Länderberichte

Der Aufstand der Tuareg

von David Robert

Oder: Zerbricht der Niger?

Tuaregaufstände haben im Niger Tradition. Der letzte Aufstand wurde 1995 nach fast fünf Jahren mit einem Friedensabkommen beendet. Die Tuareg, gehören zur Völkerfamilie der Berber. Ihr Siedlungsgebiet, erstreckt sich im ganzen Sahelbereich über fünf Länder südlich der Sahara. Das Siedlungsgebiet und die Wanderungsbewegungen liegen quer zu den nationalstaatlichen Grenzen, wie sie seit der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten in den sechziger Jahren bestehen.
Die aktuelle Tuaregkrise im Niger ist im Februar dieses Jahres ausgebrochen. Alles begann mit einem Überfall auf einen Militärposten im Air Gebirge im Nordwesten des Niger. Bei dieser Attacke wurden drei Soldaten getötet. Bekannt hat sich hierzu die MNJ (Le Mouvement nigérien pour la justice) unter ihrem Anführer Agaly Alambo. Alambo ist der ehemaliger Besitzer einer Reiseagentur in Agadez. Seit diesem ersten Auftreten haben die Angriffe der Tuaregbewegung nicht aufgehört. Einer der blutigsten Überfälle fand im Juni auf einen Armeeposten in Tazzarrzet / Air Region statt. Bei diesem Überfall wurden 15 Soldaten getötet und 72 gefangen genommen. Die Verwundeten wurden freigelassen, so dass bis heute noch rund 40 Soldaten in der Gewalt der Tuareg sind. Trotz dieses Ausmaßes der Feindseligkeiten spricht der Präsident Mamadou Tandja nach wie vor von Bandenkriminalität.

Die MNJ, welche Webseiten auf franz. und deutsch unterhält, informiert die Öffentlichkeit bestens über ihre Ziele und Aktionen. Selbstbewusst erklärt die Bewegung, sie habe in den letzten Monaten bewiesen, dass sie wo auch immer und wann auch immer „zuschlagen“ kann. Die MNJ prangert Präsident Tandja und seine politischen Freunde als korrupte und eigensüchtige Politikclique an. Angeblich geht es der Bewegung nicht um eine Teilung des Niger oder einer Autonomie des Tuareggebietes, sondern nur um bessere Lebensverhältnisse und Teilhabe der Tuareg am Uranreichtum der Region.

Niger ist einer der größten Uranium-Exporteure der Welt und im Air Gebirge sind alle großen Uranium-Abbaufirmen vertreten, beispielsweise die „groupe nucleair francaise Areva“, die Nummer eins auf dem Weltmarkt.

Aber selbst die internationalen Uranfirmen sind in der Region nicht mehr sicher. Vor kurzem wurde ein leitender Mitarbeiter der chinesischen CNBC (China Nuclear Engineering and Construction Corporation), Herr Zhang Guahua, entführt. Diese Entführung fand in Ingall rund 100 Km südlich von Agadez statt.

Am 1. Juli hat eine andere chinesische Firma, welche in der Erdölforderung in der Region tätig ist, aufgrund der Sicherheitslage ihre Arbeit vorübergehend eingestellt.

Sollten die Auseinandersetzungen mit den Tuareg sich fortsetzen, dürfte sich auch ein am 9. Juli in Brüssel präsentiertes Gaspipeline-Projekt verzögern. Die Gaspipeline ist ein Projekt im Rahmen von NEPAD und soll 20 Milliarden km³ Gas von Nigeria nach Algerien und weiter nach Europa transportieren. Am 9. Juli sollten europäische Investoren in Brüssel von diesem Projekt überzeugt werden. In punkto Standortmarketing kommt die Rebellion deshalb denkbar ungelegen.

Die Herausforderung für die nigrische Regierung ist nicht alleine die Tatsache, dass man seit Monaten die Tuaregbewegung nicht unter Kontrolle bekommt, sondern, dass es sich um eine für die Einnahmen des Staates lebenswichtige Region handelt. Der Niger lebt im Wesentlichen von seinen Bodenschätzen. Uran alleine macht 36% der Exporterlöse aus. Darüber hinaus gibt es im Niger Gold, Silber, Kupfer, Blei und weitere Bodenschätze.

