Burkhard Spinnen - Literaturpreisträger 1999 - Dankesrede

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

sehr geehrte Frau Minister,

sehr geehrte Damen und Herren von der Konrad-Adenauer-Stiftung!

Ich möchte Ihnen zunächst ganz herzlich für den Literaturpreis der Stiftung danken. Ich danke Ihnen für die Anerkennung, die Sie damit meiner bisherigen Arbeit zukommen lassen, und ich danke Ihnen für die Ermunterung, die meine zukünftige Arbeit aus diesem Preis ziehen wird. Ausdrücklich und wenn nicht schamlos, so doch ohne mich zu schämen, danke ich Ihnen auch für den sehr respektablen Geldbetrag, der mit diesem Preis verbunden ist. Ich werde mir Mühe geben, diesen schieren Betrag in das Wertvollste zu verwandeln, das man einem Autor schenken kann: in Zeit.

Bei dieser Gelegenheit eine Anmerkung. Gelegentlich liest oder hört man, es gebe hierzulande viel, ja zu viel Förderung für Autorinnen und Autoren. Eine schlimme Flut von Preisen und Stipendien, so heißt es, gehe auf die Schreibenden nieder; verfolgt, ja geradezu gehetzt seien sie von der Fürsorge der Organisationen und Stiftungen, und die schlimme Folge einer solchen Overprotectness sei es, daß der Dichter versucht werde, sich gewissermaßen als Geschäftspartner seines jeweiligen Förderers zu verstehen und sich nachgerade eine chamäleoneske Anpassungsfähigkeit anzuzüchten.

Ich kann mir ein solches Reden nur mit der Deformation erklären, die jeden Profi gelegentlich befällt. Verständlich, daß, sagen wir: der Leiter eines Supermarktes beim Gang durch seine Regale bisweilen auf den Gedanken verfällt, es gebe zu viele Lebensmittel in der Welt. Und ähnlich werden wohl auch Literaturkritiker periodisch von der Überzeugung heimgesucht, es werde um die Literatur zu viel Aufhebens gemacht.

Dem ist freilich nicht so. Literatur, so nannte es einer meiner Lehrer, ist ein "notwendiger Luxus"; und das heißt, nimmt man die Wendung einmal beim Wort, daß Literatur wie aller Luxus überhaupt nur im und als Überfluß existieren kann. Zum Luxus gehört das "Nie genug"; ein wenig Luxus zu haben, heißt keinen zu haben. Und so entspricht das Verlangen nach Literatur auch nicht dem Verlangen nach irgendeiner Quantität, für die Ober- und Untergrenzen festzulegen wären. Das Verlangen nach Literatur entspricht vielmehr dem Verlangen nach einem über alle Quantität hinausgehenden Menschsein schlechthin. Literatur ist also wie - zum Beispiel: die Liebe, von der man auch, wenn irgend möglich, immer nur mehr als genug haben sollte. Und wie die Liebe nicht rechnet, so muß auch jede Berechnung der Literatur scheitern.

Ich danke daher der Konrad-Adenauer-Stiftung noch einmal, und diesmal stellvertretend für alle Organisationen und für alle Menschen, die weiterhin ihre Aufmerksamkeit, ihre Arbeit und - nicht zu vergessen - ihr Geld an die Förderung der Literatur wenden wollen. -

Nun ist es mir allerdings verboten, und dies insbesondere unter den Umständen der Gegenwart, mit solchem Dank alles Nachdenken über den Zusammenhang von Literatur und Gesellschaft freundlich und stimmungsvoll abgetan sein zu lassen. Im Gegenteil: selbst wenn ich diesen Preis nicht von einer parteinahen Stiftung erhalten hätte, müßte ich, heute wie immer, für die Frage gewappnet sein, ob denn die Gesellschaft, die den Schriftsteller so tatkräftig fördert, nicht auch ein Recht an ihm erwirbt? Ein Recht, wohlgemerkt, nicht allein auf die Fortsetzung seiner literarischen Produktion, sondern ein Recht auf Auskunft. Auf Ratschlag, auf Weisung, auf Urteil. Und wenn dieses Recht besteht, welche Auskunft könnte oder müßte der Schriftsteller gerade heute leisten? Welchen Ratschlag, welche Weisung müßte er heute geben, welches Urteil heute fällen? Heute, das heißt, sehr verkürzt gesagt: zu Kriegszeiten.

