Burkhard Spinnen - Literaturpreisträger 1999 - Laudatio

Gulliver im Reihenhäuschen.

Literatur als Antwort auf den Sprach-Zustand der Gegenwart

Laudatio auf Burkhard Spinnen

Annette Schavan

"Ihr Stil ist klar, männlich und flüssig, aber nicht überladen; denn nichts vermeiden sie mehr als die Anhäufung unnötiger Wörter."

Lieber Herr Dr. Spinnen, meine Damen und Herren, seien Sie unbesorgt: Dies ist nicht die Kernaussage meiner Laudatio - obwohl ich damit sicher nicht ganz falsch liegen würde -, sondern ein Zitat aus einem Buch, an das ich bei der ersten Lektüre der Erzählungen und Geschichten von Burkhard Spinnen spontan denken mußte, nämlich an Gullivers Reisen von Jonathan Swift.

Bereits mit seinem Erstlingswerk Dicker Mann im Meer, für das ihm 1991 der aspekte-Literaturpreis des ZDF verliehen wurde, hat Burkhard Spinnen sich einen Namen als sensibler Beobachter und detailbesessener Chronist der kleinen Katastrophen unseres Alltags gemacht. Mit einer akribischen Liebe zur Detailbeschreibung, gepaart mit einem ausgeprägten Sprachwitz, schildert er skurrile Situationen und Begebenheiten, wie sie im Leben jedes Menschen vorkommen mögen: den ganz normalen Wahnsinn eben. Doch mit Soap-Opera hat das nur wenig zu tun. Spinnen ist alles andere als ein Poet des Reihenhausidylls: Zielstrebig läßt er durch eine extrem dichte Beschreibung des scheinbar Trivialen und Banalen die Fassade der biederen Normalität zerbröckeln. Und hinter dieser löchrigen Kulisse scheint dann in seinen Geschichten - für einen Augenblick jedenfalls - die Maske des Absurden und Monströsen auf.

Die Sprache, in der Burkhard Spinnen die Demontage falscher Sicherheiten betreibt, ist kurz, kühl und präzise. Keine Metapher steht dem Blick im Weg. Es wird kein Wort zuviel gesagt, aber auch keines zuwenig.

Man hat als Leser und Leserin das Gefühl, es sei schon recht so, was und wie der Spinnen da schreibt: redlich, distanziert, manchmal ein wenig behäbig, aber immer korrekt. Und weil das so ist, glaubt man sich geborgen auf dem sicheren Untergrund scheinbarer Plausibilitäten. Und man ist dann immer wieder aufs neue überrascht und vielleicht sogar erschrocken, wenn einem der Autor diesen Boden bei nächster Gelegenheit unter den Füßen wegzieht.

Das alles geschieht in einer sehr undramatischen und diskreten Art und Weise: Spinnen ist nicht der Mann, der mit prophetischer Geste und literarischer Zornesröte im Gesicht den Vorhang der Idylle zerfetzt, um dahinter irgendwelche gewaltigen Abgründe freizulegen. Was er aufzeigt, sind nicht unbedingt die tiefen Gräben, die wir alle kennen, sondern die leisen Verstörungen und feinen Sprünge; die Verwerfungen und Haarrisse, die zwar klein und unscheinbar sind, aber deswegen nicht weniger weh tun. Bei diesen Spannungen und Verstörungen fällt mir ein wunderbar poetisches Bild aus Rainer Maria Rilkes achter Duineser Elegie ein, dessen leise Melancholie dem Leser und der Leserin gelegentlich auch bei Spinnen begegnet:

"...Wie vor sich selbst

erschreckt, durchzuckts die Luft, wie wenn ein Sprung

durch eine Tasse geht. So reißt die Spur

der Fledermaus durchs Porzellan des Abends."

Als Jonathan Swift 1726 "seinen" Gulliver - wie es im Titel heißt - auf "Reisen in verschiedene ferne Länder der Erde" schickte, war es sein Ziel, der zeitgenössischen englischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie - verfremdet durch maßlose Vergrößerung und Verkleinerung - ihre eigenen Eitelkeiten, Fehler und Schwächen wiedererkennen sollte. Lilliput, das Land der Zwerge, und Brobdingnag, das Land der Riesen, bilden in Swifts utopisch-satirischem Roman die Projektionsfläche für eine Gesellschaftskritik, deren Wirkungsweise auf Vergrößerung und Verzerrung beruht.

Auch Burkhard Spinnen bedient sich des Zerrspiegels, des Vergrößerungsglases und des Zeitraffers als literarischer Hilfsmittel. Spinnen - und diesen Satz dürfen Sie gerne auch wörtlich verstehen - ist ein Freund der kleinen Dinge. Ähnlich wie Swift treibt er ein virtuoses Spiel mit dem Maßstab der Verkleinerung und Vergrößerung: Er zoomt kleinste Details nah heran und verschiebt die großen Zusammenhänge in weite Ferne.

