Länderberichte

Christen in der Volksrepublik China

von Stefan Friedrich
Der Ansturm auf die Gotteshäuser in Chinas Großstädten ist enorm – vor allem zur Weihnachtszeit. Wenn man am Heiligen Abend versucht, in Shanghai in den Weihnachtsgottesdienst der Kathedrale von Xujiahui zu gelangen, dann muss man sich sowohl vor dem Tor zum Kirchengelände als auch in der Kathedrale selbst durch große Menschenmengen drängen. Um dem Ansturm der mehreren Tausend Herr zu werden, verteilen die Gemeinden in der Adventszeit mittlerweile „Eintrittskarten“ an die regelmäßigen Kirchenbesucher für den Hl. Abend; Ausländer werden auch ohne solche Tickets zugelassen.

Weihnachten ist sehr populär in China. Wer in der Vorweihnachtszeit durch die Geschäftsstraßen von Shanghai oder anderen chinesischen Großstädten läuft, könnte den Eindruck bekommen, dass man sich in der Volksrepublik mittlerweile in einer zutiefst christlichen Umgebung befindet – Weihnachtsmänner, riesige Weihnachtsbäume, Christbaumschmuck in Kaufhäusern und Restaurants sind überall präsent. Aber dies sind nur Äußerlichkeiten. Das Interesse vieler Besucher des Weihnachtsgottesdienst entspringt der reinen Neugier: Sie wollen mit eigenen Augen sehen, was eigentlich hinter diesem zentralen Fest der westlichen Zivilisation steckt. Was in Europa mittlerweile als unangenehme Nebenerscheinung des Weihnachtsfestes empfunden wird, steht im heutigen China im Zentrum: der Konsum. Nicht zuletzt dieser eigentliche Nebenaspekt ist dafür verantwortlich, dass Chinas Führung auch der Omnipräsenz christlicher Symbolik im Alltagsleben – zumindest im November/Dezember – nicht im Wege steht. Denn die chinesische Führung versucht seit einigen Jahren mit vielfältigen Mitteln, u.a. der Ausdehnung der Feiertagsregelungen um den 1. Mai und den chinesischen Nationalfeiertag am 1. Oktober auf bis zu sieben Tage, die Binnennachfrage im Lande zu steigern und das Volk zum Konsum zu animieren. Insofern spielt das Weihnachtsgeschäft in China sogar eine patriotische Rolle, denn was der Wirtschaft dient, ist gut für das Land.

Diese Omnipräsenz von Weihnachten im Reich der Mitte muss vor allem deshalb mit Überraschung zur Kenntnis genommen werden, wenn man sich die Zahlenverhältnisse vor Augen führt. Offiziellen Angaben zufolge betrug 2002 der Anteil der Protestanten ca. 1,2% und der der Katholiken lediglich knapp 0,4% der Gesamtbevölkerung der VR China. In absoluten Zahlen sind dies 15 Mio. Protestanten und 5 Mio. Katholiken (1). Auch wenn diese Zahlen aufgrund der Vielzahl von nicht offiziell erfassten Gläubigen deutlich nach oben korrigiert werden müssen, bleibt die Tatsache bestehen, dass das Christentum „… in der chinesischen Welt eine intellektuelle und religiöse Realität, wenn auch keine die Gesellschaft bestimmende Kraft“ ist.(2)

Rahmenbedingungen für christliche Kirchen in China

Als am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China gegründet wurde, zählte man im ganzen Land ca. 1,8 Mio. Christen, davon 700.000 Protestanten. Im Rahmen der Aufbauphase des „Neuen Chinas“ gerieten alle Religionen unter Druck. So wurden bis Mitte der 1950er Jahre alle ausländischen Missionare (ca. 6200) ausgewiesen und der Kontakt der einzelnen Kirchen zu Institutionen und Vereinigungen im Ausland abgebrochen. (3)

