Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.

סקירות על מדינות

Darum in die Ferne schweifen

של Johann C. Fuhrmann

Ein Plädoyer für Projektmaßnahmen im ländlichen Raum der Mongolei

6231 Kilometer zeigte der Tacho unseres Projektfahrzeuges nach unserer jüngsten Dienstreise in der ländlichen Mongolei an. Konkret bedeutet das: mehrere Tage ohne Dusche, oftmals nur ein Plumpsklo, Hunderte Kilometer sandiger Pisten und gewöhnungsbedürftige kulinarische Genüsse wie Murmeltierfleisch, Kuhkopfsuppe und vergorene Stutenmilch. Auf diese Weise hat das Büro der KAS Mongolei in den vergangenen zwei Jahren Projekte und Maßnahmen in 20 der 21 Provinzen der Mongolei durchgeführt. Doch warum tut man sich das eigentlich an? Und wie ist es um die Nachhaltigkeit regionaler Maßnahmen bestellt? Dieser untypische Länderbericht ist ein Plädoyer für Projekte in der Steppe und soll Einblicke in die Aktivitäten unseres Auslandsbüros außerhalb Ulan Bators liefern.

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Ulan Bator: Fluch und Segen einer Metropolregion

„Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“ Diese berühmten Zeilen aus der Feder Goethes scheinen zunächst auch für unsere Projektarbeit in Ulan Bator ihre Berechtigung zu haben: Immerhin lebt fast die Hälfte der rund drei Millionen Mongolen in der am Ufer des Tuul-Flusses gelegenen Hauptstadt. Die Stadt ist zweifellos das politische, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Landes. Wer hier Konferenzen oder Seminare durchführt, muss sich um den Zulauf prominenter Gäste und Parlamentsabgeordneter kaum Gedanken machen. Und dies gilt gerade für die KAS, die als zweitälteste internationale Nichtregierungsorganisation bereits 1993 ihr Auslandsbüro in der Mongolei eröffnete und sich als angesehener Ansprechpartner in Politik und Öffentlichkeit etabliert hat. Doch bei näherer Betrachtung sind gerade die Argumente für eine Konzentration der Projektmaßnahmen auf die Metropolregion auch deren beste Gegenargumente: Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung lebt außerhalb der Großstadt, die Nomadenkultur ist integraler Bestandteil der mongolischen Identität und die Lebenswirklichkeit der Menschen in Stadt und Land könnte unterschiedlicher als in der Mongolei kaum sein. Darüber hinaus führt die Konzentration internationaler Organisationen, Botschaften und Konzerne regelmäßig zu einem gewissen Überangebot an Tagungen und Abendveranstaltungen in der Hauptstadt.

Die Tatsache, dass mehr als 30.000 Mongolen – ganz überwiegend in Ulan Bator lebend und arbeitend – die deutsche Sprache sprechen, ist ebenfalls Vorteil und Herausforderung zugleich: Einerseits sind sie wichtige Brückenbauer zwischen beiden Ländern und stellen ein wesentliches Netzwerk für unsere Arbeit mit Regierung, Ministerien, Parlament und Unternehmen dar. Andererseits zeigt die Erfahrung, dass sich unabhängig vom (deutschen) Veranstalter oftmals die gleichen Personen und Gruppen bei Veranstaltungen einfinden. Keine Frage: Auch weiterhin wird ein wesentlicher Anteil unserer Projektmaßnahmen in Ulan Bator durchgeführt. Doch gerade zur Erweiterung der Netzwerke und zum Erschließen neuer und anderer Zielgruppen lohnt es sich, den Blick über den Tellerrand der Metropole hinaus zu richten.

 

Dorf, Land, Fluss: Projektarbeit in der Steppe

Im Eingang des Makharaji-Tempels in Ulan Bator erwarten den Besucher die aus Papier und Lehm gefertigten Schutzgötter der vier Himmelsrichtungen. So sehr wie sich die Darstellungen des blauen, roten, gelben und weißen Himmelswächters unterscheiden, so unterschiedlich sind auch die ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen für die Menschen in den verschiedenen Teilen des Landes. Welche Zielsetzungen lassen sich daraus für die Projektarbeit der KAS in der ländlichen Mongolei ableiten?