Nun wissen Sie, wenn Sie meine bisherige Arbeit kennen, daß Stellung - oder gar: Stellungen zu beziehen, und das im Geschwindschritt, nicht meine Sache ist. Mehr noch, immer habe ich große Schwierigkeiten, gewissermaßen auftaktlos zur Sache zu sprechen. Wenn ich daher auf die Frage nach dem Zustand der Gegenwart antworten soll, so muß ich Ihnen vielmehr - wieder einmal, und gerade in Zeiten wie diesen - eine Geschichte erzählen. Es ist meine Geschichte, doch es ist nicht nur meine Geschichte. Bitte folgen Sie mir also eine Weile, ich will mich so kurz wie möglich fassen.

1956 in Westdeutschland geboren, gehöre ich einer Generation an, die einen bestimmenden Wandel im öffentlichen Denken zeitgleich mit ihrer Pubertät erlebte. Unsere Eltern waren noch im Nazi-Deutschland oder gar im Krieg geprägt worden; und diese Prägung gaben sie auch, wenngleich sehr abgeschliffen durch die Dynamik des Wirtschaftswunders, in unserer Kindheit an uns weiter. Doch schon um das Jahr 1970 herum kam in Gestalt der jüngsten Referendare ein neues Denken an unsere Schulen; dieses neue Denken wies uns die Richtung; und je stärker unser Interesse an Dingen wie Kunst und Literatur war, desto verbindlicher waren seine Weisungen.

Dabei haben wir 14jährigen den Wandel vielfach begrüßt. Mit den jungen Referendaren kam neben allerlei angenehmer Liberalisierung des Alltags auch eine Bewegung, die uns den Anschluß an die Avantgarden der Zeit versprach. Und wenn heute die berüchtigten Abrechnungen mit der 68er-Bewegung und ihren Protagonisten in Mode sind, so bitte ich nachdrücklich alle, die da abrechnen, mit großer Sorgfalt nicht nur auf der Debet-, sondern auch auf der Kreditseite zu addieren.

Dennoch glaube ich, daß meine Geschichte ebensowenig wie die Geschichte unserer unmittelbaren Gegenwart denkbar ist ohne die äußerst problematische Wirkung einiger Denkroutinen, die in den Jahren um und nach 1970 landläufig wurden. Zu denen gehörte insbesondere das Dogma einer universellen Sagbarkeit von Welt und Leben. Den tatverfallenen und sprachunfähigen Vätern und Müttern folgten Söhne und Töchter, unsere älteren Geschwister, die mit Emphase und Akribie daran gingen, alles und jedes festzustellen und auszusprechen. Es war die Zeit der Existenz in der Diskussion. Wir ganz Jungen erlebten damals, wie mit den Forderungen der Aufklärung erstmalig auch im Alltag Ernst gemacht werden sollte. Der kritische Diskurs wurde Umgangston; der ureigene, unbeeinflußte Blick auf die Dinge wurde Standardformat; der Anspruch auf die vorbehaltlose Eigenartigkeit der Person wurde Verhaltensnorm. Die Befreiung schließlich war eine von allem und jedem; und trotz ihres betont unpathetischen, ja lässigen Auftretens machten die Befreier kein Hehl aus ihrem Anspruch auf die Endgültigkeit ihrer Maßnahmen.

Nun heißt es freilich: niemals undialektisch gedacht! Und undenkbar, gar nicht auszusprechen wäre die Revolution jener Jahre gewesen ohne die Vorkehrungen, die viel ältere Menschen nach 1945 weltweit getroffen hatten. Die hatten nämlich in Taten und Worten jener ungeheuren Abstraktion den Weg bereitet, in deren Vokabular später die ganze Welt gebändigt werden sollte.

