Erhard, Ludwig

Nationalökonom, Bundeskanzler, Vorsitzender der CDU, Honorarprofessor, Dr. rer. pol., Dr. h. c. mult., * 04.02.1897 Fürth, † 05.05.1977 Bonn, evangelisch

1919–1925 Studium der Wirtschaftswissenschaften in Nürnberg und Frankfurt/Main; 1925 Promotion in Frankfurt/Main bei Franz Oppenheimer; 1928–1942 Wissenschaftlicher Assistent, Schriftleiter, Mitglied der geschäftsführenden Leitung und Stellvertreter des Leiters am „Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware“ in Nürnberg; 1942–1945 Nachkriegsplanungen als Leiter des „Instituts für Industrieforschung“; 1945-46 Staatsminister für Wirtschaft in Bayern; 1947-48 Leiter der „Sonderstelle Geld und Kredit“ zur Vorbereitung einer Währungsreform; 1948-49 Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebiets der amerikanischen und britischen Besatzungszonen; 1949–1977 MdB; 1949–1963 Bundesminister für Wirtschaft, 1957–1963 Stellvertreter des Bundeskanzlers; 1963–1966 Bundeskanzler; 1966-1967 Bundesvorsitzender der CDU; 1967–1977 Ehrenvorsitzender der CDU.

Mit Erhard verbindet sich vor allem die Durchsetzung der Soziale Marktwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Die ordnungspolitische Weichenstellung der Wirtschaftsreform von 1948 im Zusammenhang mit der Währungsreform und die nachfolgende Wirtschafts- und Wirtschaftsordnungspolitik der Regierungen unter Bundeskanzler Konrad Adenauer seit 1949 ermöglichten und unterstützten eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, die von den Zeitgenossen als Wirtschaftswunder erlebt wurde.

Erhard hatte als Direktor der Verwaltung für Wirtschaft sofort damit begonnen, legislative Vorbereitungen für eine Lockerung der Bewirtschaftung und zur Freigabe von Preisen einzuleiten, um zeitgleich mit der von den Westalliierten durchgeführten Währungsreform einen Umschwung herbeiführen zu können. Am Tag der Bekanntgabe der Währungsumstellung (18. Juni 1948) hatten jedoch erst der Wirtschaftsrat, noch nicht der Länderrat und die Militärregierung seinen Vorlagen (Leitsätze-Gesetz und Änderung von Bewirtschaftungsvorschriften) zugestimmt. Dennoch ließ er öffentlich den Einstieg in eine von Bewirtschaftungen und Preiskontrollen freie Wirtschaftsordnung verkünden, was zum Gelingen der Währungsreform entscheidend beitrug. Die nachträgliche Billigung durch den amerikanischen Militärgouverneur Lucius D. Clay verhinderte persönliche Konsequenzen für Erhard aus diesem nach seiner Überzeugung sachlich notwendigen, wiewohl rechtlich und politisch nicht abgesicherten Vorgehen. Der Länderrat legitimierte Erhard noch am Abend des 21. Juni, dem ersten Geltungstag der Deutschen Mark, einstimmig, um den Fortgang der Reform nicht zu gefährden. Die mit kämpferischem Elan erzielten ersten Erfolge seiner Wirtschaftspolitik verschafften Erhard im Vorfeld der Bundestagswahl 1949 den höchsten Bekanntheitsgrad unter deutschen Politikern. Es gelang Adenauer, Erhard – ohne formellen Parteibeitritt – für die CDU zu gewinnen, die sich in den "Düsseldorfer Leitsätzen" programmatisch auf sein Konzept der Soziale Marktwirtschaft festgelegt hatte. Die CDU Württemberg-Baden machte ihn zu ihrem Spitzenkandidaten; als CDU-Direktkandidat in Ulm/Heidenheim wurde er in den Deutschen Bundestag gewählt.

