2. Mai 1989: Beginn des Abbaus der Grenzanlagen zwischen Ungarn und Österreich

von Bence Bauer, LL.M

Die internationale Kettenreaktion, die hierdurch ausgelöst wurde, beförderte letztlich die deutsche und die europäische Einheit.

Mit der Öffnung der Grenze zu Österreich bewies das spätkommunistische Ungarn im Jahre 1989 Mut und Menschlichkeit. Die durch diese Entscheidung ausgelöste internationale Kettenreaktion beförderte letztlich die deutsche und die europäische Einheit. Auch die deutsch-ungarischen Beziehungen wurden durch dieses wichtige Ereignis des Wendejahres 1989 aufgewertet.

Der offiziellen Öffnung der Grenze Ungarns zu Österreich am 11. September 1989 gingen eine Reihe von diplomatischen und politischen Ereignissen voraus, allen voran der Abbau der Grenzbefestigungsanlagen ab dem 2. Mai 1989 sowie der Grenzdurchbruch im Rahmen des Paneuropäischen Picknicks am 19. August 1989. Die Rahmenbedingungen, die zum Abbau der Grenzbefestigungsanlagen und zur anschließenden Grenzöffnung geführt haben, schildert dieser Artikel.

Der Kampf um die Jahrestage

Noch in den Nachwendejahren wurde der 27. Juni 1989 als ein prägendes historisches Datum wahrgenommen und nicht nur von offiziellen Stellen entsprechend ausgiebig gefeiert. An diesem Tag durchschnitten die Außenminister von Österreich und Ungarn, Alois Mock und Gyula Horn, den Grenzzaun zwischen ihren Ländern und damit symbolisch ein Stück des „Eisernen Vorhangs“. Die Bilder der beiden Politiker, die offensichtlich mit der großen Drahtschere in ihren Händen eher schlecht als recht zurechtkamen, wurde international mannigfach verbreitet und prägte sich schnell und nachhaltig in den Köpfen der Menschen ein. Das Bild war das Bild der ungarischen Grenzöffnung schlechthin, auf das alle gewartet hatten. Dabei wussten viele nicht, dass an der Stelle, an der die beiden Politiker aufeinandertrafen, gar keine Grenzbefestigungsanlage mehr bestand, ja das sie vielmehr eigens für diese Aktion wieder aufgebaut worden war.

Tatsächlich hatte Ungarn bereits am 2. Mai 1989 damit begonnen, die Grenzanlagen zu demontieren und noch am gleichen Tag hatten Angehörige der Grenztruppen an den beiden Standorten Hegyeshalom (Straß-Sommerein) und Sopron (Ödenburg) vor internationaler Presse dies offiziell bekannt gegeben. Insofern existierte dann im Juni 1989 zwar noch an vielen Grenzabschnitten der berühmt-berüchtigte „Eiserne Vorhang“, doch just am Ort des Aufeinandertreffens von Mock und Horn in der Nähe von Sopron gab es ihn seit dem 2. Mai nicht mehr.

Noch Jahre nach dem Ereignis kursierten in Ungarn verschiedene Interpretationen der Ereignisse des 27. Juni 1989. Im Gegensatz zu vielen anderen, schwerer zugänglichen Abschnitten, ist die von den Außenministern begangene Stelle leicht mit dem PKW erreichbar. Heute wissen wir, dass schon am 2. Mai 1989 aus genau diesem Grund Vertreter der internationalen Presse an denselben Ort gebracht worden waren, um über den Abbau zu berichten.

Der inszenierte Durchschnitt des Maschendrahtzauns am 27. Juni war eine österreichisch-ungarische Aktion von großer PR-Bedeutung und in der Tat sollte die Wirkung medial verbreiteter Bilder und Botschaften nicht verkannt werden. Für die eigentliche historische Entwicklung waren jedoch die Ereignisse des 2. Mai 1989 bzw. das Paneuropäische Picknick am 19. August 1989 viel bedeutsamer. Diese Einsicht setzte sich jedoch erst gegen Ende der 1990er Jahre durch. Sehr oft geht nämlich in Ostmitteleuropa mit der Besetzung historischer Daten und Fakten auch das Streben nach der Deutungshoheit über ein historisches Ereignis einher. Von daher stehen die verschiedenen Jahrestage auch für eine unterschiedliche Geschichtsinterpretation.