I. Politische Bildung: Ein Ziel unserer Projektarbeit vor Ort ist es, junge Menschen zu befähigen, sich in den politischen Willensbildungsprozess einzubringen. Ein grundlegendes Problem besteht darin, dass es an mongolischen Schulen keinen Politikunterricht gibt. Gemeinsam mit der mongolischen Zorig-Stiftung haben wir deshalb im Vorfeld der diesjährigen Parlamentswahlen zahlreiche Bildungsveranstaltungen in verschiedenen Provinzhauptstädten durchgeführt, die sich insbesondere an Erstwähler richteten. Mongolische Dozenten haben hier etwa zu den Aufgaben und Kompetenzen des Parlaments gesprochen sowie politische und weltanschauliche Unterschiede innerhalb des Parteienspektrums aufgezeigt. Die Veranstaltungen, die zuvor in den Sozialen Medien beworben wurden, haben großen Zulauf erfahren. Unmittelbar stellte sich gerade hier die Frage der Nachhaltigkeit: Zwar ließen sich in der Folge einige junge Menschen in die überregionalen Programme der KAS in der Hauptstadt einbinden, doch zugleich war offensichtlich, dass wir auf diese Weise nur einen geringen Teilnehmerkreis langfristig in unsere Aktivitäten integrieren können. In Kooperation mit dem mongolischen Bildungsministerium haben wir deshalb in den Folgemonaten zwei digitale Plattformen zur politischen Bildung aufgebaut, um in der Landessprache mit Erklär-Videos und wissenschaftlichen Artikeln weiterführende Informationen für die junge Zielgruppe bereitzustellen[i]. In der Corona-Zeit wurden die rund 600 Artikel, die wir digital zur Verfügung gestellt haben, insbesondere auch von Studierenden genutzt, da in mongolischer Sprache kaum vergleichbare Online-Bibliotheken existieren[ii]. Eine neue Videoreihe zu politischen Grundbegriffen mit dem Titel „KAS.EDU“ wurde teilweise auf nationalen TV-Sendern ausgestrahlt und somit einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

II. Regionale Wirtschaftsentwicklung: Nach Angaben der Nationalen Statistikbehörde lebten im vergangenen Jahr rund 230.000 Viehhalterfamilien in der Mongolei, in deren Besitz sich über 66 Millionen Tiere befinden[iii]. Hier erkennt auch der Laie auf den ersten Blick, dass die Lebensumstände eines Kamel-Nomaden in der südlichen Wüste Gobi nur sehr begrenzt mit jenen der Rentier-Nomaden im nördlichen Chöwsgöl-Aimag vergleichbar sind. Abhängig von der regionalen Wirtschaftsstruktur setzen Landespolitiker zugleich unterschiedliche Schwerpunkte, etwa in den Sektoren Landwirtschaft, Bergbau oder der Förderung des Tourismus. Gemeinsam mit einer mongolischen NGO, dem Economic Policy and Competitiveness Research Center (EPCRC), führt die KAS jährlich eine Studie zur regionalen Wettbewerbsfähigkeit durch. Ziel gemeinsamer Regionalkonferenzen mit EPCRC ist es, Diskussionsforen zwischen Unternehmern und Politikern zu etablieren, um einen offenen Austausch zur Verbesserung der lokalen Wirtschaft zu etablieren. Das zentrale Anliegen der KAS ist es dabei, marktwirtschaftliche Prinzipien lokal zu verankern und auf die Bedeutung nachhaltigen Wirtschaftens im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft aufmerksam zu machen. Da der Großteil lokaler Steuereinnahmen nach Ulan Bator abfließt, wurde mit der Präsidialkanzlei eine Veranstaltungsreihe etabliert, deren Ziel es ist, Einnahmen aus dem Bergbau zum Wohl der Menschen in den Förderregionen einzusetzen. Denn ein wesentliches Problem besteht darin, dass die Bevölkerung bislang kaum vom Rohstoffreichtum des Landes profitiert. Dies zeigt sich auch am Arbeitsmarkt: Obwohl die Rohstoffbranche für etwa 90 Prozent der mongolischen Exporte steht, sind in diesem Sektor weniger als vier Prozent der Mongolen beschäftigt[iv]. Ausländische Betreiber setzen im Bergbau überwiegend ausländische Arbeitskräfte ein. Seit 2013 ist die Deutsch-Mongolische Hochschule für Rohstoffe und Technologie darum bemüht, mongolische Arbeitskräfte für spezialisierte Tätigkeiten im Bergbau auszubilden. Ob diese Initiative mittel- und langfristig den gewünschten Erfolg haben wird, muss sich jedoch noch zeigen.

