Adam Zagajewski - Literaturpreisträger 2002 - Leseprobe

Poesie, Gedankensplitter

Geländer

Leider - sagt R. - zwischen dem Sein / Und dem Nichtsein gibt es kein Mittelding,/ nichts, nicht einmal einen Korridor, nicht einmal ein Geländer, / auf das sich die müden Adler niedersetzen könnten.

(Aus: Adam Zagajewski: Mystik für Anfänger. Gedichte. Aus dem Polnischen übertragen von Karl Dedecius. München: Hanser, 1997.)

Ich hatte zwei Vaterländer verloren und suchte nach einem dritten - nach dem Ort für meine Einbildungskraft, nach einem Hoheitsgebiet, das mir erlaubt hätte, meinem noch unklar ausgeprägten Kunstbedürfnis freien Lauf zu lassen. Ich hatte die reale Stadt verloren und suchte nach einer Stadt der Einbildungskraft. Verhältnismäßig spät, später als andere Leute, wählte ich die Poesie als Ziel meines Suchens.

Der Schriftsteller, der ein intimes Tagebuch führt, schreibt darin auf, was er weiß. Im Gedicht oder in der Erzählung schreibt er über das, was er nicht weiß.

Das, was groß ist, lässt sich überhaupt nicht aussprechen. / Und das, was klein ist, nun - man kann's versuchen.

Das Geheimnis des Gedichts liegt immer vor uns. Autor und Leser werden nie zufrieden sein, werden das endgültige Gedicht immer auf später verschieben wollen. Ebenso warten wir auf den Tod; auf das Schreckliche und Endgültige, das ihm innewohnt, vielleicht auch auf Freudiges.

Die Welt behüten - ein bisschen lesen, ein bisschen Musik hören.

Verteidigung der Poesie bedeutet, etwas verteidigen, was im Menschen steckt, nämlich die fundamentale Fähigkeit, das Wunderbare der Welt zu erleben, das Göttliche im Kosmos und im anderen Menschen, in der Eidechse und in den Kastanienblättern zu entdecken, die Fähigkeit zu staunen und lange Momente im Staunen zu verharren. Wenn diese Fähigkeit verwelkt, wird die Menschenrasse zwar weiterbestehen, aber auf einem niedrigeren, schwächeren Niveau, anders als in den Jahrtausenden, in denen es keine Zivilisation gab, welche die Poesie - in dieser oder jener Gestalt - im Zentrum menschlicher Werke lokalisiert hätte.

(Aus: Adam Zagajewski: Ich schwebe über Krakau. Erinnerungsbilder. Aus dem Polnischen von Henri Bereska. München: Hanser, 2000)