Volksaufstand in Berlin und in der DDR

Die Bauarbeiter in der Ost-Berliner Stalinallee gaben das Signal für einen Volksaufstand, der am folgenden Tag fast die gesamte DDR erfasste.

Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR

Als am Morgen des 16. Juni 1953 die Bauarbeiter in der Ost-Berliner Stalinallee die Arbeit niederlegten und eine Abschaffung der erhöhten Arbeitsnormen forderten, war dies das Signal für einen Volksaufstand im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands, der am folgenden Tag fast die gesamte DDR erfasste. Allerdings kam dies mitnichten unerwartet: seit der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952, bei der der starke Mann der SED, Walter Ulbricht, den „beschleunigten Aufbau des Sozialismus“ in der DDR verkündete, hatte sich die Wut in der ostdeutschen Bevölkerung aufgebaut.

Der Weg zum 17. Juni

Im Frühjahr 1952 lehnte die von Konrad Adenauer geführte Bundesregierung die Offerte der Stalinnote ab, Verhandlungen mit dem Ziel gesamtdeutscher Wahlen und einem neutralisierten, vereinigten Deutschland aufzunehmen. Vor dem Hintergrund der sowjetischen Politik der Nachkriegsjahre ging Adenauer nicht von einem ernstgemeinten Angebot Stalins aus. In der DDR war diese Ablehnung der Vorwand, auf der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 in Ost-Berlin den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ zu forcieren. Die Schwerindustrie sollte massiv zu Lasten insbesondere der Konsumgüterindustrie und der noch in Privathand befindlichen Betriebe ausgebaut werden, die Aufrüstung der DDR beschleunigt und die ideologischen Gegner bekämpft werden.

In den folgenden Monaten, besonders seit Jahresanfang 1953, verstärkte sich die Repression. Die Bauern wurden durch kaum erfüllbare Ablieferungszwänge, die sich nicht an den tatsächlichen Erträgen orientierten, zum Eintritt in die „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“ (LPG) gezwungen, Verweigerer massiv unter Druck gesetzt und häufig polizeilich schikaniert und verfolgt. Ein besonderes Augenmerk der SED galt den Kirchen als dem „letzten organisierten Feind des Sozialismus“. Besonders die Jugendbewegung der Kirchen war der Partei ein Dorn im Auge, da die evangelische „Junge Gemeinde“ und die katholische Pfarrjugend in den „Erweiterten Oberschulen“ sehr großen Zuspruch fanden. Im Frühjahr 1953 wurde deshalb damit begonnen, engagierte Mitglieder der kirchlichen Jugend von den Oberschulen zu relegieren, ein Verfahren, das mit der Kritik vor der versammelten Schülerschaft schon Züge eines Schauprozesses aufwies. Der Vorwurf lautete in der Regel, dass die Mitglieder der „Jungen Gemeinde“ „Agenten der amerikanischen Imperialisten“ seien. (Gut eingefangen hat die Atmosphäre jener Monate Uwe Johnson in seinem autobiographischen Roman „Ingrid Babendererde“.) Wohl mehr als 3000 Oberschüler wurden der Schule verwiesen.

Die Repression beschränkte sich allerdings nicht nur auf Bauern und Kirchen, auch innerhalb der SED wurde verstärkt nach „Abweichlern“ gefahndet und ein absurder Personenkult um Stalin betrieben. Da außerdem die Finanzlage der DDR immer prekärer wurde und die steigende Zahl der „Republikflüchtigen“ sowie eine forcierte Aufrüstung die Wirtschaft zunehmend belasteten, wurde ein ambitioniertes Sparprogramm aufgelegt. Vergünstigungen wie verbilligte Straßenbahnfahrkarten für Arbeiter wurden abgeschafft und noch am 28. Mai 1953 über die Erhöhnung der Arbeitsnormen zum 1. Juni de facto die Löhne der abhängig Beschäftigten spürbar gekürzt.

