Länderberichte

Massengrab in Knin gefunden

von Stefan Gehrold

Mehr als 200 serbische Zivilisten Opfer kroatischer Exekutionen?

Am 19.04.01 traf in Knin ein Spezialistenteam des internationalen Kriegsverbrechertribunals aus Den Haag ein. Das Team besteht aus Pathologen, Juristen und Experten für Exhumierung. Ziel ist die Ausgrabung eines Massengrabes, in dem zwischen 200 und 400 serbische Zivilisten vermutet werden.

Knin ist eine Stadt von 20.000 Einwohnern in der Lika, der sog. Krajna, die fast ausschließlich serbisch besiedelt war. Diese Region war zu Beginn des kroatischen Unabhängigkeitskrieges besetzt und geriet erst 1995 im Rahmen der sog. Operation "Sturm" wieder unter kroatische Kontrolle. Das vermutete Massengrab befindet sich in der Nähe des Kniner Friedhofs.

Beamte der kroatischen Justiz und des Innenministerium begleiten das Spezialistenteam des internationalen Kriegsverbrechertribunals.

Das zuständige Landgericht Sibenik erliess auf den Antrag des Tribunals einen Beschluss, wonach es jetzt möglich ist, die Ausgrabungen an der vermuteten Stelle durchzuführen.

Den Kontakt zu den Medien nimmt die kroatische Regierung war. Dies entspricht den Regelungen des Abkommens, das das Kriegsverbrechertribunal bereits mit der ehemaligen kroatischen Regierung unter Präsident Tudjman abgeschlossen hatte.

Der zuständige Offizier der kroatischen Streitkräfte, Oberst Grujic teilte mit, das es sich bei den Leichen um Tote aus dem Unabhängigkeitskrieg handelte, Serben und Kroaten. Diese beerdigte man 1995 in Anwesenheit eines katholischen Priesters, da kein orthodoxer Geistlicher vor Ort gewesen sei. "Die Gesamtzahl der Toten im Rahmen der Operation "Sturm" schätzen wir auf 700 bis 1000", so Oberst Grujic.

Das Grab selbst ist bereits seit längerem bekannt. Im August 1995 entdeckten UN-Beamte 96 Kreuze in der Nähe des Kniner Friedhofs. Sie waren markiert mit der Aufschrift N.N., bezeichneten also Tote mit ungeklärter Identität.

Im April 1999 veröffentlichte das kroatische Helsinki-Komitee für Menschenrechte einen Bericht, wonach die kroatische Armee mindestens 410 serbische Zivilisten im Rahmen der Operation "Sturm" erschossen und 22.000 serbische Häuser niedergebrannt oder vermint hat.

Knin erlebt die zweite Ausgrabung von möglicherweise exekutierten serbischen Zivilisten. Die erste fand in Gospic statt, wo man 20 exekutierte serbische Zivilisten gefunden hatte. Diese waren vermutlich im Oktober 1991 erschossen wurden. Wegen dieses Vorfalls läuft ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwalt Rijeka gegen den damals dort verantwortlichen Oberbefehlshaber der kroatischen Streitkräfte, General Norac. Er befindet sich derzeit in Untersuchungshaft aufgrund eines Haftbefehls des Landgerichtes Rijeka.

Das Haager Tribunal möchte nun herausfinden, ob in dem Grab in Knin Zvilisten liegen, die Opfer von Massenexekutionen geworden sind. Es rechnet mit 253 Leichen, die dann untersucht werden müssten.

Die Kroatische Regierung arbeitet aktiv an der Aufklärung mit:

  • So erließ das zuständige Landgericht Sibenik unbürokratisch den erwähnten Beschluss;
  • das Gesundheitsministerium stellt in Zagreb Ausrüstung und Räumlichkeiten zur Verfügung, damit die Leichen gerichtsmedizinisch untersucht werden können und
  • die kroatische Polizei sperrt das Gelände weiträumig ab.
Die kroatische Öffentlichkeit reagiert kaum auf den gesamten Vorgang. Es gab kleine Demonstrationen der Veteranenverbände gegen die Ausgrabungen. Der generelle Vorwurf aus dem konservativen Lager an die Adresse des Kriegsverbrechertribunals lautet: Warum beschäftigt sich das Tribunal nicht mit Massengräbern, in denen kroatische Opfer liegen?

Die grosse Mehrheit der kroatischen Bevölkerung wartet jedoch gelassen das Ergebnis der Untersuchung ab.

Die Medienberichterstattung ist ebenfalls nur mäßig engagiert. Das Ereignis findet sich lediglich auf den hinteren Seiten der Zeitungen, allerdings mit ausführlichen Stellungnahmen.

Dennoch ist die politische Bedeutung der Untersuchung nicht zu unterschätzen. Sollte sich nämlich herausstellen, dass es sich nicht um Kriegsopfer, sondern um Opfer von Massenexekutionen handelte, so wäre dies ohne Zweifel das Ende der kroatischen Opfertheorie.

Unabhängige kroatische Beobachter betrachten es als gut für Kroatien, dass eine internationale Organisation die Untersuchung durchführt. "Keiner, weder in Belgrad, noch innerhalb der internationalen Gemeinschaft, glaubt den Ergebnissen einer amtlichen kroatischen Untersuchung, und sei diese auch noch so objektiv," erklärte eine hochrangiger Vertreter der katholischen Kirche.

Die uneingeschränkte Mitwirkung der kroatischen Regierung werte ich als ein Signal in drei Richtungen:

  1. an die internationale Gemeinschaft: Kroatien befindet sich ohne Verzögerung auf dem Weg zum Rechtsstaat und beansprucht, in der Völkergemeinschaft ernstgenommen zu werden!
  2. an die eigene Bevölkerung: Verbrechen werden nicht geduldet. Nationalismus und ethnischer Chauvinismus haben
  3. an die serbische Regierung: Kroatien nimmt eine Vorreiterrolle bei der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen ein. Serbien sollte sich ebenfalls dieser Aufgabe annehmen. Milosevic muss der Prozess wegen seiner eigentlichen Verbrechen und nicht wegen irgendwelcher vergleichsweise geringfügiger Delikte gemacht werden!

Teilen

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung ist in rund 80 Ländern auf fünf Kontinenten mit einem eigenen Büro vertreten. Die Auslandsmitarbeiter vor Ort können aus erster Hand über aktuelle Ereignisse und langfristige Entwicklungen in ihrem Einsatzland berichten. In den „Länderberichten“ bieten sie den Nutzern der Webseite der Konrad-Adenauer-Stiftung exklusiv Analysen, Hintergrundinformationen und Einschätzungen.

Bestellinformationen

erscheinungsort

Sankt Augustin Deutschland