Leben und Erzählen

Neue Romane der Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Herbstbuchmesse

Etwa 80.000 Bücher erscheinen jährlich auf dem deutschen Markt, darunter Tausende von Romanen, allein 100 davon müssen die Juroren lesen, die im Sommer die Longlist für den deutschen Buchpreis zusammenstellen. Selbst Kenner mit großer Leseausdauer können da keinen Überblick mehr gewinnen. Doch die Romanflut hat auch ihr Gutes. Sie dokumentiert die reiche Vielfalt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Zumindest im „Segment“ der Literaturpreisträger der Konrad-Adenauer-Stiftung können getrost drei aktuelle Buchempfehlungen ausgesprochen werden.

Petra Morsbach: „Der Cembalospieler“

http://www.kas.de/upload/bilder/literatur/Morsbach_65-85.jpg
Petra Morsbach © Andreas Albrecht, Eichborn AG, Frankfurt am Main, Tel.: 069/256003-0

Petra Morsbach (Preisträgerin 2007) hat einen Roman über den fiktiven Cembalospieler Moritz Bauer geschrieben, der sein Augenlicht verloren hat. Der Fall von blinden Musikern, bei denen die Gabe des absoluten Gehörs sechsmal so häufig ausgeprägt ist wie bei ihren sehenden Kollegen, ist bekannt. Wir wissen von Neurologen, dass blinden musikalischen Genies ihr offenbar unzerstörbares Gedächtnis für Töne in besonderem Maße zugute kommt: sie hören nicht nur Melodien, sie hören geradezu mit den Melodien (vgl. Oliver Sacks: „Musicophilia“, 2007).

Morsbachs Roman beschreibt die schmerzhafte Geburt des Künstlers aus einer unmusikalischen Familie, die anfangs nur Ignoranz und Hysterie für das Wunderkind übrig hat. Eindringlich wird geschildert, wie sich das junge Talent aus diesem Milieu befreit, Fugen in g-Moll komponiert, sich ein teures Instrument, eine exzellente Ausbildung und mit Bachs „Chromatischer Fantasie und Fuge“ ein Stück aus der Königsklasse des Cembalospiels erobert.

Der zweite und deutlich längere Teil des Romans widmet sich der Konzertkarriere, die vom Kirchenmusikstudium über die Musikhochschule auf das europäische Konzertparkett führt. Dort sorgt eine Reihe privater Kunstmäzene für ein ausgepolstertes Reiseleben, zu dem neben Kreuzfahrten und Luxusvillen, Trüffeln und Champagner auch die lässige Toleranz der „besseren Gesellschaft“ gegenüber homosexuellen Partnerschaften gehört.

Doch der Cembalist, am unteren Ende der oberen Zehntausend angekommen, erlebt ein wunschloses Unglück. Der Kurswert seines Genies, das sich zu je 40 Prozent aus Fleiß und Beziehungen, nur zu 20 Prozent aus Begabung zusammensetzt, hängt stark vom Interesse des Publikums für Cembalomusik ab, das in den 1990er Jahren schwindet. Und von der Laune seiner Gönner, die zwar anspruchsvoll, aber letztlich eben auch nur Konsumenten sind, getrieben von „Prestigestreben, Identifikation mit dem Erfolg“.

Eindringlich und mit Sinn auch für komische Momente demonstriert Petra Morsbach die Spannungen zwischen künstlerischer Freiheit, Publikumsgeschmack und Zeitgeist. Sie erzählt mit einem ethnographischem Blick, der das Ergebnis präziser Milieustudien ist, und mit großer Aufmerksamkeit für das lebensweltliche Detail. Ihr „Cembalospieler“ ist ein faszinierender Musikerroman, der vor der Überschätzung künstlerischer Genialität warnt, aber zugleich an den Respekt vor der „Brillanz, Dramatik und Phantasie“ großer Musik erinnert.

Norbert Gstrein: „Die Winter im Süden“

Den 1961 geborenen Schriftsteller Norbert Gstrein (Preisträger 2001) interessiert besonders das „Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion“. Wie verwandelt man die Nachrichten und Tatsachen der Geschichte in ein Produkt dichterischer Imagination, in einen Roman? Was geschieht, wenn die „history“ zur „story“ wird? Gstrein hat diese Fragen in seinen Exil- und Kriegsromanen „Die englischen Jahre“ (1999) und „Das Handwerk des Tötens“ (2003) auf originelle Weise beantwortet.

Der neue Roman „Die Winter im Süden“ knüpft an die Kriegsthematik an, stellt sie jedoch in einen größeren außereuropäischen Zusammenhang. Eine fünfzigjährige Wiener Universitätsdozentin kroatischer Herkunft verlässt im Jahr 1991 ihren Mann, um den Sommer allein in Zagreb zu verbringen. Grund dafür sind Zeitungsmeldungen über einen ehemaligen Fallschirmjäger und Partisanenkämpfer, der sich anschickt, seinen Wohnsitz in Argentinien zu verlassen, um in Zagreb alte Kriegsverbindungen wiederzubeleben: „Kroatischer Antikommunist kehrt nach fünfundvierzig Jahren im Exil in die Heimat zurück“.

