Briefs, Goetz A.

geb. am 01.01.1889, gest. am 16.05.1974

Parlamentarischer RatWestbindungSoziale MarktwirtschaftBilaterale BeziehungenEuropapolitikWiedervereinigung

Briefs verfügte über eine ungewöhnliche wissenschaftlich-analytische Kraft zur schonungslosen Diagnose der Strukturprobleme der entwickelten Industriegesellschaft. Er war nicht nur Ökonom, sondern hatte einen ausgeprägten Sinn für wirtschaftsgeschichtliche Zusammenhänge. Zugleich war er fest verankert im christlichen Menschen- und Gesellschaftsverständnis. Während Briefs in seiner ersten Wirkphase die positive Rolle der Gewerkschaften bei der sozialen Bändigung des Kapitalismus herausstellte, stand er nach dem Zweiten Weltkrieg den Gewerkschaften zusehends kritisch gegenüber. Entstanden als Schutzorganisationen der Arbeiter im liberalkapitalistischen Zeitalter, sah Briefs im Übergang von der „klassischen“ zur „befestigten“ Gewerkschaft das Problem, dass sie Macht über die Unternehmungen zu erringen und Kontrolle über die Arbeiterschaft auszuüben versuche. Briefs bejahte die Soziale Marktwirtschaft, die er durch die Forderungen nach „paritätischer Mitbestimmung“ und „Demokratisierung“ der Wirtschaft und aller gesellschaftlichen Lebensbereiche gefährdet sah.

Wissenschaftlicher und beruflicher Werdegang:

Briefs begann zunächst mit dem Studium der Philosophie und Geschichte in München, wechselte dann zu den Wirtschaftswissenschaften in Freiburg i. Br., wo er 1911 mit einer Arbeit über das Spirituskartell promovierte. Nach kurzem Aufenthalt in England habilitierte er sich 1913 mit der Untersuchung über das Problem der Profitrate in der klassischen Nationalökonomie. 1919 folgte Briefs einem Ruf nach Freiburg. Hier setzte sich der scharfsinnige Humanist und tiefgläubige Christ mit dem Buch Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ kritisch auseinander. Darin entwickelte er die Kategorie der „Grenzmoral“, weil unter Wettbewerbsdruck das ethische Minimum in Gefahr sei, von skrupellosen Außenseitern unterboten zu werden und dies auf alle Wirtschaftsteilnehmer abfärbe. 1921 erhielt er einen Ruf nach Würzburg, 1923 wieder nach Freiburg. Hier entstand die erste größere Abhandlung über Arbeitnehmerfragen: „Das industrielle Proletariat“. 1926 folgte Briefs, der 1920 zu den Urhebern des Betriebsratsgesetzes zählte, einem Ruf nach Berlin, wo er das „Institut für Betriebssoziologie und soziale Betriebslehre“ aufbaute. Zahlreiche Publikationen erschienen zu Gewerkschaftsfragen und zur Betriebssoziologie, zur Kritik an der kapitalistischen Klassengesellschaft und zu sozialethischen Themen. 1930 gehörte Briefs dem Königswinterer Kreis an, der Vorarbeiten zur Enzyklika „Quadragesimo anno“ (1931) leistete. 1934 gelang Briefs die Flucht in die USA, wo er die Entwicklungen in Amerika, auch die Lehren des Keynesianismus sowie die Arbeiten J. A. Schumpeters kennenlernte. Nach einer Gastprofessur an der Catholic University of America nahm er 1937 einen Ruf an die Georgetown University an. 1960 erhielt Briefs den Ehrendoktor der Staatswissenschaften der Universität München, zum 80. Geburtstag eine Festschrift seiner Schüler, Freunde und Kollegen.

Literaturhinweise:

  • BRIEFS, G. (1926), Das industrielle Proletariat, Tübingen;
  • DERS. (1927), Gewerkschaftswesen und Gewerkschaftspolitik, in: HdSt. Bd. 4, S. 1108 ff.;
  • DERS. (1952), Zwischen Kapitalismus und Syndikalismus. Die Gewerkschaften am Scheideweg, Bern, München;
  • DERS. (1955), Das Gewerkschaftsproblem gestern und heute, Frankfurt/ M. (1968 u. d. T.: Gewerkschaftsprobleme in unserer Zeit. Beiträge zur Standortbestimmung);
  • AMSTAD, A. (1985), Das Werk von Goetz Briefs als Beitrag zu Sozialwissenschaft und Gesellschaftskritik aus der Sicht christlicher Sozialphilosophie, Berlin (mit Bibliographie).
Anton Rauscher

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