Der Tod des „größten Freundes des deutschen Volkes, des Generalissimus Stalin“, wie ihn die SED-Propaganda betitelte, am 5. März 1953, veränderte die politischen Rahmenbedingungen grundlegend. Innerhalb der KPdSU-Führung brach ein Machtkampf aus, bei dem zunächst der Geheimdienstchef Lawrentij Berija die Oberhand hatte. Berija, der maßgeblich am stalinistischen Terror der 1930er Jahre beteiligt gewesen war, hatte aufgrund seines Informationsvorsprungs eine klare Vorstellung von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Ostblock. Er suchte deshalb, soweit sich seine Konzeption rekonstruieren lässt, die temporäre Entspannung mit den USA, um eine Atempause zur wirtschaftlichen Herrschaftsstabilisierung nutzen zu können. Die Nachrichten aus der DDR, dem wichtigsten, aber auch gefährdetsten sowjetischen Satellitenstaat waren dabei Wasser auf seine Mühlen: der bedrohliche Anstieg von „Republikfluchten“ enteigneter Bauern und relegierter Oberschüler waren für den sowjetischen Hohen Kommissar Wladimir Semjonow klare Warnzeichen, dass eine gewaltsame Erhebung drohte. Zudem gab es innerhalb des SED-Politbüros um den Chefredakteur des „Neuen Deutschland“, Rudolf Herrnstadt, einen ehemaligen Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes, und den MfS-Chef Wilhelm Zaisser eine Gruppierung, die aus machttaktischen Erwägungen die forcierte Sozialisierung kritisierte und vermutlich Berija auf dem Laufenden hielt. Diese Kreise konnten sich zwar innerhalb der SED-Führung zunächst nicht durchsetzen, doch wandte sich das Blatt, als Anfang Juni 1953 Berija die Notbremse zog und das SED-Politbüro zum Rapport nach Moskau einbestellte.

Der Aufstand

Der Besuch von Mitgliedern der SED-Spitze in Moskau vom 2. bis 4. Juni 1953 markiert den eigentlichen Wendepunkt in der Vorgeschichte des Aufstandes. Die Parteispitze um Ulbricht wurde nicht im Unklaren darüber gelassen, wer letztlich das Sagen in der DDR hatte, und auf ein Memorandum festgelegt, in dem die sowjetische Parteiführung eindeutig den Rahmen abgesteckt hatte: Die „Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der DDR“ wiesen die SED u.a. an, den Kirchenkampf abzubrechen und die relegierten Oberschüler wieder zuzulassen, den verschärften Aufbau der Schwerindustrie zeitlich zu strecken, das Ablieferungssoll für Bauern abzusenken und die Normerhöhungen zurückzunehmen. Bedenken der ostdeutschen Kommunisten, dass eine so deutliche Kursänderung als Schwäche gedeutet werden könnte, wischten die Sowjets vom Tisch. Der SED, in der Ulbricht jetzt de facto entmachtet war, blieb nichts anderes übrig, als die Vorgaben als „Neuer Kurs“ am 9. Juni selbst zu beschließen und am 11. Juni durch das „Neue Deutschland“ verkünden zu lassen. In einem wesentlichen Punkt setzte die SED die sowjetischen Anweisungen allerdings nicht um: die Normerhöhung wurde nicht zurückgenommen, sondern in der Gewerkschaftspresse sogar noch verteidigt. Mit Vertretern der evangelischen Kirche kam es am 10. Juni zu einem Treffen, dessen Ergebnisse in der Tagespresse verkündet wurden. Die DDR-Bevölkerung, mittlerweile geübt im Zwischen-den-Zeilen-lesen, erkannte das Zurückweichen der Regierung. Die Arbeiterschaft allerdings sah sich benachteiligt, da die Normerhöhungen blieben.

