Kurt Georg Kiesinger

Aus: Zeitgeschichte in Lebensbildern

Hans-Otto Kleinmann

Aus: Zeitgeschichte in Lebensbildern. Bd. 7. (Hg. v. Jürgen Aretz/Rudolf Morsey/AntonRauscher). Mainz 1994, S. 254–263.

KURT GEORG KIESINGER (1904 – 1988)

Politiker aus Vernunft, nicht aus Instinkt, so könnte Kurt Georg Kiesinger – in Abwandlung eines berühmten Tocqueville-Wortes – genannt werden. Bekanntlich hat er den französischen Staatsmann und politischen Denker wie einen geistesverwandten Lehrmeister geschätzt. Weder die Atmosphäre des Elternhauses und die „Lehrjahre“ noch angeborene Neigung und Machttrieb führten ihn in die Politik. Erst als über Vierzigjähriger, nach der Erfahrung von nationalsozialistischer Zwangsherrschaft, Weltkrieg und Kriegsende begann er seine politische Karriere, die ihn in zwanzig Jahren vom Landesgeschäftsführer der neugegründeten CDU in Württemberg-Hohenzollern (1948–1951) über die Stationen des Bundestagsabgeordneten (1949–1958) und des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg (1958–1966) zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (1966–1969) und CDU-Parteivorsitzenden (1967–1971) aufstiegen ließ. Als er am 9. März 1988 im Alter von 83 Jahren starb, würdigten ihn die Nachrufe als einen der großen „Baumeister“ der erfolgreichen zweiten deutschen Republik, als Staatsmann, „der sich um das Schwerste bemühte, nämlich aus der Geschichte zu lernen“ (R. von Weizsäcker).

Wie kaum ein anderer Spitzenpolitiker der Bundesrepublik Deutschland entsprach Kurt Georg Kiesinger nach Herkunft und sozialer Lage, nach Selbsteinschätzung und Lebensführung dem konventionellen Bild des deutschen Bildungsbürgers. Man kann in ihm sogar den letzten führenden Exponenten einer Politikergattung sehen, die dem Parlamentarismus in Deutschland mit ihrer gemäßigt-liberalen und juristisch-staatswissenschaftlichen Prägung, wie schon in den Tagen der Frankfurter Paulskirche, seine Besonderheit verliehen hat. Sein Streben nach einem „dauernden Bündnis“ zwischen Politik und Geist, zwischen „den im Staate Handelnden und den über Politik Nach- und Vorausdenkenden“ (Kiesinger, Ideen vom Ganzen), nährte sich aus dem humanistischen Bildungsgut des europäischen 19. Jahrhunderts. Seine Debattenbeiträge im Deutschen Bundestag vermitteln hiervon mit ihrer virtuosen Rhetorik, ihren bildungsgesättigten Assoziationen, ja selbst mit ihrem gelegentlichen Hang zur pathetischen Übersteigerung einen lebendigen Eindruck.

Als Regierungschef während der Großen Koalition 1966–1969 übernahm er die höchste politische Verantwortung in einer Übergangszeit, die der Historiker Klaus Hildebrand als Zeitenwende zwischen „juste milieu“ und neuer Unruhe charakterisiert hat. Der politische Führungswechsel vom christlich-demokratisch dominierten Nachkriegsaufbau zur „sozialliberalen“ Reform ging mit einem geistigen Klimaumschwung und Wertewandel einher, der einen tiefen Einschnitt in der Innenpolitik der neuen Demokratie hinterließ. Kiesingers historische Bedeutung ist darin zu sehen, daß es ihm gelang, den doppelten Generationsbruch – von der älteren, vom Kaiserreich geprägten Generation zur Generation, die nach dem Ersten Weltkrieg geboren und wesentlich von der Erfahrung der NS-Herrschaft und dem Krieg geprägt war, und weiter zur jüngeren Generation, die im demokratischen Nachkriegsdeutschland aufgewachsen war und die Welt der Väter und Großväter ablehnte – ohne krisenhafte Auswirkungen für Staat und Gesellschaft zu bewältigen. Seiner auf Sachlichkeit und Ausgleich angelegten Politik ist im wesentlichen zu verdanken, daß das in seinem Ursprung als Provisorium entstandene Staatswesen Bundesrepublik auf dem Weg zur Normalität blieb und sich als demokratisch mündig erwies.

I

Geboren wurde Kurt Georg Kiesinger am 6. April 1904 in Ebingen, einer an der Schmieche gelegenen Kleinstadt auf der schwäbischen Alb, die in diesem Abschnitt nach dem weiter nordwärts gelegenen Hohenzollern bei Hechingen heißt. Der Vater, Christian Kiesinger, war kaufmännischer Angestellter. Die väterliche Familie war, angelockt von der aufstrebenden Textilindustrie des Ortes, aus ehemals herzoglich-altwürttembergischem Gebiet zugezogen und daher evangelisch. Die Mutter Domenika, geborene Grimm, stammte aus dem alemannischen katholischen Bauern- und Handwerkermilieu. Obwohl sie ein halbes Jahr nach der Geburt des Sohnes starb, blieben enge Beziehungen zur katholischen, bäuerlichen Lebenswelt der mütterlichen Verwandten, der Taufpatin in Anhausen im Bäratal und den Großeltern in Bubsheim, für den jungen Kiesinger prägend. Stolz und Liebe kennzeichneten Kiesingers Verhältnis zu seiner Heimat, der er mit seiner romantischen Vorbildern nachempfundenen Erinnerungsskizze „Schwäbische Kindheit“ (1963) ein persönliches literarisches Denkmal gesetzt hat. Zeit seines Lebens hat er besonderen Wert auf die Einflüsse gelegt, die er von beiden sozialen und konfessionellen Welten empfing. So sprach er später gern von sich als einem „evangelischen Katholiken“. In seiner Kindheit, die vom Besuch der Volksschule und des Realgymnasiums, von Ferienaufenthalten bei Verwandten und von Spielen in der Flur und den Nachbaranwesen erfüllt war, nahm er kaum etwas von den Bewegungen und Gegensätzen der großen Welt wahr, die sich im Krieg befand. Nach bestandenem „Einjährigen“ meldete er sich 1919, väterlichem Wunsch entsprechend, zur Aufnahme in das katholische Lehrerseminar in Rottweil. „Wie ein Fest“ betrat der junge Kiesinger die schöne ehemalige Freie Reichsstadt am Neckar, deren gesellschaftlichen Charakter das Beamtenbürgertum bestimmte. Die Rottweiler Seminarzeit, die noch die Inflationsjahre umfaßte, hielt jedoch Hunger, Dürftigkeit und Krankheit bereit. Als der Vater ihm keine Unterstützung mehr zukommen lassen konnte, mußte Kiesinger sich durch Ferienarbeit und Gelegenheitsbeschäftigungen seine Seminarausbildung selbst verdienen. Dabei half ihm Friedrich Haux, ein Freund seines Vaters, Direktor der Württembergisch-Hohenzollerischen Trikotwarenfabriken, der sein Gönner wurde und ihn von bedrängenden Existenzsorgen befreite. In Rottweil kam Kiesinger auch mit der Jugendbewegung in Berührung, zuerst mit dem „Wandervogel“, dann mit dem katholischen Jugendbund „Neudeutschland“, aber Prägendes ist für ihn davon nicht ausgegangen. Obwohl gesellig, war Kiesinger kein Gruppenmensch, der nach Anpassung oder Beteiligung strebte. Statt auf das Kollektiv, setzte er eher auf sich selbst, baute auf seine Anlagen und Kräfte; ihm lag mehr die gesellschaftliche Solistenrolle. In die fünfjährige Rottweiler Seminaristenzeit fielen auch seine dichterischen Versuche, die in den Lokal- und Regionalblättern, unter anderem im Stuttgarter Neuen Tagblatt, gedruckt wurden. „Das war so ein bißchen Weltschmerz, ein bißchen jugendliche Lyrik“, wie er rückblickend gemeint hat. Nachdem damals auch das Gedichtbändchen „Wallfahrt zu Gott“ herausgekommen war, träumte Kiesinger – nach eigenem Bekenntnis – sogar eine Zeitlang davon, ein Dichter zu werden. Die Distanz zur Politik könnte nicht extremer gedacht werden.