Für Politik und Öffentlichkeit in Österreich und Ungarn sowie für die auch in Deutschland nicht wenigen Bewunderer von Gyula Horn war er die entscheidende Person der Ereignisse des Jahres 1989. In Wirklichkeit waren die Dinge komplexer und einen einzigen „Helden“ gab es nicht. Auch ist es wichtig zu sehen, dass Horn erst am 10. Mai 1989 zum Außenminister ernannt worden war, also zu einem Zeitpunkt, als der Beschluss zum Abbau der Grenzanlagen schon lange feststand und auch durch das Innen- und nicht das  Außenministerium implementiert worden war.

Die Vorgeschichte

In den Jahren nach dem gescheiterten Ungarnaufstand von 1956 suchte die kommunistische Staats- und Parteiführung Ungarns die Gunst der Bevölkerung mit kleinen Freiheiten und einem im Vergleich mit den übrigen Ostblockstaaten höheren Lebensstandard zu erkaufen. Nach wie vor allerdings existierte in Ungarn ein Einparteiensystem mit Zensur, Unterdrückung und eingeschränkten Menschenrechten. Insbesondere aber für viele Bürger der DDR galt Ungarn als verlockendes Reiseland und die touristischen, kulinarischen und kulturellen Angebote rund um den Plattensee (Balaton) wurden von Ost- und Westdeutschen gleichermaßen goutiert. Der See war damit ein beliebter Treffpunkt für Deutsche von Hüben und Drüben. Die vermeintliche romantische Ungarn-Idylle machte sich auch die Stasi zunutze, die am Balaton und auch in Budapest ein dichtes Netz von Aktivitäten zur Beobachtung der eigenen Staatsbürger entfaltete und eine mögliche „Republikflucht“ der Urlauber aufzuspüren versuchten. In der Tat liegt die Vermutung nahe, dass der Anblick von westdeutschen Autos, Banknoten und Konsumgütern in nicht wenigen DDR-Bürgern Fluchtgedanken aufkommen liess. Die Mehrheit der Urlauber kehrte jedoch am Ende der Ferienzeit jedes Jahr wieder zurück in den real existierenden Sozialismus der DDR.

Für die Ungarn hingegen war der Preis ihres etwas höheren Lebensstandards eine schleichende Staatsverschuldung, die seit Mitte der 1980er Jahre immer mehr anstieg und das Land an den Rand eines finanziellen Bankrotts brachte. In dieser Situation erwies sich der im November 1988 frisch ins Amt gewählte und mit 40 Jahren erstaunlich junge Ministerpräsident Miklós Németh als Pragmatiker, der mehr war als nur ein Reformkommunist. Németh glaubte spätestens seit 1984 nicht mehr an die Möglichkeit einer Reform des Sozialismus, sondern orientierte sich an einem möglichen Systemwechsel und wollte marktwirtschaftliche Reformen durchsetzen. Damit gehörte er innerhalb der führenden Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei zu einer Minderheit, die sich gegenüber dem orthodoxen kommunistischen Kurs der Mehrheit durchsetzen musste. Bezüglich der Grenzanlagen erwirkte Németh allerdings eine Kette von Ereignissen, deren Ende er selbst nicht hatte erahnen können. Nach Durchsicht des Budgetentwurfs für das Jahr 1989 entdeckte der Ministerpräsident nämlich einen mit einem Code versehenen, finanziell recht hoch dotierten Posten, dessen Bedeutung erst auf Nachfrage eruiert werden konnte: es ging dabei um die Erneuerung der Grenzbefestigungsanlagen.