Abstraktion. Was ich damit sagen will: der Planet Erde war um 1970 in seiner ganzen Vielfalt erfahrbar geworden, schon war ein Endpunkt der totalen medialen und touristischen Erschließung abzusehen; was heute noch als exotisch galt, würde morgen schon vertraut sein und übermorgen langweilig werden. Doch zugleich fand sich in den allermeisten öffentlichen wie privaten Reden die ganze Welt reduziert auf die "Zwei Lager"; nur wer es ein wenig genauer haben wollte, erinnerte noch an die "Dritte Welt". Die Ressourcen und die Potenzen des ganzen Planeten hießen ab 1970 nur noch "Öl"und "Atom"; das Ziel aller menschlichen Bestrebungen hieß entweder "Geld" oder "Freiheit".

Die wichtigste Maßnahme der Älteren aber war es gewesen, den modernen Krieg, diese gewaltige Vernichtungsmaschine, die ein halbes Jahrhundert lang durch die Welt gerollt war, in ein allegorisches Wesen zu verwandeln, handgreiflich zwar, aber dann auch wieder so handzahm, daß alle Jüngeren damit nach Herzenslust spielen konnten. Dies geschah durch den Abwurf der Atombombe. Der Krieg, die furchtbarste Verkörperung des Umstandes, daß das Menschsein so schwer auf irgend einen Begriff zu bringen ist, oder anders: der Krieg als die Summe des namenlosen Schreckens, dieser Krieg war zusammen geschnurrt auf "Die Bombe". Und dermaßen verkleinert und verdinglicht, war er zugleich wesenlos geworden, aller Erfahrung und aller Erfahrbarkeit enthoben, dabei aber widerstandslos verfügbar für jedwede Verwendung in den Meinungssätzen einer ganzen Generation.

Oder noch konkreter: die Liberalisierung von allem und jedem und insbesondere der Glaube an die universelle Beredbarkeit der Welt waren um 1970 nur möglich geworden durch die Entfernung des Schicksals aus dem Denkalltag nicht nur des prosperierenden Westens. Zwar drehte sich die Diskussion permanent um die letzten Dinge, und auf den Wiesen vor Brockdorf und Mutlangen stand immer das Große Ganze auf dem Spiel. Doch zugleich war aus dem Tod der Atomtod geworden; und der trug zwar neben der Sichel jetzt auch das Strahlenschutzzeichen, doch seinen Stachel hatte er in Wahrheit verloren. Denn gegen ihn, gegen den Atomtod war im Gegensatz zum alten Tod gut protestieren. In den Demonstrationen zum NATO-Doppelbeschluß von 1983 marschierte die schweigende Gewißheit mit, daß zusammen mit dem Atomtod auch der Tod schlechthin, und das gewissermaßen auf demokratische Art und Weise, abgeschafft werden könne. Und noch bei Ausbruch des Golfkrieges 1991 hingen Transparente aus den Fenstern, auf denen wortwörtlich stand, was man nun ganz universell für einforderbar hielt: "Ich will nicht sterben."

Wo standen wir also? Und wo stand ich? Immer auf der Seite der Befreiten. Doch zunehmend verunsichert. Als mit den Sünden der Väter alle andere denkbare Schuld des Menschen und überhaupt jede Unterstellung unter das Schicksal überwunden werden sollte, da kamen auch Zweifel auf. Ich selbst habe diese Zweifel vielleicht zum ersten Mal damals empfunden, als hierzulande die Unvergleichbarkeit des Holocaust nicht nur gegen blinde Geschichtsverleugner verteidigt wurde, sondern auch gegen die, die nur einräumen wollten, daß das Böse im Menschen möglicherweise immer noch nicht vollkommen in die Erscheinung getreten ist und hingegen noch mehr und anderes zu erwarten sein könnte. Damals befiel mich die schlimme Vermutung, daß die Befreiungen vielfach in Selbstbeschwichtigungen umgebogen worden waren - ich sage es einmal nur im Zorn und ganz ungerecht: daß es in der öffentlichen Diskussion vielfach um vorweg eilende Selbstheiligungen ging, die von den realen Untaten der Älteren zehrten.

Um jetzt keines der mittlerweile üblichen Mißverständnisse zu produzieren: Der Holocaust ist ein gewaltiges Verbrechen; es ist ein Verbrechen, ihn zu leugnen; und es ist ebensowenig möglich, zu seinem Vergessen aufzurufen, wie es möglich wäre, zum Vergessen der Nachtschwärze aufzurufen. Doch wer seine eigene moralische Existenz abzusichern versucht, indem er den Holocaust zu einem gleichermaßen apokalyptischen wie wesenlosen moralischen Endpunkt stilisieren will, der fährt in untiefen Gewässern.