1925, als er die Abschlußprüfung des Lehrerseminars erfolgreich ablegt, darf er – mit 21 Jahren – zum ersten Mal wählen; in der Reichspräsidentenwahl gibt er seine Stimme dem Generalfeldmarschall Hindenburg, dem er zutraut, die widerstreitenden Kräfte der Weimarer Republik versöhnen zu können. Er bekam die Politik der Zeit nun auch insofern zu spüren, als er wegen der Sparmaßnahmen, zu denen die Regierungen damals gezwungen waren, nicht sofort in den Schuldienst übernommen wurde. So lag es nahe, sich akademisch weiter zu qualifizieren. Gefördert von Friedrich Haux, bezog Kiesinger die Universität Tübingen, wo er sich an der Philosophischen Fakultät für das Studium der Pädagogik einschrieb und zugleich sein Abitur in Form einer Ergänzungsprüfung zum Seminarabschluß nachholte. Unter den Tübinger Professoren stach besonders der betont nationalpolitische, deutschbaltische Historiker Johannes Haller hervor, von dem Kiesinger die Einsicht vermittelt erhielt, daß alle Vorgänge in Deutschland immer zugleich auch europäische Angelegenheiten seien. Die Teilnahme am Studentenleben in der katholischen Verbindung „Alamannia“ verhalf dem jungen Studiosus zur Bekanntschaft mit dem um vier Jahre älteren Gebhard Müller, dem nachmaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, der später Kiesingers Karriere an entscheidenden Wegmarken die Richtung weisen sollte. Auch die Persönlichkeiten der führenden Zentrumspolitiker Eugen Bolz, Lorenz Bock und Josef Beyerle, die alte KV-Herren waren, gehörten zu den bleibenden Eindrücken der Tübinger Studienzeit.