Auch wenn diese Entwicklung als ein deutlicher Bruch zur Situation vor 1949 erscheint und von der KP China gerne auch so dargestellt wird, zeigt ein Blick in die Geschichte Chinas, dass es in der Frage des Umgangs mit Religionen eine deutliche Kontinuität zwischen dem traditionellen und dem heutigen China gibt. So wurden religiöse Aktivitäten auch im kaiserlichen China nur so lange toleriert, als sie sich „in Harmonie mit der konfuzianischen Staatsorthodoxie befanden; heterodox-abweichlerische Religionen wurden als staatsfeindlich betrachtet.“(4) Eine ähnliche Haltung wird auch der Regierung während der Republikzeit (1912-1949) attestiert, obwohl dort in Art. 12 der Verfassung formal Religionsfreiheit garantiert wurde. Der Unterschied zur Volksrepublik ist jedoch der, dass das Ziel der klassenlosen Gesellschaft langfristig auch beinhaltet, dass die Religionen sich selber überleben und obsolet werden. Ganz in diesem Sinne wurde die Religionsausübung in der Volksrepublik, die in den Anfangsjahren mit Restriktionen noch geduldet worden war, immer stärker eingeschränkt, bis sie während der sog. „Kulturrevolution“ (1966-76) praktisch vollkommen unterdrückt wurde.

Erst mit dem Beginn der Reform- und Öffnungsperiode (seit 1979) unter Deng Xiaoping hat sich diese Situation grundlegend geändert, und zumindest in den offiziell registrierten Kirchen ist die Ausübung des Glaubens seitdem zulässig. Es gab einige wichtige Schritte im Rahmen dieser Entwicklung. So wurden in der neuen Verfassung von 1982 in Artikel 36 die „Freiheit des religiösen Glaubens“ sowie der „Schutz normaler religiöser Aktivitäten“ verankert. Ferner verabschiedete das Zentralkomitee der KP China im März jenes Jahres das sog. Dokument Nr. 19 („Die grundlegende Sicht und Politik in der Religionsfrage während der sozialistischen Periode unseres Landes“), in dem die bis heute gültigen Maximen der Religionspolitik festgelegt sind. Für deren Durchführung ist das nationale Büro für religiöse Angelegenheiten zuständig, das direkt dem Staatsrat (Kabinett) untersteht und Zweigstellen auf Provinz- und Kreisebene unterhält. Die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit gilt allerdings nur für solche Religionen, die staatlich anerkannt sind. Neben Katholizismus und Protestantismus sind dies Buddhismus, Daoismus und Islam. Alle diese fünf Religionen sind verpflichtet, sog. Patriotische Vereinigungen zu unterhalten. So wurden bereits 1951 die Patriotische Drei-Selbst-Bewegung der Protestanten sowie die Patriotische Vereinigung der Katholischen Kirche gegründet und nach Aufhebung des Verbots während der Kulturrevolution in den 1980er Jahren wieder zum Leben erweckt. Im Oktober 1997 veröffentlichte der Staatsrat der VR China ein Weißbuch zur Religionspolitik. Über die Schaffung eines Religionsgesetzes wird immer wieder spekuliert; bislang gibt es aber noch keine entsprechenden Entscheidungen.

Das wichtigste religionspolitische Ereignis in jüngster Zeit war eine Nationale Konferenz zur Religionsarbeit, die vom 10. bis 12. Dezember 2001 in Beijing stattfand.(5) Die Hochrangigkeit dieser vom ZK der KP China sowie dem Staatsrat gemeinsam veranstalteten Konferenz wurde dadurch unterstrichen, dass nicht nur alle sieben Mitglieder des Ständigen Ausschuss des Politbüros daran teilnahmen, sondern dass sowohl der damalige Staats- und Parteichef Jiang Zemin als auch der seinerzeitige Ministerpräsident Zhu Rongji als Redner auftraten.