Und dort befinden wir uns heute so oft! Nur ein Beispiel: Die moralische Hochaufgeräumtheit, ja der moralische Sauberkeitsfimmel, mit dem heute insbesondere die Personen des öffentlichen Lebens verfolgt werden, sie sind nicht nur die andere, etwas klebrige Seite der Forderung nach universeller Aufklärung. Sie zeigen vielmehr in der alltäglichen Praxis, daß und wie man die Heuchelei allgemein installiert. Denn mit dem Hinweis darauf, die einschlägigen Großsünden der Väter nicht wiederholt oder sie gar täglich bekämpft zu haben, wird heute vielfach davon abgelenkt, daß längst ganz neue Sünden erfunden und zugleich im Handstreich zur rechten Lebensart erhoben worden sind.

Hie auf der Straße die traurige Lichterkette gegen das rassistische Verbrechen, dort im Büro der fröhliche und allgemein beförderte Alltagszynismus gegen den jeweils nächsten. Hie in der Tagesschau der schnelle korrekte Satz auf politischer Ebene, dort in der Talkshow die geile Inszenierung des häßlichen Geredes. Tagtäglich rast in manchen Medien fieberhaft die Suche nach der jeweils letzt- und größtmöglichen moralischen Verfehlung - doch das Ziel dieser wie so vieler Inquisitionen ist nicht die Vernichtung des Bösen, vielmehr soll bloß das Maß der gerade noch erlaubten Alltagsbrutalität angehoben werden, so daß der landläufige Tunichtgut sich mit Hinweis auf die jüngsten Riesen-Greuel immer noch einen ehrlichen Mann nennen kann.

Und all dies, so wage ich einmal zu sagen, ist eine Folge jener Abstraktion, in die wir geraten sind. Oder vielleicht besser: es ist eine Folge der durch Abertausende öffentlicher Redebeispiele geschulten Überzeugung, es ließe sich ohne Geheimnis und ohne Schicksal leben. Der wahrhaft schlagende Beweis dafür, in welche Sprachlosigkeit eine solche Alltagsüberzeugung führen kann, sind nun die Ereignisse der letzten Wochen. Ich wiederhole es: Bitte erwarten Sie von mir keine wie immer geartete "Stellungnahme" zu den Ereignissen auf dem Balkan. Ich wünsche selbstverständlich allen Menschen ein Leben in Frieden, und ich bin dafür, daß Verbrecher bestraft werden; aber ich habe für die Verantwortlichen keinen Rat, den man morgen annehmen, und keinen Plan, den man morgen verwirklichen könnte.

Was ich aber, als Schriftsteller, zu tun versuchen kann, das ist: jenes gegenwärtige Chaos von Schrecken und Hilflosigkeit bei seinem richtigen Namen zu nennen. Oder weniger anspruchsvoll und realistischer vielleicht: ich kann dazu aufrufen, nach diesem Namen zu suchen. Und das zumindest können wir, können wir alle, denn das Geschehen ist uns nicht nur geographisch ganz nah. Auf dem Balkan zeigt sich nämlich am grauenhaftesten, was geschehen kann, da nun die politischen Grundlagen der großen Abstraktion zerbrochen sind und damit das von ihr stimulierte Denken und Reden den Lebensalltag nicht mehr kontrolliert und bändigt.

Der Balkan ist heute wie vor fast 100 Jahren wieder der Ort, an dem sich ein Neues mit Schrecken zeigt. Wieder ist eine große Abstraktion gescheitert. Vor 100 Jahren war es die der K.u.K.-Monarchie, nun ist es die des Sozialismus. Dieses Scheitern hat sicherlich Millionen von Menschen in vielen Ländern größere Freiheit gebracht; und ich stehe daher nicht an, irgendwelche Mauern wieder aufrichten zu wollen. Das nicht! Aber ein Weiter-wie-bisher ist unmöglich. Besonders im Denken und Reden. Mit dem Ende des Kalten Krieges ist die Dominanz der Abstraktion über das Leben gebrochen. Das gilt für die kalten Krieger und ebenso für ihre Kritiker und Feinde; doch das haben wir noch nicht so recht begriffen.

