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„Der Intellektuelle mit Management-Fähigkeiten“: Portrait des neuen Kulturministers in Spanien, Antonio Molina

von Michael Däumer, Adriaan Kühn

„Der Intellektuelle mit Management-Fähigkeiten“

Portrait des neuen Ministers für Kultur und Sport in Spanien

Mit Antonio Molina tritt ein Mann mit vielfältiger Berufserfahrung, aber mit wenig politischen „Stallgeruch“ in die Regierung Zapateros ein. Seiner Amtsvorgängerin Carmen Calvo wurde von Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero zwar „gute Arbeit“ bescheinigt, trotzdem war es Zapatero ein ausdrückliches Anliegen, in den letzten Monaten der Legislaturperiode noch einmal „frischen Wind“ in die Regierungsmannschaft zu bringen.

Das scheint ihm mit der überraschenden Berufung des 55-jährigen César Antonio Molinas gelungen zu sein. Dem Galizier, der als Leiter des staatlichen spanischen Kulturinstitutes „Cervantes“ in die Regierung wechselt, wird von keiner Seite seine Kompetenz für das Amt in Frage gestellt. Im Gegenteil, von vielen Kulturverbänden wird der neue Amtsinhaber als „ideale Beset-zung“ gefeiert.

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in der Hauptstadt Galiziens, Santiago de Compostela, zog es ihn Mitte der siebziger Jahre in die sich rasant entwickelnde Metropole Madrid. Dort studierte er an der als „linke Hochburg“ geltenden Universität Complutense Informationswissenschaften mit dem Schwerpunkt Publizistik. Hier promovierte er auch „cum laude“ mit einer Arbeit über die „Literaturwissenschaftliche Presse Spaniens vom Anfang des Jahrhunderts bis zum Bürgerkrieg“. Im Anschluss daran erwarb er ein Diplom an der Universität Perugia in italienischer Philologie und Literatur.

Seine erste Berufsstation stellte 1985 eine Stelle als Redakteur des Feuilletons (später stellvertretender Chefredakteur) der liberal-demokratischen Zeitungen „Cambio 16“ und „Diario 16“, dar. Diese beiden Blätter, das eine Wochenzeitung, das andere Tageszeitung, erschienen erstmal Anfang der 70er Jahre und spielten im spanischen Übergangsprozess zur Demokratie („transición“) eine wichtige Rolle. Außerdem schrieb Molina für die katalanische Tageszeitung „La Vanguardia“ und die galicische Regionalzeitung „La Voz de Galicia“ („Die Stimme von Galicien“), sowie für die links orientierte „El País“. In diese Zeit fällt auch der Beginn der umfassenden Publikationstätigkeit César Antonio Molinas als Schriftsteller und Essayist. Bis heute hat kann er auf über 50 Publikationen zurückblicken (die letzte aus dem Jahr 2006), von denen einige in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Als wichtigste Werke sind hier zu nennen: „Ultimas horas en Lisca Blanca“ (Letzte Stunden in Lisca Blanca, 1979), „Finisterre“ (Das Ende der Welt, 1987), „Para no ir a parte alguna“ (Um nirgendwo hinzugehen, 1994) und „Olas en la noche“ (Wellen in der Nacht, 2001).

Verheiratet ist César Antonio Molina mit der 1957 in Barcelona geborenen Mercedes Monmany, einer katalanischen Schriftstellerin, die er nach dem Studium kennen lernte. Zusammen haben sie eine zwölfjährige Tochter. Mercedes Monmany gilt selbst als eine der einflussreichsten Literaturkritikerinnen Spaniens und ist für die Kulturbeilage der konservativen Tageszeitung „ABC“ zuständig. Sie verfügt ferner über gute Kontakte zum deutschen Goethe-Institut, wo sie im April 2006 eine Lesung mit dem deutschsprachigen Autor Adolf Muschg in Madrid moderierte.

