Willgerodt, Hans

geb. am 04.02.1924, gest. am 26.06.2012

Parlamentarischer RatWestbindungSoziale MarktwirtschaftBilaterale BeziehungenEuropapolitikWiedervereinigung

Willgerodt zählt zu der „Enkelgeneration“ der – Freiburger Schule, die die Wirtschaftsverfassung der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig geprägt hat. Die Ordnungspolitik stand folglich immer im Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit und seiner wirtschaftspolitischen Aktivitäten, die er subtil und scharfsinnig in der Analyse sowie wortgewaltig und klar in der Form präsentierte. Er folgte nicht dem Trend der rigorosen Spezialisierung, sondern verschrieb sich bewusst der Vielfalt, um der Komplexität der wirtschaftlichen Realität und den Erfordernissen ihrer ordnungspolitischen Gestaltung möglichst nahe zu sein. Er erbrachte den Nachweis, dass dies möglich ist. Seine Analysen und Antworten zu grundsätzlichen und aktuellen wirtschaftspolitischen Problemen waren glaubwürdig und nachhaltig zutreffend, auch wenn die wirtschaftspolitische Praxis der Politiker und Interessenten ihnen vielfach erst nach Irrwegen Anerkennung zollen musste. Er kommentierte dies in Anlehnung an das Märchen „Des Königs neue Kleider“, indem er eine ähnliche Antwort wie das Kind gegeben hat: „Seht, so sehen die wahren Interessen aus, wenn Verhüllungen entfernt werden“.

Willgerodt gehört dem Jahrgang 1924 an, der vom Nationalsozialismus und dem Krieg am stärksten bedrängt und dezimiert worden ist. Der Nationalsozialismus wurde in der Familie direkt erlebt; Willgerodt ist Neffe von – Wilhelm Röpke gewesen, der vor dem Nationalsozialismus ins Ausland fliehen musste. Ebenso prägte ihn der Krieg, an dem er teilnehmen musste.

Nach einem ausgezeichneten Physikum beendete er das Medizinstudium und wechselte in das Fach Volkswirtschaftslehre. Nach dem Examen wurde er in Bonn Assistent von – Fritz Walter Meyer, einem Schüler von Walter Eucken. In seinem wissenschaftlichen Oeuvre bis zur Habilitation erfüllte er die damals in Bonn geforderte Breite, aus allen Bereichen der Wirtschaftlichen Staatswissenschaften Veröffentlichungen zu leisten, bravourös und mit teilweise gewagten, aber zutreffenden Analysen zu wirtschaftspolitischen Kernfragen (Lohnpolitik, Familienlastenausgleich, Sparen, Zahlungsbilanz, Europäischen Integration, Rentenpolitik, soziale Harmonisierung).

Dieser Linie blieb er stets treu. Er wurde 1963 Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Alfred Müller-Armack in Köln; bis zu seiner Emeritierung 1989 war er Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften und auch danach weiter Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln.

Er war kein Mann der Institutionen, aber ein Verteidiger und Reformer der Sozialen Marktwirtschaft, der Universität und der Demokratie. Er war Jahrzehnte Schriftleiter des ORDO – Jahrbuches für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Mitglied der Sachverständigenkommission zur Auswertung bisheriger Erfahrungen bei der Mitbestimmung, Mitglied des Kronberger – Kreises des Frankfurter Instituts – Stiftung Marktwirtschaft und Politik, Mitglied des Beirats beim Bundeskartellamt.

Über sein breites wissenschaftliches Schaffen hinaus nahm er aktiv und leidenschaftlich mit Wort und Aktivitäten an den Auseinandersetzungen über die deutsche Universität, die Entwicklung der Demokratie in der Bundesrepublik und über die Ungereimtheiten der Eigentumsfragen in Verbindung mit der deutschen Wiedervereinigung teil. Ebenso widmete er viel Energie der Verbreitung der Kenntnisse der Sozialen Marktwirtschaft im In- und Ausland durch die Mitherausgabe der „Grundtexte zur Sozialen Marktwirtschaft“ in deutscher und englischer Sprache. Wie reich, wie grundsätzlich und wie weitsichtig seine Analysen waren, belegt sein letztes Buch „Wissen und Werten“, in dem wichtige Artikel aus sechs Jahrzehnten wissenschaftlicher Wirtschafts-Politik zusammen gefasst worden sind. Es ist ein wertvolles Vermächtnis für die Ordnungspolitik und für das Fach Volkswirtschaftslehre.

Wissenschaftlicher und beruflicher Werdegang:

Studium der Medizin, Wechsel in das Fach Volkswirtschaftslehre nach erfolgreichem Physikum, Diplomexamen 1951, Promotion (1954), Habilitation (1959) und Dozent (1959-1963) an der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik von Fritz Walter Meyer (1951-1959) sowie Dozent an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität in Bonn. Von 1963 – 1989 Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften (Nachfolger von Prof. Dr. Dr. h.c. Alfred Müller-Armack), Direktor des Wirtschaftspolitischen Seminars und Direktor des Instituts für Wirtschaftspolitik (auch nach 1989 weiterhin) an der Universität zu Köln. Emeritierung 1989.

Literaturhinweise:

  • WILLGERODT, H. (1962), Handelsschranken im Dienste der Währungspolitik, Düsseldorf.;
  • Ders. zusammen mit BARTEL, K., SCHILLERT, U. (1971), Vermögen für alle. Probleme der Bildung, Verteilung und Werterhaltung des Vermögens in der Marktwirtschaft, Düsseldorf;
  • Ders. zusammen mit DOMSCH, A., HASSE, R., MERX, V., unter Mitarbeit von Paul Kellenbenz, (1972), Wege und Irrwege zur europäischen Währungsunion, Freiburg i.Br.;
  • WILLGERODT, H. (1980), Die Wirtschafts- und Sozialpolitik im Spannungsfeld von Reservenverzehr und Kapitalbedarf, Bielefeld;
  • DERS. (1981), Die Krisenempfindlichkeit des internationalen Währungssystems, Berlin;
  • Ders. zusammen mit STÜTZEL, W., WATRIN, C., HOMANN, K. (Hrsg.) (1981), Zeugnisse aus zweihundert Jahren ordnungspolitischer Diskussion. Grundtexte zur Sozialen Marktwirtschaft, Band 1, Stuttgart und New York (englisch 1982);
  • Ders. zusammen mit PEACOCK, A. (Hrsg.) (1989), German Neo-Liberals and the Social Market Economy, London;
  • HASSE, R., MOLSBERGER, J., WATRIN, C. (Hrsg.) (1994), Ordnung in Freiheit, Festgabe für Hans Willgerodt zum 70. Geburtstag, Stuttgart, Jena, New York;
  • WILLGERODT, H. (2011), Wissen und Werten. Beiträge zur Politischen Ökonomie, Stuttgart.
Rolf H. Hasse

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