Länderberichte

Papst Franziskus besucht Israel

von Michael Mertes

Das Oberhaupt der katholischen Kirche kam zwar als Pilger, musste jedoch schwierige politische Balanceakte meistern

Der Besuch von Papst Franziskus hat in Israel bei Juden, Christen und Muslimen ein sehr positives Echo hervorgerufen, obwohl die Christen im Norden des Landes ein wenig enttäuscht waren, dass Nazareth nicht zu seiner Reiseroute gehörte. Franziskus verstand es, in jeder Situation den richtigen Ton zu treffen und seine Botschaften mit schlichten, aber zu Herzen gehenden Symbolhandlungen (bis hin zum Rückflug in einer El Al-Maschine) zu versinnbildlichen.

Er bestätigte den ihm vorauseilenden Ruf, dem Judentum gegenüber so aufgeschlossen zu sein wie kein anderer Papst vor ihm. Äußerungen des Mitgefühls für die Opfer antizionistischen und antisemitischen Terrors wurden ihm hoch angerechnet. Der Papst ließ aber auch keinen Zweifel am Engagement des Heiligen Stuhls für eine Zwei-Staaten-Lösung und gegen einseitige Vereinnahmungen Jerusalems durch eine der drei monotheistischen Weltreligionen.

Papstbesuche in Israel sind in mindestens vier Kontexten zu sehen. Sie sind von Bedeutung:

  1. für die Beziehungen zwischen Katholischer Kirche und Judentum – und darüber hinaus für das christlich-jüdische Verhältnis im Allgemeinen;
  2. für die diplomatisch-völkerrechtlichen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel;
  3. für die katholische Minderheit, aber auch für viele andere Christen in Israel;
  4. für die innerchristliche Ökumene, vor allem für das Verhältnis zwischen Katholischer Kirche sowie orthodoxen und altorientalischen Kirchen.
Eine politische Pilgerreise

Der Vatikan hatte in seiner Öffentlichkeitsarbeit großen Wert darauf gelegt, die Reise des Papstes als Pilgerfahrt darzustellen. Dem entsprechend hatte das Protokoll die Begegnung mit dem israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres als „Höflichkeitsbesuch“ eingestuft – nicht als offizielles Treffen zweier Staatsoberhäupter. Franziskus selbst hatte am 21. Mai betont: „Es wird eine strikt religiöse Reise.“

Allerdings konnte es nicht ausbleiben, dass jedes Wort, jede Geste des Papstes auf politisch relevante Aussagen hin abgeklopft wurde: Was ist seine Position zum israelisch-palästinensischen Konflikt? Wie steht er zur Selbstdefinition Israels als jüdischer Staat? Welche Forderungen richtet er an den Staat Israel im Hinblick auf den Schutz heiliger Stätten der Christenheit in Jerusalem? Wird er nach wie vor ungeklärte Fragen des rechtlichen Status der Katholischen Kirche in Israel ansprechen? Wird er in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem die richtigen Worte finden? Hat er den Mut, die Traumata zu erwähnen, die die wechselseitige Wahrnehmung von Palästinensern und israelischen Juden prägen? Wird er deutliche Worte der Kritik an religiösem Fanatismus und religiös motivierten Hassdelikten finden?

Welche politische Brisanz religiöse Fragen gerade im Heiligen Land haben können, lässt sich am Beispiel der Unterredung zwischen Theodor Herzl und Papst Pius X. im Jahr 1904 verdeutlichen. Der Begründer des modernen politischen Zionismus hatte sich von der Audienz beim Papst Unterstützung für sein großes Anliegen erhofft. Pius X. hatte darauf geantwortet:

„Wir können diese Bewegung (sc. den Zionismus) nicht gutheißen. Wir werden die Juden nicht daran hindern können, nach Jerusalem zu gehen – aber wir können es niemals billigen. Der Boden Jerusalems wurde – wenn er nicht schon immer heilig war – durch das Leben Jesu Christi geheiligt. Ich als Oberhaupt der Kirche kann Ihnen nichts anderes sagen. Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, deshalb können wir das jüdische Volk nicht anerkennen.“

Vor diesem Hintergrund wurde von israelisch-jüdischer Seite immer wieder hervorgehoben, dass Franziskus mit seiner Kranzniederlegung an der letzten Ruhestätte Theodor Herzls den historischen Fehler seines Vorgängers korrigiert habe. Die erste Visite eines Papstes an diesem Grab wurde als symbolische Anerkennung der zionistischen Vision eines jüdischen Staates gewertet – und half zu verschmerzen, dass das vatikanische Protokoll die Palästinensischen Gebiete ausdrücklich als „Staat Palästina“ eingestuft hatte.

