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Die Interventionspolitik des Warschauer Paktes im Kalten Krieg

de Peter Ruggenthaler
Die Auflösung des Warschauer Pakts beendete die sowjetische Hegemonie über Osteuropa. Anders als in der Hochzeit des Kalten Kriegs, in der Reformbestrebungen in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968 mit blutigen Mitteln niedergeschlagen worden waren, fanden sich am Ende der 1980er Jahre nicht mehr genügend Befürworter von militärischen Interventionen im Kreml und innerhalb der Regierungen in Osteuropa. Spätestens mit der Deutschen Wiedervereinigung 1990 wurde offenbar, dass das Bündnis keine Zukunft mehr hatte.

Der Warschauer Pakt wurde am 14. Mai 1955 gegründet. Oftmals als „Gegenstück“ zur NATO bezeichnet, war er nichts anderes als ein außenpolitisches Instrument, das die sowjetische Hegemonie über Osteuropa weiter festigte, auch wenn die UdSSR schon bis dahin mehrere „militärische Beistandspakte“ mit den osteuropäischen Staaten unterzeichnet hatte. Nur einen Tag später, am 15. Mai 1955, setzte die Sowjetunion ein deutliches Zeichen der Entspannung: aus Warschau kommend unterzeichnete der sowjetische Außenminister Vjačeslav Molotov gemeinsam mit seinen Amtskollegen aus den USA, Großbritannien und Frankreich in Wien den österreichischen Staatsvertrag. Die Truppen aller vier Besatzungsmächte verließen daraufhin Österreich, das sich für „immerwährend neutral“ erklärte.

 

1956: Blutige Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands

Auch wenn die Sowjetunion nach Stalins Tod in der DDR mit eiserner Faust aufgezeigt hatte, dass sie kolossale Umwälzungen im Ostblock nicht zulassen würde,[1] erzeugte die Lösung der Österreich-Frage 1955 sowie der von Jugoslawien beschrittene eigenständige Weg Hoffnungen jenseits des Eisernen Vorhangs. Vor allem in Ungarn brodelte es. Zwar lagen die Gründe für den Ungarn-Aufstand von 1956 vor allem in der sozialen Unzufriedenheit der breiten Bevölkerung. Hoffnungen nach mehr Freiheit ließen aber in der Tat viele glauben, dass ein österreichischer oder jugoslawischer Weg auch für Ungarn möglich wäre. Am 23. Oktober 1956 versammelten sich in Budapest Tausende Demonstranten und forderten die von Nikita S. Chruschtschow eingeleitete Entstalinisierung in der Sowjetunion auch für Ungarn. Sie forderten die Absetzung der stalinistischen Führung in Budapest. Die ungarischen Kommunisten riefen zunächst sowjetische Truppen zu Hilfe, machten schließlich aber nach weiterer Eskalation des Konflikts und ersten bewaffneten Zusammenstößen entscheidende Zugeständnisse: Imre Nagy, der 1955 abgesetzte moderate Ministerpräsident, wurde wieder ins Amt geholt. Dieser gab in der Folge vielen Forderungen der Aufständischen nach und vereinbarte mit Moskau sogar den Abzug der sowjetischen Truppen aus Budapest. Widerwillig willigte Chruschtschow ein. Der Aufstand aber radikalisierte sich weiter. Der faktische Machtverlust der Kommunisten veranlasste die Kreml-Führung, ihre Entscheidung über den Truppenabzug zu überdenken.[2]

Für Moskau war klar: ein Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt stand nicht zur Debatte.[3] Eine militärische Intervention hätte Chruschtschow zwar gerne vermieden, dem Kreml blieb jedoch nichts anderes übrig als sowjetische Truppen zu entsenden, wollte man das Sowjetimperium nicht gefährden. Anastas Mikojan, einer seiner engsten Vertrauten, plädierte dafür, alle politischen Mittel einzusetzen, um die Krise in Ungarn zu lösen. Doch da stand er bereits allein mit seiner Meinung da.  Am 31. Oktober 1956 wurde im Kreml entschieden, die Ungarn-Krise mit militärischen Mitteln zu lösen – und zwar allein, nur mit sowjetischen Truppen. Die Neutralitätserklärung der ungarischen Regierung nach dem Vorbild Österreichs am selben Tag unterstrich noch einmal, wohin Ungarns Weg führen sollte. Chruschtschow erhielt im Kreml für seine rigide Haltung „den Ruf eines resoluten und weitsichtigen Politikers“.[4]