Auf diese Weise macht er das Entlegene, das Bizarre, das sonst durch scheinbare Normalität verschüttet wird, zum Fixpunkt unserer Aufmerksamkeit. Burkhard Spinnen nötigt seinen Lesern einen literarischen Tunnelblick auf. Der glückliche Effekt solcher Lektüre ist, daß wir am Ende vielleicht trotz lauter Wald die Bäume wieder sehen können.

Spinnen wie Swift stellen in und mit ihren Texten die vermeintliche Selbstverständlichkeit des Normalen in Frage. Das aufklärerisch-optimistische Vertrauen in die vernünftige Natur des Menschen ist ihnen nicht geheuer. Sie melden Zweifel an. Swift bewerkstelligt dies in der Form des Reiseromans, der aus der Fremde den Blick auf das Eigene öffnet. Spinnen dagegen schickt seine Figuren nicht auf Reisen, sondern schränkt im Gegenteil ihren Gesichtskreis auf eine kleine Welt ein und konfrontiert sie - und mit ihnen uns Lesende - mit dem Fremden und Befremdlichen in unserem eigenen unmittelbaren Umfeld. Bei Swift sieht sich der Leser "mit anderen Augen"; bei Spinnen entdeckt er das Andere in sich selbst.

Auch in der Methode gibt es Unterschiede: Anders als der Dichter und Pfarrer Jonathan Swift erzählt der Autor und Germanist Burkhard Spinnen keine Gleichnisse oder Parabeln, sondern er baut Modelle und Versuchsanordnungen auf, wobei wir das Wort "Modell" durchaus wörtlich nehmen dürfen. Ich erinnere nur an sein jüngstes Werk Modelleisenbahn (1998), das aus einer Reihe hintergründiger und äußerst vergnüglich zu lesender Essays über das Verhältnis zwischen Männern und Modelleisenbahnen besteht; ein literarisches Projekt, das - wie man hört - die Frucht eines praktischen Selbstversuches ist.

In diesem Zusammenhang fällt mir eine kleine Beobachtung ein, die ich gestern bei einem Spaziergang durch diese wunderschöne europäische Kulturstadt Weimar gemacht habe: Da gibt es doch tatsächlich am Frauenplan, schräg gegenüber von Goethes Wohnhaus, ein kleines Fachgeschäft für Rundfunkgeräte und Modelleisenbahnen: Der Genius und die H-Null-Spur in innigster räumlicher Verdichtung! Wenn das kein Omen ist! Doch dies nur am Rande.

Swifts Kunstgriff ist die Übertreibung. Spinnens Technik dagegen ist eher die der Präparation: In seinen Erzählungen schneidet er typische Situationen des Alltages heraus; er läßt Unwesentliches weg - und einen verstörten Menschen zurück.

Spinnens Lilliput ist nicht von Zwergen oder Riesen bevölkert, und es liegt auch nicht in fernen Ländern, sondern mitten im Hier und Jetzt. Die Orte, an denen Burkhard Spinnen seine literarischen Versuchsanordnungen aufbaut, sind Supermärkte und Vorstadtsiedlungen, Bürotürme und Fußballstadien. In diesem Mikrokosmos, der ebenso banal wie authentisch ist, führt uns der Autor die Zumutungen des Alltages vor.

Der Ort der Verfremdung ist bei Spinnen das scheinbar Vertraute. Das macht die verstörende Wirkung seiner Geschichten aus.

Burkhard Spinnen treibt dieses Spiel - und ich meine das Wort "Spiel" hier durchaus ernst ohne erhobenen Zeigefinger oder eine große Geste der Kritik. Sein Erzähltempus ist das lakonische Imperfekt. Er begleitet "seine" Figuren mit einer manchmal ironischen Distanz, gelegentlich auch mit einem Anflug schwarzen Humors. Dennoch scheint in seinen Texten immer wieder so etwas wie Sympathie für diese Antihelden auf.

Seine Protagonisten sind Durchschnittstypen: Angestellte männlichen Geschlechts und mittleren Alters; Männer ohne Eigenschaften mit normalen Berufen und normalen Träumen, deren ganz normales Leben durch irgendeine ganz normale Banalität aus der Bahn geworfen wird: Eine Erb- oder eine Liebschaft, eine optische Täuschung oder ein unerwarteter Besuch genügen, um bei ihnen die scheinbar so festgefügten Grundgesetze des Normalen außer Kraft zu setzen und den braven Bürger zumindest einen Augenblick lang zum verstörten Anarchisten zu machen.

Das klingt alles sehr mühsam, ist es aber nicht: Spinnens Geschichten sind flott geschrieben, sie machen Freude, sie sind von einer geradezu verführerischen Glätte. Doch man sollte sich von diesem knappen und schnörkellosen Erzählstil nicht täuschen lassen: Hinter der eingängigen Oberfläche verstecken sich vielschichtige Collagen aus verschiedenen Textebenen, die durch raffinierte Durchbrüche miteinander verzahnt sind. Besondere Sorgfalt verwendet der Autor auf die Gestaltung der Dialoge. Seine Figuren sprechen nicht einfach miteinander; sie sagen - auch dort, wo sie Belanglosigkeiten austauschen - etwas über sich aus.