In Tübingen hatte Kiesinger nicht nur Gefallen am ungebundenen Studentenleben gefunden, sondern war auch in seinen geistigen Ansprüchen gewachsen. Nicht zuletzt wird die Lebenslust der „Goldenen Zwanziger“ mit im Spiele gewesen sein, als er sich nach seinem in Stuttgart bestandenen Abitur für Berlin als weitere Station seiner Ausbildung entschied. Die Reichshauptstadt befand sich damals in der Entwicklung zur modernen Weltstadt und war – zumal in den Erholungsjahren zwischen 1924 und 1929 – das vitale Zentrum des deutschen Geistes- und Kunstlebens. Mit dem Einverständnis seines väterlichen Freundes Haux wurde im Oktober 1926 der Sprung in die preußisch-deutsche Metropole gewagt. Hier sollte das Leben Kiesingers jedoch – schneller als gedacht – eine andere, feste Richtung bekommen. Zunächst begann eine Zeit geistigen Vagabundierens; in vollen Zügen wurde die Vielfalt kultureller Angebote genossen, oft die letzte Reichsmark für Theaterpremieren und Konzertveranstaltungen ausgegeben. Halt fand der 23jährige in der KV-Verbindung „Askania“. Dort fand er bald nicht nur Freunde fürs Leben, sondern begegnete auch – auf dem Rosenmontagsball 1927 – der Frau seines Lebens. Die Verlobung mit Marie-Luise Schneider, der 18jährigen Tochter eines aus dem Saarland stammenden Rechtsanwalts und Notars, der in Berlin-Karlshorst seine Praxis unterhielt, folgte rasch. Mit diesem Schritt war es klar, daß auch das Studium Kiesingers ein konkretes Ziel erhalten mußte. Unter dem Einfluß seiner Verlobten, aber auch auf den Rat von Kommilitonen hin stieg er auf das Studium der Jurisprudenz um, in dem Martin Wolf, Heinrich Triepel und Rudolf Smend seine akademischen Lehrer wurden. Obwohl er in den Versammlungen der „Askania“ so prominenten Zentrumspolitikern begegnete wie dem Reichskanzler Wilhelm Marx, den Reichstagsabgeordneten Clemens Lammers und Erich Emminger sowie Heinrich Brüning und Konrad Adenauer, zeigte er keinerlei Neigung, geschweige denn Ehrgeiz, sich in irgendeiner Form politisch zu engagieren, auch nicht durch einfachen Parteieintritt, sieht man einmal von Versuchen der Sozialarbeit im Geiste Carl Sonnenscheins ab. Wie er der Politik gegenüberstand, läßt sich einem von ihm 1928 in der „Germania“ erschienenen Artikel entnehmen, in dem es von der Jugend heißt, daß sie nach dem „grausamen Erlebnis der Kriegskindheit und der Inflations-Jugendjahre, das heißt Hunger, Bedrücktheit, hohles Pathos und geistige Öde“ Zeit brauche, „um ihre Zeit zu überwinden. Wer weiß, wie diese Zwanzigjährigen in zwanzig Jahren handeln werden?“ Seine Lebensumstände – das intensiv betriebene Jurastudium, die Theaterbesuche und Ausflüge in die märkische Umgebung mit Marie-Luise, die aufkommenden Examensnöte mitten in der Weltwirtschaftskrise – waren nicht dazu angetan, seine politische Abstinenz zu überwinden. Er blieb ein „Unpolitischer“, auch als er durch die Wirtschaftsmisere am Ende der Weimarer Republik gezwungen wurde, wieder selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen. Nach Abschluß der Referendarprüfung im Frühjahr 1931 wurde er zwar mit ministerieller Sondergenehmigung und aufgrund seiner guten Note in den preußischen Referendardienst übernommen, aber da der Vorbereitungsdienst unentgeltlich abgeleistet werden mußte, war er damit seiner wirtschaftlichen Sorgen nicht enthoben. Die zufällige Anfrage eines Studenten, ob Kiesinger ihn nicht zusammen mit noch einigen anderen Kandidaten auf das erste juristische Staatsexamen vorbereiten könnte, half nicht nur weiter, sondern erwies sich als schicksalhaft. Kiesinger wurde Repetitor oder, wie er es lieber hörte, privater Rechtslehrer – eine Tätigkeit, aus der er bis zum Weltkrieg ein solides Einkommen bezog und die er auch nach dem Krieg noch bis 1950 ausüben sollte. Es machte ihm Freude, junge Menschen zu unterrichten, und erstmals empfand er mit der gewählten Aufgabe, in der Diktatur rechtstaatliche Grundsätze zu vermitteln, auch eine über sein persönliches Interesse hinausgehende Verantwortung. Wirtschaftlich sichergestellt, konnte er an die Gründung eines ehelichen Hausstands denken. Zu Weihnachten 1932 heiratete er. Es mag mit den sich ihm durch Beruf und Heirat neu eröffnenden Perspektiven zusammengehangen haben, daß er – in einem spontanen Entschluß – im Februar 1933 in die NSDAP eintrat. Er selbst hat diesen Schritt später damit erklärt, daß er gehofft habe, in der Partei „von innen heraus auf eine Wende ihrer Ideologie hinzuwirken“. Sicher ist, daß er weder aus Überzeugung von der Sache der erstarkenden neuen Bewegung noch aus reinem Opportunismus gehandelt hat. Es scheint vielmehr – in der politisch aufgewühlten Stimmung nach dem 30. Januar 1933 – aus dem Gefühl heraus geschehen zu sein, irgendetwas tun und sich dem vermeintlichen nationalen Aufbruch zur Verfügung stellen zu müssen. Kiesinger hatte nicht das mindeste mit den Nationalsozialisten im Sinn, sondern war, was deren terroristisch-politische Zielsetzungen und Vernichtungsenergien betraf, im Gegenteil völlig ahnungslos. Er ist als Parteigenosse auch keinen Augenblick lang aktiv gewesen, er trat auch nicht dem NS-Rechtswahrerbund bei, was berufliche Nachteile bedeutete; ein Mitmachen im Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) blieb eine kurze, komisch anmutende Episode. Es ist für Kiesingers Haltung im NS-Staat weiter kennzeichnend, daß er im Anschluß an das Assessorexamen, das er nach seiner harten Referendarausbildung am Köpenicker Amtsgericht, am Landgericht in Moabit und am Preußischen Kammergericht im Oktober 1934 ablegte, auf Karrierechancen im öffentlichen Dienst und in der Wirtschaft verzichtete. Er wurde Rechtsanwalt, was ihm nicht nur genügend Freiraum für seine Repetitorentätigkeit schaffte, sondern auch eine größer Distanz zum NS-Staat ermöglichte. Bis über den Kriegsausbruch hinaus gelang es Kiesinger so, für sich und seine Frau eine zurückgezogene Nischenexistenz zu sichern. Vor der Wirklichkeit des NS-Regimes konnte es letztlich jedoch kein Ausweichen geben. Anfang April 1940 erhielt er den Gestellungsbefehl. Vor dem Soldatwerden rettete ihn, daß er gleichzeitig das Angebot erhielt, die Stelle eines Wissenschaftlichen Hilfsarbeiters in der neueingerichteten „Kulturabteilung Rundfunk“ des Auswärtigen Amts zu übernehmen. Dort sollten vor allem die Sendungen der ausländischen Rundfunkkorrespondenten beobachtet und im Sinne der deutschen Außenpolitik beeinflußt werden; dazu gehörte auch der sogenannte „Seehaus-Dienst“ zur Abhörung ausländischer Rundfunksendungen. Mit diesen Funktionen wurde die Abteilung zum Streitobjekt zwischen Außen- und Propagandaministerium, was auch Kiesinger persönlich zu spüren bekam, nachdem er zum stellvertretenden Leiter der Rundfunkpolitischen Abteilung ernannt worden war. Diese Tätigkeit Kiesingers im Auswärtigen Amt diente später der von der DDR gesteuerten kommunistischen Subversion, um Kiesinger als Nazi und antijüdischen Propagandisten zu verleumden. Tatsächlich hatte er großes Glück, Ende des Jahres 1944 nicht Opfer einer Denunziation zu werden, die ihn als Defaitisten mit liberalistischer Einstellung und „als Gegner der antijüdischen Aktion“ angab.

Das Ende des Krieges erlebte Kiesinger im südlichen Bayern, wohin der Auslandsrundfunk vor der näherrückenden Ostfront ausgewichen war. Seit 1943 befand sich auch schon seine Frau mit der 1940 geborenen Tochter Viola und dem um zwei Jahre jüngeren Sohn Peter in Süddeutschland, bei Verwandten im mittelfränkischen Treuchtlingen, um den immer schwerer werdenden Luftangriffen auf Berlin zu entgehen. Von den amerikanischen Truppen in Benediktbeuern überrollt, wurde er interniert. Die Bekanntschaft mit den Internierungslagern Rheingönheim und Ludwigsburg verdankte er einer Verwechslung, die ihn in den Verdacht gebracht hatte, ein Angehöriger des SD zu sein. Erst im September 1946 erhielt er seine Entlassung und kehrte zu seiner Familie zurück, die inzwischen in Scheinfeld (Mittelfranken) Zuflucht gefunden hatte. Wie für die meisten Deutschen war auch für die Kiesingers die Alltagsnot der Nachkriegsjahre mit ihren Subsistenzsorgen bestimmend, besonders in den beiden eisigen Wintern 1946/47 und 1947/48. Um beruflich wieder Fuß fassen zu können, mußte Kiesinger als ehemaliges NSDAP-Mitglied zudem die Hürde der Entnazifizierung nehmen. Zunächst als Mitläufer eingestuft, wurde er nach einem Einspruch im August 1948 voll entlastet. Bereits im Frühjahr 1947 hatte er seine Kurse für Jurastudenten wiederaufgenommen, und zwar in Würzburg, wohin ihn eine Empfehlung gewiesen hatte. Von einer expliziten Hinwendung zur Politik oder von einer parteipolitischen Bindung war bei ihm zu dieser Zeit noch keine Rede.