In den Tagen nach der Verkündung des „Neuen Kurses“ verstärkten sich widerständige Handlungen in der ganzen DDR; sie reichten von der Rückkehr geflohener Bauern über die Selbstauflösung von LPGs bis hin zu ersten politischen Forderungen. Mit der Arbeitsniederlegung der Bauarbeiter an dem Vorzeigeprojekt der DDR, der Bebauung der Ost-Berliner Stalinalle am Vormittag des 16. Juni eskalierte die Situation. Über den westlichen Rundfunk erfuhr bis zum Abend die gesamte DDR-Bevölkerung davon, so dass am nächsten Tag überall gestreikt wurde. Am 17. Juni floh die Parteiführung in den Schutz der sowjetischen Besatzungstruppen und trat politisch nicht in Erscheinung, so dass ein sowjetischer Bericht von „Feigheit und Konfusion“ der SED-Spitze spricht. Demonstranten zogen durch das Regierungsviertel, die Ministeriumsmitarbeiter schlossen sich an, am Brandenburger Tor wurde die rote Fahne heruntergerissen und verbrannt. Der Vorsitzende der Ost-CDU, Otto Nuschke , wurde von Demonstranten nach West-Berlin verbracht und dort der Polizei übergeben.


Interview mit Otto Nuschke im RIAS, 17. Juni 1953


Ansprache von Konrad Adenauer zum 17. Juni 1953

In fast allen größeren Industriebetrieben der DDR und Ost-Berlins wurde am 17. Juni gestreikt, häufig auch Streikleitungen gewählt und SED-, FDGB- und FDJ-Funktionäre für abgesetzt erklärt. In den größeren Städten kam es häufig zu Gefangenenbefreiungen, oft wurden die Dienststellen des MfS gestürmt und verwüstet. In der Regel gaben die anwesenden SED-Funktionäre Warnschüsse ab und ergaben sich dann, stellenweise kam es jedoch zu regelrechten Kämpfen, so in Magdeburg mit sechs Toten und etwa 50 Verletzten.

Eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung der Kenntnisse vom Aufstand und seinem Verlauf spielte der Rundfunk im amerikanischen Sektor, der RIAS. West-Berlin war nicht nur das „Schaufenster der freien Welt“, sondern auch der über die Sektorengrenze erreichbare Schutzraum für die Aufständischen. Die kommunistischen Machthaber sahen sich mit einer Nachrichtenquelle konfrontiert, die bei der DDR-Bevölkerung ungleich höheres Ansehen als der Rundfunk der DDR genoss und ungeschminkt über die Missstände in Ost-Berlin informierte.

Sieht man sich die regionale Verteilung der Streiks und Aufstandshandlungen an, so ergibt sich eine frappierende Übereinstimmung mit den späteren Schwerpunkten der „Friedlichen Revolution“ 1989. Es wurde die ganze DDR erfasst, überall lassen sich widerständige Handlungen nachweisen, doch gibt es eine klare Nord-Süd-Zunahme der Dichte dieser Handlungen. Die Schwerpunkte lagen in den Berliner Baustellen, dem Berliner Industriegürtel und den thüringer und sächsischen Bezirken. In zwei sächsischen Ortschaften, Görlitz und Niesky, schlug der Aufstand sogar in eine regelrechte Revolution um, da dort die Bürgermeister abgesetzt und eigene überbetriebliche Streikleitungen etabliert wurden.

Aus den Akten der Volkspolizei lassen sich recht genau die Forderungen der Aufständischen rekonstruieren. Es begann fast immer mit begrenzten, lokalen Forderungen, etwa bei den Bauarbeitern mit der Forderung nach Aufhebung der Arbeitsnormen oder auf dem Land nach der Auflösung der LPGs, der Senkung des Ablieferungssolls für freie Bauern etc. Innerhalb weniger Stunden wandelte sich dies zu allgemeinpolitischen Forderungen nach freien Wahlen, der deutschen Einheit und insbesondere der Ablösung der SED- und Staatsspitze: „Weg mit Bart und Brille, das ist des Volkes Wille!“ hieß es oft mit Bezug auf die Brille des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl und den Spitzbart Walter Ulbrichts.

