„Dem Staate verpflichtet“ – 100. Geburtstag von Gerhard Schröder

Am 11. September 2010 jährt sich der 100. Geburtstag von Gerhard Schröder. Als langjähriges Mitglied des Deutschen Bundestages, Bundesminister unter den Bundeskanzlern Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger und Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU hat er über nahezu drei Jahrzehnte hinweg die Geschicke der Bundesrepublik Deutschland und der Christlich Demokratischen Union mitgestaltet.

Familiärer Hintergrund und Ausbildung

Gerhard Schröder wurde am 11. September 1910 als Sohn eines ostfriesischen Reichsbahnbeamten in Saarbrücken geboren. Nach der Versetzung seines Vaters wuchs er in Trier auf. Prägend für Schröder war die Erziehung in einem preußisch-protestantischen Elternhaus mit der Vermittlung von Werten wie Verantwortungsbewusstsein und Pflichterfüllung. Nach dem Abitur am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Trier 1929 absolvierte er an den Universitäten in Königsberg, Edinburgh, Berlin und Bonn ein Studium der Rechtswissenschaft. Während seiner Studentenzeit trat er erstmals parteipolitisch in Erscheinung. Als Vertreter der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) gehörte er dem AStA der Universität Bonn an. Mit einer Arbeit über ein tarifrechtliches Thema wurde er 1933 in Bonn zum Doktor der Jurisprudenz promoviert.

Zwischen Anpassung und Distanzierung

An der Juristischen Fakultät der Universität Bonn war er seit 1932 als Assistent beschäftigt, ehe er 1934 als Referent an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Ausländisches und Internationales Privatrecht nach Berlin ging. Auch für Gerhard Schröder blieb der 30. Januar 1933, die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler und die damit verbundene Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, nicht ohne Folgen. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 setzte beim Eintritt in den Staatsdienst ein Engagement für die nationalsozialistische Bewegung voraus. Deshalb trat Schröder 1933 der NSDAP bei und stellte auch einen Aufnahmeantrag für die Mitgliedschaft in der SA. 1936 legte er sein Zweites Juristisches Staatsexamen ab und trat in eine Berliner Anwaltskanzlei ein. Schröder kam in Kontakt mit der Bekennenden Kirche und hörte Predigten von Martin Niemöller und Hans Asmussen. Die wachsende Distanz zum NS-Regime führte 1941 schließlich zum Austritt aus der NSDAP. Anlass war seine Heirat mit der Bankierstochter Brigitte Landsberg, deren Vater nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 als „Mischling I. Grades“ galt. Die Hochzeit war daher nur mit einer Ausnahmegenehmigung möglich, die unter der Bedingung erteilt wurde, dass Schröder, der sich seit 1939 als Soldat im Kriegsdienst befand, in der Wehrmacht keine Vorgesetztenfunktion ausübte, also nicht Offizier werden durfte. Mit der Heiratserlaubnis kündigte er seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Christina, Jan und Antina. Brigitte Schröder war ihrem Mann eine kluge Lebensgefährtin, die sich stark im sozial-karitativen Bereich engagierte. 1969 gründete sie die Evangelische Krankenhaus-Hilfe („Grüne Damen und Herren“).

Gerhard Schröder, der den ganzen Zweiten Weltkrieg mitmachte, kam nach der Kapitulation in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Sommer 1945 bereits entlassen wurde.

Beruflicher und politischer Aufstieg

Nach 1945 zählte Schröder zu den Männern der ersten Stunde beim staatlichen und parteipolitischen Wiederaufbau in Deutschland. Zunächst war er in der preußischen Rheinprovinz als Persönlicher Referent des Oberpräsidenten Hans Fuchs tätig, nach der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen 1946 wurde er Referent im dortigen Innenministerium. Nach Differenzen mit dem sozialdemokratischen Innenminister Walter Menzel verließ er 1947 den Landesdienst, ließ sich als Rechtsanwalt in Düsseldorf nieder und wurde kurze Zeit später Abteilungsleiter in der von der britischen Besatzungsmacht bestellten Behörde zur Neuordnung der Eisen- und Stahlindustrie.