II

Ein Christlicher Demokrat der ersten Stunde war Kiesinger nicht. Im Internierungslager hatte er jedoch, erschreckt von der „heillosen Mischung von Unkenntnis, Propagandawust und weltanschaulichen Ressentiments“, die er dort, vor allem bei den jüngeren Soldaten antraf, mit einer rechtsstaatlich-demokratischen Aufklärungs- und Erziehungsarbeit begonnen. Der amerikanische Lagerkommandant bescheinigte ihm, daß er mit seinem Bestreben, „im Sinne aufbauender Zusammenarbeit anderen über Schwierigkeiten hinwegzuhelfen und neue Grundlagen für ihre zukünftige Verantwortung zu schaffen“, die Forderungen der Zeit klar erkannte. Doch erst die Begegnung mit Gründerpersönlichkeiten der CDU wie Ulrich Steiner, dem damaligen zweiten Vorsitzenden der CDU Württemberg-Hohenzollerns, und Paul Binder, der das Finanzressort in der provisorischen Regierung des Landes verwaltete, sowie Gebhard Müller, dem im März 1947 gewählten CDU-Landesvorsitzenden, führte ihn schließlich auf den Weg des demokratischen Aufbaus in der neuen christlich-demokratischen Partei. Als Kiesinger nach Möglichkeiten der Übersiedlung in seine Heimat – von der amerikanischen in die französische Besatzungszone – suchte, erhielt er von Gebhard Müller, den er aus Tübinger Studententagen kannte, das Angebot, Landesgeschäftsführer der CDU in Tübingen zu werden. Daß er annahm, beruhte auf einer bewußten Entscheidung für die politische Praxis. In der CDU erkannte er die neuartige politische Kraft, die in ihrer weltanschaulichen und gesellschaftlichen Spannweite den Gegensatz zwischen sozialistischen und liberal-bürgerlichen sowie konservativen Richtungen, wie er die Demokratie der Weimarer Republik tödlich geschwächt hatte, überwinden konnte. Er war, wie er in einer Denkschrift schrieb, der Meinung, „daß die vielleicht letzte Möglichkeit zur Verwirklichung einer rechtsstaatlichen Demokratie auf deutschem Boden nicht wieder durch einen naiven unkritischen Utopismus verspielt werden darf“. Mit der Forderung nach „Wirklichkeitssinn, Elastizität, Toleranz, Kompromißbereitschaft und geschärftem Bewußtsein für die eigenen Versagensmöglichkeiten“ trat er im Frühjahr 1948 das neue Amt an, in dem er – gemäß den Parteistatuten – Mitglied des Landesvorstandes war und das Recht hatte, an allen Sitzungen und Beratungen der Parteiorgane beratend teilzunehmen.

Bis 1951 in dieser Funktion tätig, erwarb er sich bleibende Verdienste um den Ausbau der Parteiorganisation und um die überregionale Zusammenarbeit der neuen Partei, insbesondere auch im Kontakt zu anderen gesellschaftlichen Kräften (Kirchen und Verbänden). Ein Nur-Parteipolitiker, ein absoluter Berufspolitiker, der sich der Unterstützung von Landesverbänden und Vereinigungen der Partei versichern muß, um Stufe für Stufe nach oben zu steigen, ist er gleichwohl nie geworden. Gegenüber dem Schieben und Drängen um Positionen in Partei und Parlament ist er stets auf Distanz geblieben. „Ich hatte, damals wie später, keine irgendwie organisierte Gruppe hinter mir“, so hat er selbst seine Situation in der CDU gesehen. Nicht, daß er nicht auch in der Partei und für die Partei hart gearbeitet und gekämpft hätte. Was ihn dabei auszeichnete, war die Fähigkeit des Ausgleichens, die nicht auf eine Kompromißhaltung aus Prinzip, Schwäche oder gar Lässigkeit zurückging, sondern in dem schöpferischen Vermögen bestand, mit Einbeziehung anderer, selbst entgegengesetzter Positionen sinnhafte Zusammenhänge zu erschließen, die es ermöglichen, sachliche Gemeinsamkeit zu stiften. Es waren diese „Ideen vom Ganzen“ (1964), wie nicht zufällig das schöne Bändchen seiner frühen Reden und Betrachtungen betitelt ist, die ihn als politischen Menschen motiviert und ausgezeichnet haben, weniger wie bei anderen der Wille zur Macht.

Sein Geschick im Angleichen der Begriffe und im Ausgleichen der Gegensätze hat sich von Anbeginn seiner politischen Tätigkeit bewährt. Zunächst im Amt des Landesgeschäftsführers der CDU Württemberg-Hohenzollerns, dann seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland auch im Deutschen Bundestag, in den er als direkt mit 75,2 Prozent der Stimmen gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Ravensburg-Tettnang-Wangen einzog. Unter Drängen nur hatte er kandidiert, sein Mandat dann jedoch schaffensfroh und standhaft, als ein Neuling zwar, aber keineswegs als ein Hinterbänkler ausgeübt. Dank seiner Redekunst, die die Abgeordneten im Plenum wie die Zuschauer auf der Tribüne und noch die Radiohörer fesselte, und dank seiner Vermittlungserfolge, deren von allen Seiten des Hohen Hauses Anerkennung gezollt wurde, zählte Kiesinger bald zu den prominentesten deutschen Parlamentariern. Als 1950 bei der Errichtung des Bundesverfassungsgerichts über dem Streit um die Richterqualifikation und die Verfahrensautonomie die gemeinsame Arbeit von Regierungsparteien und Opposition zusammenzubrechen drohte, wies er den Weg zur Einigung durch seinen Vorschlag zur Einsetzung eines interfraktionellen Ausschusses, der durch präzis erarbeitete Alternativvorschläge weiterführte. Für ihn war es mit den demokratischen Grundsätzen unvereinbar, ein Gesetz über das Bundesverfassungsgericht, den „mächtigen Pfeiler im Bau der Bundesrepublik“ (C. Schmid), ohne die Mitwirkung der Minderheit zu verabschieden – eine Haltung, die bei der Annahme des Gesetzentwurfes im Bundestag von dem sozialdemokratischen Sprecher Adolf Arndt als beispielhafte demokratische Haltung gewürdigt wurde. Nicht von ungefähr wurde Kiesinger in der ersten Legislaturperiode Vorsitzender des sogenannten Vermittlungsausschusses, dem es bei der Gesetzgebung obliegt, einen Einigungsvorschlag auszuhandeln, wenn die Vertretung der Länder mit dem Inhalt eines vom Bundestag beschlossenen Gesetzes nicht einverstanden ist oder einem zustimmungsbedürftigen Gesetz des Bundestages nicht zustimmt. Hier, in dieser neuartigen Einrichtung des deutschen Verfassungslebens, erwarb sich Kiesinger als „Meister des Ausgleichs“ nicht nur ein hohes Ansehen, hier gelangte er auch zu einer vertieften Einsicht in die föderativen Strukturen, hier erschloß sich ihm das Wesen der vertikalen Gewaltenteilung zwischen Bund und Ländern, so daß er in seinen späteren Funktionen als Ministerpräsident von Baden-Württemberg und als Bundeskanzler maßgeblich dazu beitragen konnte, den Föderalismus in der Bundesrepublik lebendig und fruchtbar zu gestalten. Hatte Kiesinger sich im Parlament zunächst die Erziehung der Jugend für den demokratischen Gedanken des Rechts- und Verfassungsstaates angelegen sein lassen und sich dementsprechend für die Mitarbeit im Verfassungsausschuß entschieden, so geriet unter dem Eindruck der Staatskunst Adenauers bald die Außenpolitik zu seiner Domäne. Früh profilierte er sich als „Europäer“, was auch in der Entsendung als ordentlicher Delegierter in die Beratende Versammlung des Europarats zum Ausdruck kam. Von 1957 bis 1959 war er Vizepräsident dieser Institution und von 1957 bis 1958 auch Vorsitzender der Gesamtfraktion der Christlichen Demokraten in der Parlamentarischen Versammlung. Hier wie dort kämpfte er mit Verve für die Bildung einer kleineren, als erste Stufe und Kraftquelle der Integrationsbewegung konzipierten europäischen Föderation durch Verwirklichung des Schuman-Plans und durch Schaffung einer Verteidigungsgemeinschaft. Zum charakteristischen Grundzug seiner Politik wurde – schwäbischer Wesensart zwischen Enge und Weite entsprechend – die Zweigleisigkeit, die beim Möglichen, beim Machbaren ansetzte, ohne das große Ziel aus den Augen zu verlieren. Sie ermöglichte ihm später als Bundeskanzler auch, gegenüber dem Osten für eine auf Entspannung angelegte Normalisierungspolitik der kleinen Schritte die Weichen zu stellen, ohne am Ziel der nationalen Einheit Deutschlands Abstriche zu machen. In der zweiten Legislaturperiode, Ende 1954, übernahm Kiesinger auch den Vorsitz im Ausschuß für Auswärtige Angelegenheiten. Es war dies die Konsequenz seines leidenschaftlichen Engagements für die christlich-demokratische Außenpolitik, deren Ziel – nach seinen Worten – „ein freies, einiges Deutschland, in einem freien, einigen Europa, inmitten einer befriedeten Welt“ war. In den großen Bonner Debatten der Aufbaujahre focht er redegewaltig als außenpolitischer „Parlamentsdegen“ Adenauers im Bundestag für die feste Bindung des freien Teils Deutschlands an die freiheitlichen Demokratien des Westens, für den Durchbruch zur atlantisch gesicherten Souveränität der Bundesrepublik und für die Integration Europas. Aus voller Überzeugung vertrat er die Adenauersche Konzeption, daß „die Zukunft Deutschlands, seine Unabhängigkeit, seine freiheitliche gesellschaftliche und politische Ordnung und die Erringung seiner staatlichen Einheit nur an der Seite der westlichen Welt und nur mit ihrer Hilfe gesichert werden kann“ (Rede am 29. Juni 1956 vor dem Deutschen Bundestag).