Zwei voneinander unabhängige Ereignisse werden für den Zeitpunkt dieser Konferenz verantwortlich gemacht. Zum einen fand die Konferenz zwischen den beiden kurz aufeinander folgenden Besuchen von US-Präsident George Bush in China statt(6), der das Thema Religionsfreiheit bei seinen Gesprächen mit der chinesischen Führung sehr hoch auf die Agenda setzte; zum anderen fügte sich die Konferenz sehr gut in die staatlich gesteuerte Diskussion um die sog. „Drei Vertretungen“ ein. Dieses Konzept, das von Jiang Zemin aus Anlass des 80sten Jahrestages der Parteigründung am 1. Juli 2001 formuliert und im vergangenen November in das Statut der KPCh aufgenommen wurde, dient u.a. dazu, die KP China für Privatunternehmer zu öffnen. Die lobenden Worte, die Jiang für die Rolle der „breiten Massen der Gläubigen“ beim sozialen Aufbau und insbesondere bei der Hilfe in Katastrophenfällen fand, haben bei einigen Beobachtern die Hoffnung gestärkt, dass sich die Haltung der KP zu den Religionen langfristig in Richtung mehr Toleranz verändern könnte. Andere Experten sind hier skeptischer. Sie sehen in der neuen Aufmerksamkeit der Führung für Religionsfragen vor allem den Versuch, sich die Religionen in einer Zeit fehlender ethischer Werte in der Gesellschaft sowie einer größeren Aufmerksamkeit durch die internationale Staatenwelt (WTO-Beitritt, Olympia 2008, Expo 2010 et al.) erneut nutzbar zu machen.(7)

Die Katholische Kirche in China

Die Entscheidung der neu gegründeten Volksrepublik, den Einfluss von ausländischen Mächten auf Entwicklungen in China auszumerzen, traf insbesondere die Katholische Kirche. Seit nunmehr über 50 Jahren dürfen sich die chinesischen Katholiken offiziell nicht der Autorität des Papstes unterstellen. Auch die neu zu ernennenden Bischöfe werden seit 1958 von der Patriotischen Vereinigung der Katholischen Kirche ausgewählt und vom Staat, nicht aber vom Papst approbiert. Diese Situation hat zu einer Spaltung der Katholischen Kirche in China in eine offizielle, patriotische Kirche und eine romtreue Untergrundkirche geführt. Aufgrund der zunehmenden Repression der Religionsausübung zu Beginn der 1960er Jahre und während der Kulturrevolution war diese Unterscheidung lange Zeit von geringer Bedeutung. Dies änderte sich allerdings nach Beginn der erneuten Zulassung von religiösen Aktivitäten in den 1980er Jahren. Denn im Zuge dieser Entwicklung erhöhten sich die Spannungen zwischen beiden Kirchen. So steht beispielsweise seit 1989 dem offiziellen katholischen Bischofsgremium eine katholische Bischofskonferenz im Untergrund gegenüber.(8) Zu den Spannungen trägt des weiteren bei, dass die Vertreter der patriotischen Kirche immer wieder aufgefordert werden, die offizielle Kritik an der Politik des Vatikan oder an Entwicklungen wie beispielsweise in Hongkong zu unterstützen. Eine herausragende politische Rolle nimmt der Vorsitzende der Patriotischen Katholischen Kirche, Bischof Michael Fu Tienhu (geb. 1931) ein. Im vergangenen März wurde Bischof Fu sogar zu einem der stellvertretenden Vorsitzenden des Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongress (Parlament) gewählt und ist damit derzeit der ranghöchste Vertreter einer religiösen Gruppe in China überhaupt.(9)

Was die Zahl der Gläubigen angeht, hat die Untergrundkirche die Patriotische Kirche bereits überrundet. Letztere hat mittlerweile zwar stolze 5 Mio. Gläubige, Schätzungen zufolge gehören allerdings bereits 6-8 Mio. Chinesen der Untergrundkirche an.(11) Nicht zuletzt diese quantitative Entwicklung zugunsten der romtreuen Kirche ist der staatlichen Führung ein Dorn im Auge. Und so gibt es immer wieder Berichte, dass romtreue Bischöfe und Priester unter dem Vorwurf, Gesetze verletzt zu haben, verhaftet und verurteilt werden. So wurde beispielsweise berichtet, dass im vergangenen Jahr Bischof Jia Zhiguo aus der Provinz Hebei, in der fast die Hälfte aller Katholiken in China lebt, kurz vor der Osterwoche einige Tage in Haft genommen wurde; zwei andere Bischöfe aus Hebei, An Shuxin und Zhang Weizhu, die schon in den Jahren zuvor verhaftet worden waren, seien weiterhin in Haft.(11) Da bereits die Mitgliedschaft in der Untergrundkirche einen Gesetzesverstoß darstellt, wird sich an dieser Situation solange nichts ändern, bis es zu einer echten Annäherung zwischen dem Vatikan und der Volksrepublik China kommt.