Der Abbau der Grenzbefestigungsanlagen ab dem 2. Mai 1989

Die hohen Kosten für die ungarischen Grenzbefestigungsanlagen wurden unter anderem durch deren besondere technische Beschaffenheit verursacht. Ende der 1960er Jahre war die mehr als 200 Kilometer lange Grenze gen Westen mit einer Signalanlage des Typs SZ-100 ausgestattet worden, die bis zu zwei Kilometer vor dem eigentlichen Grenzverlauf stand. Diese damals in Flüchtlingskreisen wohl kaum bekannte Vorrichtung sorgte übrigens für nicht wenige dramatische Fluchtszenen, bei denen sich die Menschen schon in Österreich und damit in Sicherheit glaubten, aber doch noch von ungarischen Grenztruppen aufgegriffen wurden. Nach der Praxis seit den 1960er Jahren bis 1989 wurden die Grenzverletzer an die DDR-Behörden überstellt. Erst im Spätsommer 1989 ging Ungarn dazu über, die Flüchtlinge aus der DDR nach einer Verwarnung laufen zu lassen – ebenso übrigens wie die rumänischen Staatsangehörigen, von denen viele ethnische Ungarn waren. Diese Ungleichbehandlung war auch Thema für Németh; er gab zu bedenken, dass diese Praxis von der immer selbstbewusster werdenden Bürgergesellschaft zu Recht kritisiert werden könnte. Staatsminister Imre Pozsgay hatte bereits im Herbst 1988 bei seinem Besuch in Győr (Raab) erklärt, dass die Grenzsperre nicht nur technisch, sondern auch politisch und moralisch überholt sei.

Die veraltete Signalanlage löste ständig Fehlalarme aus, woraufhin die Grenzsoldaten aufwändig anrücken mussten. In der Mehrzahl der Fälle verirrte sich jedoch lediglich ein Vogel oder ein Feldhase in den weitreichenden Signalanlagen. Die damaligen Berichte der Grenzkommandatur gehen von einer Zahl von jährlich bis zu 4.000 Falschmeldungen aus. Für Németh war klar, dass von den drei Varianten Überholung der Anlage, Ersetzung durch ein modernes System oder völliger Abbau allein die dritte Option in Frage kam. Dies war nicht nur die kostengünstigste Lösung, auch politische Gründe sprachen gegen den Weiterbetrieb der technischen Grenzsperren. Zunächst hatten die Ungarn bereits ab dem 1. Januar 1988 die Möglichkeit, einen sogenannten Weltpass zu beantragen. Damit konnten die Staatsbürger des immer noch kommunistischen Ungarn frei in jedes Land der Welt reisen, was im Ostblock als unerhörte Neuerung galt. Infolgedessen sank der Anteil der Ungarn bei den illegalen Grenzübertritten kontinuierlich: Im Jahre 1988 wurden diese zu über 98 Prozent von Ausländern verübt, die überwiegend aus den sozialistischen „Bruderländern“ stammten (meist rumänische oder DDR-Staatsangehörige). Überdies ließen auch der zunehmende Tourismus und die allgemeine Öffnung des Landes die Signalanlage als Anachronismus erscheinen.

Der streng geheime Abbau der Anlagen begann dann bereits am 18. April 1989. Die Grenztruppen wurden sorgfältig über die vorgesehenen Arbeiten informiert und erhielten Anweisungen hierzu. Zum Teil konnten sie an abgelegenen Abschnitten an der Dreiergrenze zu Österreich und zur Tschechoslowakei das Demontieren üben, sogar Schulungsvideos soll es gegeben haben. Die völlig überraschende Verkündung des Abbaus der Grenzbefestigungsanlagen wurde in überhastet einberufenen internationalen Pressekonferenzen in den frühen Morgenstunden des verregneten 2. Mai, einem Dienstag, in Hegyeshalom (Straß-Sommerein) und Sopron (Ödenburg) bewerkstelligt. Erst am Vorabend waren die internationalen Korrespondenten hierzu geladen worden. Den DDR-Bürgern, die in der Lage waren, Westfernsehen zu empfangen, wurde somit schnell klar, dass sich in Ungarn große Ereignisse ankündigen. Die Zahl der Reisegesuche nach Ungarn schnellte daraufhin in die Höhe.

