Neue Soziale Frage

Auszug aus: Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland

Hg.: von Winfried Becker, Günter Buchstab u.a. Paderborn 2002

S. 602 f.

Als N. S. F. bezeichnet man das Mitte der 70er Jahre von H.—»Geißler initiierte sozial- und gesellschaftspolitische Konzept, das die sozialen Partizipationschancen derjenigen Bevölkerungsgruppen verbessern will, deren soziale Sicherung nicht unmittelbar aus einem Arbeitsverhältnis abgeleitet wird und deren Anliegen nicht durch Interessen-verbände vertreten werden. Mit der Erhebung dieser Befunde und dem Programm der N. S. F. hat die CDU auf wichtige neue sozialpolitische Problem-bereiche aufmerksam gemacht. Im Unterschied zur alten —»sozialen Frage betrifft die N. S. F. nicht mehr so sehr die verteilungspolitischen und sozialen Vorsorgeprobleme, sondern wesentlich umfänglichere Dimensionen menschlichsozialer Bedürftigkeit (—»Sozialstaat). Als vordringliches, in hohem Maße demographisch bedingtes Problem der Zukunft (—»demographischer Wandel) stellt sich die Versorgung einer wachsenden Zahl älterer Menschen mit sozialen Diensten (—»Sozialpolitik). Über Finanzierungsfragen wie im Rentenbereich

(—»Rentenversicherung) hinaus sind es vordringlich die existentiellen Probleme der Menschen selbst, die einer Lösung bedürfen. —»Alter bedeutet keineswegs zwangsläufig Pflegebedürftigkeit; doch die Erfahrung zeigt, daß mit steigendem Alter der Anteil der Pflegebedürftigen wächst. Über alle Altersgruppen gerechnet sind insgesamt weniger als 3% der Menschen pflegebedürftig, bei Personen von 80 und mehr Jahren sind es fast 30%. Gab es 1950 in der Bundesrepublik Deutschland noch 500.000 Menschen im Alter über 80, so sind es heute bereits über zwei Mio., in ein paar Jahren werden es über drei Mio. sein - bei einer niedrigeren Bevölkerungsziffer als heute. Noch werden 80-90% der Pflegebedürftigen gegenwärtig in der Familie und von Angehörigen betreut. Die Probleme in naher Zukunft lassen sich in ihren Dimensionen durch die Demo-graphie nur oberflächlich beschreiben. Die angesichts geringer Geburtenraten und anderer Faktoren sinkende Fähigkeit zur Selbstregulierung führt zu einem wachsenden sozialen Dienstlei-stungsbedarf. Nicht nur ältere, sondern auch immer mehr Menschen in jüngerem oder mittlerem Lebensalter wohnen allein. Bereits heute ist jeder dritte Haushalt in der Bundesrepublik Deutschland ein Einpersonenhaushalt, in Berlin sogar jeder zweite; 1950 war es nur jeder fünfte. Einpersonenhaushalte stellen kein Problem dar, solange die Menschen jung und gesund sind. Es gibt immer mehr alleinstehende Menschen, die keine Kinder haben. Eine zielgerichtete —»Familienpolitik mag daran in Zukunft manches ändern, doch wird sich der Gesamttrend kaum umkehren lasals Pflege im Sinne medizinischer und

curativer Hilfen. Die N. S. F. betrifft demnach den gesamten Bereich personaler, mitmenschlicher und sozialorgani-satorischer Beziehungen. Über die ohnehin schwierige Frage der Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung und Pflegeversicherung hinaus erfordert die N. S. F. Antworten hinsichtlich der Organisation und des Ausbaus umfassender differenzierter sozialer und pflegerischer Dienste, in die nicht zuletzt auch die humane Sterbebegleitung und adäquate Betreuung schwerkranker Menschen (durch ambulante und stationäre Hospize, Palliativstationen, interdisziplinäre Pflegeteams, Ausbildung der Arzte und Pfleger u. a.) einzubeziehen sind (-»soziale Sicherungssysteme).

Lit.: U. FlNK: Die neue Kultur des Helfens (1990); D. GRIESWELLE: Sozialpolitik der Zukunft (1996); W. DETTLING: Die Stadt und ihre Bürger. Neue Wege in der kommunalen Sozialpolitik (2001).

Ulf Fink