Moskau bildete nun eine neue ungarische „Arbeiter-und-Bauern“-Regierung mit Janos Kádár an der Spitze. Dieser harte Kurs der Sowjetunion wurde von den anderen Warschauer-Pakt-Staaten und vor allem von China unterstützt. Dies ebnete den Weg zum Ergreifen drastischer Mittel: Am 4. November 1956 startete die Sowjetunion die Operation „Wirbelsturm“, die nach fünf Tagen mit der völligen Niederschlagung des Aufstandes endete.

Imre Nagy und viele seiner Gefolgsleute wurden festgenommen und später gehängt. An die 200.000 Ungarn flüchteten über die österreichische Grenze ins Ausland. 1957 musste Ungarn mit der Sowjetunion ein Truppenstationierungsabkommen abschließen.

 

1968: Die militärische Niederschlagung des „Prager Frühlings“

Gegen ein solches hatte sich die Tschechoslowakei gewehrt. In keinem anderen Land war die Rote Armee schon 1945 abgezogen. Der Sozialismus wurde dort ohne Präsenz der sowjetischen Armee als Gesellschafts- und Staatsordnung eingeführt.[5] Die gewisse Öffnung der ČSSR in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht in den 1960er Jahren erregte zusehends das Misstrauen Moskaus. Im Dezember 1967 absolvierte der sowjetische Parteichef Leonid I. Brežnev einen überraschenden, offiziellen Urlaubs-Besuch in Prag. Dieser markierte das endgültige Ende der Unterstützung des Kremls für den KPČ-Chef Antonín Novotný, der 1964 als einziger Ostblock-Staatschef neben dem bulgarischen KP-Chef Todor Żivkov der Absetzung Chruschtschows durch Brežnev kritisch gegenübergestanden war.[6] Bereits 1965 forderte Brežnev von Novotný die Stationierung von drei sowjetischen Raketenabteilungen, ein Jahr später die Stationierung von zwei sowjetischen Divisionen. Novotný lehnte ab, letztendlich wurde dennoch ein entsprechender Vertrag unterzeichnet.[7]

Für das sowjetische Militär stellte die Tschechoslowakei in der Frontlinie des Warschauer Paktes eine sicherheitspolitische Lücke dar. Verfolgte die sowjetische Führung nicht ohnehin schon seit Anfang der 1960er Jahre das Ziel einer dauerhaften Präsenz in der Tschechoslowakei, um die Lücke zwischen der nördlichen Militärgruppe in Polen und der südlichen in Ungarn zu schließen?

Wenige Tage nach Alexander Dubčeks Amtsantritt begann der Oberbefehlshaber der Truppen des Warschauer Paktes, Marschall Ivan I. Jakubovskij, in Polen und darauf auch in Berlin, Sofia und Budapest mit Konsultationen, mit dem Ziel, gemeinsame Militärmanöver in der Tschechoslowakei durchzuführen. Die Prager Führung geriet so in die Zwickmühle: Bündnisverpflichtung oder Ablehnung. Schließlich stimmte sie den Manövern zu. Die ersten, beschickt von Panzertruppen Polens und der Sowjetunion, begannen schon im Mai in Südpolen. Ab 19. Juni begannen schließlich in der Tschechoslowakei die großen Manöver des Warschauer Paktes („Šumava“), von denen einzelne Truppenverbände bis zur Invasion aus der ČSSR nicht mehr abzogen. Parallel dazu bemühte sich die Kreml-Führung zwar, den „Prager Frühling“ mit politischen Mitteln zu beenden – am liebsten von der KPČ-Führung selbst, verstand aber auch, dass die Reformbewegung in Prag eine Dynamik angenommen hatte, die nicht einfach per Knopfdruck abgeschaltet werden konnte.

