Bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht

Am 8. Mai 1945 endete offiziell der Zweite Weltkrieg in Europa. Kapituliert hatte die Wehrmacht bereits am Vortag in Reims. Die Sowjets bestanden aber darauf, dass die deutschen Truppen auch ihnen gegenüber die Waffen niederlegten. Im Offizierskasino der Pionierschule 1 in Berlin-Karlshorst unterzeichnete deshalb Generalfeldmarschall Keitel in der Nacht zum 9. Mai die bedingungslose Kapitulation.

Über zwölf Jahre nach der Machtergreifung Adolf Hitlers war der Nationalsozialismus damit Geschichte. Er hatte schreckliche Folgen hinterlassen: Weite Teile Europas waren zerstört, Millionen von Menschen waren obdachlos, über 60 Millionen hatten im Krieg ihr Leben verloren – mehr als in jedem anderen Krieg der Menschheitsgeschichte. Aus allen Schrecken aber ragte die Vernichtung der europäischen Juden hervor. Ungefähr sechs Millionen von ihnen waren den Mordkommandos der SS oder den Vernichtungslagern zum Opfer gefallen, einige wenige hatten es geschafft, sich rechtzeitig durch Flucht in Sicherheit zu bringen. Viele von ihnen kehrten nicht in ihre Heimatländer zurück. Eine zweitausend Jahre lange Kultur jüdischen Lebens in Europa war unwiderruflich zerstört.

Deutschland, das Land, von dem aus die Katastrophe ihren Ausgang genommen hatte, lag am Boden. Es war vollständig von seinen ehemaligen Kriegsgegnern, den USA, Großbritannien und der Sowjetunion, besetzt. In der vom 17. Juli bis 2. August 1945 stattfindenden Potsdamer Konferenz berieten diese über das Schicksal des Landes. Mehr als 10 Millionen Deutsche befanden sich in alliierter Kriegsgefangenschaft, die letzten von ihnen sollten erst über zehn Jahre später aus der Sowjetunion zurückkehren. Zudem waren mehr als sieben Millionen aus ihrer Heimat im Osten geflohen oder vertrieben worden. Bis 1947 würden insgesamt über 12 Millionen Deutsche ihre angestammten Wohnorte verlassen müssen.

Überdies hatten viele Deutsche bis zum Schluss an Hitler und sein Versprechen eines „Endsieges“ geglaubt und fühlten sich nun betrogen. Dennoch dürfte zumindest die Erleichterung über das Ende der Kämpfe sehr weit verbreitet gewesen sein, zumal bereits der Kriegsausbruch 1939 keine Begeisterung in der Bevölkerung ausgelöst hatte.

Befreit allerdings dürften sich damals nur die wenigsten gefühlt haben. Zu ungewiss war das weitere Schicksal des Landes und jedes Einzelnen, nicht zuletzt, weil auch nach Kriegsende die Gewalt allgegenwärtig war. Insbesondere in der sowjetischen Besatzungszone waren Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen an der Tagesordnung. Zudem hatten die Alliierten für die Befreiung Europas von der deutschen Schreckensherrschaft und nicht für die Befreiung Deutschlands gekämpft. Es war wenig verwunderlich, dass die meisten Deutschen das nicht anders sahen.

Es vergingen Jahrzehnte, ehe sich dieses Bild langsam wandelte. Wichtigster Grund war neben der immer besseren Erforschung des Dritten Reichs und der damit einhergehenden Verbreitung des wahren Charakters der NS-Diktatur vor allem die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik. Während der Topos von der „Befreiung vom Faschismus“ in der DDR von Beginn an Teil der Staatsräson war, obwohl diese Befreiung nicht die Freiheit, sondern eine neue, wenngleich in ihrem Schrecken nicht vergleichbare Diktatur gebracht hatte, formulierten die politischen Eliten im demokratischen Westdeutschland vorsichtiger. Der spätere Bundespräsident Theodor Heuss sprach 1946 von der „fragwürdigsten Paradoxie der Geschichte“. Deutschland sei „erlöst und vernichtet in einem“.

Mit zunehmender Prosperität der Bundesrepublik, mit wachsender Akzeptanz für Demokratie und Soziale Marktwirtschaft, reifte auch in der Bevölkerung die Erkenntnis, dass der 8. Mai 1945 nicht so sehr das Ende des Deutschen Reichs, sondern vielmehr der Anfang des besten Staates auf deutschem Boden gewesen war. Das galt jedoch nur für den westlichen Teil Deutschlands, nicht für die DDR. Helmut Kohl fasste dies in seiner Rede, die er am 21. April 1985 im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen hielt, prägnant zusammen: „Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung. Nicht allen aber verhieß er, wie es sich rasch erwies, neue Freiheit.“ Wenig später sprach auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes vom 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung“.

Heute, 70 Jahre nach diesem Ereignis, dürfte wohl kaum jemand in Frage stellen, dass der Zusammenbruch des Dritten Reichs nicht nur für Europa und die Welt, sondern auch für die Deutschen selbst ein Segen war. Dies gilt umso mehr, seit dank der Wiedervereinigung 1990 alle Deutschen in einem demokratischen Staat in Freiheit und Wohlstand leben können.

Alexander Brakel