Länderberichte

Macht und Ohnmacht eines Pontifex

von Norbert Eschborn , Sarah Sisouphantavong
Papst Franziskus stößt bei seinem Myanmar-Besuch an seine Grenzen
Die politische Macht der Päpste war schon im 20. Jahrhundert seit der Rolle Pius XII. in Zusammenhang mit der Judenverfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus überaus umstritten. Während Europa Zentrum von Christentum und Katholizismus war und ist, gilt dies für Asien nicht in gleichem Maße. Jedoch war es allemal ein historischer Moment für die katholische Kirche im einstigen Birma, als Papst Franziskus in der letzten Novemberwoche dort Staatsgast war.
Papst Franziskus, hier bei seinem Besuch in Südkoreas Hauptstadt Seoul 2014. | © Jeon Han / Republik Korea / Flickr / CC BY-SA 2.0
Papst Franziskus, hier bei seinem Besuch in Südkoreas Hauptstadt Seoul 2014. | © Jeon Han / Republik Korea / Flickr / CC BY-SA 2.0

Nicht nur, weil es sich um die erste Visite eines Papstes in dem südostasiatischen Land und den ersten Besuch für Franziskus in einem mehrheitlich buddhistischen Staat handelte, sondern auch aufgrund der aktuellen, spannungsgeladenen politischen Situation, die Myanmar in den letzten Monaten immer wieder negative internationale Schlagzeilen einbrachte. Eine mit Spannung erwartete Reise, die mit einer überglücklichen katholischen Gemeinde vor Ort, jedoch auch mit einer kritischen Reaktion der internationalen Öffentlichkeit endete.

Auch wenn das Christentum mit 6,2% Angehörigen eine Minderheit darstellt, so ist es dennoch die zweitgrößte Religion in Myanmar. Vor mehr als 500 Jahren erreichte der Katholizismus mit den Portugiesen die damaligen Königreiche Ava und Pegu. Aktuell gibt es nach Angaben des Vatikans 659.000 Katholiken in Myanmar (ca. 1,29% der Bevölkerung), die in den 16 Bistümern im Land leben. Für die rund drei Millionen Christen, die vor allem den ethnischen Minderheiten der Chin, Karen, Kachin und Karenni angehören, wurde der Besuch unter dem Motto „Love and Peace“ als ein Segen für die angespannte Situation im Land wahrgenommen. Tausende von ihnen pilgerten aus ganz Myanmar nach Yangon, um den Pontifex willkommen zu heißen. Die Mehrheit der rund 51 Millionen Birmanen jedoch scherte sich recht wenig um den päpstlichen Besuch. Seine Ankunft erregte bei ihnen lediglich etwas Neugier aufgrund der verstärkten Präsenz der Sicherheitskräfte auf den Straßen und ließ Imbissbesitzer auf höhere Umsätze durch mehr Besucher hoffen.

Nichtsdestotrotz war die Reise von Franziskus von hoher politischer Bedeutung. Er traf, wie protokollarisch üblich, mit der de facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi und Präsident Htin Kyaw zusammen. Auf Anraten des 2015 vom Vatikan zum einzigen Kardinal in Myanmar ernannten Erzbischofs von Yangon, Charles Maung Bo, fand auch eine Begegnung mit dem Militärchef, Senior General Min Aung Hlaing, statt. Dieses Arrangement war von besonderer Relevanz, denn das Militär ist unter der geltenden, demokratisch nicht legitimierten Verfassung von 2008 sehr einflussreich und kontrolliert immer noch weitestgehend den Staat.

Das magische „R“-Wort

Es steht außer Frage, dass die päpstliche Asienreise ganz unter dem Einfluss der sogenannten Rohingya-Krise stattfand, die die UN als „ethnische Säuberung“ verurteilt hatte. Schon 2015 hatte sich Franziskus zum ersten Mal in einer Andacht zu den „poor Rohingya“ geäußert, die er unter anderem als „brothers and sisters“ bezeichnete. Tage vor seiner Abreise jedoch sprach Kardinal Bo mit dem argentinischen Pontifex und empfahl diesem, den Gebrauch des Wortes „Rohingya“ aufgrund der politischen Sensibilität zu vermeiden. Weder Militär und Regierung noch die mehrheitlich buddhistische Bevölkerung akzeptierten diese Bezeichnung. Charles Bo vermied das Wort lange Zeit selbst, bis er ab Mitte dieses Jahres den Ausdruck „Muslims known as Rohingya“ verwendete.