Nach neun Jahren ausschließlicher Beschäftigung mit Journalismus und Literatur, erfüllte Molina auch Lehraufträge an den Fakultäten für Publizistik der Universität Complutense Madrid und, in jüngster Zeit, an der Universität Juan Carlos III in Getafe südlich von Madrid. Zudem arbeitete er als Literaturkritiker, u.a. bei der „Associatión Internacionale des Critiques Litteraires francesa y española“. 1996 übernahm er beim „Círculo de Bellas Artes de Madrid“ die Position des Geschäftsführenden Direktors. Dort lernte er die verwaltungstechnische Seite der Kulturpolitik kennen und erwarb sich wichtige Management-Kenntnisse, die ihm heute zugute kommen.

Innerhalb des privaten Madrider Kulturzentrums, das als eines der wichtigsten seiner Art in Europa gilt, fiel ihm die Aufgabe zu, eine Abteilung für Literatur aufzubauen und zu leiten. Innerhalb von acht Jahren gelang es ihm, die Abteilung „aus dem nichts heraus“ zu einer der tragenden Säule innerhalb der Struktur des Hauses zu etablieren. Durch seine parallele Publikations- und Lehrtätigkeit noch fest im literarischen Leben Spaniens integriert, war er ein von Beginn an einer der Favoriten auf die Neubesetzung des Chefpostens des „Instituto Cervantes“, das ähnlich wie sein deutsches Pendant, das Goethe-Institut, aufgestellt ist.

Durch die unumstrittene erfolgreiche Arbeit, die er dort innerhalb nur weniger Jahre leistete, war man schließlich im politischen Madrid auf den Galicier aufmerksam geworden. In seiner Amtszeit wurden mehrere Außenstellen überall auf der Welt eröffnet und das Institut als Ganzes rentabel gemacht. Eine der nächsten Eröffnungen ist in Frankfurt am Main geplant und soll noch vor Ende dieses Jahres erfolgen.

Für Antonio Molina selbst ist der Ministerposten „eine große Ehre“. Vor Journalisten sagte er: „Ich werde mit dem gleichen Engagement und Freude arbeiten wie bisher.“ Vom Mitglied im französischen Ritterorden der Künste, eine Aufzeichnung, die er im Jahr 2005 erhielt, ist bekannt, dass er schon immer ein Verfechter der Förderung der Regionalsprachen Katalanisch, Baskisch und Galizisch gewesen ist. Da das Politikfeld Autonomiepolitik in Spanien traditionell vermintes Gelände darstellt, könnte die Ernennung des Galiziers auch als Geste Zapateros an die Autonomen Regionen gedeutet werden.

Einige Sozialisten glauben, sich allein schon mit dem Namen Antonio Molinas in Sachen Kulturpolitik unangreifbar zu machen. Man erhofft sich vom „Intellektuellen mit Management-Fähigkeiten“ aber auch, dass er innerhalb der verbleibenden Monaten bis zur Parlamentswahl neuen Schwung in die Ministerriege Zapateros bringt. Ob Antonio Molina sich auch in die Hierarchie einer Regierung einfügen kann, bleibt allerdings abzuwarten.

Curriculum Vitae

Geburtsdatum: 1952

Geburtsort: A Coruña (Galicien)

Familienstand: verheiratet

Beruflicher Werdegang:

• Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Santiago de Compostela sowie das der Informationswissenschaften an der Universität Complutense Madrid. Promotion in Informationswissenschaften.

• Lehrtätigkeit als Professor an der Uni-versidad Complutense und Universidad Juan Carlos III.

• 1985-1996 stellvertretender Chefredakteur der liberaldemokratischen Zeitungen „Cambio 16“ und „Diario 16“, die eine besondere Rolle im spanischen Übergangsprozess spielten. Dort auch Redakteur des Feuilletons.

• 1996-2004 Geschäftsführender Direktor des „Circulo de Bellas Artes“ in Madrid, einem privaten Kulturinstitut

• ab Mai 2004 Direktor des „Instituto Cervantes“, dem Kulturinstitut der spanischen Regierung (Spanisches Äquivalent zum Goethe-Institut)

Weitere Informationen:

• 2005 Verleihung des Ritterordens für Künste und Literatur durch die französische Regierung

• Rege Publikationstätigkeit im Bereich Prosa und Poesie, teilweise in mehrere Sprachen übersetzt

Über diese Reihe

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