Freiheit

Auszug aus: Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland

Hg.: von Winfried Becker, Günter Buchstab u.a. Paderborn 2002

S. 539 - 540

F. ist ein Schlüsselbegriff christl.-demokratischer Programmatik und Politik. Im Grundsatzprogramm der CDU von 1978 (»F., Solidarität, Gerechtigkeit«) und im gesamtdt. Grundsatzprogramm von 1994 (»F. in Verantwortung«) wird F. als Grundwert besonders hervorgehoben. In der abendländischen Philosophie hat es eine unübersehbare Fülle von Versuchen gegeben, F. zu definieren. Innerhalb dieser Antworten lassen sich zwei Kategorien unterscheiden: Die einen handeln von der »inneren«, die anderen von der »äußeren« F. Gemeint ist zum einen die Fähigkeit, nach Maßgabe der Vernunft Entscheidungen zu treffen und zu verantworten (Willensf.), zum anderen die Abwesenheit von äußerem Zwang (Handlungsf.). Die Handlungsf. wird durch das Recht gesichert, dessen Aufgabe darin besteht, »die F. eines jeden auf die Bedingungen einzuschränken, unter denen sie mit jedes anderen F. nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann« (Immanuel Kant). -Menschenrechte schützen - als sogenannte Abwehrrechte - die Handlungsfreiheit des einzelnen gegen staatliche Eingriffe. Handlungsf. ist nicht zu verwechseln mit der Summe der Optionen, die ein Mensch hat. Diese Sicht verleitet zu der Vorstellung, daß F. sich durch Umverteilung von Optionen gleichmäßig streuen läßt. Zwar sind sogenannte Teilhaberechte zwingend notwendig für die Lebensfähigkeit einer -Demokratie, doch bedeutet ein Übermaß an Umverteilung nachhaltige Eingriffe in die Handlungsfreiheit. Insofern steht das Ideal distributiver - Gleichheit - anders als das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz in einem Spannungsverhältnis zur F. Christl.-demokratische Programmatik leitet ihren F.begriff vor allem aus dem jüdisch-christl. Schöpfungsverständnis und Menschenbild her. Dazu gehört die Überzeugung, daß die Zukunft offen, der Gang der Geschichte also nicht naturgesetzlich determiniert ist. Dazu zählt ferner der Glaube an die Würde jedes Menschen - niemand darf zum Objekt bloßer Fremdbestimmung degradiert werden. Christl.-demokratische Programmatik hält gleichermaßen Abstand zu einem (sozialistischen oder völkischen) Kollektivismus, aus dessen Blickwinkel F. dem einzelnen von der Gemeinschaft zugeteilt wird, wie zu einem radikalen Individualismus, der die Gemeinschaftsbezogenheit des Menschen negiert. Politisch hat die Überzeugung vom Primat der F. und vom unauflöslichen Zusammenhang zwischen F. und —»Verantwortung auf verschiedensten Gebieten ihren Niederschlag gefunden. Sie inspirierte den Beitrag Christi. Demokraten zum GG. Sie wurde zur Leitidee der —»Sozialen Marktwirtschaft. Von K. Adenauer bis H. Kohl prägte sie den Grundsatz der —»Deutschlandpolitik, daß die F. Bedingung der Einheit sei und nicht deren Preis sein dürfe.

Lit.: H. FREYER: Das Problem der F. im europäischen Denken von der Antike bis zur Gegenwart (1958); F. A. VON HAYEK: Die Verfassung der F. (1960); G. GORSCHENEK (Hg.): Grundwerte in Staat und Gesellschaft (1977); U. STEINVORTH: Freiheitstheorien in der Philosophie der Neuzeit (21994).

Michael Mertes