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COVID-19 in Nordafrika / Naher Osten

COVID-19 im Nahen Osten und Nordafrika

Flucht und Vertreibung, Staatszerfall und bewaffnete Konflikte, wirtschaftliche und politische Umbrüche: der Nahe Osten und Nordafrika durchleben seit Jahren heftige Krisen. Das Coronavirus stellt die Region vor eine zusätzliche Belastungsprobe und droht, als Brandbeschleuniger für die sozialen, ökonomischen und politischen Probleme zu wirken, mit denen viele Länder in der Region zu kämpfen haben. Gleichzeitig beeinträchtigen die bereits bestehenden Herausforderungen das staatliche Krisenmanagement im Kampf gegen Covid-19. Die meisten Regierungen der Region haben, je nach ihren Möglichkeiten, einen ähnlichen Maßnahmenkatalog bei der Bekämpfung der Pandemie bemüht; darunter Grenzschließungen, Reisebeschränkungen und Ausgangssperren, Versammlungsverbote, Schließungen und Maskenpflicht im öffentlichen Raum sowie teilweise von Militär und Polizei kontrollierte „harte Lockdowns“. Ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie können bereits erste politische und wirtschaftliche Schlüsse gezogen werden.

 

Verschärfung wirtschaftlicher Krisen und sozialer Missstände

Die öffentlichen Gesundheitssysteme in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas waren bereits vor dem Ausbruch der Pandemie mangelhaft ausgestattet und konnten nicht immer und überall die notwendige Versorgung gewährleisten. In vielen Ländern übernahm der private Sektor eine wachsende Rolle bei der Bereitstellung von Gesundheitsleistungen, was soziale Selektivität und Exklusivität bedingt. Die Corona-Pandemie hat zudem bestehende wirtschaftliche Krisen in der Region verstärkt. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Virus-Ausbreitung schaden seit einem Jahr wichtigen beschäftigungsintensiven Sektoren wie dem Tourismus oder dem Handel und treffen damit besonders Marokko und Tunesien.

Nationale Lockdowns und Ausgangssperren entziehen prekären Gesellschaftsschichten aber auch der Mittelschicht ihrer Lebensgrundlage. Insbesondere in informellen Wirtschaftssektoren sind die Einschränkungen existenzbedrohend. Beispielsweise leidet die bereits am Boden liegende Wirtschaft des Libanon besonders stark unter den Maßnahmen. Schon vor der Pandemie lebte knapp die Hälfte der libanesischen Bevölkerung unter der Armutsgrenze und der Anstieg der Arbeitslosigkeit gepaart mit der aktuellen Währungskrise katapultieren das Land weiter in eine wirtschaftliche Notlage.

Doch auch die wohlhabenden Golfmonarchien wurden von der Pandemie getroffen. Ein Rückgang der Öleinnahmen und des internationalen Warentransports aufgrund von globaler Rezession sowie Einbrüche im Flugverkehr und Tourismussektor treffen die arabischen Golfstaaten genau dort, wo die Vorbereitungen für das kommende Post-Öl-Zeitalter anlaufen sollten. Die ambitionierten wirtschaftlichen Reformpläne und Großprojekte wie die saudische Hightech-Megastadt Neom liegen derzeit auf Eis. Ein Großteil der am Golf beschäftigten ausländischen Arbeitskräfte musste zudem die Region verlassen, was für die Wirtschaften ihrer Herkunftsländer wie Ägypten und Jordanien eine Reduzierung der Rücküberweisungen aus dem Ausland bedeutet.

