Schärfer ohne Zaun

Der evangelische Kirchentag ist lebendiger und schärfer als der G8-Gipfel. Obwohl alle Welt nach Heiligendamm blickt, wo sich zur gleichen Zeit die acht wichtigsten Staatschefs treffen, ist der Kirchentag wirkungsvoller. Und das, gerade weil der Kirchentag keine Entscheidungen treffen muss. Ganz unbefangen diskutieren in Köln über 100 000 Christen über die gleichen Themen wie Merkel, Bush und Co.: Klimawandel, Afrika und Globalisierung. Mit ihren grellen orangenen Tüchern sind die Kirchentagsbesucher ein Stachel. Sie pieksen die Gesellschaft und fordern eine gerechte Globalisierung.

Die Parallelität beider Veranstaltungen tut dem Kirchentag gut. Es stimmt nicht, dass der G8-Gipfel dem Kirchentag die Aufmerksamkeit und die Prominenten stiehlt. Denn auch Merkel, Steinmeier und Köhler lassen sich in Köln blicken und stellen sich dort den kritischen Ohren der Christen.

Getreu dem Motto „Lebendig und kräftig und schärfer“ schafft es der Kirchentag auch ohne Gewalt kräftig zu sein. Bei der Berichterstattung über den G8-Gipfel dominiert die Gewalt. Am Rhein ist genau das Gegenteil der Fall. Hier kaufen die Polizisten den ehrenamtlichen Helfern Pizzzen, weil diese auf ihren Posten bleiben müssen.

Lebendiger zu sein bedeutet auch, eine breitere Bevölkerungsschicht anzusprechen. Schüler, Beamte, Renter oder Hausfrauen: gemeinsam sind sie das Salz der Erde und würzen die Weltsuppe (Kardinal Meißner).

Susanne Schäfer

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