Welches Menschenbild haben Rechtsextremisten, welches Demokraten?

Allen politischen Philosophien liegen bestimmte - zumeist vorwissenschaftliche, auf Werten basierende - Bilder von der Natur des Menschen zugrunde. Gerade in einem solchen Verständnis von der Natur und den Fähigkeiten von Menschen unterscheiden sich Demokraten von Rechtsextremisten auf das Deutlichste.

Das demokratische Menschenbild hat im Wesentlichen zwei Wurzeln: Es gründet einerseits in der christlich-jüdischen Kultur und andererseits in den Ideen der Aufklärung. Während die christlich-jüdischen Wurzeln die Verantwortlichkeit des Einzelnen gegenüber Gott und der Schöpfung betont, steht im Zentrum eines humanistisch-aufklärerischen Menschenbildes die Überzeugung, dass Menschen Verstand haben und sich daher aus freien Stücken für ihr Tun oder Unterlassen entscheiden können. In beiden Fällen wird die Verantwortungsfähigkeit des Menschen betont, was wiederum bedeutet, dass politische Ordnungen keine „natürlichen“ Gegebenheiten darstellen, sondern Ergebnisse menschlichen Wollens, Handelns oder Unterlassens sind.

Sowohl in seinem dezidiert christlichen wie auch in seinem aufklärerischen Begründungskontext wird dem Menschen eine unabdingbare Würde zugeschrieben, die sich in erster Linie durch die Annahme seiner natürlichen Freiheit (unter Einschluss der Freiheit, Gutes wie Schlechtes bewusst zu verwirklichen) und seiner Gleichwertigkeit (als Respekt vor dem Wert des Anderen) auszeichnet. Das bedeutet: ein demokratisches Bild vom Menschen ist nicht automatisch ausschließlich ein positives: Es ist von der Hoffnung geprägt, dass menschlicher Verstand und Verantwortungsfähigkeit eine „gute Ordnung“ hervorbringen können. Es weiß zugleich, dass Menschen auch zu Schlechtem fähig sind und richtet die politischen Institutionen danach ein: „Wären Menschen Engel, bedürfte es keiner Gesetze“, formulierten die Väter der amerikanischen Verfassung Ende des 18. Jahrhunderts diese Einsicht. Insofern wohnt dem demokratischen Menschenbild stets eine realistisch-skeptische Komponente bei.

Das Menschenbild des Rechtsextremisten unterscheidet sich davon auf das Deutlichste. Es geht erstens nicht vom Einzelnen, seiner Würde und Verantwortungsfähigkeit aus. Die primäre Bezugsgröße bildet beim Rechtsextremismus ein ethnisch-kulturell und / oder rassisch-biologisch vorgegebenes Kollektiv, in das sich der Einzelne einzufügen und dem er sich unterzuordnen hat. Einen Eigenwert besitzt er nur im Kontext dieses Kollektivs: „Du bist nichts, dein Volk ist alles“, formulierten die Nationalsozialisten diese Grundannahme. Durch die Zugehörigkeit zu diesem ethnischen Kollektiv sei der Mensch in seinen Anlagen angeblich biologisch bestimmt: Er teile individuelle Eigenschaften auf „natürliche“ Art mit denen seines Volkes. Insofern sei er als Einzelner nicht frei, und Menschen unterschiedlicher ethnischer Kollektive demnach auch nicht gleichwertig, weil sie sich durch kulturell und genetisch vorgegebene, daher unaufhebbare Differenzen unterschieden.

Zweitens: Diese angeblich unveränderbaren „natürlichen“ Eigenschaften bestimmen sich nicht zuletzt nach der Durchsetzungsfähigkeit des Einzelnen bzw. seiner Ethnie im „Überlebenskampf“. Rechtsextremisten übertragen hier eine vulgarisierte Form von Erkenntnissen des Naturforschers Charles Darwin (1809-1882) auf einzelne Menschen, dann auf die Gesellschaft insgesamt. In solchen „sozialdarwinistischen“ Modellen zählt die Fähigkeit zu Kampf und Gewalt zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren im „Überlebenskampf“ (siehe auch Welche Rolle nehmen Gewalt und Kampf im Weltbild des Rechtsextremismus ein?). In ihm ist alles erlaubt, da es sich um existenzielle, also nicht kompromissfähige, Auseinandersetzungen handelt. Die Gewalt innerhalb rechtsextremer Gruppierungen, ihre nach außen gewendete Gewalt gegen „Andere“, schließlich die Kriegsverbrechen rechtsextremer Regime sind praktische Anwendungen eines solchen Menschenbildes.

Solche Gewaltpropaganda lässt sich halbwegs moralisch intakten Menschen nur schlecht vermitteln. Die NPD beispielsweise verpackt daher ihre rassistisch-sozialdarwinistischen Anschauungen in die eher unverfänglich wirkende Bezeichnung „lebensrichtiges Menschenbild“ (1). Sie will damit andeuten, dieses sei gleichermaßen naturwissenschaftlich zwingend wie realistisch: „Die Nationale Erkenntnistheorie beruht auf der Natur des Menschen und fordert demzufolge die Einbeziehung der Naturgesetze in das politische Handeln“, heißt es dazu in einem internen NPD-Papier. Im Gegensatz dazu stehe ein „falsches Menschenbild, in dem der Mensch von Natur aus als gut und zudem alle Menschen unsinnigerweise als gleich bezeichnet werden.“

Mit seiner Vorstellung von Gewalt als soziale Normalität und seiner direkten Wendung gegen die Werte der französischen Revolution und der Aufklärung steht das neonazistisch-rechtsextreme Menschenbild in der denkbar größten Distanz zu allen humanistisch und christlich geprägten Auffassungen von der Natur des Menschen.

Rudolf van Hüllen

(1) NPD-Bundesprogramm 2010, S. 5

partager