„Trauriger Tag“

Zum Tod der großen Dichterin Sarah Kirsch

Sarah Kirsch war im Mai 1993 die erste Trägerin des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Verleihungsort war ihr Wunsch: die Klassikerstadt Weimar, möglichst nahe an ihrem Geburtsort Limlingerode im Südharz. Bei der Feierstunde im Goethehaus setzte sie an die Stelle der rituellen Dankrede kurzerhand das dichterische Wort. Das entsprach ganz dem Selbstverständnis dieser großen Lyrikerin, die sich selbst nie groß zu machen brauchte: „Das, was ich am besten kann, das sind doch Gedichte oder kleine oder etwas größere Prosa.“ Am 5. Mai 2013 ist die Dichterin, wie ihr Verlag gestern in München bekannt gab, verstorben.

Sarah Kirschs literarisches Werk, das in Gesamtausgaben bei der Deutschen Verlags-Anstalt und in einer zuletzt noch wachsenden Reihe faszinierender Kurzprosabände vorliegt, wurde gewürdigt von Kritikern und Laudatoren, von Autorenkollegen und von Germanisten – und vor allem von ihren begeisterten Lesern. Zahlreiche Auszeichnungen erhielt die Dichterin, manche etwas spät wie den Büchnerpreis 1996. Ihr erstes Buch, der Lyrikband „Landaufenthalt“, aus dem Jahr 1967 gab das seither leitende Thema vor: das Verhältnis des Menschen zur versehrten Natur.

„Wer Gedichte schreibt, die davon ausgehen, dass die Welt heil ist, streut sich und anderen Sand in die Augen“. Dieser Selbstaussage getreu, ist Sarah Kirschs Dichtung antiidyllisch, sie erfordert „Nachdenklichkeit und Geduld“, wie ihr Laudator Wolfgang Frühwald in Weimar betonte. Was Sarah Kirsch in den 1980er Jahren über die „aussterbenden Bäume, Löcher im Himmelsgewölbe, die heillos werdende Luft und die vergifteten Wasser der Erde“ schrieb, klingt wie eine vorweggenommene Chronik heutiger Klimakatastrophenberichte. Niemand hat so klarsichtig – und zugleich der Schönheit der leidenden Natur bewusst – den „sanften Schrecken“ (Adalbert Stifter) und die vielfach unsichtbaren Risiken der Globalisierung benannt.

Im Herzen ihres Werkes steht der Mensch, der für das Staatswesen ebenso verantwortlich ist wie für seine Umwelt. Zwischen Mensch und Bürger, öffentlicher und privater Person gibt es keine Trennung. „Hätte ich keine politischen Interessen, könnte ich keinen Vers schreiben“, bekannte sie einmal. Doch diese Interessen sind kein politischer Klartext, sondern poetische Aussage, bildhaft formuliert und aufs Nachdenken, nicht aufs Nachbeten angelegt.

Deshalb ist Kirschs Sprache spröde und knapp. Sie reduziert die Poesie auf das Maß an Notwendigem. Wunderbar – und das durchaus im Sinne magischer Verse und „Zaubersprüche“ (so heißt ihr neben „Erlkönigs Tochter“ vielleicht schönster Lyrikband aus dem Jahr 1973) – ist diese Sprache, weil sie das Unvereinbare mit leichter Hand zu vereinen weiß. Aus norddeutscher Mundart, archaischem Ausdruck, historischen oder märchenhaften Einsprengseln, schnoddrigen Redewendungen, intelligenten Sprachspiele und zarten Bildern entsteht der vielgerühmte „Sarah-Sound“.