 

Proteste gegen Lockdown und Armut

Die Verschlechterung der sozioökonomischen Bedingungen und die zusätzlichen Herausforderungen für die Bevölkerung durch pandemiebedingte Einschränkungsmaßnahmen bedrohen zunehmend den sozialen Frieden in vielen Ländern. Den Massenprotesten von 2019, die im Irak, Libanon, Algerien und Sudan Millionen von Menschen gegen ethno-konfessionelle Spaltungen, die wirtschaftliche Notlage und die Korruption der politischen Elite auf die Straße bringen konnten, haben die Einschränkungen der Pandemie teilweise den Wind aus den Segeln genommen. Neben den Ausgangssperren führten aber auch die verschärfte wirtschaftliche Lage und zunehmende Armut dazu, dass sich viele der Demonstrierenden den Protest schlichtweg „nicht mehr leisten“ können. Die Missstände hinter dem Unmut bestehen weiterhin. Gleichzeitig formiert sich bereits neuer Protest: In Tunesien, dem Land der Region, das internationalen Rankings zufolge noch am besten auf die Pandemie reagierte, materialisierten sich landesweite Demonstrationen gegen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemiebekämpfung, gegen welche die Sicherheitskräfte mitunter hart vorgingen. Auch in Libyen und im nördlichen Libanon kam es zu gewaltsamen Protesten gegen die bestehenden Lockdowns. Teilweise haben sich auch Verschwörungstheorien über das Virus oder die Corona-Impfung verbreitet. Wie auch in anderen Weltregionen hat eine Versicherheitlichung der Gesundheitspolitik in einigen Ländern die exekutiven Befugnisse der Regierungsbehörden gestärkt. Diese setzten nationale Notstandsgesetze in Kraft und schränkten Meinungs- und Pressefreiheit auch im Bereich sozialer Medien deutlich ein.

 

Humanitärer Notstand in Kriegs- und Krisenregionen

Das Virus ist eine extreme Belastung besonders für diejenigen Länder der Region, die bereits seit Jahren Austragungsort für internationale Stellvertreterkriege sind. Jahrelange bewaffnete Konflikte haben große Teile der medizinischen Infrastruktur zerstört und verhindern ein effektives Krisenmanagement in Pandemiezeiten. Aufgrund der undurchsichtigen Datenlage ist eine präzise Beurteilung der pandemiebedingten Auswirkungen auf die humanitäre Notlage nicht möglich; doch steht fest, dass das Virus die Lage in den Konfliktgebieten verschärft hat.

In Syrien gelten nur noch die Hälfte der Krankenhäuser als überhaupt funktionsfähig, es mangelt an Ärzten und Gesundheitspersonal sowie Schutzausrüstung, Testkapazitäten und Behandlungsmöglichkeiten für Erkrankte.

Im Jemen sind über 85 Prozent der Menschen auf internationale Hilfslieferungen angewiesen. Nach sechs Jahren Bürgerkrieg verfügt das Land über keine staatlichen Kapazitäten, um die Menschen vor der Pandemie zu schützen und Erkrankungen zu behandeln. Die öffentliche Infrastruktur liegt brach und es mangelt an Lebensmitteln, medizinischer Hilfe, Wasser und Elektrizität. In den von den Huthis kontrollierten Gebieten Jemen gibt es "politisch verordnet" kein Corona. Zusätzlich zu Corona hat das Land seit Jahren mit einer Cholera-Epidemie, Diphterie und Dengue-Fieber zu kämpfen.

In Libyen konnte sich aufgrund der konfliktbedingten Zweiteilung des Landes keine einheitliche Strategie im Kampf gegen die Pandemie entwickeln und die dysfunktionale öffentliche Verwaltung trägt zusätzlich zur Schwächung des Gesundheitssystems bei. Grundlegende Hygienestandards können aufgrund von Wasserknappheit und Stromausfällen nicht eingehalten werden.

In allen drei Ländern werden die Kämpfe – mancherorts mit Maske – trotz der Pandemie weitergeführt. Weiterhin sind vor allem Flüchtlinge, Migranten und Binnenvertriebene aufgrund mangelnder medizinischer Grundversorgung gefährdet. In der gesamten Region haben Millionen Vertriebene Zuflucht vor Gewalt und Krieg in mittlerweile überfüllten Camps gesucht, in denen das Ansteckungsrisiko hoch ist. Dort gibt es kaum sauberes Wasser, Toiletten und Waschgelegenheiten. Abstandhalten, Händewaschen und Isolation sind praktisch unmöglich. Als eines der ersten Länder der Welt bezog Syriens Nachbarland Jordanien daher seit Beginn der nationalen Impfkampagne auch die Hunderttausenden syrischen Flüchtlinge mit ein.

