Länderberichte

Quereinsteiger mit Herrschaftswissen: Patrice Talon wird neuer Präsident Benins

von Elke Erlecke

Die Ergebnisse der aktuellen Präsidentschaftswahlen in Benin

Der Unternehmer Patrice Talon gewann am 20. März 2016 die Wahl zum Amt des beninischen Präsidenten im zweiten Wahlgang gegen seinen stärksten Konkurrenten, dem früheren Investmentbanker und Premierminister Benins, Lionel Zinsou. Amtsinhaber Thomas Boni Yayi trat auf Grund der verfassungsmäßigen Mandatsbegrenzung nicht mehr an.

Die nationale autonome Wahlkommission gab in der vergangenen Woche die ersten Ergebnisse des zweiten Wahlganges bekannt. Demnach lag Talon mit 65,37 Prozent vor Zinsou mit 34,63 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 66 Prozent. Im ersten Wahlgang lagen die beiden Kandidaten Talon und Zinsou dicht beieinander. Lionel Zinsou holte am 6. März 28,4 Prozent, Talon 24,8 Prozent der Stimmen. Insgesamt traten 33 Kandidaten und Kandidatinnen in der ersten Runde an.

Talon hatte im zweiten Wahlgang von der Unterstützung der 23 Kandidaten aus dem ersten Wahlgang profitiert, darunter der ehemalige Premierminister Pascal Irénée Koupaki und der ehemalige Außenminister Nassiro Bako Arifari.

Mit Patrice Talon erhält Benin einen Präsidenten, der in der Baumwollindustrie ein nationales Finanzimperium aufgebaut hat und die Region Westafrika aufgrund vieler persönlicher Kontakte gut kennt. Sein Vermögen hatte er in den vergangenen Jahren zielgerichtet zugunsten wichtiger beninischer Politiker eingesetzt. Ohne sich selbst politisch zu engagieren lernt er auf diesem Weg die Protagonisten und die Fallstricke in Benin kennen. In den Jahren 2006 und 2011 unterstützte er den Wahlkampf des Präsidenten Thomas Boni Yayi. Jedoch musste er nach einem Zerwürfnis und einem angeblichen Komplott gegen Thomas Boni Yayi 2012 nach Frankreich fliehen. Das europäische Exil der letzten drei Jahre nutzte er für die Ausweitung seines internationalen politischen Netzwerkes. Darüber hinaus konnte er sich als Opfer der präsidentiellen Willkür wirkungsvoll von dessen Politik absetzen und die Grundlage für eine eigene erfolgreiche Kandidatur legen.

Biografie eines beninischen Selfmademans

Geboren am 1. Mai 1958 in Porto-Novo, absolvierte Patrice Talon ein Mathematikstudium in Dakar und eine Pilotenausbildung bei der afrikanischen und französischen Fluggesellschaft Air Afrique. In den achtziger Jahren stieg er in Benin erfolgreich in die Verarbeitung und den Handel von Baumwolle ein. In den 1990er Jahren baute er unter anderem drei Baumwollentkernungsfabriken in Benin auf. Insgesamt wächst sein Imperium auf sechs Unternehmen, die vor allem im Baumwollsektor, Transport- und Hotelgewerbe aktiv sind.

2005 macht er die Bekanntschaft Boni Yayis, als dieser bei der Westafrikanischen Entwicklungsbank (BOAD) arbeitete. 2006 und 2011 unterstützte er Thomas Boni Yayi finanziell in dessen Wahlkämpfen. Aber auch andere Personen der politischen Szene Benins profitierten von seinen Finanzspritzen. Offenbar wurde in Folge, dass Talon danach jeweils bei der Vergabe öffentlicher Aufträge als auch bei Privatisierungsprojekten der Regierung jedes Mal den Zuschlag erhielt. Aufgrund seiner wirtschaftlichen Macht, seines Einflusses auf die politische Szene und seines zu großen Wissens über Boni Yayi wurde er jedoch für diesen selbst sukzessive zu einer Bedrohung.

2012 entwickelte sich eine Psychose, die aus einer Mischung von falschen Entscheidungen der Regierung und aus Pannen resultierte und die Bevölkerung in einen Zustand nervöser Angst versetzte. In diese Situation platzte dann die Nachricht von der vorgeblichen geplanten Vergiftung des Präsidenten. Als Verantwortlicher für den Anschlag auf das Leben des Präsidenten wurde Patrice Talon ausgemacht. Zu den Mordvorwürfen gesellten sich Anklagen wegen angeblicher Drohnenangriffe auf die Präsidentenmaschine sowie Diebstahl öffentlicher Gelder. Im September 2012 musste Talon Benin bei Nacht und Nebel das Land verlassen. Erst 2015 kehrte er wieder zurück.

Das Programm: Bruch statt Kontinuität

Talon versprach den Beninern einen „Nouveau départ“ (Neuer Aufbruch). Damit setzte er sich klar von dem Wahlslogan „Benin gagnant“ (Benin auf der Gewinnerstraße) Lionel Zinsous ab. Dieser hatte sich mit seinem Motto in die Tradition seines Mentors Thomas Boni Yayi gestellt, der ebenfalls einen Aufbruch Benins programmatisch beschworen hatte.