Die endgültige Entscheidung, den „Prager Frühling“ mittels militärischer Intervention zu beenden, fiel am 17. August 1968 im Politbüro der KPdSU im Moskau. Das vollzählig versammelte Politbüro fasste den einstimmigen Beschluss, den Einmarsch zum ehestmöglichen Zeitpunkt durchzuführen. Am folgenden Tag, dem 18. August, trafen die Parteichefs Bulgariens, Ungarns, der DDR und Polens, Todor Živkov, János Kádár, Walter Ulbricht und Władysław Gomułka in Moskau ein. Der sowjetische Staats- und Parteichef, Leonid Brežnev, informierte sie  von der Entscheidung, in der ČSSR die „alte Ordnung“ mit militärischen Mitteln wieder herzustellen. Dem stimmten sie zu.

In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 begann die „Operation Donau“. Das um Mitternacht noch versammelte ZK der KPČ verurteilte den Einmarsch sofort, wies jedoch die Armee an, den einmarschierenden Truppen der Sowjetunion, Bulgariens, Polens und Ungarns keinen Widerstand entgegenzusetzen. Die bereitstehenden, zwei Divisionen der DDR-Volksarmee wurden im letzten Moment über Ersuchen der moskautreuen tschechoslowakischen Kommunisten gestoppt.[8] Man wollte keine Erinnerungen an den Einmarsch der  Deutschen Wehrmacht 1938/39 in der Tschechoslowakei wecken. Lediglich kleinere Trupps kamen kurzfristig auf tschechoslowakisches Gebiet, teilweise um Transparente zu entfernen, die z. B. den Schriftzug trugen  „1938 Hitler – 1968 Ulbricht“.

Das militärische Vorhaben wurde aus der Sicht Moskaus nach Plan umgesetzt, der politische Plan hingegen ging nicht auf. Die von Prag 1968 ausgehenden Folgen waren langfristiger und stärker. Abgesehen von der bald so bezeichneten „Brežnev-Doktrin“, die fortan die Souveränität jedes einzelnen kommunistischen Staates beschnitt, erfasste eine Welle des Protestes die Tschechoslowakei, die gesamte freie Welt, zahlreiche kommunistische Parteien in Westeuropa und schwappte – trotz größter Vorsichtsmaßnahmen – auch auf Ostblock-Staaten und Moskau selbst über. Es war die Geburt der Dissidentenbewegung.

Für den Kreml hatte es 1968 enorme Bedeutung, die Militärintervention als Aktion des „Warschauer Paktes“, gleichsam als internationalen sozialistischen Schritt, basierend auf gemeinsamen Entscheidungen mit den „Bruderparteien“, zu vermitteln. Der Sowjetunion ging es nicht nur darum, den Status Quo im Sinne der Beschlüsse der Konferenz von Jalta (4.–11. Februar 1945) in Europa aufrecht zu erhalten, es ging in verstärktem Maße auch darum, innerhalb der sozialistischen Welt gegenüber dem aufstrebenden China, das zunehmend zu einer Konkurrenz vor allem in Asien und in sonstigen Staaten der „Dritten Welt“ geworden war, die eigene Hegemonialmacht aufrecht zu erhalten. Sie demonstrierte mit aller Härte, dass ein eigener Weg auch der Tschechoslowakei, der es „nur“ um die Reformierung des Sozialismus ging, verwehrt bleiben musste. Die Befürchtungen im Politbüro waren groß, die Tschechoslowakei würde aus dem Warschauer Pakt ausscheren, sich in eine Art Jugoslawien oder sogar Österreich verwandeln[9] und damit die Hegemonialstellung der Sowjetunion gefährden.