Eine besondere Rolle während des Aufstandes spielte die Kasernierte Volkspolizei (KVP). Dabei handelte es sich in Wirklichkeit um die Streitkräfte der DDR, die im Rahmen eines geheimen Aufrüstungsprogramms ausgebildet und von der Sowjetunion mit größtenteils veralteten Waffen ausgerüstet wurden. Da der Ausbildungsstand niedrig war und ein wesentliches Motiv vieler KVP-Angehöriger im vergleichsweise hohen Sold und den Lebensmittel-Zuteilungen zu suchen war, erwies sich ihr Einsatz während des Aufstandes als wenig effektiv. Gleiches ergaben auch interne Überprüfungen der verschiedenen regulären Volkspolizei-Einheiten nach dem Aufstand: in etlichen Fällen hatte es klare Sympathiebekundungen von VP-Angehörigen mit Aufständischen gegeben, oft hatten sich die Volkspolizisten die Waffen abnehmen lassen und – aus der SED-Perspektive – nicht entschieden genug regiert. Ein oft von Demonstranten geäußerter Vorwurf war, dass sich die Volkspolizei zum Handlanger der Besatzungsmacht machen würde, was schon ihr Erscheinungsbild zeige: „Jungs, zieht doch die Russenuniformen aus!“ Die spätere Ausrichtung der „Nationalen Volksarmee“ der DDR, die sich viel offener als die Bundeswehr an deutsche Militärtraditionen anlehnte, trug diesen Erfahrungen Rechnung.

Ohne den Einsatz der sowjetischen Armee wäre der Aufstand wohl nicht gescheitert, da sich die Machtmittel des SED-Regimes nur als bedingt einsatzbereit erwiesen. Die Sowjets rückten mit Panzertruppen in den größeren Städten der DDR bzw. in Ost-Berlin ein und besetzten die Stadtzentren und die wichtigsten Industriebetriebe und verkündeten den Ausnahmezustand. Dieser Aufmarsch beendete de facto den Aufstand. Auch nach Einschätzung ihrer sowjetischen Beschützer, das geht aus den seit einigen Jahren publizierten sowjetischen Geheimdienstberichten zum 17. Juni hervor, wäre die SED nicht in der Lage gewesen, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. Stellenweise kam es zu Schüssen auf Demonstranten. Trotz der heute präsenten Bilder von Panzern waren Straßenkämpfe nicht das beherrschende Szenario und das Vorgehen der Roten Armee eindeutig von dem Befehl geprägt, sowenig Gewalt wie möglich anzuwenden. Die Gesamtzahl von unter hundert Toten, von denen man mittlerweile ausgeht, war – gemessen an der Anzahl der Demonstranten und Streikenden – eher gering. Wäre ein vergleichbarer Aufstand in der UdSSR selbst ausgebrochen, wäre wohl sofort rücksichtslos in die Menge geschossen worden – was in der DDR nicht geschah. In Ost-Berlin, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, hielt sich die Besatzungsmacht deutlich zurück.

Die Folgen

Der Aufstand vom 17. Juni 1953 hatte auf fast allen Feldern der DDR-Politik weitreichende Folgen. Innerhalb der SED war paradoxerweise der zurückhaltendere Kurs der Gruppe Herrnstadt/Zaisser diskreditiert, und auch in der Sowjetunion trug der Aufstand zum Sturz Berijas am 26. Juni 1953 bei. Der eigentlich schon abgelöste Walter Ulbricht wurde ungewollter Weise von den Aufständischen gerettet. Ulbricht hatte allerdings die sowjetische Warnung verstanden und setzte die Anweisungen, die Anfang Juni in Moskau ergangen waren, nach dem Aufstand auch um. Soweit zu ersehen, wurden die noch in der DDR befindlichen, relegierten Schüler wieder auf den Schulen zugelassen, der offene Kirchenkampf wurde eingestellt und auch die mit den Kirchen vereinbarten Punkte umgesetzt. Die Aufständischen, die sich nicht in die Bundesrepublik oder die Berliner Westsektoren absetzen konnten, wurden zu harten Strafen verurteilt. Allerdings gab es vergleichsweise wenig Verfahren, v.a. wenn man bedenkt, dass es am 17. und 18. Juni schon etwa 1500 Verhaftungen gab. Grundsätzlich reden fast alle Augenzeugenberichte von einem überaus vorsichtigen Vorgehen von Partei und Volkspolizei nach dem 17. Juni. Auch in den Haftanstalten, etwa im berüchtigten „gelben Elend“ in Bautzen, führte die Furcht vor einem neuen Aufstand zu einer phasenweise deutlichen Verbesserung der Haftbedingungen. In der DDR-offiziellen Deutung wurde aus dem Volksaufstand schnell der „Tag X“, an dem „westliche Agenten“ und „faschistoide Elemente“ in der DDR einen „konterrevolutionären Putsch“ angezettelt hätten. Als Reaktion auf das – aus SED-Perspektive – „Versagen“ der Sicherheitskräfte wurde die Staatssicherheit massiv ausgebaut und mit den „Kampfgruppen der Arbeiterklasse“ eine Art Betriebsmiliz geschaffen, die zukünftig Aufstände verhindern sollte. 1989 waren es allerdings gerade die „Kampfgruppen“, die häufig den Einsatz gegen friedliche Demonstranten verweigerten.