Sein Ziel sei der Bruch mit der bisherigen Politik, so der Multimillionär Talon. Das bedeute im Einzelnen: ein Stopp der Einflussnahme des Präsidenten auf die Gerichte und auf die Verwaltungsorgane des Landes; effektive Parteienfinanzierung, die deren Reorganisation und unabhängige Arbeit garantiere; Intensivierung der Dezentralisierung; Wiederbelebung der Agrarpolitik als Bindeglied zwischen Entwicklung und Kampf gegen Armut; engagierter Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit und für mehr Public-Private-Partnership Projekte. Das Mandat 2016 – 2021 müsse unter den Zeichen des Bruches mit der bisherigen Politik stehen, ein Mandat der Reformen und des Übergangs werden.

Talon profitierte in seiner Kampagne vor allem von seiner Rolle als führender privater Investor und Arbeitgeber Benins. Im Gegensatz zu Lionel Zinsou, dem Kronprinzen von Präsident Thomas Boni Yayi, habe er sein Vermögen selbst erwirtschaftet. Zusätzlich profitierte Talon von seiner offenen Feindschaft zu Präsident Boni Yayi. Lionel Zinsou, der Franco-Beniner, der „Weiße“, der keine lokale Sprache spricht, galt bei den Wählern als Kronprinz von Präsident Yayi Boni, der durch die Wahl Zinsous weiter regieren wolle. Der Wahlkampf war vor allem durch Elemente des negative campaigning geprägt. Persönliche Angriffe gegen Zinsou bezogen sich vor allem auf seine Unkenntnis über Benin und seine Bevölkerung, Patrice Talon wurde vorgeworfen, dass sich sein Familienreichtum auf Gelder aus dem Sklavenhandel des 18. Jahrhunderts bezieht.

Hoffnungsträger Talon?

In einer ersten Stellungnahme bezeichnete sich Talon selbst als „Soldaten, der sich für den Gang an die Front bereitmache“. Darum sei es für Glückwünsche noch zu früh. Es scheint daher, dass der neugewählte Präsident die Hindernisse bei der Realisierung seines Programms realistisch einschätzt.

Die Wahl Talons steht im Kontext einer Vertrauenskrise, die seit 2012 die politische und wirtschaftliche Entwicklung des Landes hemmt. Politik wird bei weiten Teilen der Bevölkerung als nicht unfähig und für die Probleme nicht zuständig angesehen. Die Wähler haben kein Vertrauen in die Parteien, die inhaltlich defizitär und organisatorisch schlecht aufgestellt sind. Vorherrschende Meinung ist, dass die Parteien schlecht geführt werden und die Verantwortlichen ihre Politik nicht nach dem Gemeinwohl ausrichten. Nach wie vor besteht ein tiefer Graben zwischen Politik und Zivilgesellschaft, zwischen Eliten und breiter Bevölkerung, innerhalb der Eliten sowie zwischen Institutionen und Individuen.

Es wird für Patrice Talon nun darauf ankommen, den Bonus der Politikferne in politische Erfolge umzusetzen. Anders als Thomas Boni Yayi kennt Talon schon bei Amtsantritt die Regeln der beninischen Politik, hat er doch lang genug hinter den Kulissen gewirkt, ohne jedoch durch ein politisches Amt kompromittiert worden zu sein.

Eine bisherige Linie setzt sich mit der Wahl Talons fort: Ausschlaggebend für die Wahl ist nicht die Unterstützung durch einen starken Parteiapparat sondern, die zielgerichtete Organisation einer Ansammlung von Unterstützern und ausreichend finanzielle Mittel.

Das große Plus des neuen Präsidenten ist seine wirtschaftliche Unabhängigkeit in einem Land, in dem Korruption eines des Hauptprobleme ist. Der neue Präsident ist wirtschaftlich in der gesamten Region vernetzt: seine Aktivitäten konzentrieren sich dabei auf Burkina Faso, die Elfenbeinküste, Mali und Senegal. Mit der Eigenschaft als privater Unternehmer hebt er sich von den bisherigen Präsidenten ab und kann als Hoffnungsträger für alle die gelten, die dem privaten Engagement in Benin Vorrang vor einer staatlichen Alimentierung und Zuwendungen Dritter einräumen wollen. Mit Talon könnte sich ein dringend benötigter Paradigmenwechsel der beninischen Politik und Gesellschaft ergeben.

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Die Konrad-Adenauer-Stiftung ist in rund 80 Ländern auf fünf Kontinenten mit einem eigenen Büro vertreten. Die Auslandsmitarbeiter vor Ort können aus erster Hand über aktuelle Ereignisse und langfristige Entwicklungen in ihrem Einsatzland berichten. In den „Länderberichten“ bieten sie den Nutzern der Webseite der Konrad-Adenauer-Stiftung exklusiv Analysen, Hintergrundinformationen und Einschätzungen.

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erscheinungsort

Abidjan Côte d’Ivoire