 

1980: Beginn des Transformationsprozesses in Polen

Für diese hatte Polen als das größte Land im Ostblock für Moskau eine besondere geostrategische Bedeutung. Mit dem Streik auf der Danziger Leninwerft 1980, der sich faktisch zu einem Generalstreik in Polen ausweitete und zur Gründung der Gewerkschaft Solidarność führte,[10] begann der Transformationsprozess im Ostblock. Lech Wałęsa, der Danziger Streikführer, konnte sich auf die Unterstützung der Katholischen Kirche verlassen und wurde durch den polnischen Papst Johannes Paul II. im Vatikan ermutigt.

Die polnischen Kommunisten mussten im Danziger Abkommen 1980 die  Partizipation einer von der KP unabhängigen Gewerkschaft in der Wirtschafts- und Sozialpolitik ebenso zulassen wie die Pluralität in der veröffentlichten Meinung. Bereits diesen Kompromiss mit oppositionellen Kräften zur Beilegung der Streiks werteten andere Kommunisten, die das Machtmonopol der Partei aus Prinzip verteidigten, als einen Sieg der „Konterrevolution“.

Auf diese beunruhigende Entwicklung reagierten der Generalsekretär der KPdSU, Leonid Brežnev, SED-Chef Erich Honecker und der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei Gustáv Husák ähnlich wie 1968.[11] Der Warschauer Pakt bereitete schließlich einen Truppenaufmarsch vor. Die polnische Parteiführung unter Stanisław Kania konnte sich in Gesprächen mit Brežnev aber schließlich auf einen anderen Weg einigen. Die Polen sollten mithilfe der Einführung des Kriegsrechts Solidarność selbst als politischen Faktor ausschalten und die „sozialistische Ordnung“ wiederherstellen. Es sollte noch ein ganzes Jahr vergehen, bis der neue Partei- und Staatschef General Wojciech Jaruzelski am 13. Dezember 1981 das Vorhaben durch Verhängung des Kriegsrechts in die Tat umsetzte. Eine militärische Intervention, wie noch zwei Jahre zuvor in Afghanistan,[12] aber blieb aus. Eine politische Option blieb sie dennoch – bis Gorbatschow.

Michail S. Gorbatschow hatte intern schon sehr früh, spätestens im Juli 1986, erklärt, dass sich Ereignisse wie Ungarn 1956 bzw. Prag 1968 nicht mehr wiederholen dürften.[13] Seit 1986 betrieb er zudem den Rückzug der sowjetischen Truppen aus dem Afghanistan-Krieg, den er zu beenden suchte. Damit begann eine Entmilitarisierung im Denken der Kreml-Führung. Statt Klassenkampf im Weltmaßstab mit der Perspektive des Sieges des Sozialismus traten nun im Rahmen des „Neuen Denkens“ die Akzeptanz unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen und Staatsverfassungen der Welt und die Respektierung der Souveränität der einzelnen Staaten.

 

1989: „eine ernsthafte Gefahr für die ganze Sache des Sozialismus“

Die Aussicht auf eine nicht-kommunistisch angeführte Regierung in Polen im Sommer 1989 löste bei den Reformgegnern Panik aus. In Rumänien wurden die anstehenden Änderungen in Polen öffentlich verurteilt. Diese würden imperialistische und reaktionäre Kräfte begünstigen und die Interessen des Sozialismus einschließlich des Warschauer Pakts gefährden. Der rumänische KP-Führer Nicolae Ceauşescu ließ am 19. August 1989 kurz vor Mitternacht den sowjetischen Botschafter zu sich auf seinen Landsitz kommen und forderte eine Besprechung mit Gorbatschow: Was in Polen vor sich gehe, so Ceauşescu, „sei nicht nur eine innere Angelegenheit der Polen“. Dies sei „eine ernsthafte Gefahr für die ganze Sache des Sozialismus“.[14]

Nun drängte ausgerechnet jener Ostblockführer, der stets auf die Souveränität seines Landes gepocht hatte, auf eine Intervention in einem anderen sozialistischen Land. 1968 war Ceauşescu nicht nur dem Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 ferngeblieben, sondern hatte diesen explizit verurteilt. Von dieser aggressiven Entschlossenheit Ceauşescus gegenüber Polen war in der SED-Führung überraschenderweise nichts zu spüren. Im Gegenteil, in Ost-Berlin herrschte Fatalismus.

