Was ist Nationalismus?

Die Nationalstaaten werden auch in einem vereinten Europa auf unabsehbare Zeit die primären Bezugspunkte politischer Ordnung bleiben. Der anscheinend zu ihnen gehörende Begriff „Nationalismus“ ist dennoch ein Anachronismus, dessen sich in erster Linie Rechtsextremisten bedienen. Warum ist das so?

„Nationalismus“, präziser noch in seiner französischen Bezeichnung „Chauvinismus“ verstehbar, kann deshalb keine vernünftige Kategorie für Demokraten sein, weil unter seinem Banner Europa und die Welt zweimal in furchtbare Katastrophen gestürzt wurden. Und es kann keinen vernünftigen Zweifel geben, dass Deutschland dabei an der Spitze marschierte: Im August 1914, bei Ausbruch der „Urkatastrophe des Jahrhunderts“, wie der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan den Ersten Weltkrieg nannte, waren praktisch alle in ihn verstrickten europäischen Gesellschaften davon beseelt, ihre Nation sei den anderen überlegen und daher berufen, Europa durch Krieg neu zu ordnen. Aber nur das kaiserliche Deutschland begann diesen Krieg mit einem infamen Überfall auf ein bis dahin befreundetes Nachbarland: das kleinere, militärisch schwächere und politisch neutrale Belgien.

Die Fixierung auf die „Nation“ mit der Höherschätzung der eigenen und konsequent auch der Abwertung anderer ist seit den ersten Schritten zur Europäischen Union für Demokraten kein Thema mehr (siehe auch Wie unterscheiden sich Rechtsextremisten von rechten Demokraten?). Rechtsextremisten hingegen konservieren den Nationalismus schon in ihrer Eigenbezeichnung und spezifischen Auslegung als „nationale Opposition“, „nationaler Widerstand“ oder „Nationale“. Sie geben schon damit kund, dass sie aus der Geschichte nicht lernen.

Zudem gehen sie von einem ethnischen Begriff der Nation aus: Deutscher kann für die NPD nur sein, wer „deutschen Blutes“ und „deutscher Abstammung“ ist. Diese Idee eines „ius sanguinis“ (Staatsbürgerschaftsrechte durch Abstammung) macht es ihnen leicht, an den „Blut und Boden“-Nationalismus der NSDAP anzuknüpfen (siehe auch Was ist Nationalsozialismus?). Ein „ius soli“ (Staatsbürgerschaftsrechte durch Geburtsort) oder eine Einbürgerung durch bewussten Beitritt zu einer Rechts- und Verfassungsgemeinschaft halten sie für inakzeptabel (siehe auch „Volksgemeinschaft“). Das ist um vieles schlimmer als ein herkömmlicher „deutsch-nationaler“ Chauvinismus, weil solches Denken eine Abwertung anderer Nationen auch noch mit einer rassistisch motivierten Abwertung ihrer Bürger verbindet.

Für Rechtsextremisten bedeutet „Nationalismus“ eben nicht nur einen berechtigten Stolz auf bestimmte Leistungen und Eigenheiten des eigenen Landes, sondern deren ungerechtfertigte Überschätzung und die diffamierende Abwertung anderer Nationen als „minderwertig“ (rechtsextremistische Diktion für Staaten mit nicht-weißer Bevölkerung), „kulturlos“ (gemünzt auf stark marktwirtschaftliche Demokratien wie die USA oder Großbritannien), als „multikultureller Völkerbrei“ (rechtsextremistische Charakterisierung der USA) oder als „Usrael“ (Bezeichnung von Rechtsextremisten für Israel).

Rudolf van Hüllen

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