In Israel wurde sehr genau verfolgt, welche politischen – oder politisch relevanten – Botschaften der Papst bei seinem Besuch in den Palästinensischen Gebieten verkündete. Mit seiner Einladung an Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und den israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres, gemeinsam mit ihm in Rom für den Frieden zu beten, unterlief Franziskus – ob gewollt oder ungewollt – die von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verhängte und mit großem Nachdruck vertretene Sperre für direkte Gespräche von Mitgliedern seines Kabinetts mit offiziellen Repräsentanten der palästinensischen Seite. Beide Adressaten nahmen die Einladung sofort an.

Noch größere Aufmerksamkeit erregte Franziskus’ spontane (oder, wie auf israelischer Seite hier und da vermutet wurde, lediglich als spontan deklarierte) Geste, auf der Fahrt durch Bethlehem an einem Punkt der Trennmauer anzuhalten, um dort in einem kurzen stillen Gebet zu verweilen. Israelische Regierungspolitiker hielten sich mit Kommentaren zurück, aber in den israelischen Medien wurde umso deutlicher ausgesprochen, das „ikonische“ Bild des Papstes an der von Israel errichteten Sperranlage , das sofort weltweit die Runde machte, stelle einen großen Propagandaerfolg für die palästinensische Seite dar.

Besonders übel fiel auf, dass die vom Papst ad hoc gewählte Stelle ausgerechnet die Graffiti „Free Palestine“ (was sowohl die Palästinensischen Gebiete als auch Mandatspalästina vor Gründung des Staates Israel bedeuten kann) und „Bethlehem look (sic) like Warsaw Ghetto“ zeigte.

Ministerpräsident Netanjahu sorgte am 26. Mai für das Gegenprogramm, indem er den Papst – abweichend vom Protokoll – zur Gedenkstätte für die Opfer palästinensischen Terrors auf dem Militärfriedhof am Herzlberg führte und ihm erklärte, weshalb die von Israel errichtete Barriere notwendig sei. Berichten zufolge sagte Franziskus bei dieser Gelegenheit: „Terror ist absolut böse und zeugt Böses. Nie wieder! Nie wieder!“

Insgesamt lässt sich feststellen, dass Papst Franziskus sichtlich – und erfolgreich – bemüht war, beiden Seiten im Konflikt gerecht zu werden, aber auch beide Seiten in die Pflicht zu nehmen. In einer seiner politischsten Redepassagen – bei seiner Ansprache vor Präsident Peres – warnte er vor einseitigen Schritten, die eine Verständigung in immer weitere Ferne rücken lassen könnten:

„In diesem Zusammenhang bringe ich erneut den Wunsch zum Ausdruck, dass allerseits Initiativen und Taten vermieden werden, die dem erklärten Willen, zu einer wirklichen Übereinkunft zu gelangen, widersprechen, und dass man nicht müde wird, den Frieden mit Entschlossenheit und Kohärenz zu verfolgen.“

Das kann man als Kritik an der israelischen Siedlungspolitik (wie sie auch von US-amerikanischer und europäischer Seite geäußert wird) lesen; genau so gut lässt es sich aber auch als eine Warnung an die palästinensische Seite verstehen, dass die Versöhnung von Fatah und Hamas nicht zu einer faktischen Rücknahme der 1994 ausgesprochenen Anerkennung Israels durch die PLO führen darf.

