Burkhard Spinnen - Literaturpreisträger 1999 - Geleitwort

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Es freut mich, daß sich Weimar für die Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises auch in diesem Jahre wieder als Gastgeber vorstellen darf. In den letzten Jahren sprach ich von dem bevorstehenden Ereignis der Kulturstadt Weimar 1999. Es war gewiß ein etwas kühnes Unterfangen, zehn Jahre nach der Wiedervereinigung zum ersten Mal eine Stadt im ehemaligen Ostblock - und noch dazu eine Stadt mit weniger als hunderttausend Einwohnern - mit dieser Aufgabe zu betrauen. Inzwischen mehren sich die Initiativen, die nicht nur für dieses Jahr Bedeutung haben. Vieles hat für dieses Jahr Bedeutung, was sich an europäischer Kunst in Weimar präsentiert; aber bedeutsam scheint mir vor allem zu sein, was über das Jahr 1999 hinausweist. Daß das neue Museum am 1. Januar dieses Jahres wiedereröffnet werden konnte, schöner und prächtiger, als es seit seiner Errichtung im 19. Jahrhundert je war, daß es dank der Großzügigkeit eines Sponsors die bedeutendste Sammlung moderner Kunst in den jungen Ländern enthält, daß das Goethe-Museum neu erstanden ist, daß es geglückt ist, das erste Haus, das die Bauhaus-Bewegung 1924 errichtet hat, wieder im alten Zustand zugänglich und damit die Wurzeln der Bauhaus-Bewegung sichtbar zu machen, daß es gelungen ist, einen alten Jagdweg aus dem 18. Jahrhundert als Zeitschneise wieder durch den Wald zu schlagen als Verbindungsweg vom Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald zum Schloß Ettersburg, und daß es gelingen wird, in ein paar Tagen die Weimar-Halle fertigzustellen: das sind Dinge, die für Weimar und für uns über das Jahr 1999 hinaus Bedeutung haben werden. Bundespräsident Roman Herzog hat bei der Eröffnung des Kulturstadtjahres den Satz geprägt, Weimar sei Deutschland in nuce. In der Tat konzentriert sich hier beispielhaft das Großartige und das Schlimme deutscher Geschichte.

Wir haben uns versammelt, weil zum siebten Mal der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung verliehen wird: nach Sarah Kirsch, Walter Kempowski, Hilde Domin, Günter de Bruyn, Thomas Hürlimann, Hartmut Lange nun heute an Dr. Burkhard Spinnen.

Burkhard Spinnen ist der jüngste Preisträger. Als die Mauer fiel und Deutschland wieder eins wurde, war er 33 Jahre. Aller Voraussicht nach wird er den größten Teil seines Lebens in einem geeinten Deutschland verbringen. Diese "Normalität" schlägt sich in seinem Schaffen deutlich nieder. Anders als bei den bisherigen Literaturpreisträgern der Konrad-Adenauer-Stiftung ist bei Burkhard Spinnen ziemlich unspektakulär das ganze Deutschland einbezogen. Was sich über 40 Jahre in dramatischen Handlungen und Haltungen in Ost und West zeitgleich oder nacheinander abspielte, etwa bei Sarah Kirsch, bei Walter Kempowski oder Günter de Bruyn, hat bei unserem diesjährigen Preisträger einer ganz normalen Situation Platz gemacht.

In seinem Roman Langer Samstag (1995) wechselt die Hauptperson von einer Stadt in den alten Ländern in eine Stadt in den neuen Ländern, und nichts Spektakuläres mehr ist an diesem Wechsel zu beobachten. In der Urkunde ist davon die Rede, daß Spinnen ein Chronist der lebendigen Wirklichkeit sei. Ich finde es gut, daß sich dies in der lebendigen Wirklichkeit zwischen Ost und West in derselben Selbstverständlichkeit niederschlägt wie zwischen Nord und Süd bei den früher ausgezeichneten Preisträgern. Es ist anders mit diesem siebten Preis, als es bei den sechs Preisverleihungen vorher war.

Und noch etwas ist anders: Deutschland und deutsche Soldaten sind zum ersten Mal an einem internationalen Einsatz - im Kosovo - beteiligt. Und es ist wohl selbstverständlich, daß Literaten dies bedenken und daran erinnern. Welche Bedeutung hat die Tatsache, daß deutsche Soldaten sich im Rahmen der NATO heute im ehemaligen Jugoslawien aufhalten, um den Frieden wiederzustellen, angesichts der Erfahrung, die die Menschen dort vor mehr als einem halben Jahrhundert gemacht haben?

Was sagen die Schriftsteller dazu? Viele von ihnen haben lange laut geschwiegen, aber jetzt sind doch bemerkenswerte Stimmen zu hören, beispielsweise zu Beginn der letzten PEN-Tagung in Bremen, wo drei Autoren aus dem Krisengebiet das Wort erhielten. Pazifisten, sagte der albanische Lyriker Podrimja, seien Nostalgiker eines blutigen Friedens. Und er hielt einen Schlüssel ins Auditorium im Bremer Rathaus: das sei das einzige, was ihm geblieben sei, aus seinem Haus in Pristina.

Angesichts dieser Stadt Weimar und ihrer Geschichte dürften wir nicht schweigen, wenn wieder irgendwo, noch dazu in Europa, Menschen selektiert und nur wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Rasse oder religiösen Überzeugung verfolgt, gefoltert, vergewaltigt, erschlagen oder vertrieben werden. Aber es geht nicht nur darum, nicht zu schweigen, sondern darum, auf die Geschehnisse die richtigen Antworten zu formulieren; und damit tun wir uns in der Tat schwer - wenn wir es nicht dabei belassen wollen, ein Ende der Auseinandersetzung, eine Rückkehr der Menschen in ihre Heimat und wieder Frieden zu fordern. Es fällt uns schwer zu formulieren, wie das angesichts der täglichen Gegebenheiten geschehen soll. Nur eines ist klar: Wir dürfen dazu nicht schweigen, wir sollten es, finde ich, auch an einem solchen Morgen in unsere Gedanken mit einbeziehen.

Ich bin glücklich darüber, daß der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung sich einen Namen gemacht hat. Am Anfang mußte man suchen, wer dem Preis Profil gibt. Wenn das nach einigen Jahren gelungen ist - und bei der Konrad-Adenauer-Stiftung ist es inzwischen gelungen -, dann ehrt der Preis den Ausgezeichneten. Ich freue mich, daß diese Ehre heute Herrn Dr. Burkhard Spinnen zuteil wird, und ich bin sehr neugierig auf die Laudatio von Frau Dr. Schavan.

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