Rom ist an einer solchen Annäherung interessiert, allerdings sind alle bisherigen Bemühungen nicht zuletzt an zwei zentralen Forderungen Beijings gescheitert. Erstens soll der Vatikan seine diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abbrechen; und zweitens wird dem Papst das Recht aberkannt, als geistliches Oberhaupt der chinesischen Katholiken in Erscheinung zu treten. Letztere Forderung wiegt natürlich sehr schwer, insbesondere weil sie impliziert, dass Rom nicht nur die patriotische Kirche als Organisation, sondern vor allem deren Eigenständigkeit bei der Wahl der chinesischen Bischöfe anerkennen muss. Dies ist für den Vatikan umso schwerer zu akzeptieren, da die chinesische Führung nicht erkennen lässt, dass man umgekehrt darauf verzichten würde, von staatlicher Seite Einfluss auf die Patriotische Katholische Kirche zu nehmen. Dass es Raum für eine Annäherung zwischen der patriotischen Kirche einerseits und dem Vatikan andererseits gibt, zeigt sich u.a. darin, dass viele Bischöfe der patriotischen Kirche sich im Geheimen auch – und z.T. erfolgreich – um eine Anerkennung durch den Papst bemühen.

Über die letzten 20 Jahre sind über 5000 katholische Kirchen neu gebaut oder renoviert worden. Mittlerweile gibt es nach offiziellen Angaben 12 Priesterseminare, 69 Bischöfe, 1600 Priester und 3000 Nonnen.(12) Ein großes Problem stellt für die offizielle Kirche der Mangel an Geistlichen dar. Aufgrund der oben geschilderten spezifischen Entwicklung in China herrscht ein großer Mangel an Priestern im Alter zwischen 40 und 60 Jahren. Darüber hinaus leidet die katholische Kirche, wie auch in anderen Ländern, unter einem großen Nachwuchsproblem bei jungen Priestern, was durch das Fehlen der mittleren Generation sicherlich noch verstärkt wird.

Der Protestantismus in China

Nach der Wiederzulassung religiöser Aktivitäten in den 1980er Jahren hat sich unter den Christen die Zahl der Protestanten am stärksten erhöht. Wurde 1997 im Weißbuch der Regierung zur Religionspolitik noch von 10 Mio. Gläubigen gesprochen, so werden heute Zahlen zwischen 15 bis zum Teil sogar 18 Mio. Protestanten genannt. Bei diesen Zahlen handelt es sich jedoch lediglich um die Gläubigen, die in der offiziellen Kirche der chinesischen Protestanten, der Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung (PDSB), erfasst sind. Denn auch bei den Protestanten gibt es inoffizielle Gemeinschaften, sog. Hauskirchen, denen nach sehr unterschiedlichen Schätzungen von 7 Mio. bis zu 75 Mio. Gläubige angehören.(13) Da diese Hauskirchen sich nicht bei der offiziellen PDSB registrieren lassen wollen oder eine Registrierung abgelehnt wurde, sind sie per chinesischer Definition illegal und damit vielfach staatlicher Repression ausgesetzt. Insbesondere seit der groß angelegten Kampagne gegen die Anhänger der buddhistisch inspirierten Falun Gong-Bewegung werden verstärkt auch viele Hauskirchen als „teuflischer Kult“ gebrandmarkt und ihre Mitglieder mit z.T. harten Strafen belegt.(14)

Ähnlich wie im Falle der Katholischen Kirche hat sich auch die Infrastruktur der offiziellen protestantischen Kirche stark verbessert, konnte jedoch nicht mit der enorm gestiegenen Zahl der Gläubigen Schritt halten. So gibt es für die derzeit offiziell 15 Mio. Protestanten nur ca. 12.000 Kirchen, 25.000 anerkannte Treffpunkte, 18 theologische Seminare und 20.000 Geistliche.(15)

