„Dokumentationszentrum über Flucht und Vertreibung beschlossen“

Interview mit Stephan Raabe, KAS Polen

Der Leiter des Auslandsbüros in Polen, Stephan Raabe, sieht mit der Entscheidung der Bundesregierung, das umstrittene Dokumentationszentrum zu Flucht und Vertreibung zu bauen, „eines der großen Probleme im deutsch-polnischen Verhältnis beiseite geräumt“.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann war der Durchbruch in dem jahrelangen Streit gelungen. Die polnische Regierung kämpfe seitdem nicht mehr scharf gegen das Projekt an, wie es die Vorgänger gemacht hätten, so Raabe. „Aber sie verbleibt in einer kritischen Distanz und wird sich nicht offiziell daran beteiligen“, sagte Raabe in einem Interview mit dem Deutschlandradio. Offen gelassen wurde die Beteiligung von polnischen Historikern.

Die Polen befürchten, dass zwar einerseits zentral in Berlin an die Holocaust-Opfer und andererseits jetzt an die Opfer der Vertreibung gedacht wird. Darüber aber das Schicksal vieler Polen, die im Vernichtungskrieg, während der Besatzungszeit oder in den Konzentrationslagern umgekommen sind, „kaum noch irgendwo vorkommt“ und das, obwohl die deutsche Bevölkerung hierüber ohnehin relativ wenig Bescheid weiß, so Raabe weiter.

Raabe appellierte: „Wir täten gut daran, diesen relativen Wissensmangel in Deutschland über das polnische Schicksal stärker zu bekämpfen.“ Die Befürchtungen z.B. des polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski, dass von Deutschland und den Vertriebenen immer noch eine Gefahr ausgehe und man mittels der EU Ansprüche geltend machen möchte, nannte er abstrus: „Das sind im Jahr 2008 eigenartige, nicht verständliche Auswirkungen.“ Allerdings, so Raabe, werden die Befürchtungen von einer Mehrheit der polnischen Bevölkerung nicht geteilt.

Ein „sehr neuralgischer Punkt“ bleibe für Polen, ob Erika Steinbach, Chefin des Bundes der Vertriebenen, bei der Entstehung und Planung des Zentrum mitarbeiten darf. „Letztendlich ist das eine Personalie, die in Deutschland entschieden werden muss. In irgendeiner Weise wird der Vertriebenenbereich vertreten sein müssen“, so der Leiter des polnischen Auslandsbüros.

Das Dokumentationszentrum wird unter dem Dach des Deutschen Historischen Museums in Berlin angesiedelt. Es soll Erinnerung und Gedenken an das „Jahrhundert der Vertreibungen“ und das damit verbundene tiefe menschliche Leid in Europa wachhalten und zur Versöhnung beitragen.

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Stephan Georg Raabe

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Landesbeauftragter für Brandenburg und Leiter des Politischen Bildungsforums Brandenburg

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