III. Arbeit mit Parlamentsabgeordneten und Landespolitikern: Politik ist Kontaktsport! Seit nunmehr 27 Jahren arbeitet die KAS in der Mongolei mit der Demokratischen Partei (DP) zusammen, um die Etablierung eines Mehrparteiensystems zu festigen. Veranstaltungen in den Wahlkreisen ermöglichen es der KAS, ihre Themen spezifisch auf die jeweilige Region und deren Problemlage ausgerichtet zu platzieren und neue Zielgruppen anzusprechen. Zugleich wird durch diese Veranstaltungen das Netzwerk zwischen der KAS und den politischen Entscheidungsträgern vor Ort gestärkt. Vor den landesweiten Regionalwahlen im Oktober dieses Jahres hat die KAS gemeinsam mit der DP vier Konferenzen auf dem Land durchgeführt. Im Mittelpunkt stand die Schulung junger Kandidatinnen und Kandidaten, etwa durch Medientrainings oder zu Themen des lokalen und regionalen Wahlkampfmanagements. Von der Stärkung der Beziehungen mit den Parlamentsabgeordneten durch die Wahlkreisarbeit profitiert in der Folge auch unsere Arbeit in Ulan Bator, da dies die Einbindung der Entscheidungsträger in andere Projekte der KAS oftmals entscheidend erleichtert. Die spezielle Förderung von Nachwuchspolitikern trägt dazu bei, den Anliegen der jungen Generation innerhalb der Partei eine stärkere Stimme zu verleihen.

IV. Regionalkonferenzen zur Schulung von Staatsbeamten: Auch im Bereich der Verwaltung ist die Mongolei durch starke regionale Unterschiede geprägt. Gerade in den reicheren Aimags (Provinzen) ist die Digitalisierung der Verwaltung weit vorangeschritten, während dieser Prozess anderswo erst eingeleitet wird. Gemeinsam mit der Regierungskanzlei haben wir in der Vergangenheit „Muster-Verwaltungen“ identifiziert und dort Regionalkonferenzen mit Staats- und Verwaltungsbeamten aus sämtlichen Provinzen durchgeführt. Durch die persönliche Erfahrung mit regionalen „Best-Practice-Modellen“ soll mittelfristig ein Beitrag zur Vereinheitlichung der landesweiten Verwaltungsstandards geleistet werden.

 