Die Sorgen der SED-Spitze betrafen vor allem Ungarn. Ministerpräsident Willi Stoph verwies darauf, die DDR habe mit Polen und Ungarn Verträge über Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand. Für ihn gab es keinen Grund, „davon abzuweichen“.[15] Honeckers Stellvertreter und Wirtschaftsminister, Günter Mittag, brachte es auf den Punkt: „Ohne ökonomische Zusammenarbeit mit der Sowjetunion wird die DDR nicht sein.“ Dass man gegen die Entwicklungen in Polen nichts unternehmen könne, nahm man in Ost-Berlin zähneknirschend zur Kenntnis: „Sollten wir eine Kriegserklärung machen? Der gesamte Erdöltransport geht durch Polen, ohne ihn können wir nicht eine Woche leben.“ Das Grundproblem war für ihn der Systemwechsel, der sich in Polen und Ungarn anbahnte: „Wenn sich die ökonomische Basis kapitalistisch gestaltet, kann sich der sozialistische Überbau nicht halten. Wałęsa hat das verkündet, in Ungarn geht das vor sich. Aber wir können nicht nach dem Motto handeln: Viel Feind – viel Ehr.“[16] Die SED-Spitze war sich ihrer Abhängigkeit von der Sowjetunion, Polen und Ungarn bewusst und wollte Konflikte mit ihnen vermeiden. Ausgerechnet am Jahrestag der Invasion, am 21. August 1989, wies das Politbüro in Moskau formell Ceauşescus Vorschläge zurück und betonte die Souveränität Polens.[17]

Die polnische KP, an die sich Ceauşescu auch gewandt hatte, tat das ebenso und kritisierte diese sogar öffentlich. Auch nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 blieb die Sowjetunion für die in SED-PDS umbenannte SED der Garant der DDR. Nach seiner Wahl zum neuen SED-PDS-Vorsitzenden stellte Gregor Gysi dem stv. Leiter der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU, Rafael P. Fedorov, der zum Parteitag gekommen war, in Berlin die für die Zukunft der DDR alles entscheidende Frage, wie weit „die Bereitschaft der UdSSR gehe, der DDR in allen Notfällen zu helfen?“ Er bekam zu hören, „dass der Afghanistan-Schock und die Lehren aus den Jahren 1956 und 1968 die Sache für die UdSSR sehr schwierig machten“. In der KPdSU-Führung „würde sich keiner finden, der ein militärisches Machtwort befehlen oder befürworten würde“.[18] Diese Position war das Ergebnis eines langen Prozesses, den Gorbatschow vorgegeben hatte. Sie war der Kern des „Neuen Denkens“ und seiner Außenpolitik.

Nach dem Fall der Berliner Mauer wollte grundsätzlich aber nicht nur Gorbatschow an der Existenz des Warschauer Paktes festhalten – auch im Westen wurde das bestehende Sicherheitssystem in Europa nicht infrage gestellt. Auch wenn die neuen Regierungen der Tschechoslowakei und Ungarns schon Anfang 1990 versuchten, Vereinbarungen mit Moskau über einen Abzug der sowjetischen Truppen aus ihren Ländern zu treffen, bestanden  zu dieser Zeit noch Hoffnungen auf einen transformierten Warschauer Pakt. Zwar waren schon 1989 etwa in Ungarn Rufe nach einer Neutralität laut geworden, doch Budapest wurde dafür nicht nur von Gorbatschow in die Schranken gewiesen.[19] Auch im Westen war man mit derartigen Forderungen nicht einverstanden. Reformen wurden befürwortet, die Sicherheitsstruktur für Europa mit NATO/Warschauer Pakt wollte etwa London nicht infrage stellen. Die ungarische Führung nahm Signale dieser Art sehr ernst und in der Folge eine pragmatische Haltung zum Warschauer Pakt ein.[20] In Polen waren Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und andere führende Politiker der gesamten Bandbreite angesichts der Aussicht auf ein wiedervereintes Deutschland derart alarmiert, dass sie öffentlich forderten, den Warschauer Pakt zu stärken und die sowjetischen Truppen unbefristet auf polnischem (und ostdeutschem) Boden stationiert zu lassen, bis der Status Deutschlands und der deutschpolnischen Grenze festgesetzt worden sei.