 

Die Politik der Impfstoffe

Mit dem Jahreswechsel 2020/21 begann auch im Nahen Osten und Nordafrika die Phase der Pandemiebekämpfung mittels Vakzinen. Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain haben die weltweit höchsten Impfraten an ihren Bevölkerungen (Stand Mitte Februar). Marokko konnte Ende Januar 2021 mit Impfungen beginnen, nachdem es sich Lieferungen eines britischen Impfstoffs aus indischer Produkt gesichert hatte. Der große Rest der Region ist bei der Impfstoffbeschaffung zu großen Teilen auf internationale Hilfe angewiesen. Besonders wichtig dabei ist das von der Weltgesundheitsorganisation WHO, der EU-Kommission und Frankreich aufgelegte COVAX-Programm, das ärmeren Ländern Zugang zu Impfstoffen sichern soll. Einige Länder im Nahen Osten, darunter Libanon, Iran und die Palästinensischen Gebiete, haben sich dem COVAX-Programm bereits angeschlossen.

Im Libanon läuft die erste von der Weltbank finanzierte Beschaffung von Impfstoffen für über 2 Millionen Menschen. Weil sie im internationalen Wettbewerb um den westlichen Impfstoff mit wohlhabenderen Ländern nicht mithalten könnten, haben einige Länder, darunter Algerien und Marokko, Lieferungen bei chinesischen und russischen Produzenten in Auftrag gegeben. Marokko hatte sich zusätzlich durch eine Teilnahme an der Testphase des chinesischen Vakzins eine Vorzugslieferung gesichert und ist in Gesprächen über den Aufbau einer marokkanischen Lizenzproduktion für den Export nach Afrika. Auch Ägypten beteiligte sich und plant eine Produktionslinie für den chinesischen Impfstoff. Auf ihrer Suche nach ausreichend Impfstoffdosen lassen sich andere Länder auf ungewöhnliche Konditionen ein.

Mitte Januar 2021 schloss der Libanon mit BioNTech/Pfizer einen Vertrag über 2,1 Millionen Dosen und garantierte den Herstellern darin, für zwei Jahre von Schadensersatzklagen abzusehen, sollte der Impfstoff bislang unbekannte Nebenwirkungen haben. Dabei verlaufen die Verhandlungen und Entscheidungen über den Kauf und die Verteilung der Impfstoffe oft nicht transparent. Es wird eine Politisierung der Impfstoffe und Verteilung auf klientelistischer Basis befürchtet; in Libanon und Irak beispielsweise auf der Grundlage ethno-konfessioneller Zugehörigkeiten. Die Türkei, die auch auf den chinesischen Impfstoff setzt, entwickelt derweil einen eigenen Impfstoff und auch Iran, dessen religiöser Führer Ayatollah Khamenei den Import westlicher Impfdosen verbot, will ein eigenes Vakzin entwickelt haben.

In der Publikation „Covid-19 in Nahost und Nordafrika“ wurden im April 2020 einzelne Länderporträts unserer Experten und Auslandsmitarbeiter zum Ausbruch der Pandemie im Nahen Osten und Nordafrika und den Erwartungen und Befürchtungen für die Region zusammengestellt. Ein Jahr später zieht die Publikation „Ein Jahr Corona im Nahen Osten und Nordafrika“ Bilanz und beleuchtet die weitreichenden Folgen der Pandemie. Das Themendossier „Im Schatten von Corona“ weist angesichts schwindender öffentlicher Aufmerksamkeit auf die Krisen in Syrien, Libyen und dem Jemen sowie den Zusammenhang zwischen Corona und internationaler humanitärer Hilfe hin und plädiert für ein entwicklungspolitisches Signal für Solidarität und Zusammenarbeit in Pandemiezeiten.

Diese und weitere Analysen zur Corona-Pandemie im Nahen Osten und Nordafrika finden Sie auf dieser Themenseite.

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Simon Engelkes

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Referent in der Abteilung Naher Osten und Nordafrika

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