Bis zur Anreise des Papstes stand die Frage im Fokus der internationalen Presse, ob Franziskus das Wort „Rohingya“ benutzen würde. Die Sorge des Vatikans bestand darin, dass es sich um eine „no-win“ Situation handele. Spräche sich der Papst, der weltweit als moralischer Kompass angesehen wird, für die Rohingya aus, so würde er die christliche Minderheit in „Gefahr“ bringen, wie Pater Thomas Reese äußerte. Spräche er sich allerdings nicht für sie aus, würde er dadurch seine moralische Autorität selbst untergraben. Durch die Aussage des Pressesprechers des Heiligen Stuhles, Greg Burke, es sei kein verbotenes Wort, blieb die Spannung bis zur Abreise Franziskus‘ bestehen.

Die Stimme der Minderheiten

Die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Vatikan und Myanmar, welche erst im Mai 2017 aufgenommen worden waren, sollten mit dem kurz darauf geplanten Papstbesuch gefestigt werden. Zum Zeitpunkt der Planung ahnte noch niemand, dass die Situation im Rakhine-Staat Ende August 2017 so eskalieren würde, dass sie die Asienreise des Pontifex bestimmen würde.

Während alle Welt den Fokus darauf legte, wie Franziskus sich bezüglich der sogenannten Rohingya-Krise äußern würde, hatte die christliche Minderheit in Myanmar eine ganz andere Hoffnung. Sie vertraute darauf, dass der Papst sich für die Kirche in Myanmar und die ethnischen Minderheiten, denen viele Christen angehören, aussprechen und ihre Probleme, denen sie in einem mehrheitlich buddhistischen Land begegnen, aufgreifen würde.

Laut Open Doors World Watch List 2017 belegt Myanmar Platz 28 von 50 Staaten, in denen Christen aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden. Die meisten ethnischen Minderheiten, die neben der ethnischen Mehrheit der Bamar leben, welche größtenteils buddhistisch ist, erfahren Unterdrückung und Verfolgung zum einen durch Sicherheitskräfte, zum anderen durch buddhistisch-nationalistische Gruppierungen. Ethnisch-religiöse Konflikte prägen das Land schon jahrzehntelang. Auch überwiegend christliche Minderheiten wie beispielsweise Kachin, Chin und Karen leben in Konfliktgebieten in den Grenzregionen. Unter ihnen gibt es hunderttausende von Binnenvertriebenen und Heimatlosen. Aung San Suu Kyis höchste politische Priorität des Friedensprozesses führte dabei bisher zu wenig Ergebnissen und Einigung zwischen dem Militär und den bewaffneten ethnischen Organisationen (EAO).

Mit dem Papstbesuch stieg die Hoffnung, dass die Worte Franziskus‘ den unterdrückten, ethnischen Minderheiten Frieden und ein Ende der Konflikte näherbringen könnten. Dabei wurde von allen Seiten erwartet, dass er sich in diplomatischer Weise bezüglich der Situation im Rakhine-Staat äußern, aber auch auf die Unterdrückung anderer ethnischer Minderheiten aufmerksam machen würde.

Ein diplomatischer Balanceakt

Der viertägige Aufenthalt von Franziskus, der vom 27. November bis zum 30. November stattfand, begann mit einem überraschenden ersten Treffen mit dem Oberbefehlshaber, Senior General Min Aung Hlaing. Der Militärchef stattete Papst Franziskus am Abend seiner Ankunft im Haus des Erzbischofs, in dem er nächtigte, einen Besuch ab, der auf Ersuchen des Oberbefehlshabers vom 30. November nach vorn verschoben wurde. In dem 15-minütigen Gespräch, an dem auch weitere Offiziere und Kardinal Bo beteiligt waren, betonte Min Aung Hlaing, es gebe weder religiöse noch ethnische Diskriminierung in Myanmar. Während die Verantwortung verschiedener Autoritäten im Prozess der Transition des Landes besprochen wurde, hob der General die Rolle der Religionsfreiheit, der sich sein Land und die Streitkräfte (Tatmadaw) verschrieben hätten, hervor, wie er auf seiner Facebookseite mitteilte.