Als Wirtschaftsminister in den Kabinetten Adenauers seit 1949 verfolgte Erhard eine Politik, die sich „Deutschlands Rückkehr zum Weltmarkt“ und „Wohlstand für alle“ – so zwei programmatisch gewählte Buchtitel von ihm 1953 und 1957 – zum Ziel setzte. Die Liberalisierung des Außenhandels trieb Erhard von Anfang an systematisch und erfolgreich voran, mit schnell wachsendem Gewicht in den von den Vereinigten Staaten von Amerika dominierten internationalen Zusammenhängen. Die Korea-Krise 1950-51 brachte nur eine kurzfristige Gefährdung seines Kurses. 1952 beruft Erhard den anderen Vater der Sozialen Marktwirtschaft, Alfred Müller-Armack, zu seiner Unterstützung ins Bundeswirtschaftsministerium, als Leiter der Abteilung Wirtschaftspolitik. Schon Mitte der 1950er Jahre wurde in der Bundesrepublik Deutschland bei enormem Wirtschaftswachstum Vollbeschäftigung erreicht. Die hochkonjunkturelle Entwicklung förderte naturgemäß Preissteigerungstendenzen, die Erhard durch seine politisch untersetzten Maßhalteappelle an Sozialpartner und Verbraucher in Grenzen halten konnte. Zunächst weniger erfolgreich war Erhard bei der Durchsetzung des von ihm selbst als „Grundgesetz“ der Wirtschaftsordnung angesehenen Kartellgesetzes. Die Garantie des Leistungswettbewerbs, das Verbot von wettbewerbsbeschränkenden Marktabsprachen war für Erhard, nicht zuletzt im sozialen (nämlich im Verbraucher-)Interesse, Kern der Sozialen Marktwirtschaft. In der Konsequenz seiner Ansätze aus der Wirtschaftsratszeit wurde er sofort nach seiner Ernennung zum Wirtschaftsminister aktiv. Der Widerstand, der sich ihm in den Folgejahren entgegensetzte, war jedoch äußerst massiv. Er kam in erster Linie vom BDI, der sich über weite Strecken am Wirtschaftsminister vorbei mit dem Bundeskanzler abstimmte. Das 1957 schließlich verabschiedete „Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen“ trägt unverkennbar starke Spuren eines Kompromisses mit der Industrie. In der Auseinandersetzung über das Kartellgesetz offenbarte sich ein kennzeichnender Unterschied zwischen Adenauer und Erhard bei der Einordnung der organisierten Interessen in die politische Entscheidungsfindung. Vor allem aber zeigten sich in der Europapolitik Gegensätze zwischen Erhard und Adenauer. Die konzeptionelle Differenz der beiden wichtigsten Protagonisten der westdeutschen Nachkriegspolitik trat schon 1951 bei der Bildung der Montanunion zutage. Sie durchzog mit wechselnder, sich tendenziell verschärfender Deutlichkeit die europapolitische Debatte innerhalb der Bundesregierung: Bei den Römischen Verträgen von 1957 ebenso wie bei den Auseinandersetzungen um die Freihandelszone, um den deutsch-französischen Vertrag von 1963 und um den Beitritt Großbritanniens zur EWG spielte die Gegensätzlichkeit der Standpunkte Erhards und Adenauers eine wesentliche Rolle. Erhard ging es dabei stets um die Abwehr von solchen politisch-institutionellen Ansätzen, in deren Folge er Einschränkungen ökonomischer Funktionsgesetzlichkeiten und damit Belastungen für das künftige Europa ausmachte. In diese Richtung wirkten aus seiner Sicht bei der Montanunion die branchenmäßige Konstruktion, bei den Römischen Verträgen die Nichtteilnahme Großbritanniens, beim Elysée-Vertrag der Bilateralismus. Erhards politische Korrekturen haben die Entwicklung Europas keineswegs gehemmt, sondern vorangebracht.

Erhard stand in diesen Jahren immer wieder im Zentrum der deutschen Innenpolitik und war für die Bundesregierung ein Garant ihrer Popularität und damit der CDU-Wahlerfolge. Seit der Koreakrise hatte sich jedoch sein Verhältnis zu Adenauer zunehmend verschlechtert. Dabei bildeten die politisch-konzeptionellen Divergenzen den Hintergrund für die sich mehr und mehr festigende Meinung Adenauers, Erhard sei ein im Grunde unpolitischer Idealist, der weder den Umgang mit der Macht beherrsche noch das Kräftespiel der Parteien und gesellschaftlichen Gruppen durchschaue. Dass die Öffentlichkeit Erhard für den prädestinierten Kanzlernachfolger hielt, war aus Adenauers Perspektive eine Gefährdung seines politischen Vermächtnisses, vor allem im Hinblick auf Frankreich und Europa. Sein spektakulärster Vorstoß, Erhard aus der Nachfolgediskussion zu drängen, bestand in dem Vorhaben, ihn 1959 zur Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten zu bewegen. Dies misslang ebenso, wie alle weiteren Versuche scheiterten, ihn auszuschalten. Als Adenauer nach der Bundestagswahl 1961 auf Druck des Koalitionspartners FDP seinen Rücktritt zur Mitte der Legislaturperiode zusagen musste, war Erhard nicht mehr aufzuhalten. Nach Adenauers Rücktritt wählte der Deutsche Bundestag am 16. Oktober 1963 Erhard zum Bundeskanzler.

Seine Kanzlerschaft stand im Zeichen weltpolitischer Veränderungen und innenpolitischer Reformversuche. Die sich entwickelnde Ost-West-Entspannung verlangte in der deutschen Frage ein flexibleres Vorgehen, um sie nicht als Entspannungshindernis erscheinen zu lassen. In der Friedensnote von 1966 kam die deutsche Reaktion auf diese Lage wirkungsvoll zum Ausdruck. Die Politik des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle mutete der Bundesrepublik, im Zeichen einer Abschwächung des Blöcke-Dualismus, eine Option zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und einem französisch dominierten Europa zu. Dies führte innerhalb von CDU und CSU zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen „Atlantikern“ und „Gaullisten“. Die letzteren nutzten dies, unter Führung Adenauers und des CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß, zum Versuch systematischer Demontage des „Atlantikers“ Erhard. Politisch setzte dieser sich jedoch durch, sicherlich auch, weil er für die bevorstehende Bundestagswahl 1965 als Stimmenmagnet unentbehrlich war. Innenpolitisch hatte sich Erhard vorgenommen, ein Reformkanzler zu sein. Er wollte dem Gemeinwesen ein offeneres geistiges Klima, einen neuen politischen Stil vermitteln. Aber mit seinem Programm einer Formierten Gesellschaft, das die Integrationskräfte der Sozialen Marktwirtschaft für eine gemeinwohlorientierte Grundhaltung der organisierten Interessen, für einen kooperativen Pluralismus mobilisieren sollte, scheiterte er. Seinen triumphalen Wahlsieg 1965 (CDU und CSU 47,6%) konnte er nicht in politische Stärke verwandeln. Als Wirtschafts- und Haushaltsprobleme entstanden, verließ die FDP die Koalition; Ende November 1966 trat Erhard zurück.

Mit seinem „ungebrochene(n) Glaube(n) an die produktive Kraft der Freiheit“ (Eugen Gerstenmaier) kommt Erhard unter den Gründervätern der Bundesrepublik Deutschland eine die Epoche mitprägende historische Rolle zu.

Literatur

Bestand

  • Ludwig-Erhard-Stiftung Bonn;
  • ACDP.
Volkhard Laitenberger

Externe Linktipps