Es scheint, daß vor allem in den Dialogen hinter dem Autor Burkhard Spinnen der Germanist gleichen Namens hervortritt: Sein Schlüssel zur Welt ist die Sprache. Aber sie dient ihm nicht nur als Medium zur Verbreitung seiner Gedanken, sondern auch als hochempfindlicher Indikator für gesellschaftliche und personale Strukturen: Zeigt mir, wie Ihr sprecht - und ich sage Euch, wer Ihr seid.

Für Burkhard Spinnen ist Literatur nach eigenen Worten "immer und ganz wesentlich eine Antwort auf den Sprach-Zustand der Gegenwart". Und folgerichtig sieht er die Aufgabe des Schriftstellers darin, "Beispiele gelingenden Sprechens zu schaffen". Was das bedeutet, hat er vor einiger Zeit in einem Essay mit dem Titel Versuch des Schriftstellers, über Krieg und Frieden zu sprechen (in der Anthologie Nach dem Frieden, 1998) erläutert:

"Während die politische Rede so aufgeklärt und vernünftig wie möglich die tatsächlichen Sachverhalte zu kommentieren oder zu steuern sucht, ist das alleroberste, wenn nicht einzige Thema der Literatur: die Sprache. Noch genauer: Literatur hat nicht den einen oder anderen Sachverhalt zu klären, sie hat keine sozialen oder moralischen Botschaften zu transportieren. Sie hat vielmehr anhand ihrer Fiktionen Beispiele dafür herzustellen, wie zu sprechen sei, damit Erkenntnis und Verstehen und also auch Auskommen überhaupt möglich sind."

Mit diesem Selbstverständnis bricht Burkhard Spinnen ein ganzes Bündel von Tabus: Literatur soll nichts klären, kommentieren oder steuern; sie hat keine sozialen oder moralischen Botschaften zu transportieren. Das sind Aussagen, über die sich trefflich streiten läßt. Und man muß nicht unbedingt zu Füßen von Habermas, Horkheimer oder Adorno gesessen haben, um diese Selbsteinschätzung seltsam, antiquiert oder vielleicht sogar empörend zu finden. Was und wie soll Literatur denn sonst sein, wenn nicht engagiert?

Aber lassen Sie uns unsere wohlfeile Entrüstung noch einen Augenblick im Zaum halten. Ich glaube, daß wir Burkhard Spinnen gründlich mißverstehen würden, wenn wir ihn aufgrund dieses Zitates für einen unpolitischen Schöngeist hielten, der der blauen - nein: der mausgrauen - Blume nachjagt, während draußen die Welt untergeht. Ich habe den Verdacht, daß Spinnens Fixierung auf die Sprache keineswegs das Resultat einer Flucht aus der gesellschaftlichen Verantwortung in die heile Welt der Poesie ist, sondern vielmehr Ausdruck eines tiefen und leider nur zu oft auch begründeten Mißtrauens - eines Mißtrauens, das sich gegen zu festgefügte Gedankengebäude, gegen eingefahrene Konventionen und Gesten richtet. Burkhard Spinnen mißtraut den Botschaften - deshalb liebt er die Worte. Und diese Liebe ist in seinen Texten spürbar.

Das freilich bedeutet nicht, daß Burkhard Spinnen keine Botschaft hätte. Aber sie ist in seinen Erzählungen und seinem Roman nicht zur plakativen Parole geronnen, sondern sie bildet einen impliziten Text hinter dem Text, der sich dennoch ohne große Mühe erschließt. Mir scheint, daß die Botschaft, die das Werk von Burkhard Spinnen durchzieht, vor allem ein Plädoyer für das menschliche Maß ist. Bei aller kühlen Präzision, bei aller technischen Detailverliebtheit und auch bei allem Sarkasmus, der manchmal zwischen den Zeilen aufscheint, bleibt er doch ein Anwalt, der das Recht des Individuums auf die eigene Geschichte verteidigt - auch wenn sie unvollständig oder gebrochen ist. Um es mit Spinnens eigenen Worten (in dem Aufsatz Genre statt Chaos, 1996) zu sagen:

"Ich denke, es gibt eine Banalität jenseits der des Groschenromans und muß sie geben. Sie heißt für jeden einzelnen Wirklichkeit und ist auf ihre Art heilig oder tabu. In ihr leben bedeutet, permanent fünfe gerade sein lassen zu können. Freilich eingedenk dessen, daß anderswo auf sieben Stellen genau gerechnet wird."

Und daß es auch bei der Sammelleidenschaft für kleine Dinge letztlich ums menschliche Maß geht, zeigt sich an einer anderen Stelle in der schon erwähnten Kleinen Philosophie der Passionen über die Modelleisenbahn:

"Sammeln heißt ja auch: wider alles bessere Wissen und wider alle schlechte Erfahrung die Hoffnung niemals aufgeben."

Lieber Herr Dr. Spinnen, ich freue mich, daß die Konrad-Adenauer-Stiftung Ihnen den Literaturpreis 1999 zuerkannt hat, und gratuliere Ihnen sehr herzlich!

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