„Gesamtkunstwerk mit Tradition“ - Zeitungsverlag Waiblingen erhält Lokaljournalistenpreis

Interview mit Frank Nipkau, Redaktionsleiter

Der Zeitungsverlag Waiblingen (ZVW) hat den Deutschen Lokaljournalistenpreis 2006 der Konrad-Adenauer-Stiftung gewonnen. Überzeugt haben 223 Extraseiten zu einer Vielzahl von bundespolitischen Themen, die lokal heruntergebrochen wurden, zu Gedenktagen, Großveranstaltungen und wichtigen Themen der Kommunalpolitik, z.B. „Wassertiere im Wald“ und „Der ganz normale Rassismus.“ Frank Nipkau, Redaktionsleiter, über das Selbstverständnis des Lokaljournalismus insgesamt und beim ZVW, die Preisverleihung und die Zukunft des Lokalen.

Welche Bedeutung hat der oft unterschätzte Lokaljournalismus in Ihrem Hause?

Frank Nipkau: Wir machen im Grunde nichts anderes und das seit 170 Jahren. Der Zeitungsverlag Waiblingen gibt vier Tageszeitungen heraus, die in der Region östlich von Stuttgart erscheinen. Deren Ursprünge reichen bis ins 19te Jahrhundert zurück. Wir produzieren vier unterschiedliche Lokalteile für insgesamt 17 Gemeinden. Wir beschäftigen 27 Redakteure, vier Fotographen und drei Volontaire und produzieren pro Tag zwanzig bis dreißig Seiten lokaler und regionaler Berichterstattung.

Worin liegt für Sie und Ihre Redaktion die besondere Herausforderung, die besondere Aufgabe des Lokaljournalismus´?

Frank Nipkau: Die umfangreiche lokale Berichterstattung ist das große Plus unserer Tageszeitungen. Es geht uns nicht nur um die offiziellen Themen aus der Kommunalpolitik. Wir müssen uns vielmehr jeden Tag fragen, was sind eigentlich die Themen über die die Menschen reden oder über die sie reden sollen. Also, die Themen, die die Menschen bewegen. Und die Antwort auf diese Frage kann jeden Tag anders ausfallen.

Wie schwierig ist für Sie, Tag für Tag einen für Ihre Leser qualitativ hochwertigen Lokalteil zu produzieren?

Frank Nipkau: Wir müssen ja zwei Dinge tun. Zum einen müssen wir im Lokalteil eine gewisse Bandbreite abdecken – Termine und Veranstaltungen - , denn unsere Leser wollen sich ja wiederfinden. Zum anderen besteht die Herausforderung darin, dass wir uns darüber hinaus fragen müssen, was kann man noch als Extra-Themen, an Hintergründen und an Orientierung, zusätzlich in die Zeitung hinein bringen, damit sie über das rein Nachrichtliche, über die Abbildung des örtlichen Lebens hinaus, interessant wird.

Warum haben Sie sich für den Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung beworben?

Frank Nipkau: Der Lokaljournalistenpreis, ist einer der wichtigsten Preise für lokale und regional ausgerichtete Tageszeitungen. Er ist eine hohe Meßlatte. Es ist immer schön, wenn diese Meßlatte überspringen kann und wenn man im Wettbewerb mit anderen Zeitungen, die auch viele gute Geschichten produzieren, bestehen kann.

Welche Bedeutung hat der Gewinn dieses Preises für die Redaktion?

Frank Nipkau: Ein öffentliches Lob für Zeitungsarbeit ist selten. Deshalb freuen wir uns über diese Auszeichnung ganz besonders. Wir werden natürlich anlässlich der Preisverleihung in Waiblingen kräftig feiern. Das Schöne an in diesem Preis ist, dass das Gesamtkunstwerk des Zeitungsverlages ausgezeichnet wird. An den prämierten Extra-Seiten Konzept haben sich alle Redakteure und Redaktionen beteiligt. Deshalb kann auch jeder mit Fug und Recht von sich behaupten, dass auch er diesen Preis gewonnen hat. Und das gibt natürlich Auftrieb und ist eine ganz besondere Motivation für alle.

Was zeichnet einen guten Lokaljournalismus aus?

Frank Nipkau: Es ist eigentlich egal, ob es überregionaler oder lokaler Journalismus ist. Es gibt immer bestimmte Grundanforderungen, d.h. man muss interessante Themen bis auf den Grund recherchieren, man muss die Themen mit einer klaren Optik gut präsentieren, kritisch kommentieren, ganz viel Hintergrund und Orientierung bieten. Das ist guter Journalismus, egal ob im Lokalen oder anderswo. Wichtig ist für Tageszeitungen auch, dass wir die Nachrichten nicht nur verwalten, sondern, dass wir auch ganz offensiv unsere eigenen Themen setzen und selbst bestimmen, was ist heute der Themenschwerpunkt.

Im Lokalteil einer Zeitung müssen ja nicht nur Nachrichten aus der näheren Umgebung oder Region stehen. Welche darüber hinaus gehende Aufgabe hat er für Sie?

Frank Nipkau: Es geht ja nicht nur darum, das örtliche Leben abzubilden, sondern es ist auch ganz wichtig Themen die bundespolitisch diskutiert werden, d.h. Gesetze oder Vorhaben auch immer wieder auf die lokale Ebene herunter zu brechen und zu zeigen, was das bedeutet. Wenn es bspw. um die Pendlerpauschale und um ihre Kürzung geht, Menschen zu fragen, was das für sie bedeutet oder wenn es um rauchen und nicht rauchen in Gaststätten geht. Es gibt viele Ansatzpunkte dafür auch diese Themen in den Lokalteil zu holen. Und diese Ansatzpunkte sollten wir nutzen.

Sie haben den Lokaljournalistenpreis auch für eine Kampagne in Ihrer Berichterstattung gegen Rechts bekommen. Dort haben Sie also die überregionale mit der regionalen Politik verbunden?

Frank Nipkau: Man muss natürlich auch als regionale und lokale Tageszeitung schauen, was passiert eigentlich in der Region, welche Entwicklungen gibt es ? Es ist dann natürlich besorgniserregend, wenn es, wie im Rems-Ruhr Kreis , eine Szene mit etwa 100 Skinheads gibt, die verstärkt in der Öffentlichkeit auftreten, Leute einschüchtern und Demonstrationen veranstalten. Da muss man als Zeitung zusammen mit den Bürgerinnen und Bürger hier im Kreis sagen, das lassen wir uns nicht bieten, da halten wir jetzt dagegen.

Nicht nur die Medienlandschaft hat sich verändert, auch die Themenschwerpunkte und das Interesse der Leser hat sich gewandelt. Welche Zukunft sehen Sie deshalb für die lokale Berichterstattung?

Frank Nipkau: Ich glaube, dass sich in Zukunft an der Bedeutung der lokalen Berichterstattung nichts ändern wird. Klar ist aber, dass sich das Interesse an Themen verschoben hat. Das Interesse an politischen Themen nimmt ab, weshalb sie auch immer besser aufbereitet werden müssen. Viele Menschen sind politisch nur noch dann aktiv, wenn sie vor Ort von irgendeiner Maßnahme betroffen sind. Das Interesse an Freizeitthemen oder an „Bunten Themen“ nimmt zu. Es gibt auch eine Renaissance klassischer Ratgeber-Themen. Wenn wir uns diesen veränderten Themen, die wir in den Lokalteil bringen, stellen, hat auch der Lokalteil künftig eine Zukunft.

Redaktionsleiter Frank Nipkau