Hartmut Lange - Literaturpreisträger 1998 - Ansprache zur Preisverleihung

Sehr geehrter Herr Lange!

Sehr geehrte Frau Lange!

Verehrter Herr Professor Marquard!

Lieber Herr Ministerpräsident Dr. Vogel!

Meine Damen und Herren!

Bei der Lektüre von Hartmut Lange mag es manch einem gehen wie Carla, einer Figur aus der Novelle Die Stechpalme, "die gerne zuhörte, wenn Eichbaum, wie in alten Zeiten, etwas zu erzählen hatte". Auch die Jury hat Hartmut Lange zugehört und dem Autor einstimmig den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung zuerkannt. Für diese wiederum glückliche Wahl möchte ich den Juroren herzlich danken: der Vorsitzenden, Frau Prof. Dr. Birgit Lermen, die deutsche Literatur an der Universität zu Köln lehrt, Herrn Jochen Hieber, der als Literaturredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig ist, und Herrn Dr. Sebastian Kleinschmidt, dem Chefredakteur von Sinn und Form. Ebenso den Juroren, die heute leider verhindert sind: Herrn Prof. Dr. Helmuth Kiesel, der einen unaufschiebbaren Termin an der Universität Heidelberg wahrzunehmen hat, und Herrn Dr. Volkmar Köhler, meinem langjährigen Kollegen als Parlamentarischer Staatssekretär, der einen Auslandskongreß zu eröffnen hat.

Daß die Feierstunde – dank der Gastfreundschaft von Herrn Direktor Wolfgang Haak – hier im Weimarer Musikgymnasium, nicht im Goethehaus und nicht im Nationaltheater, stattfindet, ist eine schöne Fügung und liegt nicht allein an den Zurüstungen der Stadt zur europäischen Kulturstadt für das Goethejahr 1999. Es ist, wie schon ein flüchtiger Blick auf Novellentitel wie Die Waldsteinsonate oder Das Konzert lehrt, durchaus statthaft, Hartmut Lange ein enges, ja vertrautes Verhältnis zur Musik nachzusagen. In diesem Sinne wird auch die Feierstunde umrahmt. Christiane Klonz, Absolventin der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, konzertiert erfolgreich im In- und Ausland und ist die erste Pianistin, der ein Künstlerstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung zuteil wurde.

Meine Damen und Herren, als Homo politicus und Schriftsteller ist Hartmut Lange, allen ideologischen Vereinnahmungsversuchen zum Trotze, stets seinem Gewissen gefolgt, nicht den Neigungen der Zeit. Das macht ihn zum genuinen Skeptiker – ganz im Sinne von Odo Marquards pointierter Definition: Skeptiker sind nicht diejenigen, die prinzipiell nichts wissen, sondern diejenigen, die nichts Prinzipielles wissen. "Wir wissen nun, daß wir etwas sind, wovon wir nichts wissen können", heißt es in Hartmut Langes 1983 erschienenem Tagebuch eines Melancholikers, einem philosophisch-literarischen Vademecum durch sein Werk.

Doch weil Hartmut Lange zu Zeiten der DDR, die er 1965 als hoffnungsvoller junger Dramatiker illegal verließ, quer zur herrschenden Kulturpolitik schrieb und sich auch den Moden und Zwängen der westlichen Mediengesellschaft konsequent entzog, blieb sein außerordentliches Talent lange Zeit verborgen. Manchmal ist es wirklich kaum zu glauben, daß ein Autor von solcher Produktivität wie Hartmut Lange, ein Erzähler, dem die Kritik Rang und Namen bescheinigt hat, bei der Vergabe von Literaturpreisen so lange übergangen wurde. Sage und schreibe dreißig Jahre liegt die letzte Auszeichnung Hartmut Langes, der Gerhart-Hauptmann-Preis (1968), zurück.

Seit 1982 schreibt Hartmut Lange Erzählungen und Novellen in meisterlicher, an Kleist geschulter Manier, eine Prosa, die ohne rhetorisches Dekor auskommt und strengen Kompositionsmustern folgt. Die Novelle Das Konzert (1986), ein literarisches Requiem auf die Berliner Opfer der Judenvernichtung, ist wohl die Krönung einer Reihe von Prosatexten, mit denen sich Hartmut Lange – wie der Literaturwissenschaftler Walter Hinck schreibt – in die "erste Reihe" der Autoren stellt, "die von der Novelle wieder die Patina kratzten und ihren Glanz neu polierten". Mit guten Gründen hat die Jury eben diese erzählerische Leistung ausgezeichnet. Hartmut Langes Novellen gelingt es, unsere routinierten Alltagsgedanken aus den gewohnten Bahnen zu werfen; sie geben – wie es in der Begründung der Jury heißt – existentiellen "Grunderfahrungen und Bewußtseinskrisen des Menschen von heute" Ausdruck.

Übrigens ist es alles andere als Zufall, daß die Helden von Hartmut Langes Novellen, deren Namen, Altenschul etwa oder Völlenklee, Thomas Mann nicht besser hätte erfinden können, aus der Welt des Geistes kommen; es sind Verleger und Buchhändler, Musiker und Mediziner, Philosophen und Juristen, kurzum: melancholische Intellektuelle, die am Leben ermüdet sind und "ernsthaft nach einem Ausgang aus der Welt" suchen, wie es in einer Kurzerzählung (Das Riemeisterfenn) heißt. Doch Weltflucht ist des Autors Sache nicht. Er schätzt, in einem Interview, die "Vorzüge einer demokratischen Gesellschaft, die Herrschsucht durch Meinungsvielfalt zähmt", und mahnt zugleich einen sinnvollen Gebrauch der dadurch ermöglichten Freiheiten an: "Wir nähern uns einer Gesellschaft, die Freiräume zur Entwicklung intellektueller und sonstiger Fähigkeiten in Hülle und Fülle bereithält, der aber jede Idee, jede Vorstellung von Freiheit abhanden gekommen ist." Solch kritisch-konstruktive Überlegungen über den Wert der Freiheit, derer unsere freiheitliche Grundordnung mehr denn je bedarf, sind beispielhaft und setzen Zeichen für die literarische und politische Kultur.

Sehr geehrter, lieber Herr Lange, es freut und ehrt uns sehr, Sie heute mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung auszuzeichnen. Sie sind – nach Sarah Kirsch (1993), Walter Kempowski (1994), Hilde Domin (1995), Günter de Bruyn (1996) und Thomas Hürlimann (1997) – der sechste Träger unseres Literaturpreises, den Herr Mini-sterpräsident Dr. Bernhard Vogel seinerzeit ins Leben gerufen hat. Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zu dieser Auszeichnung und wünsche, daß zutreffen möge, was Sie einmal in Ihrem Tagebuch notiert haben: "Der Anlaß zur Kunst vergeht, aber die Kunst selbst hat die Fähigkeit zur Kontinuität – durch Metamorphose."