Von Kiesinger hieß es sehr bald, daß er der „kommende Mann“ sei. Anfang der fünfziger Jahre war er eine Zeitlang abwechselnd als Bundestagspräsident, Bundespressechef und Staatssekretär des Auswärtigen im Gespräch, doch Adenauer wollte ihn stärker in die Parteiarbeit eingebunden wissen. Das fand aber in gewissen Parteikreisen Widerspruch wegen Kiesingers NSDAP-Mitgliedschaft. Obwohl schon auf dem Goslarer ersten Bundesparteitag der CDU 1950 in den Parteivorstand gewählt, waren die Vorbehalte gegen Kiesinger anfangs immerhin so stark, daß er weder als stellvertretender Parteivorsitzender akzeptiert wurde noch in der Wahl zum geschäftsführenden Vorstandsmitglied überzeugend abschnitt. Erst innerhalb einer Triumviratslösung für den geschäftsführenden Parteivorstand, die von Ende 1951 bis 1960 Bestand hatte, kam er neben dem evangelischen mitteldeutschen Robert Tillmanns und dem katholischen Rheinländer Franz-Josef Wuermeling zum Zuge. 1956 hatte er in der Partei wie in der Öffentlichkeit ein solches Ansehen erworben, daß seine Wahl zum stellvertretenden Parteivorsitzenden kein Problem mehr war. In all diesen Funktionen suchte er mit seiner Kunst des Auswägens und seiner Fähigkeit, Spannungen aufzuheben, zwischen den Organisationserfordernissen einer werdenden Volkspartei und dem Führungsstil eines Vorsitzenden, der die Partei lieber nur als Kanzlerwahlverein behandelte, zu vermitteln. So war es nicht zuletzt Kiesingers Verdienst, daß gegen die Vorstellungen Adenauers ein Bundesgeschäftsführer durchgesetzt werden konnte, der die notwendige Aufbauarbeit der CDU auf Bundesebene organisierte, und daß für diesen Posten Bruno Heck gewonnen wurde. So erfolgreich Kiesingers Einsatz in Parlament und Partei war, die Perspektive seines Wirkens in Bonn blieb begrenzt. 1955 unterlag er im Kampf um den Fraktionsvorsitz der CDU/CSU Heinrich Krone. Sich mit seinen Fähigkeiten in einem wichtigen Ressort der Regierung zu bewähren, blieb ihm versagt. Zu gerne wäre er nach dem grandiosen Wahlsieg der Union von 1957 Justiz-, Außen- oder Europaminister geworden, aber es fehlte ihm die Unterstützung durch eine Gruppe, die ihn ins Kabinett hätte bringen können. Und auch Adenauer war in dieser Sache halbherzig, wollte er doch den glänzenden Streiter für seine Außenpolitik im Bundestag nicht missen.

Als 1958 dann Gebhard Müller den Stuhl des Ministerpräsidenten Baden-Württembergs gegen den Präsidentensitz des Bundesverfassungsgerichts vertauschte, folgte Kiesinger dem Ruf der CDU-Fraktion des Landtags, dessen Nachfolger in der Stuttgarter Villa Reitzenstein zu werden. In einer überraschten Öffentlichkeit nahm sich der Wechsel so aus, wie frei nach Shakespeare kommentiert wurde, als ob man eine Eiche in einen Blumentopf verpflanzte. Doch die Würde des „Landesfürsten“ lag ihm; er konnte zeigen, daß er zu regieren verstand. Unter ihm bestätigte sich Baden-Württemberg als „Modellfall deutscher Möglichkeiten“, wie es Theodor Heuss einmal gepriesen hat. Die acht Jahre als Ministerpräsident Baden-Württembergs – zunächst als Chef der von seinem Vorgänger übernommenen Allparteienregierung, dann in seiner zweiten und dritten Regierung mit einer Koalition von CDU und FDP – wurden seine politische Glanzzeit, seine „glücklichsten Jahre.“ Auch diese Wirkung ist das Ergebnis einer Ausbalancierung äußerer Darstellung staatlicher Würde und handfester administrativer Tätigkeit – gemäß seiner vielzitierten Formel „R4 = Reden, Reisen, Repräsentieren, Regieren“.