Selbst Anfang 1991 gab es zwischen Warschau und Prag noch Differenzen über das taktische Vorgehen gegenüber Moskau. Die Tschechoslowakei befürchtete, dass sich eine Verstimmung im Kreml negativ auf den Abzug der sowjetischen Truppen auswirken könnte. Am 15. Februar 1991 verständigten sich Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn in Visegrád auf einen Beitritt zur Gemeinschaft der westeuropäischen Staaten. Um einer Erosion des Warschauer Paktes zuvorzukommen, kündigte Gorbatschow nun die Auflösung (zunächst der Militärorganisation) ab 1. April 1991 an. Am 1. Juli 1991 wurde der Warschauer Pakt offiziell aufgelöst.[21]

 

[1] Siehe dazu grundlegend Mark Kramer, Der Aufstand in Ostdeutschland im Juni 1953, in: Bernd Greiner – Christian Th. Müller – Dierk Walter (Hg.), Krisen im Kalten Krieg. Studien zum Kalten Krieg. Bd. 2. Hamburg 2008, S. 80–126; Mark Kramer: The Soviet Union and the 1956 Crises in Hungary and Poland: Reassessments and New Findings, in: Journal of Contemporary History, Vol. 33, No. 2 (Apr. 1998), S. 163–214.

[2] Protokolle von Besprechungen und grundlegende Beschlüsse des Präsidiums des ZK der KPdSU wurden 1998 auf Russisch publiziert. Siehe die umfassende Aktenedition E. D. Orechova – V. T. Sereda – A. S. Stykalin (Hg.): Sovetskij Sojuz i vengerskij krizis 1956g. Moskau 1998. Schlüsseldokumente erschienen in englischer Übersetzung in: Csaba Békés – Malcolm Byrne – János M. Rainer: The 1956 Hungarian Revolution: A History in Documents. Budapest – New York 2002.

[3] Csaba Békés, The Neutrality of Hungary during the 1956 Revolution, in: Mark Kramer – Aryo Makko – Peter Ruggenthaler, The Soviet Union and Cold War Neutrality and Nonalignment in Europe. Harvard Cold War Studies Book Series. Lanham/MD, S. 324-343. Dies war auch der entscheidende Punkt 1968, als sich die Hardliner im Kreml nicht mehr mit Zusicherungen aus Prag beschwichtigen ließen, in der Tschechoslowakei ginge es um die Durchführung sozialistischer Reformen. Siehe dazu grundlegend Stefan Karner et al. (Hg.): Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968. 2 Bde. Köln-Weimar – Wien 2008;  Günter Bischof – Stefan Karner – Peter Ruggenthaler (Hg.): The Prague Spring and the Warsaw Pact Invasion of Czechoslovakia in 1968. Harvard Cold War Studies Book Series. Lanham et al. 2010.

[4] See Olʼga Pavlenko: Between Pragmatism and Ideology: The US-Soviet Negotiating Process in the Khrushchev Era, in: Günter Bischof – Stefan Karner – Barbara Stelzl-Marx (Hg.), The Vienna Summit and its Importance in International History. Harvard Cold War Studies Book Series. Lanham et al., 2014, S. 195, hier S. 183–207.

