen Privateigentum und Marktwirtschaft mindestens teilweise bestehen ließen, galt den Kommunisten als entscheidende Gemeinsamkeit beider. Damit konnten sie Fragen nach Demokratie und Menschenrechten, die eher eine Verwandtschaft zwischen Faschismus und Bolschewismus nahe legen, ausklammern: Westlichen Kommunisten wie dem Marburger „Faschismusforscher“ Reinhard Kühnl galten nun die Demokratie der Bundesrepublik und der Nationalsozialismus als mindestens latent verwandte „Formen bürgerlicher Herrschaft“.

Vorsicht ist also auch geboten, wo anstatt vom demokratischen Engagement gegen Rechtsextremismus von „Antifaschismus“ die Rede ist (siehe auch Was bedeutet „verordneter Antifaschismus?“). Man darf dann vermuten, dass zwar die Ablehnung von Rechtsextremismus ernst gemeint ist, „Antifaschismus“ aber mindestens zu gleichen Teilen – jedenfalls wenn er von der linksextremistischen Antifa propagiert wird - auch auf Zerstörung der parlamentarischen Demokratie zielt. Solche „Partner“ sollten aus zivilgesellschaftlichen Bündnissen gegen Rechtsextremismus offensiv ausgegrenzt werden.

Und wer fahrlässig von „Faschismus“ und „Antifaschismus“ redet, sollte gefragt werden, ob er dies aus Zustimmung zu linken Diktaturen tut oder bloß aus Mangel an historischer Bildung.

Rudolf van Hüllen

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