Seiner Regierungsweise hat man etwas Souveränes, Künstlerisch-Genialisches nachgesagt, eine Anspielung darauf, daß er bei großem persönlichen Fleiß kein systematischer Aktenleser und „Verwalter“ war, sondern mehr die Begegnung mit den Menschen suchte, deren Schicksale hinter den Problemen der Politik stehen -Grund für seine fast charismatische Popularität, die ihm 1964 einen Stimmenanteil nahe der absoluten Mehrheit (46,2 %) sicherte und entscheidend dazu beitrug, daß die CDU in Baden-Württemberg bei der Bundestagswahl 1965 mit 49,9 Prozent das beste Ergebnis unter allen Bundesländern erreichte. Seine Landespolitik stand im Zeichen des Ausgleichs zum Wohl des Ganzen: er verstand sie in einem umfassenden Sinne als pflegende und vervollkommnende Kulturpolitik, die wie das Wassergesetz von 1960, die Planungsperspektive für das Bodenseegebiet 1962 oder die Landesbauordnung von 1964 nicht nur den Raumansprüchen und dem Energiebedarf der wachsenden Siedlung und Industrie, sondern auch dem Schutz der Naturgüter und der Landschaft genügen sollte. Eine seiner größten landespolitischen Aufgaben war die Badenfrage, die er in der Manier einer „Hegelschen konstruktiven Denkbewegung“ (E. Müller) anging: Es gelang ihm, die badische Bevölkerung für die 1952 begründete Einheit des Landes zu gewinnen, was später in der Badenabstimmung von 1970 Frucht trug. Auch der Schulentwicklungsplan und das Hochschulgesetz wurden, obwohl später erst realisiert, in seiner Zeit im wesentlichen vorbereitet. Er hat dem unter seinem Vorgänger zusammengefügten „Kunstland“ Baden-Württemberg den kulturellen Überbau gegeben: nicht nur in Gestalt neuer Universitäten wie Ulm, Mannheim und vor allem Konstanz, seiner ureigensten Gründung, sondern auch durch umfassende Bemühungen des Staates, die geistigen und seelischen Kräfte der Menschen Südwestdeutschlands für die Bewältigung der modernen Zeitprobleme zu stärken. Sie betrafen das ganze Gebiet der Erziehung, sie zielten auf eine „Entprovinzialisierung“ ab, auf die Überwindung des kulturellen Gefälles zwischen Großstadt und Land sowie zwischen den Regionen. Wie innerhalb des Landes, so setzte er sich auch als Landesvertreter im Bundesrat für das Zusammenspiel der Kräfte des föderativ-staatlichen Gesamtgebildes ein; denn in der Mitwirkung der Länder an der Bundesgesetzgebung sah er nicht nur eine Möglichkeit der Machtkontrolle, sondern auch einen Schutz gegen provinzielle Verkümmerung und partikulare Absonderung.

III

Die acht Regierungsjahre in Stuttgart hatten ihm den Ruf verschafft, ein Allroundpolitiker zu sein. Als sich in Bonn die Krise um Ludwig Erhard zuspitzte, das Regierungsbündnis zwischen CDU/CSU und FDP in die Brüche ging und die Union einen Helfer aus der Not suchte, kam der erfolgreiche baden-württembergische Ministerpräsident wie von selbst ins Gespräch. Kein Zweifel, daß er sich auch selbst zum höchsten Regierungsamt berufen fühlte. Am 10. November 1966 wurde Kiesinger von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in drei Kampfabstimmungen, die er gegen Gerhard Schröder, Rainer Barzel und Eugen Gerstenmaier gewann, zum Kandidaten für das Amt des Bundeskanzlers gewählt. In den folgenden Koalitionsverhandlungen mußte er sich, mitten in einer ungesunden Wirtschaftsentwicklung und mitten in einer Phase unangenehmer außenpolitischer Friktionen, auf ein politisches Zusammengehen mit den Sozialdemokraten einlassen, die damit zum ersten Mal wieder nach der verhängnisvollen Auflösung der Großen Koalition am Ende der Weimarer Republik Teil an der Regierungsmacht erhielten.

Die Große Koalition spannte zwei Partner in der Regierung zusammen, die sich bis dahin heftig bekämpft hatten und in den Grundlinien ihrer Politik erheblich voneinander abwichen. Dem Kabinett Kiesinger gehörten so eigenwillige und politisch gestandene Persönlichkeiten wie Willy Brandt (Auswärtiges), Franz Josef Strauß (Finanzen), Karl Schiller (Wirtschaft), Herbert Wehner (Gesamtdeutsche Beziehungen) und Gerhard Schröder an. Nur einem Mann von der Konzilianz Kiesingers und seinen Fähigkeiten, integrierend zu wirken und tragbare Kompromisse ausfindig zu machen, konnte es gelingen, die Große Koalition bei so schwierigen Vorhaben wie der Rückgewinnung wirtschaftlicher und finanzieller Stabilität, der Notstandsgesetzgebung und der Reform der Bund-Länder-Beziehungen zu einer starken und letztlich erfolgreichen Regierung zu machen. Als Steuerungsmittel diente ihm dabei unter anderem seit Sommer 1967 der informelle, in wechselnder Besetzung zusammenkommende Kreis von Spitzenpolitikern der Union und SPD, der nach einem Treffen in Kiesingers damaligem Urlaubsort am Bodensee als „Kressbronner Kreis“ bekannt wurde. Zudem gab es eine Reihe von Kabinettsausschüssen zur Vorbereitung der Kabinettsentscheidungen und etliche Beiräte wie den Konjunkturrat und den Finanzplanungsrat, in denen die Wissenschaft gehört wurde. Beeindruckt von Kiesingers gelassenem Verhältnis zur Macht, seiner gemäßigten Fortschrittlichkeit und seines auf Sicherung des Konsenses angelegten Führungsstil pries ihn ein Publizist gar als „Moderator Germaniae“; er selbst hat sich freilich eher als „Inhaber einer Reparaturwerkstatt“ gefühlt.