[5]In Jugoslawien und Albanien spielte der Faktor Rote Armee ebenso keine Rolle, die Kommunisten hatten die Macht selbst übernommen, sich aber zusehends von Moskau distanziert. Zur Niederschlagung des „Prager Frühlings“ siehe grundlegend Karner et al. (Hg.): Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968. 2 Bde.

[6]R. G. Pichoja, Čechoslovakija: 1968 god. Vzgljad iz Moskvy. Po dokumentam CP KPSS, in: Novaja i novejšaja istorija 6/1994, S. 3–20, hier S. 5.

[7]Vojtĕch Mencl: Die Unterdrückung des „Prager Frühlings“, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1995, S. 9–31, hier S. 15.

[8] Peter Ruggenthaler: Die Interventionspolitik des Kreml und der Einfluss der „Bruderparteien“ auf den Entscheid Moskaus zur Niederschlagung des „Prager Frühlings“, in: Jiří Gruša – Jan Pauer – Wolfgang Lederhaas (Hg.), Der Prager Frühling: das Ende einer Illusion? (Publications of the Diplomatic Academy of Vienna. The Favorita Papers 1/2008), S. 61–74.

[9] Pichoja, Čechoslovakija.

[10] Den besten Überblick dazu bietet Anthony Kemp-Welch: Poland under Communism: A Cold War History. Cambridge 2008, S. 237–274.

[11] Siehe Mark Kramer: Soviet Deliberations during the Polish Crisis, 1980–1981. Cold War International History

Project, Special Working Paper No. 1. Washington 1999.

[12] Zur Intervention in Afghanistan siehe grundlegend Artemy Kalinovsky: A Long Goodbye – The Soviet Withdrawal from Afghanistan. Cambridge 2011.

[13] Siehe Auszug aus Gesprächsnotizen einer Politbürositzung, 3.7.1986, abgedruckt in: Anatolij Černjaev: V Politbjuro CK KPSS. Moskau 2006, S. 60f.

[14] RGANI, F. 5, op. 102, d. 780, S. 107–110, Eintrag aus dem Diensttagebuch des sowjetischen Botschafters in

Rumänien, E. Tjažel’nikov, 21.8.1989, abgedruckt in Stefan Karner – Mark Kramer – Peter Ruggenthaler – Manfred Wilke et al. (Hg.): Der Kreml und die „Wende“ 1989. Interne Analysen der sowjetischen Führung zum Fall der kommunistischen Regime. Dokumente. Innsbruck 2014, Dokument 71.

[15] Gerd-Rüdiger Stephan (Hg.): „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ Berlin 1994, S. 103.

[16] Ebd., S. 105–107.

[17] RGANI, F. 3, op. 103, d. 180, S. 2, 7, 76; ebd., d. 181, S. 140f., Politbürobeschluss des ZK der KPdSU,

21.8.1989, abgedruckt in: Stefan Karner  et al., Der Kreml und die „Wende“ 1989, Dokument 72.

[18] Siehe „Vermerk über ein Gespräch von G. Gysi mit R. Fedorov am 10.12.1989 in Berlin“, abgedruckt in:

Nakath et al. (Hg.): „Im Kreml brennt noch Licht“, S. 83f.

[19] Peter Ruggenthaler: Die sowjetische Perzeption der „Wende“ in Ungarn und Polen, in: Hanns Jürgen Küsters (Hg.), Der Zerfall des Sowjetimperiums und Deutschlands Wiedervereinigung. The Decline of the Soviet Empire and Germany´s Reunification. Köln – Weimar  – Wien 2016, S. 151–166, hier S. 156.

[20] Stefan Karner – Mark Kramer – Peter Ruggenthaler – Manfred Wilke: Die Sowjetunion und Osteuropa 1989. Zur Einleitung, in: Stefan Karner et al. , Der Kreml und die „Wende“ 1989, S. 13–66, hier S. 36f.

[21] Gerhard Wettig, Gorbatschow. Reformpolitik und Warschauer Pakt 1985-1991. Innsbruck – Wien 2021, S. 97.

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Günter Gueffroy/dpa - Report
28 septembre 2020
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