Die komplexe Frage des gegenwärtigen und künftigen Status von Jerusalem klammerte Franziskus in seinen öffentlichen Äußerungen nicht aus, aber er wählte dafür „weiche“ Formulierungen. Sie ließen indes keinen Zweifel daran, dass es ein Kernanliegen des Heiligen Stuhls ist und bleibt, Jerusalem mit seinen heiligen Stätten für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen offen zu halten:

„Die heiligen Stätten sind keine Museen oder Sehenswürdigkeiten für Touristen, sondern Orte, an denen die Gemeinschaften der Gläubigen ihren Glauben, ihre Kultur und ihre wohltätigen Initiativen leben. Darum müssen sie ständig in ihrem sakralen Charakter geschützt werden; so wird nicht nur das Erbe der Vergangenheit bewahrt, sondern auch die Menschen, die sie heute besuchen und in Zukunft besuchen werden.“

Der Vergleich mit den Vorgängern

Zu den Kontexten der Papstbesuche gehört immer auch der Vergleich mit den Schwerpunkten, die frühere Päpste bei ihren Reisen ins Heilige Land gesetzt hatten. So wurde der Besuch von Franziskus an den Besuchen von Paul VI. (1964) – dem ersten eines Papstes in Israel –, Johannes Paul II. (2000) und Benedikt XVI. (2009) gemessen. Einen weiteren Kontext bildeten wichtige Jahrestage: der 50. Todestag von Papst Johannes XXIII. (3. Juni 1963), das 20-jährige Jubiläum des Grundlagenvertrags und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Staat Israel (30. Dezember 1993), das 50-jährige Jubiläum der Begegnung zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras in Jerusalem (5./6. Januar 1964), der 110. Jahrestag der Unterredung zwischen Theodor Herzl und Papst Pius X. (26. Januar 1904) sowie der bevorstehende 110. Todestag von Herzl (3. Juli 1904).

Aufmerksam hatte man in Israel registriert, dass in Rom am 27. April 2014 mit Papst Johannes XXIII. und Johannes Paul II. zwei Kirchenoberhäupter heilig gesprochen worden waren, die das epochale Projekt der christlich-jüdischen Aussöhnung maßgeblich vorangetrieben hatten. Zwei Wochen vor der Ankunft von Papst Franziskus, am 13. Mai 2014, ehrte die Knesset Johannes XXIII. mit einer Sondersitzung des Erziehungs- und des Einwanderungsausschusses und des Plenums – eine Würdigung, wie sie noch nie einem Kirchenoberhaupt zuteil geworden war.

In der Vorberichterstattung der israelischen Medien über den Besuch von Franziskus wurde häufig betont, dass der neue Papst – als erstes nichteuropäisches Oberhaupt der Katholischen Kirche seit dem aus Syrien stammenden Gregor III. (Papst von 731 bis 741) – im Gegensatz zu seinen drei Vorgängern mit weniger schwerem historischen Gepäck nach Israel komme. Franziskus war bei Ende des Zweiten Weltkriegs noch ein Kind von 8 Jahren; Benedikt (18) und Johannes Paul (24) waren damals schon junge Erwachsene – und Paul bereits 47 Jahre alt. Gleichzeitig hoben Kommentatoren hervor, dass Franziskus sich mit vorbildlicher Offenheit den theologischen und kirchengeschichtlichen Fragen stelle, die sich nach der Shoah, dem millionenfachen Mord an den europäischen Juden, an die Katholische Kirche und die Christenheit im Allgemeinen richten.

Rabbiner David Rosen, Internationaler Direktor des American Jewish Committee für interreligiöse Angelegenheiten, Mitglied der Bilateralen Kommission aus Repräsentanten des Heiligen Stuhls und des israelischen Oberrabbinats sowie langjähriger Partner der KAS Israel drückte mit seiner Einschätzung eine unter vielen Israelis verbreitete Ansicht aus: „Es hat noch nie einen Papst gegeben, der eine so große Vertrautheit, soviel persönliche Freundschaften und so viel Engagement gegenüber der jüdischen Gemeinschaft an den Tag gelegt hat wie Papst Franziskus.“

In der Tat hatte Jorge Mario Bergoglio in Argentinien, wo die größte jüdische Gemeinde Lateinamerikas (und die siebtgrößte der Welt) lebt, vor allem während seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires mit besonderer Leidenschaft die interreligiöse Verständigung zwischen Christen und Juden, aber auch zwischen Christen und Muslimen gefördert. So hatte er denn auch zwei Freunde aus der Heimat, den Rabbiner Abraham Skorka und den Islamgelehrten Omar Abboud, auf die Reise mitgenommen. In den israelischen Medien wurde immer wieder die enge Freundschaft zwischen dem Papst und „seinem“ Rabbiner hervorgehoben; dabei wurde auch ihr gemeinsames Buch „Sobre el Cielo y la Tierra“ (deutsch „Über Himmel und Erde“) erwähnt.