In der Bundesrepublik legitimierte der Aufstand im Nachhinein Adenauers Ablehnung der Stalinnote und trug zur Überzeugung bei, dass eben „Freiheit vor Einheit“ erreicht werden müsse. Der deutliche Wahlsieg der Union in den Bundestagswahlen vom September 1953 war auch eine Reaktion auf die Niederschlagung des Volksaufstandes. Sehr bald wurde von linker Seite versucht, aus der Volkserhebung einen reinen „Arbeiteraufstand“ zu machen, doch zeigt die Forschung deutlich, dass die gesamte DDR-Bevölkerung gegen die SED-Diktatur aufbegehrt hatte. In dieser Hinsicht ergibt sich eine Linie zwischen dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und der Friedlichen Revolution 1989.

Literaturreport

Zum 60. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR sind einige neue Publikationen erschienen:

Eine wichtige Quelle zur politischen Sozialgeschichte der DDR ist die von Daniela Münkel im Auftrag des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR herausgegebene Edition „1953. Die DDR im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung“ (Göttingen 2013). Der 17. Juni 1953 wird darin als doppeltes Trauma der DDR-Geschichte verstanden: Einerseits als Trauma einer unvollendeten Revolution, sodann als Trauma der SED-Funktionselite, der das Volk abhanden kam. Dieses Trauma verschärfte nicht nur die Krise, sondern beherrschte auch die folgenden Jahre die Politik in der DDR. Insofern ist das Jahr 1953 eine Zäsur, zumal nach dem Volksaufstand die Professionalisierung des Ministeriums für Staatssicherheit voranschreitet. Die Edition versammelt Lage-Berichte zum Juni-Aufstand. Thematisch geht es um politische Konfliktherde, Versorgungsprobleme und die Stimmung in der Bevölkerung. Die Edition, die auf einer beigefügten CD-Rom komplett abrufbar ist, wird ergänzt durch kurze Kommentare zu Begriffen, Ereignissen und einzelnen Sachverhalten.

Jens Schönes populärwissenschaftliches und gut lesbares Buch „Volksaufstand. Der 17. Juni 1953 in Berlin und der DDR“ (Berlin 2013) liefert einen gut bebilderten und durch Dokumente angereicherten Überblick über die Geschehnisse des 17. Juni 1953. Das Buch ist auf Grund der Konzentration auf wesentliche Aspekte und der Übersichtlichkeit eine ideale Einführung in das Thema.

Dies gilt auch für Ilko-Sascha Kowalczuks Publikation „17. Juni 1953“ in der C.H. Beck-Reihe Wissen (München 2013). Geschichtspolitische Aspekte aufgreifend geht es der Frage nach dem Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte nach. Allerdings sei die Frage nach dem Ort des Volksaufstands innerhalb der europäischen Geschichte, so der Autor, sei bis dato nicht wirklich gestellt worden. Auch Aspekte des kollektiven Gedächtnisses sind seiner Meinung stärker als bisher geschehen hervorzuheben.

