Länderberichte

Die Flutkatastrophe in Sri Lanka

von Carola Stein
Am 26.12.2004, gegen 9.30 Uhr, erreichte die durch das Erbeben im Indischen Ozean ausgelöste Flutwelle Sri Lanka und zerstörte bzw. beschädigte 2/3 der gesamten Küste des Landes.

Vor allem der Südwesten, Süden und Osten Sri Lankas sind betroffen. In einigen Küstenstreifen wurden ganze Dörfer weggespült. Ein (wegen Weihnachten) mit rund 1000 Passagieren völlig überfüllter Zug von Colombo Richtung Süden wurde ins Meer gerissen, kaum jemand hat überlebt. Viele Menschen haben neben ihrem Hab und Gut auch Angehörige oder sogar die ganze Familie verloren und stehen nun buchstäblich vor dem Nichts.

Nach offiziellen Angaben sind rund 30.000 Menschen in der Flutwelle ums Leben gekommen, 5000 weitere werden noch vermißt. Lokale NGOs vermuten allerdings, daß die Anzahl der Opfer noch weitaus höher liegt. Rund ein Drittel der Opfer sind Kinder. Unter den Opfern befinden sich rund 100 Ausländer, darunter auch einige deutsche Touristen. Rund 800.000 Menschen sind derzeit obdachlos, ca. 100.000 Häuser wurden ganz oder teilweise zerstört. Noch kaum zu beziffern ist der infrastrukturelle Schaden an Straßen, Eisenbahnlinien, Strom- und Wasserversorgung.

Die größte Herausforderung für die srilankanische Regierung, sowie für alle nationalen und internationalen Hilfsorganisationen, liegt nun in der Versorgung der überlebenden und weitgehend obdachlosen Küstenbevölkerung.

Die UN, alle großen Hilfsorganisationen und viele Geber, haben Sri Lanka ihre Unterstützung angeboten und bereits tonnenweise Hilfsgüter (Wasseraufberei-tungsanlagen, Medikamente, Decken etc.) sowie auch Hilfsmannschaften ins Land gebracht. Die USA hat einen kleinen Flugzeugträger mit 1500 Marines, kleinen Landungsbooten, 12 Hubschraubern und zwei Transportflugzeugen nach Sri Lanka entsandt, die u.a. schweres Räumgerät an Land bringen sollen, um Trümmer zu beseitigen. Aber auch innerhalb der srilankanischen Bevölkerung besteht große Solidarität mit den Flutopfern. Überall existieren Sammelstellen für Kleidung und Nahrungsmittel und die Menschen spenden, was immer sie ermöglichen können.

Große Probleme scheint es allerdings bei der Koordinierung der Hilfsmaßnahmen zu geben. Die srilankanische Regierung ist mit der Situation offensichtlich völlig überfordert. Auch wenn die großen Organisationen sich untereinander abstimmen, erscheinen die einzelnen Maßnahmen relativ willkürlich und unkoordiniert. Immer wieder wird beklagt, das einige Gebiete doppelt und dreifach Hilfe erhalten, während andere Regionen völlig leer ausgehen.

Unmittelbar nach der Flutkatastrophe hatten sich Premierminister Mahinda Rajapakse und Oppositionsführer Ranil Wickremasinghe getroffen und die sofortige Einrichtung einer Koordinierungsstelle im Amtssitz des Premierministers beschlossen. Als kurze Zeit später die Staatspräsidentin Chandrika Kumaratunga aus ihrem Weihnachtsurlaub in England zurückkehrte, machte sie all dies wieder rückgängig und zog sämtliche Koordinierungsaufgaben an sich. Der Premierminister wurde angewiesen, sich aus allen Hilfs- und Koordinierungsmaßnahmen herauszuhalten und sich lediglich um seinen eigenen Wahlbezirk (im Süden Sri Lankas) zu kümmern. Dies erscheint angesichts des Ausmaßes der Katastrophe doch etwas befremdlich und erweckt den Eindruck, daß die Staatspräsidentin sich vor allem als alleinige Retterin des Landes profilieren möchte.

Auch Hoffnungen, die Flutkatastrophe würde über alle ethnischen, religiösen und politischen Grenzen hinweg zu einer (zumindest humanitären) Annäherung zwischen LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam) und Regierung führen, haben sich bislang nicht erfüllt. Die LTTE lehnt es ab, mit der Regierung zusammenzuarbeiten, sondern besteht auf der Organisation eigener Hilfsmaßnahmen. Damit unterstreicht die LTTE einmal mehr ihren Anspruch auf Selbstverwaltung im Norden und Osten Sri Lankas, eine Forderung die seit Monaten das Haupthindernis für den Fortgang der Friedensgespräche darstellt.

Der marxistisch-nationalistische Koalitionspartner innerhalb der Regierung, JVP, wiederum zeichnet sich insbesondere dadurch aus, daß sie Hilfsgüter von Dritten übernimmt, ein entsprechendes JVP Emblem darauf anbringt und die Hilfsgüter anschließend weiterverteilt.

Es drängt sich zunehmend der Eindruck auf, daß viele der Verantwortlichen in erster Linie politisches Kapital aus der Katastrophe schlagen wollen.

Die politische Stabitität Sri Lankas wurde durch die Flutkatastrophe nicht gefährdet, die Katastrophe wurde aber auch nicht als Chance zu größerer politischer Zusammenarbeit genutzt.

Wirtschaftlich wird Sri Lanka - zumindest kurzfristig - dagegen großen Schaden nehmen. Der Tourismus, der in den letzten Monaten geradezu geboomt hatte, stellt eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes dar. Viele der Strandhotels, die die Hauptanziehungspunkte für Touristen darstellten, müssen nun erst wieder aufgebaut bzw. instandgesetzt werden, bevor die Anzahl der Touristen wieder ihren derzeitigen Stand erreichen kann.

Insgesamt bietet Sri Lanka derzeit ein trauriges Bild, sowohl humanitär als auch politisch. Anlass zur Hoffnung geben jedoch die vielen lokalen Organisationen, die innerhalb ihres Wirkungskreises versuchen, die betroffenen Menschen zu unterstützen. Hier bietet sich auch ein sinnvoller Ansatzpunkt, für Opfer der Flutkatastrophe in Sri Lanka konkrete und wirkungsvolle Hilfe zu leisten.

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Sankt Augustin Deutschland