Schatten über der Reise

Zu einem vollständigen Bild der Reise gehören auch negative Nachrichten, die den erfreulichen Eindruck von Herzlichkeit und Harmonie überschatteten. Am 24. Mai, dem Tag vor Ankunft des Papstes in Israel, waren im Brüsseler Jüdischen Museum drei Menschen einer Terrorattacke zum Opfer gefallen – darunter zwei Israelis. Diese Schreckensmeldungen (einschließlich der späteren Nachrichten über die Rückführung der beiden israelischen Opfer in ihre Heimat) dämpften spürbar die Atmosphäre im ganzen Land. Sie machten zugleich deutlich, dass die Furcht vor mörderischem Antizionismus und Antisemitismus keine Ausgeburt „jüdischer Paranoia“ ist, sondern durch derartige Verbrechen immer wieder auf grausame Weise bestätigt wird.

In einer vielbeachteten (wegen methodischer Schwächen aber auch kritisch kommentierten) Studie, die am 13. Mai veröffentlicht wurde, war die US-amerikanische Anti-Defamation League of B’nai B’rith (ADL) zu dem Ergebnis gekommen, mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung sei antisemitisch eingestellt: In Westeuropa seien es 24%, in Osteuropa 34% und im Nahen Osten sowie Nordafrika 74%; nur die Vereinigten Staaten schnitten mit 9% gut ab – Argentinien, die Heimat des Papstes, liegt der ADL-Studie zufolge mit 24% auf westeuropäischem Niveau. Das gute Abschneiden rechtsradikaler und rechtspopulistischer Parteien bei der Europawahl, das am ersten Tag des Israelbesuchs von Papst Franziskus bekannt wurde, bestätigt in den Augen vieler Israelis schlimmste Befürchtungen.

Aber auch in Israel gab und gibt es Probleme mit rechtsradikalen Gruppierungen. Eine in den vergangenen Monaten zunehmende Zahl von Hassdelikten nationalreligiöser Extremisten – vom israelischen Schriftsteller Amos Oz als „hebräische Neonazis“ bezeichnet – gegen Christen und Muslime, vor allem durch Schändung von Kirchen, Moscheen und Friedhöfen, hatte auch international Aufsehen erregt. Während Teile der israelischen Gesellschaft auf diese Anschläge eher sprachlos reagierten, gab es wichtige jüdische Stimmen, die ihre Solidarität mit ihren christlichen und muslimischen Mitbürgern öffentlich kundtaten und den zuständigen staatlichen Behörden eine unerträgliche Passivität vorwarfen. Als besonders bemerkenswert seien hier ein Blog von Rabbi Ron Kronish – einem langjährigen Partner der KAS Israel – und ein Meinungsbeitrag von Carmi Gillon erwähnt. Gillon, ehemaliger Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, riet den israelischen Strafverfolgungsbehörden dazu, nationalreligiöse Gewalttäter als Terroristen zu verfolgen, da diese nicht allein Christen und Muslimen, sondern auch dem Staat Israel schweren Schaden zufügten.

Im Vorfeld des Papstbesuches hatten nationalreligiöse Fanatiker mobil gemacht gegen die angebliche Absicht der Regierung Netanjahu, die Hoheit über den (in West-Jerusalem gelegenen) Zionsberg und damit über den so genannten Abendmahlssaal (Coenaculum) und das darunter gelegene so genannte Davidsgrab auf die Katholische Kirche zu übertragen. Opfer dieser auf haltlosen Verschwörungstheorien beruhenden Hetzkampagne war vor allem das auf dem Zionsberg gelegene Beneditinerkloster, die Dormitio-Abtei.