Für beide offiziellen Kirchen besteht seit einigen Jahren die Möglichkeit zur Kooperation mit ausländischen Organisationen, wobei den Aktivitäten dieser Organisationen enge Grenzen gesetzt werden – so ist z.B. Missionsarbeit generell untersagt.(16)

Zwischen Aufbruch und Einschränkung

Die enorme wirtschaftliche Entwicklung, die seit mehr als 20 Jahren insbesondere in den Küstenregionen Chinas stattfindet, hat auch den gesellschaftlichen Wandel im Reich der Mitte verstärkt. An der Oberfläche ist dies eine Veränderung der Lebensgewohnheiten der Bevölkerung, wie sie vor allem in den Großstädten des Landes überall sichtbar wird und ihren Ausdruck in Kleidung, Freizeitverhalten und vielem mehr findet. Unter der Oberfläche ging diese Entwicklung allerdings einher mit einem Verlust an Sinnerfüllung. Denn so mächtig die Kommunistische Partei auch ist, sie ist kaum mehr in der Lage, der auch in China zu beobachtenden Sinnentleerung etwas entgegenzusetzen. Dies hat die chinesische Führung unter Deng Xiaoping bereits in den 1980er Jahren erkannt. Während der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung der Volksrepublik in den 1990er Jahren wuchs mit der Herausbildun g von immer tiefer greifenden Gegensätzen – zwischen Gewinnern und Verlierern der Reformpolitik, zwischen Reich und Arm, zwischen Stadt und Land – allerdings immer stärker der Bedarf an geistigem Halt. In diesen Zeiten entfalteten die christlichen Kirchen (aber sie nicht allein) eine große Anziehungskraft und haben seither einen sehr großen Zulauf erfahren.

Die Haltung der chinesischen Führung zur Religiosität im allgemeinen und den christlichen Kirchen im besonderen ist ambivalent. Auf der einen Seite hat man erkannt, dass die Kirchen einen geistigen Halt vermitteln können, den die sozialistische Ideologie oder der Staat in Zeiten des Umbruchs nicht mehr allumfassend geben kann. Insofern wirken die Kirchen stabilisierend auf die Gesellschaft, was von der chinesischen Führung begrüßt und deshalb in einem fest umrissenen Rahmen ermöglicht wird. Auf der anderen Seite fürchtet der Staat gleichzeitig, dass der von den einzelnen Kirchen und Glaubensrichtungen ausgehende Halt so groß wird, dass er sich zu einer organisierten Form der Opposition gegen die Führung entwickelt. Eine solche Entwicklung möchte Chinas Führung unbedingt verhindern. Besonders offen tritt diese Überlegung seit Beginn der Kampagne gegen die Falun Gong-Bewegung im Juli 1999 zutage. Entsprechende Überlegungen stehen aber sicherlich auch hinter dem Versuch der Regierung, die Entwicklung der nicht-registrierten christlichen Kirchen einzudämmen. Die Tatsache, dass die Zahl der Gläubigen in beiden nicht-offiziellen christlichen Kirchen schneller steigt als die der patriotischen Kirchen, zeigt allerdings, dass selbst staatliche Gegenmaßnahmen an dieser Entwicklung nichts ändern können. Doch sollte diese Entwicklung weniger als Zunahme der Opposition gegen die Regierung interpretiert werden, denn als Zeichen der Inkompatibilität von Funktionärspolitik auf der einen und Glauben auf der anderen Seite. Denn gerade für die katholischen Christen in China bedeutet die erzwungene Trennung von der Autorität des Papstes einen nicht zu unterschätzenden Einschnitt in ihr religiöses Leben. Eine Annäherung zwischen dem Vatikan und der VR China könnte hier viel ändern.