Das zweite bedeutende Treffen fand am darauffolgenden Tag in der Hauptstadt Naypyidaw mit der de facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi statt, die aufgrund ihres Umgangs mit der Situation im Rakhine-Staat international schwer in die Kritik geraten ist. Kardinal Charles Bo, der lange Zeit selbst die Regierung kritisiert hatte, verteidigte in jüngster Vergangenheit allerdings Suu Kyis Handlungsweise. Er betonte, dass sie verfassungsrechtlich keine Macht über das Militär habe, aber in ihrer eigenen cleveren Art und Weise versuche, so mit der Armee zu verhandeln, dass eine funktionierende Kooperation zwischen ziviler Regierung und Militär entstehen könne. Die Mehrheit der Bevölkerung steht, so wie Bo, hinter der „Lady“ und verurteilte die internationale Presse aufgrund der aus myanmarischer Sicht einseitigen Berichterstattung.

Papst Franziskus hielt nach seinem hinter verschlossenen Türen stattfindenden Höflichkeitsbesuch bei Präsident Htin Kyaw und dem privaten Gespräch mit Suu Kyi eine Rede sowohl vor zivilgesellschaftlichen Akteuren als auch Politikern und Diplomaten. Er betonte die Bedeutung des Friedensprozesses für das ethnisch vielfältige Myanmar, in dessen Zukunft jede ethnische Gruppe und ihre Identität respektiert und gemäß den Menschenrechten behandelt werden müsse. Ihm zufolge seien religiöse Unterschiede keine Quelle von Misstrauen, sondern eher eine Kraft, die zu Einheit und Vergebung führe. Vor der päpstlichen Rede eröffnete Aung San Suu Kyi das Treffen mit einigen Worten zur Stärke und Einheit, die ihr Land benötige, um die facettenreichen Herausforderungen Myanmars zu bewältigen. Auch betonte sie, dass das schwindende Vertrauen und Verständnis zwischen den Gemeinschaften im Rakhine-Staat Unterstützung von außen wie auch von innen unabdingbar mache.

Einheit in der Vielfalt

Noch bevor es zu den Begegnungen mit der politischen Führung Myanmars kam, traf sich der Pontifex am Morgen seines zweiten Besuchstages im Haus des Erzbischofs außerplanmäßig mit 17 religiösen Führern des Hinduismus, Islams, Buddhismus, Juden- und Christentums. In diesem Gespräch betonte er den notwendigen Dialog und die Einheit, die aus der religiösen und ethnischen Vielfalt heraus entstehen könnten und müssten. Nach diesen 40 Minuten gab es noch ein privates Treffen zwischen Franziskus und dem buddhistischen Mönch Sitagu Sayadaw, der aufgrund verunglimpfender Reden gegen Muslime stark kritisiert wird. Dem Pressesprecher Franziskus‘ zufolge fand die Zusammenkunft im Bestreben nach Frieden und brüderlichem Nebeneinander statt.

Am 29. November wurde im Kyaikkasan-Stadium in Yangon die von den weither gepilgerten Christen langersehnte, erste päpstliche Messe gefeiert. Der Pontifex sprach zu den geschätzten 150.000 Gläubigen über die Notwendigkeit der Vergebung und des Mitgefühls als Antwort auf Hass und Ablehnung. Dabei betonte er, dass die sichtbaren wie unsichtbaren Wunden der Gewalt, die Myanmar ertrage, nicht mittels Rache geheilt werden könnten. Beim Jugendgottesdienst am darauffolgenden Tag in der katholischen Kathedrale Yangons unterstrich Papst Franziskus die wichtige Rolle der jungen Generation als Gesandte der Hoffnung für ihr Land und dessen Kirche.

Neben den zwei Messen, die an die Zivilgesellschaft gerichtet waren, war ebenso das Treffen am Mittwochnachmittag mit Vertretern des Sangha Maha Nayaka-Komitees, der höchsten staatlichen buddhistischen Institution, von großer religiöser Bedeutung. Papst Franziskus betonte, dass die Verbundenheit zwischen Katholiken und Buddhisten weiterhin gestärkt werden müsse und verwies auf das gemeinsame Ziel, Intoleranz, Vorurteile und Hass zu überwinden. Er beendete seine Rede mit dem Aufruf zur Zusammenarbeit und zum Dialog aller Religionen, um Frieden und Einheit in einem durch Konflikte gespaltenem Myanmar zu erreichen. Wenig später traf sich Franziskus mit 22 birmanischen Bischöfen, um über die Chancen und Herausforderungen ihres geistlichen Amtes zu sprechen. Er unterstrich die Rolle der Kirche in dem Bemühen, die Narben der ethnischen, regionalen wie politischen Konflikte Myanmars zu heilen, um Frieden und Entwicklung zu fördern. Die Bischöfe seien die prophetische Stimme der birmanischen Gesellschaft, die ihrem Volk jeder Zeit beistehen müsste.