Im Lauf der Jahrhunderte war die Kontrolle über den Zionsberg von den Franziskanern über die Muslime auf den Staat Israel übergegangen. Der Franziskaner Pierbattista Pizzaballa, katholischer Kustos des Heiligen Landes, stellte bei einer von der KAS Israel am 20. Mai 2014 in Jerusalem mitveranstalteten Konferenz zum wiederholten Male klar, dass es seiner Kirche – und überhaupt den Christen – nicht darum gehe, das Eigentum am Coenaculum zurückzuerlangen; vielmehr werde mit der israelischen Regierung darüber verhandelt, dass der Abendmahlssaal während eines bestimmten Zeitfensters – z.B. 6.00 bis 8.00 Uhr morgens – für christ liche Gottesdienste genutzt werden dürfe. Doch schon dies wäre aus Sicht nationalreligiöser Fanatiker eine Entweihung des Davidsgrabes, denn sie sind der Auffassung, dass es sich bei katholischen Messen um Götzendienst (Awodah sarah) handelt.

Papst Franziskus ging auf den Streit um den Zionsberg nicht explizit ein, aber er formulierte bei seiner Ansprache vor Präsident Peres eine deutliche Absage an alle Monopolansprüche auf Stätten, die zwei oder mehr Religionen heilig sind:

„Mit Entschiedenheit muss alles verworfen werden, was sich der Verfolgung des Friedens und eines respektvollen Zusammenlebens von Juden, Christen und Muslimen entgegenstellt: Gewaltanwendung und Terrorismus, jede Art von Diskriminierung aufgrund der Rasse oder der Religion, der Anspruch, den eigenen Gesichtspunkt auf Kosten der Rechte anderer durchzusetzen, Antisemitismus in all seinen möglichen Formen sowie Gewalt oder Äußerungen von Intoleranz gegen jüdische, christliche und muslimische Personen oder Kultstätten.“

Bei seiner Ansprache vor den beiden Oberrabbinern von Israel hob er hervor, dass es die Pflicht aller religiösen Institutionen sei, Vorurteile in den eigenen Reihen durch Vermittlung von Kenntnissen über anderer Religionen zu bekämpfen:

„Auf katholischer Seite besteht natürlich die Absicht, den Sinn der jüdischen Wurzeln des eigenen Glaubens voll in Betracht zu ziehen. Ich vertraue darauf, dass mit Ihrer Hilfe auch auf jüdischer Seite das Interesse für die Kenntnis des Christentums erhalten bleibt und wenn möglich zunimmt – speziell bei den jungen Generationen –, gerade in diesem gesegneten Land, in dem dieser Glaube seinen Ursprung erkennt.“

Vor seiner Rückreise am 26. Mai feierte Papst Franziskus eine Messe im Abendmahlssaal und unterstrich damit symbolisch, dass die Katholische Kirche an ihrer Forderung nach einer geregelten religiösen Nutzung des Christen, Juden und Muslimen heiligen Komplexes auf dem Zionsberg festhalten wird.

Fazit

Wo auch immer Papst Franziskus nach seiner Ankunft auf dem Ben-Gurion-Flughafen bei Tel Aviv auftrat – ob bei der Ökumenischen Feier zum 50. Jahrestag der Begegnung zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras, an der Westmauer des Tempelplateaus („Klagemauer“), beim Großmufti von Jerusalem, in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, auf dem Herzl-Berg, bei den beiden Oberrabbinern von Israel oder in der Residenz von Präsident Peres –: er meisterte scheinbar mühelos die vielen politischen, historischen und theologischen Balanceakte, die ihm innerhalb von anderthalb Tagen abverlangt wurden.

Seine „Pilgerreise“ war in Wirklichkeit eminent politisch – aber paradoxerweise konnte sie es nur deshalb sein, weil sie als „strikt religiös“ angekündigt worden war. Die für Franziskus charakteristischen versöhnlichen Formulierungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass er klare Zielvorstellungen für die Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts hat, die er auch in Zukunft immer wieder mit Nachdruck artikulieren wird. Das wird sich schon bald wieder zeigen, wenn Palästinenserpräsident Abbas und der israelische Staatspräsident Schimon Peres ihn gemeinsam in Rom besuchen.

Und noch eine Prognose darf gewagt werden: Mit dem vierten Besuch eines Papstes in Israel seit 1964 haben sich diese „Pilgerreisen“ als eine feste Tradition etabliert, an der kein künftiges Oberhaupt der Katholischen Kirche mehr vorbeikommt.

Arabisch-hebräisches Plakat des Lateinischen Patriarchats für den Besuch von Papst Franziskus im Heiligen Land (24.-26. Mai 2014) Eigenes Foto KAS Israel

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