Dabei stehen die Tatsachen so frech vor der Tür. Der Krieg findet nicht mehr in den Sternen oder in den atomaren Kommandozentralen der beiden "Lager" statt, sondern im ehemaligen Ferienland Jugoslawien. Und der Krieg hat entschieden die Temperatur gewechselt. Als er noch kalt war, konnte man sich recht gut an ihm erhitzen. Denn das war im Grunde ganz ungefährlich , die Alternative zum Himmel des abstrakten Räsonnements war ja der Fall der Bombe und damit ein schmerzloser und unerfahrbarer Kollektiv-Tod. Doch nun ist der Krieg so unentschieden wechselwarm; den einen läßt er kalt, der andere verbrennt sich daran die Zunge. Und überhaupt: Nichts von dem, was bislang die Rede war, scheint ihm angemessen; nichts davon scheint ihn überhaupt zu erreichen; und doch erreicht dieser Krieg alles und jeden. Die Partei, die aus dem 1970er Bewußtsein hervorging, ist zumindest arg beschädigt. Ihr Welt- und Lebensbild, längst und weithin das kommune, ist schon zerstört.

Und so könnte sie vielleicht angemessen beantwortet werden, die Frage nach dem Recht, das die Gesellschaft an dem Schriftsteller besitzt, den sie fördert. Auf gar keinen Fall ist es das Recht auf mehr oder minder prompte Verlautbarungen einer moralischen Instanz. Wer als Schriftsteller heute noch das Bedürfnis nach einer dem öffentlichen Diskurs kompatiblen Verlautbarung befriedigt, der ist wahrscheinlich weniger geltungssüchtig, vielmehr hängt er einem untergegangenen Sprach- und Weltbild an. Denn der Traum von der umgehenden Sagbarkeit des Guten und Richtigen ist ausgeträumt. Die Verheißungen, die aus der Stillstellung der Welt in der Abstraktion erwuchsen, sie haben sich nicht erfüllt; und sie werden sich vielleicht niemals erfüllen.

Vielmehr herrscht jetzt vielerorts wieder uneingeschränkt der Primat des Konkreten. Und das heißt dort leider auch: die Leidenschaften, die Ressentiments, die uralten, kaum sagbaren Antriebe verwandeln sich, von keiner Ideologie gehemmt oder gesteuert, spontan in die Tat. Und sie verbreiten Schicksal! Denn da den archaischsten Regungen fast überall das modernste Kriegsgerät zur Verfügung steht, sind die Taten fast immer grauenvoll. Viele Jahre schien es so, als läge der dünne Firnis jenes Denkens, das sich das westlich-aufgeklärte nannte, über der ganzen Welt. Doch jetzt reißt er überall; und wir, wir blicken durch die Risse und erkennen fürs erste: nichts. Was die Kosovaren wirklich gegen die Serben und was die Serben wirklich gegen die Kosovaren aufgebracht hat, es paßt nicht nur in keinen 30-Sekunden-Hintergrundbericht - mehr noch: es darf das die westliche Politik gar nicht wissen, wenn sie nach ihren Maßgaben handlungsfähig bleiben will. Für die Durchsetzung von Amtssprachen und die Erlaubnis zur Religionsausübung durfte keine F 16 starten. Und so wartete Wochen und Monate lang der Westen auf das eine, das gewissermaßen wissenschaftlich objektiv nachgewiesene Massaker, das die Vorgänge in diesem bettelarmen Teil Europas nach westlichem Verständnis justitiabel machte. Der Westen wartete, um zu erhalten, was nach seinen Vorstellungen moralische Evidenz hatte. Und er antwortete endlich mit einem Krieg, der etwas anderes sein sollte als der blutige, häßliche Krieg. Denn der blutige häßliche Krieg war ja abgeschafft wie das Schicksal selbst.

