Jemen droht Bürgerkrieg

KAS-Nahost-Experte Thomas Birringer im Interview mit dem rbb INFOradio

Immer mehr Generäle und Botschafter versagen dem jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Saleh die Gefolgschaft, die Proteste auf der Straße gegen ihn werden immer wütender. Nun hat er seinen Rücktritt zum Jahresende angekündigt. Einen sofortigen Rücktritt schloss ein Sprecher weiterhin aus. Er sagte, der Präsident befürchte einen Bürgerkrieg als Folge eines Militärputsches.

Ob sich die Menschen im Jemen von diesem Rücktrittsversprechen beruhigen lassen, bezweifelt KAS-Nahost-Experte Thomas Birringer im Interview mit dem rbb INFOradio. Der Leiter des KAS-Regionalprogrammes Golfstaaten weist darauf hin, dass auch ein erstes Rückzugsversprechen Salehs zum Ende seiner Amtszeit im Jahr 2013 keine Veränderung brachte - im Gegenteil: Nachdem am vergangenen Freitag bei Protesten 40 Menschen erschossen wurden, sind die Proteste entschlossener denn je.

Im Gespräch weist Birringer allerdings auch auf die starken Stammesstrukturen im Jemen hin, die den weiteren Verlauf der Proteste schwer vorhersehbar machen. "Es gibt seit langem eine große Opposition gegen Saleh, mit sehr unterschiedlichen Interessen, und dazu kommen jetzt auch noch neue Gruppen, die demokratische Forderungen stellen", so Birringer. Die Demokratieanhänger stellten aber nur einen Teil der Protestierenden dar.

Außer Saleh sieht der KAS-Experte im Moment keinen Akteur im Jemen, der einen Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Stämmen und Interessen herstellen könnte - und dass dies Saleh noch gelingt, wird jeden Tag unwahrscheinlicher, sagt Thomas Birringer: "Ich sehe die große Gefahr eines Bürgerkrieges, weil es jetzt auf beiden Seiten - für und gegen Saleh - Militärkräfte gibt."