Die Große Koalition unter seiner Kanzlerschaft – mit 33 Monaten der kürzesten in der Geschichte der Bundesrepublik – verstand sich als Regierungsbündnis für eine modernisierende Reformpolitik. Nicht weniger als 436 Gesetze sind während dieser Zeit im Kabinett und Parlament beraten und verabschiedet worden. Das Schwergewicht der Reformen lag dabei auf der Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie auf der Rechtspolitik. So konnte durch das Stabilitätsgesetz, die Konzertierte Aktion und eine Reihe von Konjunkturprogrammen der erste rezessive Einbruch im deutschen Wirtschaftswunder bald überwunden werden. Die Stabilisierung der öffentlichen Finanzen gelang durch die Mittelfristige Finanzplanung, die Haushaltsrechtsreform und die Neuverteilung der Steuereinnahmen zwischen Bund, Ländern und Gemeinden. Die Erhebung des Hochschulbaus sowie der regionalen Wirtschafts- und Agrarstrukturförderung zu Gemeinschaftsaufgaben von Bund und Ländern sorgte dafür, daß diese Bereiche in Schwung kamen. In der Sozialpolitik wurden für den Ausbau des sozialen Netzes im Sinne ganzheitlicher Gesellschaftspolitik die Weichen gestellt: Der Kündigungsschutz wurde verbessert, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auf die Arbeiter ausgedehnt; das „Sozialbudget“ ermöglichte erstmals eine langfristige Planung der sozialen Sicherung; Kiesingers eigenen Vorstellungen von einer „sozialen Kulturpolitik“ entsprachen vor allem die Gesetzeswerke zur Arbeits- und Ausbildungsförderung. Es ist sicher kein Zufall, daß im Bereich der Rechtspolitik, in dem Kiesinger selbst hohen Sachverstand besaß, die größten Leistungen der Großen Koalition zu verzeichnen waren. Mit dem Reformgesetz über die rechtliche Stellung der unehelichen Kinder, mit der Entkriminalisierung des Verkehrsrechts, der Entschärfung des Strafprozeßrechts, der Großen Strafrechtsreform und der Regelung der umstrittenen Verjährungsproblematik, vor allem aber mit den Notstandsgesetzen, die gegen heftigsten Widerstand linker Studenten, Gewerkschafter und Teilen der SPD beschlossen wurden, bewährte sich die rechtsstaatliche Ordnung. „Es ist“, so bekannte Kiesinger bei ihrer Verabschiedung im Deutschen Bundestag, „für den Bundeskanzler ..., dem in Zeiten höchster Gefahr ein besonders hohes Maß an Verantwortung zufällt, gut zu wissen, daß er dann nicht auf eine kaum zu tragende Last persönlichen Ermessens angewiesen ist, zu wissen, daß auch für den äußersten Fall die Herrschaft des Rechts gesichert bleibt“.

Die Politik der Versachlichung, für die Kiesinger stand, bewährte sich auch in der deutschen Frage und in den auswärtigen Beziehungen der Bundesrepublik. Die „friedliche Neugestaltung unserer Beziehungen zum Osten und darin eingeschlossen die Lösung der deutschen Frage“ definierte er als „eine historische Herausforderung“ im Toynbeeschen Sinne. Neben Brandt und Wehner ist er Wegbereiter der neuen beweglicheren Ost- und Deutschlandpolitik geworden, die ein politisches Klima der Verständigung und, wo immer möglich, der Zusammenarbeit mit den Ländern des Ostblocks schaffen wollte. So wurden nicht nur diplomatische Beziehungen zu Rumänien aufgenommen (Januar 1967) und das Verhältnis zu Jugoslawien normalisiert (Januar 1968), sondern auch Kontakte mit der DDR angebahnt, um zu verhindern, „daß sich das deutsche Volk immer weiter auseinanderlebt“, wie Kiesinger es als Zweck seines Briefwechsels mit Willi Stoph, den Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, bezeichnet hat (Mai/Juni und September 1967).

Diese außenpolitische Neuorientierung sollte, ohne Rechtspositionen aufzugeben und am Ziel der Wiedervereinigung qualitative Abstriche zu machen, zunächst den Menschen im geteilten Deutschland und ihrem friedlichen Miteinander dienen. Auf weitere Sicht zielte sie, aufbauend auf dem Fundament der Europäischen Gemeinschaft, auf eine europäische Friedensordnung ab, in der den Deutschen möglich sein würde, das Vertrauen der westlichen wie der östlichen Welt zu gewinnen. Darin sah er „den einzig denkbaren Weg zu einer Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit“. Kiesingers historisches Verdienst als Bundeskanzler ist es, die deutsche Frage als Teil dieser weitangelegten Entspannungspolitik nicht nur in die Ostpolitik, sondern auch in „das Verhältnis zu Frankreich und zu den Vereinigten Staaten einbalanciert“ (B. Kaiser) zu haben. Da er ein überzeugter, aber nicht einseitiger Atlantiker war wie Schröder und Erhard, hatte er mit der flexiblen Verbindung von Entspannung und atlantischer Verfestigung Erfolg. Durch eine klare Sprache gegenüber den USA, die auch vor Kritik nicht zurückschreckte, belebte er das System wechselseitiger Konsultation und Abstimmung. In diesem Zusammenhang war ihm auch die erneute Heranführung Frankreichs an die Europäische Gemeinschaft wichtig. Dank seinem persönlich-freundschaftlichen Verhältnis zur französischen Regierungsspitze, vor allem zu Charles de Gaulle, galt er den Franzosen als deutscher „homme d'Etat“, mit dem sie wieder wie mit Adenauer reden konnten (M. Couve de Murville). Wie kaum ein anderer deutscher Politiker hat Kiesinger die deutsche Situation in dem sich ständig variierenden Dreieck zwischen den USA, der Sowjetunion und Frankreich sowohl weltpolitisch wie auch welthistorisch zu analysieren verstanden.

IV

Kiesingers persönlicher Anteil an der Politik der inneren Reformen und an der Entspannungspolitik ist weit größer gewesen, als Beobachter und Kritiker der Großen Koalition, zumal nach deren Ende, erkannten und wahrhaben wollten. Seine „fast naturhafte Neigung zum Kompromiß als der Summe aller Möglichkeiten; der Abstrich als Vorwärtsprinzip; die Mitte als Maximum“ (W. Horlacher) prädestinierten ihn für eine Politik in schwieriger Zeit. Seine Achillesferse war, daß er in der herausgehobenen Position des Bundeskanzlers ständigen Angriffen aufgrund seiner Vergangenheit im „Dritten Reich“ ausgesetzt war. Es gab nicht nur die Hetze der DDR, die ihn der Kriegsvorbereitung und Aktivierung der Judenverfolgung beschuldigte. In der Bundesrepublik mußte er als Zeuge in Judenmordprozessen aussagen und sah sich in Verfahren wegen des Verdachts der Falschaussage verwickelt. Der prominente Philosoph Karl Jaspers bezeichnete Kiesingers Kanzlerschaft öffentlich als Affront gegenüber dem Ausland und als Beleidigung aller Deutschen, die den Nationalsozialismus gehaßt haben. Besonders von der 68er-Bewegung und der „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) wurde Kiesinger als Exponent des „CDU-Staats“ angefeindet und auf Veranstaltungen von Demonstranten mit „Sieg-Heil„-Rufen und Sprechchören „Wir wollen unseren Führer sehen“ empfangen. Der Gipfelpunkt der gegen ihn gerichteten Kampagnen war erreicht, als er auf dem Berliner Bundesparteitag der CDU 1968 am Vorstandstisch von einer jungen Frau geohrfeigt wurde. Mit ablaufender Legislaturperiode zeigte sich auch noch eine strukturelle Schwäche des Bundeskanzlers der Großen Koalition: Er hatte in der Regierung mit dem sozialdemokratischen Koalitionspartner zusammen Politik zu machen, mußte diesen aber gleichzeitig als Kanzlerkandidat der CDU für die bevorstehende Bundestagswahl bekämpfen. Hieraus erwuchsen im Parteivolk der Union zunehmend mehr Irritationen, je mehr der Parteivorsitzende als Wahlkampfchampion gefordert war. Als Ludwig Erhard auf dem Braunschweiger CDU-Bundesparteitag im Mai 1967 den Parteivorsitz niedergelegt hatte, war Kiesinger, in der richtigen Erkenntnis, daß die Trennung von Kanzleramt und Parteiführung ihm keine Erleichterung, sondern eine zusätzliche Belastung bringen würde, dessen Nachfolger geworden. Mit ihm kam in der CDU ein Generationswechsel in Gang; den tüchtigen Generalsekretär Bruno Heck an der Seite, bemühte er sich um die Stabilisierung der in Lager und Gruppierungen auseinanderstrebenden und vom Wertewandel der sechziger Jahre konsternierten Partei. Mit dem Berliner Programm von 1968, das nach einer intensiven innerparteilichen Diskussion auf allen Ebenen beschlossen wurde, beschritt die CDU den Weg zur „modernen Volkspartei“.