Genau hier aber setzen die Tuareg an. Sie wollen, dass ihre Region vom Uran mit profitiert. Ferner wollen die Tuareg in die Armee und in die paramilitärischen Einheiten integriert werden. Die Armee ist die Stütze des Staates und wird von der Volksgruppe der Haussa kontrolliert. Präsident Tandja ist General und Haussa.

Anders ausgedrückt, wollen die Tuareg Teilhabe an der Macht im Niger. Seit Beginn der Unabhängigkeit fühlen sich die Tuareg benachteiligt. Sie stellen 10% der Bevölkerung im Niger. Es besteht ein traditioneller Gegensatz zwischen den nomadisierenden Tuareg und der sesshaften Bevölkerung wie den Haussa.

Die Teilhabe an der Macht lässt sich im Niger am besten über das Militär und das Uran erreichen. Im Niger ist die Armee traditionell ein Staat im Staate. In der Geschichte des Niger waren Militärputsche an der Tagesordnung. Erst seit einiger Zeit bemüht man sich ernsthaft, die Armee an das Primat der Politik zu gewöhnen. Der letzte Putsch der Armee war im Jahre 1999.

Wie kann es sein, dass die Armee den Aufstand nicht unter Kontrolle bekommt? Dies liegt zum einen an der Größe des Niger. Mit 1,2 Mio. km² ist das Land fast 2½-mal so groß wie Frankreich, bei einer Bevölkerung von 12 Mio. Das Aktionsgebiet der Tuareg hat mindestens die Größe der neuen Bundesländer. Die Region ist fast ohne Infrastruktur, sehr dünn besiedelt und hat Berge bis zu 2000 Metern Höhe.

Die Armee ist schlecht ausgerüstet und verfügt auch nur über rund 5000 Soldaten. Die paramilitärischen Einheiten bestehend aus Gendarmerie, Polizei und Präsidentengarde sind weitere 5000 Mann. Am 2. Juli entsandte Präsident Tandja rund 4000 Mann seiner Truppen in die Region des Air Gebirges, um gegen die Rebellen vorzugehen.

Dass die schlecht ausgerüstete Armee die in der Region beheimateten Tuareg aufspüren sollte, erinnert an die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Oben¬drein sollen die Tuareg über moderne Telekommunikation verfügen, die es dem Anführer beispielsweise erlaubt, über Satellitentelefon dem internationalen franz. Radio Interviews zu geben.

Am Beginn der Tuaregkrise versuchte die Regierung, den Aufstand totzuschweigen. Sie verhängte eine Nachrichtensperre, welche aber wegen der wiederholten und massiven Attacken der MNJ nicht aufrecht zu halten war. Anschließend sprachen der Präsident und die Regierung nur noch von Bandenunwesen.

Erst seit Anfang Juli erkennen die politischen Parteien im nigrischen Parlament die Rebellion als solche an und fordern Verhandlungen. Selbst die Armee brach am 11. Juli ihr Schweigen und rief die Bevölkerung über das Fernsehen auf, Ruhe zu bewahren und die Armee bei dieser Herausforderung für die innere Sicherheit zu unterstützen.

Nur Präsident Tandja weigert sich noch, von einer politischen Herausforderung zu reden. Er bleibt vorerst bei seiner Version der Banditen und Drogenschmuggler.

Unterstützung vom Ausland?

Die Armee wirft der MNJ vor, vom Ausland unterstützt zu werden. Man präzisiert allerdings nicht, wer im Ausland ein Interesse haben könnte, den Niger zu destabilisieren. Offiziell werden keine Vorwürfe erhoben.

Beobachter gehen allerdings davon aus, dass Libyen eine Rolle spielen könnte. Der libysche Staatschef Gaddafi stellte schon in der Vergangenheit die Idee eines Tuaregstaates im Sahel zur Diskussion. Kurz vor dem Aufstand im Februar besuchte Gaddafi Agadez und feierte dort Moueld, den Geburtstag des Propheten. Er zeigte selbst in Anwesenheit des nigrischen Staatschefs seine Sympathien für Autonomiewünsche der Tuareg. Es gibt keine Hinweise einer Verbindung zwischen dem Besuch Gaddafis und dem Aufstand der Tuareg, auffällig ist allerdings, dass auch letztes Jahr in Mali der Aufstand der Tuareg in Kidal direkt nach einem Besuch des libyschen Revolutionsführers losbrach.