Päpstlich übermittelte Nachrichten

Am frühen Donnerstagnachmittag, des 30. November, ging es für Papst Franziskus weiter nach Dhaka, der Hauptstadt des überwiegend islamischen Bangladesch. Sein Besuch in Myanmar, welcher international als „Minenfeld“ und „Drahtseilakt“ angesehen wurde, endete, ohne die sogenannte Rohingya-Krise öffentlich anzusprechen oder spezifisch auf die Verfolgung christlicher Minderheiten einzugehen. Darüber, ob Franziskus sich in den privaten Gesprächen sowohl mit Staatsrätin Aung San Suu Kyi als auch mit Militärchef Min Aung Hlaing direkter äußerte, kann nur spekuliert werden. Im päpstlichen Flugzeug Richtung Vatikan äußerte Franziskus zum Gespräch mit dem Oberbefehlshaber, er habe ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass die Gräueltaten der Vergangenheit nicht länger tragbar seien.

Für die Kirche in Myanmar allerdings war die päpstliche Präsenz ein historisch signifikanter Moment zur Bestärkung ihres Glaubens und zur Förderung interreligiöser Zusammenarbeit. Auch wenn Teile der internationalen Gemeinschaft, vor allem Menschenrechtsorganisationen und Angehörige der Minderheiten selbst, enttäuscht über die Vermeidung des Wortes „Rohingya“ waren, so besteht die moralische Autorität des Papstes unvermindert. Allerdings muss diese Autorität in einem historisch stark buddhistisch geprägten Kontext in ihrer Wirkung relativiert werden. Auch das hat dieser Besuch deutlich werden lassen: Der politische Einfluss des Papstes in Südostasien ist begrenzt, mit Ausnahme der überwiegend katholischen Philippinen.

Die Reise nach Myanmar kann jedoch als ein Zeichen internationaler Unterstützung für Aung San Suu Kyi gesehen werden, deren Land sich inmitten der sogenannten Rohingya-Krise, aber auch verschiedener weiterer ethnischer Konflikte befindet. Papst Franziskus sprach sich während seines Aufenthaltes für die Achtung der Menschenrechte jeder ethnischen Minderheit aus. Auch wenn er sie nicht beim Namen nannte, ist klar, dass er die Rohingya in seinen Aufrufen zu Gerechtigkeit und Respekt nicht ausschloss. Seine diplomatische Vorgehensweise stachelte weder nationalistisch buddhistische Gruppierungen noch birmanische Sicherheitskräfte gegen christliche Minderheiten auf und stärkte somit auch die erst jungen diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Radikale nationalistische Stimmen, wie die extreme buddhistische Mönchsbewegung Ma Ba Tha oder deren Gallionsfigur Ashin Wirathu waren während des gesamten Aufenthaltes auffällig zurückhaltend.

Obgleich der Führer der katholischen Kirche nur begrenzten Einfluss besitzt, so konnte er vor allem den internationalen Blick auf Myanmar, dessen Kirche, aber auch dessen zahlreiche Minderheiten lenken. Doch auch wenn Papst Franziskus als moralische Stimme angesehen wird, betonte sein Pressesprecher Greg Burke ebenso, dass selbst er keine Probleme wie durch ein Wunder verschwinden lassen könne. Der Pontifex selbst verteidigte seinen diplomatischen Aufenthalt als unterstützende Kraft, die Myanmar weiter in Richtung Demokratie treiben solle. Auch betonte er, dass die Benutzung des Wortes „Rohingya“ eine durch öffentliche Anprangerung vor der Nase zugeschlagene Tür gewesen wäre.

Es bleibt zu hoffen, dass sein Aufruf zu Toleranz, Respekt und Gerechtigkeit für alle auf birmanischem Boden lebenden Individuen und die Hervorhebung der Bedeutung der interreligiösen Zusammenarbeit am Ende des viertägigen päpstlichen Aufenthaltes in Myanmar angekommen sind und auf fruchtbaren Boden fallen. Am Ende des Tages ist „Rohingya“ nur ein Wort. Die Nachricht des Papstes ist, auch ohne dessen Benutzung, schon allein durch seine Präsenz deutlich geworden.

Über diese Reihe

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