In Andreas H. Apelts herausgegebenem Band „Neuanfang im Westen 1949-1989. Zeitzeugen berichten“ (Halle 2013) kommen bekannte und weniger bekannte Menschen zu Wort, die aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet, ausgereist oder freigekauft worden sind. Dabei handelt es sich um persönliche Lebensgeschichten, die allesamt den Wunsch nach Freiheit zum Ausdruck bringen. Der 17. Juni 1953 war, so heißt es, „die erste Rebellion gegen eine Diktatur … Eine Tatsache, die wir vergessen haben. Deshalb ist es uns so leicht gefallen, diesen Feiertag abzuschaffen. Der Aufstand zerschellte an sowjetischen Panzern. Das Scheitern war folgenreich. Damals verankerte sich ein Vergeblichkeitsbewusstsein in den Köpfen der Zeitgenossen in der DDR … Wer in der DDR essenziell und grundlegend verändern möchte, prallt gegen Panzerplatten. Und die sind in der Sowjetunion gehärtet worden.“

Hans Bentzien, Kulturminister unter Walter Ulbricht, liefert in „Was geschah am 17. Juni?“ (Berlin 2013) in dritter Auflage die Hintergründe, die zum Aufstand am 17. Juni 1953 führten. Das Buch fokussiert zudem unterschiedliche Strömungen innerhalb der Aufständischen und geht der Frage nach, was aus dem 17. Juni geworden ist. Bentziens Antwort: Einst verdrängt, rückt der 17. Juni 1953 spätestens seit dem 50. Jahrestag verstärkt ins öffentliche Bewusstsein als ein Tag, der die deutsch-deutsche Geschichte maßgeblich geprägt hat.

Bereits der 50. Jahrestag des Volksaufstands löste eine neue Publikationswelle aus:

Hubertus Knabes umfassende Monografie „17. Juni 1953. Ein deutscher Aufstand“ (München 2003) unterstreicht die Feststellung, der 17. Juni 1953 sei ein Schicksalstag in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es gelingt Knabe, in einer flüssig geschriebenen Darstellung auch dem wissenschaftlichen Anspruch an das Thema zu genügen. Zwei Bildtteile, ein Ortsregister und eine Karte mit den Schauplätzen des Volksaufstands komplettieren diese hervorragende Einführung. Knabe interpretiert den 17. Juni nicht nur als Schlüsselereignis der deutschen Geschichte; er vergleicht darüber hinaus die Massenerhebung der Arbeiter 1953 mit dem von der Kirche initiierten Widerstand am 9. November 1989.

Auch der von Hans-Joachim Veen herausgegebene Sammelband „Die abgeschnittene Revolution. Der 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte“ (Köln u.a. 2004) charakterisiert den 17. Juni 1953 als Schlüsseldatum der deutschen Geschichte. Der Band erschien in einer Schriftenreihe der Stiftung Ettersberg: Europäische Diktaturen und ihre Überwindung. Der von der SED vorgenommene abrupte Kurswechsel („Neuer Kurs“), Anfang Juni von Moskau diktiert, war, so das Fazit des Bandes, nicht zuletzt eine Folge der ökonomischen Probleme. Ohnehin war die Wirtschaft die „Achillesferse“ des kommunistischen Systems. Hans-Peter Schwarz sieht im 17. Juni eine „unvollendete, frühzeitig kupierte Revolution“, die diese Achillesferse erfolglos attackiert. Erfolglos ist sie laut Lutz Niethammer vor allem deshalb, weil es in der DDR keine alternative politische Elite gab, die die Revolution hätte zu Ende führen können.

Unter besonderer Berücksichtigung der militärhistorischen Aspekte widmet sich Torsten Diedrich in „Waffen gegen das Volk. Der 17. Juni in der DDR“ (München 2003) den Ursachen, dem Verlauf und den Folgen der deutschen Demokratiebewegung. Der 17. Juni wird als Erhebung gegen das stalinistische Gesellschaftssystem gedeutet. Er sei ein Albtraum der Herrschenden gewesen. Die Etablierung des inneren Sicherheitssystems in der Folgezeit sei ein Resultat dieses Traumas, „welches die herrschende Arbeiterregierung als offenkundige Delegitimierung durch das Volk erlebte.“ Die gesteigerte Bedrohungsperzeption der SED-Führung sei ablesbar an den Mechanismen der Überwachung und der gesteigerten Kontrolle über das Volk. „Mit Zuckerbrot und Peitsche“ habe die SED fortan die DDR regiert.