Der konsequent „Alte“ genannte Heimkehrer ist ihr Vater, und die Tochter hat ihn seit über 45 Jahren nicht mehr gesehen. Doch eine Wiederbegegnung im zerfallenden Jugoslawien scheitert aus persönlichen und politischen Gründen. Die Tochter kehrt unverrichteter Dinge zu ihrem Mann zurück. Der Vater, dessen Pläne stets aus der Sicht eines jüngeren Begleiters, seines „Adjudanten“, mitgeteilt werden, dämmert in seinem Hotelzimmer vor sich hin und kommt am Ende unter nicht ganz geklärten Umständen ums Leben.

Norbert Gstrein erzählt aber nur prima vista eine tragische Vater-Tochter-Geschichte. Mit einem Familiendesaster hat sein Roman ebenso wenig zu tun wie mit einer Demonstration verblassender Kriegskameradenherrlichkeit. Im Kern geht es um die Doppelperspektive zweier Generationen, die kein ganzes Geschichtsbild mehr liefern kann. Was der ehemalige Kriegsteilnehmer und die scheinbar unbeteiligte Beobachterin am Vorabend des Krieges im auseinander brechenden jugoslawischen Vielvölkerstaat wahrnehmen, sind Zeitungsnachrichten, gesprächsweise Andeutungen, Gerüchte, nicht mehr. Der Kampf wird vielmehr ausgetragen in widersprüchlichen Erinnerungen, in der Frage, wem die Geschichte gehört, die zwei verwandte Generationen zu gewaltsam auseinandergerissen hat, als dass sie unbesehen wieder zusammengeführt werden könnten. Der „Alte“ bereitet auf seinem argentinischen Landsitz einen Krieg vor, der nicht der seine ist.

Louis Begley: „Die ungeheure Welt, die ich im Kopfe habe“

http://www.kas.de/upload/bilder/literatur/begley65_86.jpg
Louis Begley
Gegenüber den umfassenden Kafka-Biographien, die derzeit auf dem Markt sind, hat das Kafka-Buch von Louis Begley (Literaturpreis der KAS 2000) mit etwa 300 Textseiten den eindeutigen Vorteil der Überschaubarkeit. Louis Begley, 1933 in einer kleinen Stadt in der heutigen Ukraine geboren und beruflich als Jurist in New York tätig, ist einer der bedeutendsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Bekannt wurde er hierzulande durch die deutsche Übersetzung seines Debütromans Lügen in Zeiten des Krieges (1991/94), der die autobiographische Erfahrung der Flucht vor den Nazis verarbeitet. Anders als den klassischen Kafka-Biographen geht es Louis Begley nicht um einen „Schlüssel“ zu Kafkas Werk, sondern darum, „unser Verständnis seines Werks zu bereichern“.

Dies gelingt in eindringlichen, komprimierten Kapiteln über Kafkas Böhmen, über Prag, über die Familie und die Frauen. Mit zahlreichen Zitaten aus Kafkas Tagebüchern und Briefen kommt der Biograph seinem Autor nahe, aber nie so nahe, dass er den kritischen Blick verliert. So hebt Begley angesichts all dessen, was Kafka in der Kultur seiner Zeit nicht wahrgenommen hat (Joseph Conrads Herz der Finsternis von 1902, Joyces Dubliners von 1914, Rilkes Tiergedichte in den Neuen Gedichten von 1907, Strauß-Opern und die kubistische Kunst), eine gewisse „Klaustrophie“ der Existenz hervor. Auch Kafkas Umgang mit Frauen (er war dreimal verlobt und hatte mit vermutlich vier weiteren Frauen Liebesbeziehungen) wird aufschlussreich mit der Verbindung von „Angst und Sehnsucht in seiner Sexualität“ kommentiert.

Seine stärksten Seiten hat Begleys Buch da, wo Szenen aus Kafkas erfundener Welt, ganz ohne Methodenzwang, bedeutende Kontexte der europäischen Geschichte erhellen. Wenn man in der Erzählung In der Strafkolonie und im Proceß-Roman ein „Echo auf die Degradierung und Verurteilung des Hauptmanns Alfred Dreyfus“ vernimmt, auf die Dreyfus-Affäre also, die erstmals das Ausmaß des europäischen Antisemitismus offenbarte, dann tritt einem Kafka weniger als „Prophet“ entgegen, vielmehr als ein seismographisch genauer Beobachter seiner Zeit, der über fiktive Justizskandale schreibt.

Michael Braun

Leiter Literatur

Konrad-Adenauer-Stiftung

Louis Begley: Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe. Über Franz Kafka. Übersetzt von Christa Krüger. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2008. Geb. mit SU, 336 S.

Norbert Gstrein: Die Winter im Süden. Roman. München/Wien: Hanser, 2008. 284 S., geb. mit SU, 19,90 EURO.

Petra Morsbach: Der Cembalospieler. Roman. München: Piper, 2008.