Als das Ergebnis der Bundestagswahl vom 28. September 1969 vorlag, zeigte sich, daß die Union dank Kiesingers Doppelstellung als Kanzler und Parteivorsitzender von der Großen Koalition wesentlich mehr profitiert hatte als die SPD. Die Union, die auf ihren Aktivposten mit dem Wahlslogan „Auf den Kanzler kommt es an“ gebaut hatte, verfehlte mit einem Stimmenanteil von 46,1 Prozent nur sehr knapp die absolute Mehrheit der Mandate. Laut Wahlanalyse übertraf Kiesingers „direkter“ Einfluß auf das Wahlergebnis sogar die Bedeutung Bundeskanzler Willy Brandts für den Wahlsieg der SPD von 1972. Zeitweise hatte es nach den Hochrechnungen der Wahlnacht danach ausgesehen, als wäre Kiesinger der große Wurf gelungen. Um so größer war bei ihm die Enttäuschung. Er hat es letztlich nie verwinden können, daß er – als der unbestrittene Wahlsieger – durch den von SPD und FDP verabredeten „Machtwechsel“ auf den Platz des Oppositionsführers verwiesen wurde.

Seine Oppositionspolitik, die auf ein baldiges Scheitern des sozialliberalen Regierungsbündnisses setzte, blieb den in der Großen Koalition angenommenen Prinzipien und Grundlagen verpflichtet. Die Strategie, die er dabei für die CDU/CSU favorisierte, beruhte auf dem Anspruch, „verhinderte Regierungspartei“ zu sein; sie wurde indes von der Mehrheit der Fraktionsmitglieder, allen voran vom Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel, mit Skepsis betrachtet. So sah sich Kiesinger nach dem unglücklichen Wahlausgang nun immer mehr in die Auseinandersetzungen um den Oppositionskurs und in die parteiinternen Machtkämpfe hineingezogen. Bekanntlich war das seine Sache nicht. Sein politisches Engagement beruhte nicht so sehr auf einer spezifischen Persönlichkeitsdisposition, auf einer „geologischen“ Struktur politischen Urgesteins, sondern entsprang jeweils konkreten Lebenszusammenhängen. Als die Stimmungslage von Fraktion und Partei ihn nicht mehr trug, zog er sich allmählich in eine „Art innerer Emigration“ (H.J. Sottorf) zurück. Das Kandidatenkarussell um den Bundesvorsitz im Vorfeld des Saarbrückener Parteitags von 1971 bestieg er nur kurz. Er verlor die Lust am Weitermachen, als die Kritik aus den eigenen Reihen an seinem Oppositionskurs, insbesondere an seiner negativen Beurteilung des Mos kauer Vertrages, zunahm. Unter diesen Umständen war ihm auch nicht der gewünschte große Abgang von der politischen Bühne vergönnt. Am 5. Juni 1971 verzichtete er auf eine nochmalige Kandidatur für den Parteivorsitz. Seine letzte Rede als Parteivorsitzender galt den großen Zielen seiner Politik: der Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit und der politischen Einigung Europas. Seiner Partei, der Christlich-Demokratischen Union, gab er den Rat auf den weiteren Weg, eine praktische und pragmatische Politik zu treiben, eine „realistische Politik, die sich an einigen großen zentralen Ideen und Wertvorstellungen, vor allem an den Grundsätzen christlicher Verantwortung orientiert.“ Zum Ehrenvorsitzenden der CDU gewählt, blieb er als „elder statesman“ noch bis 1980 im Bundestag, wo er mit vielbeachteten außenpolitischen Debattenbeiträgen für eine Ostpolitik eintrat, die sich auf die westeuropäische Einigung stützen sollte, „um – gestützt durch die westeuropäische Einigung – eine gesamteuropäische Friedensordnung zu erreichen, in der die Lösung der deutschen Frage möglich“ würde. Am 27. April 1972 begründete er als Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion den konstruktiven Mißtrauensantrag gegen Bundeskanzler Willy Brandt. Nach dem überraschenden Rücktritt Barzels als Vorsitzender der Unionsfraktion im Mai 1973 übernahm er kommissarisch den Fraktionsvorsitz bis zur Wahl von Karl Carstens als neuen Vorsitzenden. Das waren seine letzten Auftritte als parlamentarische dramatis persona. „Auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden Ofens“, sah er sich an seinem 70. Geburtstag, Johann Heinrich Voss zitierend, freilich noch lange nicht. Ohne daß er öffentlich zu aktuellen politischen Fragen mehr Stellung nahm, war es ihm nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag vornehmlich darum zu tun, das Vermächtnis Konrad Adenauers lebendig zu halten, insbesondere dessen Politik der Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Deutschland. So hat er sich gern für den Vorsitz des Kuratoriums der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus zur Verfügung gestellt. Auch aus seinen Lebenserinnerungen wollte er noch – in seinem Haus am geliebten Schönbuch in Tübingen – „etwas Rechtes“ machen, doch es blieb bei Fragmenten. An seinem 80. Geburtstag teilte er rückblickend sein Leben in zwei Hälften: die ersten vierzig Jahre „wie mit Mehltau bedeckt“, die zweite Hälfte als „eine gewaltige Sache“, bei der er für den Aufbau der Bundesrepublik Deutschland maßgebend mitwirkte. Die moralische Kraft und das Ethos seiner Politik finden sich in der „Formel“ ausgedrückt, „daß wir nämlich handeln müssen nach bestem Wissen und Gewissen. Aber in dieser Welt müssen wir uns darüber klar sein, was das bedeutet, was dieses schlichte Wort an den politisch Handelnden für außerordentliche Ansprüche stellt und daß es uns nicht gestattet ist, uns auf bequem gelegten Gleisen zu bewegen, sondern daß wir jeden Tag bereit sein müssen, in neues Land aufzubrechen“ (Rede auf der Bundestagung des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, 9. März 1968).

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