Das von Bernd Eisenfeld und anderen publizierte Buch „Die verdrängte Revolution. Der Platz des 17. Juni 1953 in der deutschen Geschichte“ (Bremen 2004) ist eine überaus komplexe Darstellung über die langfristigen Wirkungen des 17. Juni. Auch hier wird ein Vergleich mit dem 9. November 1989 gezogen und eine zeithistorische Kontextualisierung vorgenommen. Das Buch trägt zahlreiches empirisches Material zusammen und liefert einige Erklärungsmodelle des Totalitarismus. Es bietet zudem eine Rezeptionsgeschichte und fragt nach der Bedeutung des 17. Juni 1953 in der Gegenwart. Ein umfangreicher Bildteil inklusiver ästhetischer Auseinandersetzungen rundet den Band ab.

Thomas Flemmings Buch mit dem provokanten Titel „Kein Tag der deutschen Einheit. 17. Juni 1953“ (Berlin 2003) geht insbesondere den Reaktionen des Westens auf den Volksaufstand nach und skizziert den Weg der DDR in die Krise, deren Höhepunkt der 17. Juni war. Das Buch behandelt darüber hinaus die Zentren des Aufstands mit Hilfe zahlreicher, wenn auch allgemein bekannter Quellen und Bilder.

Fazit: Hintergründe, Ablauf und Wirkungen sowie der überwiegende Teil des Bildmaterials sind allgemein bekannt und liefern wenig neue Fakten. Verstärkt schauen Historiker nun allerdings auf die ländlichen Regionen, in denen der Aufstand stattfand. Einzelne Aspekte, Zeitzeugenberichte und Quellen, die bislang wenig Berücksichtigung fanden, werden stärker betont und komplettieren unser Bild vom 17. Juni 1953 als einem Schicksalstag der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte.

Weitere Literatur

  • Ein Aufstand für die Freiheit. 17. Juni 1953, hrsg. v. Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., Sankt Augustin 2003.
  • Sabine Bergmann-Pohl u. a., Podiumsdiskussion: 1953-1989. Deutschland auf dem Weg zu Einheit in Freiheit aus Anlass des 50. Jahrestages des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953 in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin, Berlin 2003.
  • Peter Bruhn, „Wir wollen freie Menschen sein!“. 50 Jahre 17. Juni 1953 Bibliographie, Berlin 2003.
  • Roger Engelmann u. Ilko-Sascha Kowalczuk (Hg.), Volkserhebung gegen den SED-Staat. Eine Bestandsaufnahme zum 17. Juni 1953 (Analysen und Dokumente 27), Göttingen 2005.
  • Karl W. Fricke u. Roger Engelmann, Der »Tag X« und die Staatssicherheit. 17. Juni 1953 – Reaktionen und Konsequenzen im DDR-Machtapparat (Analysen und Dokumente 24), Bremen 2003.
  • András B. Hegedüs u. Manfred Wilke (Hg.), Satelliten nach Stalins Tod. Der „Neue Kurs“. 17. Juni 1953 in der DDR. Ungarische Revolution 1956 *(Studien des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin), Berlin 2000.
  • Klaus-Dieter Müller u. a. (Hg.), Der 17. Juni 1953 im Spiegel sowjetischer Geheimdienstdokumente. 33 geheime MWD-Berichte über das Geschehen in der DDR (Zeitfenster. Beiträge der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Zeitgeschichte 4), Leipzig 2008.
  • Wolfgang Tischner, Die Kirchen im Umfeld des Volksaufstands vom 17. Juni 1953, in: Historisch-Politische Mitteilungen, Heft 7 (2000).

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PD Dr. Jürgen Nielsen-Sikora