Heute wissen wir, dass das Politbüro in der Sitzung vom 28. Februar 1989 den Abbau der Grenzanlagen zwar nicht formal beschlossen hat, doch dass bezüglich der Maßnahme Einvernehmen herrschte, da sich niemand dagegen aussprach. Einige fürchteten aber die antizipierten Reaktionen der DDR-Führung. Miklós Németh informierte den Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, anlässlich seines Antrittsbesuchs am 3. März in Moskau von dem geplanten Vorhaben. „Das ist eure Verantwortung“ soll Gorbatschow den überlieferten Protokollberichten zufolge lapidar geantwortet haben. Die von Németh mit Nachdruck vorgebrache Sorge um die Reaktion der DDR wischte Gorbatschow offenbar ganz bewusst vom Tisch: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“ Nach Lesart einiger Historiker passt diese Einstellung zur Politik des Staats- und Parteichefs, die darauf hinauslief, den Dingen ihren Lauf zu lassen und abzuwarten. Das gleiche Muster wiederholte sich nach dem Paneuropäischen Picknick  und der endgültigen Grenzöffnung am 10. September 1989. Interessanterweise wurde die Staatsführung der DDR nicht im Vorfeld, sondern erst durch die Medien informiert. Aufgrund der Zusicherung der Ungarn, die Grenze weiterhin zu bewachen, wurde der Abbau der Grenzanlagen jedoch fälschlicherweise nur als „grenzkosmetische“ Maßnahme aufgefasst – ein folgenschwerer Irrtum.

Das Paneuropäische Picknick und die Grenzöffnung

Die Sommermonate bescherten Ungarn eine große Zahl von DDR-Touristen, doch im Jahre 1989 war alles anders als sonst: Die Ostdeutschen wollten nicht in die DDR zurückkehren, sondern harrten in Ungarn aus. Beflügelt durch die Nachrichten über den Abbau der Grenze und über den pro-westlichen Reformkurs der ungarischen Machthaber, hofften sie auf eine Chance. Bis zur Grenzöffnung im September wurden an der Westgrenze Ungarns 7.200 Personen aus der DDR aufgegriffen, 6.200 gelang die Flucht. Am 13. August 1989, dem 28. Jahrestag des Mauerbaus, musste die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Budapest wegen Überfüllung durch Flüchtlinge aus der DDR geschlossen werden. Die Vorsitzende des ungarischen Malteser-Caritas-Dienstes Csilla Freifrau von Boeselager organisierte daraufhin selbstlos mit dem Pfarrer der katholischen Gemeinde „Zur Heiligen Familie“ Imre Kozma eine provisorische Aufnahme und Versorgung der Menschen aus der DDR in Zugliget und in Csillebérc.

Inoffizielle Schätzungen gehen davon aus, dass sich über den ganzen Sommer 1989 hinweg bis zu 200.000 Ostdeutsche in Ungarn aufhielten. Die Kunde vom Paneuropäischen Picknick am 19. August 1989 an der österreichisch-ungarischen Grenze in der Nähe Soprons fand auf eine mysteriöse Weise ihren Weg zu den in Ungarn weilenden Menschen aus der DDR. Der Grenzdurchbruch, der dort erfolgte, ist vielfach, auch mittels Konferenzen und Publikationen der Konrad-Adenauer-Stiftung gewürdigt und von der Nachwelt als der entscheidende Katalysator der Wende interpretiert worden. Die Flucht von etwa 700 Menschen an diesem Tag über die ungarisch-österreichische Grenze brachte das DDR-System an den Rand des Zusammenbruchs und die Kraft der Bürgergesellschaft zeigte Ungarn als hoffnungsvollen und menschlichen Ort. Schließlich ließ auch der Tod von Kurt-Werner Schulz an der Grenze zu Österreich zwei Tage später in der ungarischen Führung die Einsicht reifen, dass die Grenze letztlich für Flüchtlinge aus der DDR dauerhaft geöffnet werden müsse.

Die offizielle Grenzöffnung erfolgte dann in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989. Tausende jubelnde DDR-Bürger reisten gen Bundesrepublik Deutschland und die DDR war ihrem Ende ein gutes Stück nähergekommen. Noch heute mahnt eine Gedenkplakette an der Nordseite des Berliner Reichstagsbebäudes an diese historischen Entscheidungen.

​​​​​​​Bence Bauer

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