Es ist nicht auszuschließen, dass bei den Wagentrecks von über 150 Fahrzeugen, mit denen der libysche Staatschef reist, auch Waffen, Telekommunikationsgeräte und Geld mit bewegt werden. Hinzu kommt, dass das Verhalten Gaddafis in den Tuareggebieten nicht das eines Gastes ist, sondern oft einer Brüskierung der jeweiligen Staatschefs gleichkommt. Dies wurde in Mali beobachtet und soll sich auch im Niger wiederholt haben.

Sollten solche Vermutungen zutreffen, dann wäre das Fernbleiben von Präsident Tandja beim der Konferenz der Afrikanischen Union Anfang Juli in Accra nicht der sicherheitspolitischen Situation seines Landes geschuldet, sondern ein Akt der politischen Distanzierung. Die Konferenz von Accra war im Wesentlichen eine politische Bühne für den libyschen Staatschef. Gaddafi profiliert sich unter Einsatz viele Petrodollar als Promoter der Vereinigten Staaten von Afrika. Dieses Projekt verfolgt er verstärkt, insbesondere seit er sich aus dem Kreis der Arabischen Liga zurückgezogen hat.

Sollte Libyen wirklich hinter den Tuareg stehen, hätte Niger ein Problem. Als eines der ärmsten Länder der Welt kann es sich der Staat nicht leisten, Libyen offen zu kritisieren. Libyen tritt in der ganzen Region Westafrika als Sponsor auf. Luxushotels und andere Infrastruktur wird den Ländern geschenkt und man erwartet dafür, dass die Ideen des Revolutionsführers, wie beispielsweise das Projekt Vereinigte Staaten von Afrika, beklatscht werden.

Der libysche Staatschef spielt eine ambivalente Rolle in allen Sahelländern. Bereits beim letzten Tuaregaufstand in den 90er Jahren war Libyen beteiligt. Damals wurden die Tuaregkämpfer in Camps in Libyen ausgebildet und mit Waffen für den Kampf versorgt.

Die Sahelstaaten mit ihren schwach ausgebildeten staatlichen Strukturen sind leicht zu destabilisieren. Der Tuaregaufstand ist hierfür das beste Beispiel. Bisher fordern die Tuareg keine Autonomie, sondern nur eine bessere Behandlung ihrer Region. Sollte die nigrische Regierung nicht bald zu einem Dialog finden, kann nicht vorhergesagt werden, wie sich die Krise noch entwickeln wird. Zurzeit wird die Idee einer internationalen Konferenz diskutiert, die es dem Präsidenten erlauben würde, nicht direkt zu verhandeln und so sein Gesicht zu wahren.

Die Aktuelle Krise der Tuareg im Niger und der letzte Aufstand in Mali im Jahr 2006 zeigen, dass es eine grundsätzliche Herausforderung für die Sahelstaaten ist, die zu großen Teilen noch nomadisierenden Tuareg in die Nationalstaaten zu integrieren. Sollte diese Integration nicht gelingen, bleiben sie ein Unruheherd, der über Nacht die Staaten destabilisieren kann. Für einen der ärmsten Staaten der Welt, in dem die gesamte Bevölkerung von den Problemen des Analphabetismus, der unzureichenden Versorgung mit Nahrungsmitteln und der mangelnden Gesundheitsversorgung betroffen ist, alles andere als eine einfache Aufgabe.

Teilen

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung ist in rund 80 Ländern auf fünf Kontinenten mit einem eigenen Büro vertreten. Die Auslandsmitarbeiter vor Ort können aus erster Hand über aktuelle Ereignisse und langfristige Entwicklungen in ihrem Einsatzland berichten. In den „Länderberichten“ bieten sie den Nutzern der Webseite der Konrad-Adenauer-Stiftung exklusiv Analysen, Hintergrundinformationen und Einschätzungen.

Bestellinformationen

erscheinungsort

Sankt Augustin Deutschland