Doch was folgte, war ein sprachloser Krieg. Es war und ist ein Krieg, dessen Legitimation von Stunde zu Stunde, mit jeder Rakete, mit jedem CNN-Bild und mit jeder Meinungsumfrage schwankt. Dieser Krieg zeigt bis jetzt mit schrecklicher Deutlichkeit, was nach dem Ende des Denkens in Abstraktionen als Tat in die Welt tritt. Es ist eine unerhörte Figur: es ist die schicksalhafte Sprachlosigkeit; und die erscheint als der im Grunde richtungslose und willensschwache Krieg.

Ein letztes Beispiel dafür: Man könne keinen militärischen Einsatz ohne Sicherheitsrisiko garantieren, sagte kurz nach dem Beginn der NATO-Angriffe der deutsche Bundeskanzler. Das ist ohne Zweifel richtig. Aber daß er es sagte, ja sagen mußte, liegt daran, daß es bereits kommunes Denken war, eine solche Garantie auf Schicksallosigkeit müsse es wie die Funktionsgarantie für Markenprodukte auch für den Krieg geben. Die ungeheure, und zugleich ganz reibungslos funktionierende Zumutung an das Denken war nämlich bislang die gewesen, daß man selbst dem Krieg den Tod austreiben könne. Damit wäre die Abstraktion auf ihre höchste Höhe geführt worden.

Doch so human sich die Vorstellung von einem Krieg ohne Opfer auch geben mag, die Umsetzung mißlingt; ein Denken und Agieren in den Kategorien des Nicht-Krieges schlägt schon lange fehl. Oben wird ganz anders gedacht als unten. Während die NATO-Flugzeuge dem Staat Serbien mit der kühlen Präzision des Monopoly-Spielers ein Wertobjekt nach dem anderen durch Vernichtung wegnehmen, vollzieht sich unter dem Düsenhimmel der Abstraktion das schauerlich Konkrete: Massenflucht, Massenvertreibung, Massenmord sogar, und dies wie zu Zeiten, die man endgültig überwunden glaubte. So wenig wie der Nazi-Staat läßt sich bislang Restjugoslawien durch seine geschwundenen Potenzen zur Aufgabe bewegen.

Was und vor allem wie war denn geglaubt worden? Daß nachdem die NATO die Lufthoheit hätte und die Aktivposten des Gegners zu mehr als zwei Dritteln kontrollierte, eine feindliche Übernahme nach Wallstreet-Manier gewiß sei? Das ist noch nicht aufgegangen. Und die Zahl der Opfer dieses Irrtums wächst täglich. Auf dem Boden der Tatsachen, den aus humanitären und weltpolitischen Gründen kein NATO-Soldat betreten soll und darf, kennt der Völkermord weiterhin keine Geschäftsverbindlichkeiten. Die Vertreiber und Totschläger vor Ort bleiben unberührt davon, daß ihr Unternehmen längst pleite ist.

Ich komme zum Ende. Und wiederhole es: keine Vorschläge, keine Ratschläge, und wenn es manchmal noch so schwerfällt: keine politische, keine moralische Stellungnahme. Denn nichts in dieser Art, so tief empfunden oder gut gemeint es wäre, erreichte unsere Gegenwart. Wer heute und von diesem Krieg so spricht, daß er ohne jedes Problem zitiert oder einer Fraktion zugerechnet werden könnte, der läuft Gefahr, den wirklichen Schrecken der Ereignisse stillzustellen.

Statt dessen werden wir lernen müssen, wie wenig es möglich ist, den Ereignissen vorauszusprechen. Denn das Leben ist nicht so, wie es in den Kernsätzen noch der besten Überzeugung erscheint. Das Leben ist nicht auf den Begriff zu bringen. Kaum stillgestellt in einer Parole, entkommt es, dieselben Worte auf den Lippen, ins gerade Gegenteil. Das Leben ist nicht nur bunt und vielfältig, es ist auch uneindeutig; es vollzieht sich metaphorisch. Das macht es lebenswert, das öffnet immer neue Möglichkeiten; aber das bringt auch Schicksal, Tod und Verwüstung. Doch das Leben ist unteilbar. Und es nicht zu zu abstrahieren, sondern alles an ihm zusammenzudenken wird unsere wichtigste Aufgabe der Zukunft sein.

Die wichtigste Aufgabe der Literatur war es immer schon.

Eine leicht gekürzte Fassung dieser Dankrede ist am 25. Mai 1999 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschienen.

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