Regionen stärken: Das Leben der Anderen

„Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben“, brachte es Alexander von Humboldt auf den Punkt. Die Mongolei einzig aus der Perspektive Ulan Bators zu betrachten und es bei wohlmeinenden Fernanalysen zu belassen, wäre somit falsch und zudem gefährlich. Denn die Probleme in der ländlichen Mongolei werden seit Jahren zunehmend zu einer wesentlichen Herausforderung für die Ballungsräume, insbesondere für Ulan Bator selbst. In den sechziger und achtziger Jahren begann eine Landflucht, die bis dahin ungeahnte Ausmaße angenommen hat und anhaltend zu einer Überlastung der Städte führt. 1956 lebten noch 75 Prozent der Bevölkerung auf dem Land. Allein in der Hauptstadt hat sich die Einwohnerzahl von rund 760.000 Einwohnern im Jahr 2000 auf knapp 1,5 Millionen Einwohner im Jahr 2018 innerhalb kurzer Zeit nahezu verdoppelt[v]. Und dies mit verheerenden Auswirkungen für die Gesundheit der Stadtbevölkerung sowie die städtische Infrastruktur. Das politische Projekt, zur Entlastung eine neue Öko-Stadt mit dem Namen Maidar City vor den Toren Ulan Bators zu errichten, schreitet seit Jahren kaum voran. Diese Entwicklungen unterstreichen abermals die gesellschaftliche und politische Notwendigkeit, die einzelnen Regionen zu stärken und die Probleme der Landbevölkerung in den Blick zu nehmen. Denn nur eine Politik, die eine Verbesserung der Lebensbedingungen in den ländlichen Regionen zum Ziel hat, wird mittel- und langfristig in der Lage sein, der rasanten Landflucht und deren gravierenden Folgeproblemen entgegenzuwirken. Mit den Projekten im ländlichen Raum kann die KAS hierzu einen Beitrag leisten und politische Aufmerksamkeit auf die wirtschaftlichen, sozialen und infrastrukturellen Herausforderungen auf dem Land lenken.

 

Bewertung und Ausblick: Chancen erkennen und Kräfte bündeln

Keine Frage: Veranstaltungen auf dem Land sind kein Selbstzweck und ebenso ist kein Projekt automatisch zielführend, weil es außerhalb der Metropolregion durchgeführt wird. Es braucht ein an den jeweiligen Zielen orientiertes Augenmaß: Im Vorfeld der diesjährigen Wahlen hat sich zum Beispiel gezeigt, dass durch das Format der Regionalkonferenz die Abstimmung und die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Provinzen gestärkt werden konnte. So ergibt es in der Praxis oftmals mehr Sinn, in Regionen anstatt in einzelnen Provinzen zu denken. Zur Erreichung der jeweiligen Ziele ist es entscheidend, sich im Vorfeld mit der Frage der Formate und der Nachhaltigkeit von Projekten im ländlichen Raum auseinanderzusetzen. Mit der Etablierung digitaler Plattformen zur politischen Bildung sind wir darum bemüht, die Potentiale der Digitalisierung verstärkt für unsere Projektarbeit zu nutzen. Doch auch das beste Online-Seminar wird den persönlichen Kontakt zwischen Politikern und Bürgern nicht gleichwertig ersetzen können. Gerade deshalb wird die KAS auch weiterhin in den Provinzen persönlich aktiv sein und den Blick über die Stadtgrenzen von Ulan Bator hinaus in die große Weite der ländlichen Mongolei und auf die dortigen Herausforderungen richten. 

 


 

[i] Die Seiten sind (in mongolischer Sprache) abrufbar unter: www.kas.edu.mn sowie www.academy.edu.mn.

[ii] In der Folge wurden uns vom Bildungsministerium Domänen mit der Endung „edu.mn“ zugesprochen, die eigentlich staatlichen Bildungseinrichtungen vorbehalten sind.

[iii] Diese und weitere Statistiken abrufbar unter: Nationale Statistikbehörde der Mongolei:  https://www.en.nso.mn/, letzter Zugriff: 2020.12.11.

[iv] Siehe hierzu auch: Fuhrmann, Johann: Rückkehr eines designierten Tigers? Die mongolische Wirtschaft am Scheideweg, in: Diplomatisches Magazin, abrufbar unter: https://www.kas.de/de/web/mongolei/publikationen/einzeltitel/-/content/rueckkehr-eines-designierten-tigers, letzter Zugriff: 2020.12.11.

[v]      Vgl.: Mongolei: Provinzen, Städte und urbane Siedlungen, abrufbar unter: https://www.citypopulation.de/de/mongolia/cities/, letzter Zugriff: 2020.12.11.

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Johann C. Fuhrmann

Johann C

Leiter des Auslandsbüros Mongolei

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