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Anmerkungen

  1. Vgl. die Angaben zitiert in Tony Lambert, “Counting Christians in China: A cautionary report”, International Bulletin of Missionary Research, Vol. 27, No. 1, 1. Jan. 2003 (passim).
  2. Florian C. Reiter, Religionen in China. Geschichte, Alltag, Kultur, Beck: München 2002, S. 197.
  3. Vgl. hier und im folgenden Roman Malek, „Christentum“, in: Brunhild Staiger/ Stefan Friedrich/ Hans-Wilm Schütte, Das Große China-Lexikon, Primus Verlag: Darmstadt 2003, S.140-44.
  4. Vgl. hier und im folgenden: Katharina Wenzel-Teuber, „Religionspolitik“, in: Das Große China-Lexikon, a.a.O., S.623-24.
  5. Vgl. Heike Holbig, „Nationale Konferenz zur Religionsarbeit – Religionspolitik im Brennpunkt“, in: China aktuell (C.a.), Dezember 2001, Ü12, S.1304-06; Roman Malek, „Religionspolitische Unsicherheit: Staat vs. ‚Zitadellen der Hoffnung’“, in: China Heute, Nr. 1-2/2002, S. 2-9.
  6. Im Oktober 2001 (kurz nach den Anschlägen vom 11. Sept.)befand sich Präsident Bush im Rahmen des APEC-Gipfels in Shanghai und bereits im Februar 2002 fand in Beijing ein erneutes Gipfeltreffen statt, diesmal aus Anlass der berühmten Reise von US-Präsident Nixon 30 Jahre zuvor, welches die Annäherung zwischen beiden Staaten einleitete.
  7. Vgl. Malek 2002, a.a.O.
  8. Vgl. Malek, Das Große China-Lexikon, a.a.O.
  9. So hatte sich Bischof Fu kürzlich im Zusammenhang mit der Diskussion um die Reform des Art. 23 im Hongkonger Grundgesetz öffentlich dafür ausgesprochen, dass sich die dortige Kirche, d.h. der dortige Bischof Joseph Zen, aus diesem Streit heraushalten solle. Vgl. Ambrose Leung, „Mainland church leader is critical of Bishop Zen“, in: South China Morning Post (SCMP), 8.3.2003.
  10. Johnny Erling, China – Der große Sprung ins Ungewisse, Herder: Freiburg 2002, S.94-108, hier S.101.
  11. Vgl. u.a. US Department of State, International Religious Freedom Report 2002, aus: http://www.state.gov/g/drl/rls/irf/2002/13870pf.htm; China aktuell, versch. Ausgaben; China Heute, versch. Ausgaben.
  12. Vgl. Angaben in Chinanews vom 26.2.2003 http://www.chinanews.com.cn/n/2003-02-26/276507.html und Religous Freedom Report 2002, a.a.O.
  13. Für die beiden unterschiedlichen Zahlen vgl. Erling a.a.O., S.99, und Lambert, a.a.O.
  14. So bestätigte das chinesische Außenministerium im Sept. 2000, die Verhaftung von 130 Mitgliedern der sog. Fangcheng Church. Vgl. The Times of India, 6.9.2000; und im Februar 2003 berichtete eine Hongkonger Zeitung von einer Zunahme staatlicher Maßnahmen gegen Hauskirchen vgl. SCMP 4.2.2003; ferner Malek 2002, a.a.O., S.6-7. Ebenso gibt es immer wieder Berichte über die Zerstörung von Kirchen wie z.B. in der Region um die Stadt Wenzhou, wo im Dez. 2000 im Rahmen einer Kampagne gegen inoffizielle Gemeinschaften 1500 Kirchen, Tempel und Schreine zerstört wurden, vgl. Philip Pan, „China’s Destruction of Churches Dims Christmas“, in: International Herald Tribune, 19.12.00.
  15. Vgl. Chinanews, a.a.O. und Religious Freedom Report 2002, a.a.O.
  16. Im Falle der katholischen Kirche sei hier auf die vielfältigen Kooperationsprojekte von Misereor verwiesen. Vgl. hierzu Michael Kropp, „Misereors Entwicklungszusammenarbeit in China. Probleme – Herausforderungen – Perspektiven“, in: China Heute, Nr.3/2002, S.75-78.

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