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland trat Schröder, der zu den Mitbegründern der CDU zählte, aktiv auf die politische Bühne. Als Befürworter eines Mehrheitswahlrechts nach englischem Vorbild und als evangelischer Christ hatte er sich für eine Mitgliedschaft in der CDU entschieden und nicht etwa in der FDP, was angesichts seines früheren Engagements in der DVP im Bonner Studentenparlament vorstellbar gewesen wäre. Bei der ersten Bundestagswahl am 14. August 1949 bewarb er sich erfolgreich um ein Abgeordnetenmandat im Wahlkreis Düsseldorf-Mettmann. Der damalige Vorsitzende der CDU Rheinland, Konrad Adenauer, hätte ihn lieber als Abgeordneten im Düsseldorfer Landtag gesehen. In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion stieg er rasch in die Führungsspitze auf und wurde 1952 zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Bundeskanzler Adenauer wurde auf ihn in der Debatte über die Montanmitbestimmung aufmerksam, einem Feld, das ihm aus seiner Tätigkeit in der Eisen- und Stahlindustrie vertraut war. Schröder trug wesentlich dazu bei, dass die Regelung der paritätischen Mitbestimmung in der Montanindustrie in der Unionsfraktion und dann im Bundestag eine Mehrheit fand.

Bundesinnenminister in der Regierung Adenauer

Nach der Bundestagswahl von 1953 holte ihn Adenauer als Nachfolger von Bundesinnenminister Robert Lehr in sein Kabinett. Bereits in seinem ersten Amtsjahr geriet Schröder mit der „Affäre John“ in eine schwere Krise. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Otto John, wechselte unter bis heute nicht geklärten Umständen im Juli 1954 in die DDR und ließ sich dort als Kronzeuge gegen die Regierung Adenauer benutzen. Schröder, der die Berufung Johns als Verfassungsschutzpräsident nicht zu verantworten hatte, überstand diese Affäre. In der Folgezeit entwickelte sich Schröder zu einem in seiner Kompetenz respektierten Fachminister, der mit seinem Eintreten für die wehrhafte Demokratie und einen starken Staat allerdings innenpolitisch polarisierte.

Mochte das Vorantreiben des von seinem Amtsvorgänger eingeleiteten Verfahrens zum Verbot der extremistischen KPD noch Zustimmung finden, stieß er mit seinen Plänen zur Notstandsgesetzgebung auf massive Widerstände. Sein legendär gewordener Satz, der Notstand sei die Stunde der Exekutive, war für die SPD-Opposition Anlass, und hierin wurde sie von weiten Teilen der veröffentlichten Meinung nachhaltig unterstützt, vor der Gefahr eines autoritären CDU-Staates zu warnen. Gleiches galt für die Initiative zur Errichtung eines Zweiten Fernsehprogramms, das aus Mitteln des Bundeshaushalts finanziert werden sollte und deshalb als „Regierungs-Fernsehen“ kritisiert wurde. Auch in den eigenen Reihen war die Politik des Bundesinnenministers nicht unumstritten. Mit Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß kam es zu Konflikten, weil er sich gegen die Übernahme des Bundesgrenzschutzes bzw. ganzer Einheiten in die neugeschaffene Bundeswehr wehrte. Schröder und Strauß waren potentielle Rivalen um die Nachfolge Adenauers, was sie im Unionslager zu erbitterten Gegnern werden ließ.

In den Jahren seiner Amtszeit als Bundesinnenminister verfestigte sich das Bild von Schröder, ein „Mann der Exekutive“ (Torsten Oppelland) zu sein, dem die Anbindung an die Fraktion und die Partei fehle. Auch der Evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU, dessen Vorsitz er 1955 als Nachfolger von Robert Tillmanns übernahm und bis 1978 ausübte, stellte für ihn keine politische Hausmacht dar wie der Vorsitz der CDU-Sozialausschüsse für Hans Katzer oder der Vorsitz der Mittelstandsvereinigung für Kurt Schmücker. Als Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises leistete er aber einen wichtigen Beitrag zur Integration des protestantischen Lagers in der Union. mehr >>

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