Geboren wurde Sarah Kirsch unter dem Namen Ingrid Bernstein am 16. April 1935 im Pfarrhaus zu Limlingerode, dem „letzten Amtsitz“ ihres Großvaters vor dem Ruhestand, wie sie in ihrer autobiographischen Kindheitsgeschichte „Kuckucksnelken“ (2006) schreibt. Mit dem Wahlnamen „Sarah“ protestiert sie gegen das große Unrecht, das den Juden in Deutschland angetan wurde. Das Studium der Biologie, das sie nach einjähriger Arbeit in einer Zuckerfabrik in Halle begann und 1959 mit dem Diplom abschloss, schärfte ihren Blick für die Natur. Das literarische Handwerk lernte sie von 1963 bis 1965 in Leipzig, am damaligen Institut für Literatur „Johannes R. Becher“. Fern jeder literarischen Schule, schrieb sie unangepasste Gedichte und freche Geschlechtertauschgeschichten („Die Pantherfrau“, 1974). Mit Kollegen veranstaltete sie, seit 1968 in Ostberlin lebend, in den 1970er Jahren über die innerdeutsche Grenze hinweg ostwestliche Schriftstellertreffen, auf denen Manuskripte gelesen und diskutiert wurden; auch in ihrer eigenen Wohnung, einem Hochhaus auf der Berliner Fischerinsel. Der Freund und Kollege Hans Joachim Schädlich berichtet, dass die Vorbereitungen der Treffen von der Stasi abgehört wurden.

Nicht aber das, was die Autoren lasen. „Der Inhalt der Beratungen konnte nicht aufgeklärt werden“, heißt es hilflos in den Stasi-Akten. Wie denn auch! In dem Gedicht „Trauriger Tag“ aus dem Jahr 1967, das in den Schullesebüchern steht, tigert die Dichterin durch die ummauerte Stadt, buchstäblich „wie ein Tiger im Regen“, sie brüllt „am Alex den Regen scharf“ und gesellt sich an der Spree, den Blick nach links, also nach Westen gerichtet, zu den „ehrlichen“ Möwen. „Und wenn ich gewaltiger Tiger heule / Verstehn sie: ich meine es müßte hier / Noch andere Tiger geben“.

Die gab es aber damals nicht. Die Staatssicherheit, so allgegenwärtig und schrecklich sie war, hat das in erschreckender Weise nicht verstanden. Als es 1976 endlich zu einem Aufheulen der Gewaltigen des Wortes kam, als im Westen Reiner Kunzes „Wunderbare Jahre“ erschienen, als Wolf Biermann ausgebürgert wurde und die Autoren, an erster Stelle Sarah Kirsch, dagegen bei der Staatsspitze der DDR protestierten, da antwortete der Staat seinerseits mit gewaltigen Drangsalierungen.

Sarah Kirsch sah damals keinen anderen Ausweg, als fortziehen „aus dem Haus der Stadt dem Land / Und vielleicht noch weiter für immer“. 1977, am 28. August, dem Geburtstag Goethes, verließ sie, den soeben bewilligten Ausreiseantrag in der Tasche, mit ihrem Sohn die DDR. Der aus ihrer Sicht „gottlob! versunkenen deutschen demokratischen DDR“ weint sie keine Träne nach. Unter den Kritikern der „Ostalgiker“, die lange noch von einer DDR schwärmten, wie sie denn hätte gewesen sein können, aber in Wirklichkeit niemals war, war sie eine der unerbittlichsten.

Nach einem Intermezzo in Westberlin (1977 bis 1983) ließ sich Sarah Kirsch in Tielenhemme in Schleswig-Holstein nieder, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Mit vielen Katzen bewohnte sie dort ein Schulhaus, schrieb mit „Sepiatinte aus dem Tintenfass für altmodische Füller“ (aber auch mit dem Laptop), malte Aquarelle, wanderte durch die Moorwiesen und Felder und reiste, solange sie konnte, vorzugsweise Richtung Norden, woraus dann so schöne Journale entstanden wie die Tagebruchstücke aus „Islandhoch“ (2002) oder aus „Regenkatze“ (2007).

In dem Journal „Märzveilchen“ (2012) findet sich im Januar 2002 der Eintrag: „Die Frau Lindgren ist gestorben, mit 94. Die bekommt einen wunderbaren Stern wo sie sich niederlassen kann, wer denn sonst“. Von Sarah Kirsch, gestorben mit 78, bleiben ihre Gedichte, ihre Prosa, ihre Aquarelle.

Michael Braun

Sarah Kirsch