Was ist „intellektueller Rechtsextremismus“?

Rechtsextremismus in Deutschland wird den Schatten des Nationalsozialismus nicht los – und dessen „Weltanschauung“ war ein Konglomerat menschenfeindlicher Ideen, die um völkisches und rassistisches Gedankengut kreisten. Seine Praxis bestand im Allgemeinen in schierer Gewalt. Für Intellektuelles war da in der Regel kein Platz.

Trotzdem hat es immer wieder Versuche gegeben, rechtsextremistisches Gedankengut aus dem Bannkreis des Nationalsozialismus zu lösen, ihm eine anspruchsvollere, angeblich in der deutschen und europäischen Geistesgeschichte wurzelnde Begründung zu verleihen. Solche Bemühungen werden nur von vereinzelten Personen und sehr kleinen, oft elitären Gruppen getragen, die kaum Außenwirkung zu haben scheinen. Dennoch ist ihr Einfluss nicht völlig zu vernachlässigen.

Es werden dabei unterschiedliche Etiketten verwendet. Frühzeitig war von einer „Neuen Rechten“ die Rede. In den 1970er Jahren meinte man damit Rechtsextremisten, die eine „sozialrevolutionäre“ NSDAP in der Tradition der Gebrüder Strasser (1) anstrebten. Solche Ideen, nach der die soziale Frage „national“ intoniert werden sollte, nahm die NPD in den später 1990er Jahren wieder auf. Allerdings: nur weil etwas anders ist als der historische Nationalsozialismus, ist es nicht unbedingt neu. Zudem lässt sich ein Etikett wie „Neue Rechte“ mit nahezu beliebigen Inhalten füllen und ist daher gut geeignet, um Gegner als „rechts“ zu stigmatisieren.(2)

Die französische Variante der „Neuen Rechten“ „Nouvelle Droite“ hatte allerdings sehr wohl ein intellektuelles Programm. Ihr Vordenker Alain de Benoist (geb. 1943) propagierte die raffinierte Überwindung der Demokratie nicht über einen frontalen Gewaltangriff, sondern durch Unterminierung ihrer ideellen Grundlagen (das sind vor allem: Menschenrechte, pluralistische Demokratie und Rechtsstaat). Vor dem Sturz des Systems, fand er, müsse die Rechte eine „kulturelle Hegemonie“ in der Gesellschaft erobern und die Wertebasis des Gegners durch ihre eigene ersetzen. Das hatte nicht er erfunden, sondern bei den Kommunisten abgekupfert: Das Original des Konzeptes „kultureller Hegemonie“ entwickelte in den 1930er Jahren Antonio Gramsci (1891-1937), ein Vorsitzender der italienischen Kommunistischen Partei. Es erfreut sich als Methode der äußerlich gewaltlosen Zerstörung von Demokratie unter Nutzung ihrer Institutionen bis heute großer Beliebtheit bei legalistisch vorgehenden Linksextremisten (siehe auch Was heißt „legalistischer Linksextremismus“?). Die bei der kommunistischen Konkurrenz entliehene taktische Modernisierung kann man gemessen an der sonst üblichen Reflexionsfähigkeit im rechten Lager durchaus als „Intellektualisierung“ bezeichnen.

Stets werden „intellektuelle“ Rechtsextremisten aber neben solchen taktischen Erwägungen vor allem auf die Behauptung abstellen, die westliche, pluralistische Demokratie sei einer wahrhaft „deutschen“ Tradition und geschichtlichen Prägung fremd. Als Alternativen werden dann ältere Konzepte deutscher Staatsphilosophen aus dem 19. Jahrhundert hervorgeholt, die vom Ständestaat bis zu einem autoritären Obrigkeitsstaat vielerlei Variationen annehmen können. Ihnen allen ist gemeinsam, dass eine angeblich kulturell oder historisch vorgegebene „Identität“ eines Landes, einer Nation oder sogar des „Abendlandes“ unterstellt wird. Eine solche Identität kann in pluralistischen und dynamischen Gesellschaften weder vorgegeben noch unveränderlich sein, sie bleibt aber eine verführerische Idee für Menschen, die in der Unübersichtlichkeit der modernen Welt Sicherheit suchen. Zwar enthält sich der rechtsextreme Identitätsdiskurs auf den ersten Blick offen rassistischer Propaganda. Dennoch zielt er zugleich immer auf abwertende Ausgrenzung des „Fremden“ und „Anderen“ - das ist das große Thema einer neueren Strömung im Rechtsextremismus, der „Identitären Bewegung“ (siehe Identitäre Bewegung).

Rudolf van Hüllen

(1) Die Brüder Gregor Strasser (1892-1934) und Otto Strasser (1897-1974) standen in der NSDAP für einen solchen letztlich von Hitler nicht gewollten „sozialrevolutionären“ Kurs. Gregor Strasser wurde 1934 bei den „Säuberungen“ in der NSDAP ermordet.

(2)Das leistete sich die Amadeu-Antonio-Stiftung mit einer Internet-Seite, auf der anonym bleibende Autoren „Kontakte“ von Personen und Institutionen zur so genannten „neuen Rechten“ „melden“ konnten. Vermutlich übersehen hatte dieses Projekt einer staatlich finanzierten Antifa, dass die „Kontaktschuld“-Strategie vor allem im Nationalsozialismus und Stalinismus zu den klassischen Denunziations- und Verfolgungsmethoden gehörte; siehe in FAZ v. 16.8.2016 und: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-amadeu-antonio-stiftung-und-die-neue-rechte-14389306.html.

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