Soziale Gerechtigkeit

Auszug aus: Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland

Hg.: von Winfried Becker, Günter Buchstab u.a. Paderborn 2002

S. 645 f.

S. G. taucht erstmals bei dem kath. Sozialwissenschaftler Luigi Taparelli (1840) und bei Antonio Rosmini (1848) im Zusammenhang mit der sich verschärfenden —»sozialen Frage auf. Die kapitalistische Klassenspaltung der Gesellschaft (—»Kapitalismus), die Gefahr, daß sich die kommunistische Revolution von Rußland auf alle Industriestaaten ausdehnen könnte, und die Weltwirtschaftskrise von 1929 bildeten den Bezugsrahmen für die —»Sozialenzyklika »Quadragesimo anno« (1931). Darin wird die Ursache gesellschaftlicher Fehlentwicklung und Instabilität im »Grundirrtum der individualistischen Wirtschaftswissenschaft« gesehen, wonach die Ordnung der Wirtschaft dem freien —»Wettbewerb überlassen bleibe (—»Liberalismus). Statt dessen müßten die staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen von der s. G. und soziale Liebe (—»Solidarität) bestimmt sein. Auf Aristoteles und Thomas von Aquin gehen die Überlegungen zur Kardinaltugend der —»Gerechtigkeit zurück, die »jedem das Seine« gewährt. Es werden drei Arten unterschieden: die ausgleichende (kommutative) Gerechtigkeit, die darauf dringt, daß Güter und Dienste einen »gerechten« Preis erzielen und daß z. B. der Lohn der erbrachten Arbeitsleistung entspricht (—»Arbeit); die Verteilungs- oder Gemeinwohl-Gerechtigkeit (distributive Gerechtigkeit), für die der —»Staat in besonderer Weise zuständig ist, damit die Lohn-, Einkommens- und Vermögensstrukturen in der Gesellschaft nicht auseinanderlaufen und den Zusammenhalt gefährden; die legale Gerechtigkeit, die den Beitrag der Bürger zum —»Gemeinwohl, insbes. zur Finanzierung der öffentlichen Aufgaben einfordert und je nach Leistungsfähigkeit bemißt. Demgegenüber richtet sich die s. G. auf die gesellschaftlichen Lebensbereiche, die erst in der Moderne entstanden sind und ihre eigenen Angelegenheiten gemäß dem Prinzip der —»Subsidiarität selbst regeln. Die Regelungen der betrieblichen Arbeitsabläufe sind dafür ebenso beispielhaft wie die m Tarifverhandlungen vereinbarten Lohnstrukturen oder die Regelungen im Rentenrecht und im Gesundheitsbereich (—»Rentenversicherung; —»Gesundheitspolitik). Die wirtschaftlichen und sozialen Reformen, die in den zurückliegenden Jahrzehnten zur

—»Sozialen Marktwirtschaft geführt haben, zeigen die Notwendigkeit, die sozialen Strukturen und Regelungen »gerecht« zu gestalten. Da sich diese Lebensbereiche aber in dauernder Entwicklung befinden, ergibt sich ein ständiger Anpassungsbedarf dieser Strukturen und Regelungen. Die s. G. umfaßt jene Inhalte, die sich vom Standpunkt des —»Naturrechts bereits als Forderungen der Gerechtigkeit enthüllen, die aber noch keine Berücksichtigung in den positiven Rechtsnormen gefunden haben.

Lit.: J. HÖFFNER: S. G. und soziale Liebe (1935); A. F. UTZ (Hg.): Recht und Gerechtigkeit (1987); R. KRAMER: S. G. - Inhalt und Grenzen, in: Sozialwissenschaftliche Schriften 18 (1992); U. NOTHELLE-WILDFEUER: S. G. und Zivilgesellschaft (1999); N. GLATZEL, »S. G.« - ein umstrittener Begriff, in: Christl. Sozialethik im Dialog. Festschrift zum 65. Geburtstag von Lothar Roos (2000).

Anton Rauscher

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